Bayerischer Landtag

05.12.2011 - Der „Oscar für das Ehrenamt“ ist verliehen - Bürgerkulturpreis für zehn Initiativen in Bayern

Der „Oscar für das Ehrenamt“ ist verliehen. Landtagspräsidentin Barbara Stamm zeichnete am 5. Dezember 2011, am Tag des Ehrenamts, zehn Initiativen aus Bayern mit dem Bürgerkulturpreis 2011 des Bayerischen Landtags aus. „Selbst ist die Region – Bürger bauen Zukunft“ hatte das Motto des Wettbewerbs gelautet. 121 Bewerbungen – so viele wie selten zuvor – waren eingegangen: eine schwere Wahl für die Jury.

Bild: Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit Moderator Tilmann Schöberl. | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit Moderator Tilmann Schöberl. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

– Von Heidi Wolf –

Den 1. Preis bekam der Förderverein Ilztalbahn e. V. aus Waldkirchen in Niederbayern. Er hat es geschafft, dass auf der still gelegten Bahnstrecke von Passau nach Freyung wieder ein Zug fährt. Vom Publikum gab es dafür großen Applaus, von Landtagspräsidentin Barbara Stamm einen Scheck in Höhe von 10 000 Euro. „Mit dem Geld können wir unser Stammkapital aufstocken. das kommt gerade richtig“, freute sich Vorsitzender Michael Liebl.

Der Bürgerkulturpreis für herausragendes bürgerschaftliches Engagement wurde zum 12. Mal verliehen. Schülerinnen und Schüler der Carl-Orff-Grund- und Mittelschule Diessen am Ammersee sorgten bei der Feier im Senatssaal des Maximilianeums für einen fröhlichen Auftakt. Begeistert sagen die Kinder vor großem Publikum das Lied „Der Bauer schickt den Jockel aus.“ Die Preisträger wurden auf Fotos und in Filmen vorgestellt; Moderator Tilmann Schöberl vom Bayerischen Rundfunk bat sie außerdem zu Interviews auf die Bühne, ließ sie von ihren Erfahrungen berichten. Da blieben durchaus Wünsche an die Politik offen. Landtagspräsidentin Barbara Stamm hatte mögliche Defizite schon in ihrer Begrüßungsrede angesprochen. „Bei aller Freude dürfen wir nicht übersehen, dass es immer noch zu viele bürokratische Hürden gibt, dass immer noch Rahmenbedingungen existieren, die einmal gesetzt, aber längst durch dynamische Entwicklungen überholt worden sind. Projektförderung ist zum Teil nur mit einem erheblich hohen Eigenanteil möglich. Wie sollen Ehrenamtliche das schaffen?“, betonte Stamm. Der Beifall aus dem Publikum zeigte ihr, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Bürgerschaftliches Engagement sei lebenswichtig für die Gesellschaft, stärke das solidarische Miteinander. „Politik muss den Freiraum schaffen, aber auch einen brauchbaren Rahmen anbieten, damit sich das bürgerliche Engagement entfalten kann“, betonte Stamm.

Wie stolz die Preisträger auf ihre Leistung sind, zeigte sich unter anderem daran, dass die meisten von ihnen Begleitgruppen ins Maximilianeum mitgebracht hatten. Vertreterinnen und Vertreter der KUNO-Stiftung Regensburg trugen T-Shirts mit ihrem Maskottchen, dem blauen Raben mit dem Pflaster auf dem Schnabel und einem Flügel in der Schlinge. KUNO bekam den 2. Preis, der mit 8000 Euro dotiert ist, für eine beispielhafte Spendenaktion. Damit brachte sie die Bayerische Staatsregierung in Zugzwang und schaffte es, dass die Kinderuniversitätsklinik Ostbayern in Regensburg gebaut wurde. Sie steht inzwischen für Spitzenmedizin: Hier befindet sich das größte Zentrum für Lebertransplantationen in ganz Süddeutschland. Sogar winzige Babys bekommen eine Chance für ein normales Leben. Regensburg hat außerdem - nach der Klinik Großhadern in München – das zweitgrößte Zentrum für Frühgeburten. Und die Bilanz von KUNO: Elf Millionen Euro wurden bisher gesammelt – eine einzigartige Leistung.

Mit dem 3. Preis (5000 Euro) wurde die Bürgerstiftung Energiewende Oberland (EWO) ausgezeichnet. Sie geht in die Schulen, begeistert schon Kinder und Jugendliche für den ökologischen Umbau. In Wolfratshausen stehen für Car-Sharing 15 Elektroautos zur Verfügung; eine Bürgersolaranlage in Kreuth bei Miesbach garantiert den Abnehmern 20 Jahre lang feste Strompreise. Die Energiewende im Oberland gehen die drei Landkreise Miesbach, Bad Tölz-Wolfratshausen und Weilheim-Schongau mit 72 Gemeinden gemeinsam an. Ihre Vision: Die Region versorgt sich bis zum Jahr 2035 vollständig mit erneuerbaren Energien; sie ist zu diesem Zeitpunkt völlig unabhängig von fossilen Energieträgern. Professor Wolfgang Seiler, seit 1. März 2011 Vorstandsvorsitzender von EWO und früher Direktor des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen, geht Vieles nicht schnell genug. Er wünschte sich zeitgemäße Förderinstrumente, um die Energiewende voranzubringen. „Die Bürgerinnen und Bürger sind bereit. Aber die Politik muss die Hausaufgaben machen, damit die, die etwas machen wollen, auch etwas machen können“, legte Professor Seiler den Politikerinnen und Politikern nahe.

Den 4. Preis mit jeweils 2 500 Euro teilen sich das Allgäuer Zentrum für regionale Eigenversorgung – Kempodium e. V. und manomama in Augsburg, das erste textile Social Business. Kempodium ist ein Haus zum Selbermachen und einem Gebrauchtwaren-Kaufhaus. 50 000 Besucher kommen jedes Jahr, verwirklichen ihre Ideen und arbeiten damit der Konsumgesellschaft entgegen. Das Motto dieses Allgäuer Zentrums für Eigenversorgung: „Von Menschen aus der Region für die Region.“

„Manomama“ schließlich ist das Werk einer Powerfrau: Sina Trinkwalder beschäftigt in ihrem Unternehmen in Augsburg Menschen, die sonst keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, vor allem ehemalige Textilarbeiterinnen. Sie sollen trotz Krise wieder in ihrem Job arbeiten können. Derzeit stellen zwölf Frauen in der kleinen Firma hochwertige Bekleidung her: ökologisch unbedenklich und komplett kompostierbar. Sina Trinkwalder setzt auf eine konsequent regionale Wertschöpfungskette. Sie will die kaum mehr existierende Textilwirtschaft in Augsburg wieder stärken, das vom Vergessen bedrohte Knowhow bewahren und in die Zukunft tragen. Um einen Großauftrag mit 360 000 Teilen erfüllen zu können, braucht sie eine Halle – derzeit wertet sie die Angebote aus Nachbargemeinden aus, weil ihr Augsburg nicht weiterhelfen konnte. Auch sie wünscht sich mehr Unterstützung bei ihren Projekten, mehr Nachhaltigkeit: „Nachhaltigkeit bedeutet, dass etwas aus Respekt gegenüber dem geschieht, den oder die es betrifft: den Mitmenschen, die Umwelt, die soziale Komponente.“

Vier Dorfläden wurden ebenfalls ausgezeichnet, weil sie eine Lücke schließen, das Dorfleben aufrecht erhalten und als Kommunikationszentren wirken: Jedesheim, Landkreis Neu-Ulm, Thanndorf in der Gemeinde Rossbach im Landkreis Rottal-Inn, Nordhalben im Landkreis Kronach und Daiting im Landkreis Donau-Ries. Die Initiatoren haben sich auch trotz mancher Rückschläge nie entmutigen lassen. Roland Wildfeuer, Vorstandsvorsitzender der Dorfladen e.G. Daiting, schwärmte dem Publikum regelrecht vor: „Da geht ein Ruck durch Euer Dorf. Die Senioren werden wieder jung. Die bauen Euch ein Lagerhaus in Rekordzeit um. Ein solches Vorhaben ist toll für die Gemeinschaft!“

Ein vorbildliches Gemeinschaftswerk hat auch das Künstlerpaar Hanna Regina Uber und Robert Diem aus Aschach in der Oberpfalz für seine Bürgerskulptur in Amberg initiiert. Zwei Halbkugeln aus Edelstahl sollen einen Zugangsplatz zur Altstadt schmücken und die 1 250 Bronzeplatten darauf gestalten die Bürgerinnen und Bürger selbst. Dafür gab es einen Anerkennungspreis und ebenfalls 500 Euro!

Mehr Informationen zu den Projekten der Preisträger im Online-Magazin mehr

Impressionen der Preisverleihung des 12. Bürgerkulturpreises des Bayerischen Landtags.

Das Musikprogramm wurde von Schülern der Carl-Orff-Grund-und Mittelschule aus Dießen gestaltet. | Foto: Rolf Poss
Mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurden die Betreiber des Dorfladens in Jedesheim, Schwaben:Birgit Häutle, Helga Hörmann und Siegfried Schwab. | Foto: Rolf Poss
Ein weiterer Sonderpreis ging an den Dorfladen Nordhalben, Oberfranken. Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit Karl Roth und Horst Schnura. | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit den Schülern der Carl-Orff-Grund- und Mittelschule aus Dießen am Ammersee. | Foto: Rolf Poss
Die Betreiber des Dorfladens Thanndorf in Niederbayern erhielten ebenfalls einen Sonerpreis. Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit Sepp Grübl und Rosa Stallhofer. | Foto: Rolf Poss
Der Dorfladen Daiting, Schwaben, bekam ebenfalls einen Sonderpreis. Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit dem Vorstandsvorsitzenden Roland Wildfeuer und Bürgermeister Johann Rosskopf. | Foto: Rolf Poss
Der erste Preis ging an den Förderverein Iltztalbahn e.V. Von links neben Landtagspräsidentin Barbara Stamm: Vorsitzender Michael Lieb, Hermann Schoyerer, Professor Thomas Schempf, Pfarrer Markus Krell und Helmut Streit, einer der beiden ehrenamtlichen Ge | Foto: Rolf Poss
2. Preis an die KUNIO-Stiftung in Regensburg. Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit Dr. Hans Brockard, Cordula Heinrich und Dr. Michael Reng. | Foto: Rolf Poss
Der 3. Preis ging an das Projekt Bürgerstiftung Energiewende Oberland EWO aus Wolfratshausen. Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit Prof. Wolfgang Seiler, Elizabeth Kohlhauf und Ernst Grünwald, dem 3. Bürgermeister von Münsing. | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit Sina Trinkwalder, die für ihr Projekt Manomama mit dem 4. Preis ausgezeichnet wurde. | Foto: Rolf Poss
Manomama teilte sich den 4. Platz mit Kempodium e.V.. Landtagspräsidentin mit den Initiatoren: Kerstin Durchardt, Martin Slavicek und Sybille Knott, 3. Bürgermeisterin der Stadt Kempten. Rechts im Bild: Staatsminister Thomas Kreuzer. | Foto: Rolf Poss
Der Anerkennungspreis ging an das Projekt Bürgerskulptur in Amberg. Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit dem Künstlerpaar Hannah Regina Uber und Robert Diem. Links Ambergs Oberbürgermeister Wolfgang Dandorfer. | Foto: Rolf Poss
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