Bayerischer Landtag

04.05.2011 - Überlebende des KZ Dachau im Landtag: „Wir erleben jetzt ein anderes Deutschland“

Bild: Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit MdL Bernhard Seidenath und ehemaligen Häftlingen des KZ Dachau | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit MdL Bernhard Seidenath und ehemaligen Häftlingen des KZ Dachau | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

- von Heidi Wolf -

München. Fast zwei Wochen lang befanden sich acht Überlebende des KZ Dachau auf einer Reise der Erinnerung. Die Männer im Alter von 83 bis 88 Jahren aus Russland, Belarus und der Ukraine begegneten in der Gedenkstätte in Dachau jungen Menschen, die sich sehr für das Schicksal dieser Zeitzeugen interessierten. Am 4. Mai 2011 besuchten die ehemaligen Häftlinge auch den Bayerischen Landtag, wo sie Präsidentin Barbara Stamm empfing. „Wir erleben jetzt ein anderes Deutschland“, schilderte der 86-jährige Musij Galajko aus der Ukraine in einer Gesprächsrunde seine Eindrücke.

Die acht KZ-Überlebenden haben während der Nazizeit in Deutschland und in Österreich Furchtbares erlebt. Wasilij Maksimowitsch Novak war 17 Jahre alt, als er aus der Ukraine zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde. Nach einem Fluchtversuch erhielt er das Todesurteil: Er sollte im KZ Mauthausen erhängt werden. Auf der Todesstiege im Steinbruch schleppte er die zentnerschweren Granitsteine. „Ich weiß bis heute nicht, wie ich es geschafft habe, dort zu überleben“, berichtete Novak, dessen Leidenszeit am 29. April 1945 in Dachau endete. Er war einer der wenigen, der die Strapazen im berüchtigten Todeszug vom KZ Buchenwald nach Dachau überstanden hatte. „Am 18. Juni 1945 kam ich wieder nach Hause, auf den Tag genau drei Jahre nach meiner Deportation“, sagte der ehemalige Häftling.

Bild: Gemeinsames Essen und Gespräch | Foto: Rolf Poss
Gemeinsames Essen und Gespräch | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Bewegt hörten Landtagspräsidentin Barbara Stamm und der Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath aus dem Stimmkreis Dachau den Lebens- und Leidensberichten der Gäste zu. „Ich habe großen Respekt vor Ihrer Haltung. Es ist ein Zeichen menschlicher Größe, dass Sie zur Versöhnung bereit sind“, wandte sich Stamm an die ehemaligen Häftlinge: „Sie kommen mit offenem Herzen und sagen uns die Wahrheit über die Gräueltaten, die in unserem Land passiert sind. Wer die Zukunft gestalten will, muss wissen, was in der Vergangenheit passiert ist. Deshalb nehmen wir die Gedenkstättenarbeit sehr ernst!“ Der Bayerische Landtag sehe diese Aufgabe als Verpflichtung an und stelle dafür erhebliche Mittel zur Verfügung. Das Parlament sei auch Mitglied im „Bündnis für Toleranz – gegen Rechtsextremismus und jede Gewalt“. „Wir wollten damit ein Signal setzen“, betonte die Landtagspräsidentin. Sie hält viel von Begegnungen junger Leute mit den wenigen noch lebenden Zeitzeugen: „Ich bin überzeugt, dass solche Gespräche die Jugendlichen prägen und sie ermuntern, sich für die Demokratie einzusetzen.“

Musij Galajko hatte zwei Tage vorher in Dachau eine Begegnung mit Jugendlichen aus der Schweiz, die ihm viele Fragen über die Zeit im Konzentrationslager stellten. „Ich war sehr zufrieden mit dem Gespräch“, sagte der 86-jährige Mann, der nach dem 2. Weltkrieg in der Ukraine sein Fremdsprachenstudium beendet hatte und dann 40 Jahre als Deutschlehrer gearbeitet hatte – trotz seiner schlimmen Erlebnisse.
2007 reiste er zum ersten Mal zurück an den Schreckensort Dachau, damals begleitet von seinem Sohn. Inzwischen kam er noch zweimal, um festzustellen: „Ich habe jetzt eine ganz andere Meinung von Deutschland und den Deutschen. Ich sehe ganz andere Deutsche als früher.“

Die Begegnungen zwischen den KZ-Überlebenden und Jugendlichen in Dachau sind auch den jungen Frauen und Männern unter die Haut gegangen, die als Betreuer mit der Gruppe unterwegs sind. „Für mich hat jetzt Geschichte ein Gesicht. Ich komme selber aus Belarus und weiß nun aus den persönlichen Schilderungen, was diese Menschen alles erlebt haben, die jetzt mit einer monatlichen Rente von 90 bis 110 Euro auskommen müssen“, fasste die 23-jährige Irina Grinkevich ihre Eindrücke zusammen.

Die ehemaligen KZ-Häftlinge waren vom Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau e. V. eingeladen worden. Das Angebot gibt es seit 1992, berichtete Geschäftsführerin Nicole Schneider, die für die Gruppe ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt hatte. „Diese Begegnungen sind auch für uns immer sehr intensiv und informativ“, berichtete Nicole Schneider.

Landtagspräsidentin Barbara Stamm verabschiedete die Gäste mit dem Wunsch: „Behüte Sie Gott!“

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