Bayerischer Landtag

06.03.2013 - Parlamentarier aus Québec unterwegs in Bayern: Demografische Entwicklung ist Herausforderung für beide Länder

Bild: Ortsbesichtigung in der Marktgemeinde Perlesreut im Landkreis Freyung-Grafenau: Bürgermeister Manfred Eibl (ganz rechts) berichtete von Maßnahmen, den Ortskern zu stärken und neue Wohnmodelle anzubieten. | Foto: Rolf Poss
Ortsbesichtigung in der Marktgemeinde Perlesreut im Landkreis Freyung-Grafenau: Bürgermeister Manfred Eibl (ganz rechts) berichtete von Maßnahmen, den Ortskern zu stärken und neue Wohnmodelle anzubieten. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

- von Heidi Wolf -

Parlamentarier der bayerischen Partnerregion Québec in Kanada informierten sich eine Woche lang im Freistaat Bayern über Strategien und Modelle, wie ein Land auf die demografischen Herausforderungen der Zukunft reagieren kann. Drei Schwerpunktthemen interessieren die Delegation unter Leitung von Parlamentspräsident Jaques Chagnon besonders: die Entwicklung des ländlichen Raums, der große Bereich Pflege sowie Migration und Integration. Landtagspräsidentin Barbara Stamm wertet den Besuch als Zeichen dafür, dass die Partnerschaft zwischen Québec und Bayern tatsächlich gelebt und immer intensiver wird – trotz der großen Entfernung: „Es ist eine echte Bereicherung für beide Seiten!“ Die Probleme sind in beiden Ländern die gleichen: Auch Québec kämpft mit den Folgen der demografischen Entwicklung. 80 Prozent der Bevölkerung leben in den Städten, 20 Prozent auf dem Land. „Noch vor zwei Generationen haben die meisten Menschen auf dem Land gelebt, auf Bauernhöfen“, berichtete Präsident Jaques Chagnon, der damit auch seine eigenen Wurzeln beschrieb. Angesichts sinkender Bevölkerungszahlen droht eine weitere Landflucht. Die Delegation aus Québec war deshalb sehr an Strategien interessiert, die Abwanderung zu stoppen und holte sich Anregungen vom Verein „Ilzer Land“ im Bayerischen Wald. Seit neun Jahren besteht diese interkommunale Allianz, die ihren Namen von dem kleinen Fluss Ilz hat, der die Gemeinden – acht im Landkreis Freyung-Grafenau und eine im nördlichen Landkreis Passau – miteinander verbindet und in Passau in die Donau mündet.

Das gemeinsame Ziel ist klar: das Leben auf dem Land so attraktiv wie möglich zu gestalten, damit die jungen Menschen nicht abwandern. Dazu gehören qualifizierte Arbeitsplätze, alle Einrichtungen der Daseinsvorsorge wie Kindergärten und Schulen, Ärzte, Zahnärzte, Einkaufsmöglichkeiten und soziale Kommunikationseinrichtungen, betonte Manfred Eibl, Bürgermeister der Marktgemeinde Perlesreut im Landkreis Freyung-Grafenau und Vorsitzender des Vereins „Ilzer Land.“ Eine Gemeinde allein ist damit überfordert – deshalb arbeitet jede Kommune in einem integrierten Prozess ihre Stärken heraus, so dass sich schließlich ein Gesamtangebot ergibt. „Wir können an 365 Tagen im Jahr eine umfängliche Kinderbetreuung anbieten und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, schilderte Eibl ein Ergebnis der Zusammenarbeit. Auf dem Marktplatz in Perlesreut wies der Bürgermeister auf weitere zukunftsweisende Ansätze hin: Die stattlichen Häuser im Zentrum, wo jahrhundertelang Märkte abgehalten wurden, sind inzwischen viel zu groß; neue Wohnformen für junge Menschen und Senioren müssen gefunden werden, damit der Ortskern nicht verödet. Die Gemeinde schafft deshalb im Haus Nummer 11 Kommunikations- und Seminareinrichtungen für die neun Gemeinden des Ilzer Landes. In einem anderen Teil des Gebäudes plant ein Münchner Investor neue Wohneinheiten – altersgerecht für Senioren oder als Starterwohnungen für junge Paare, erklärte Manfred Eibl. 3,7 Millionen Euro fließen in diese Maßnahme, die als positives Beispiel Nachahmer finden soll.

Das Amt für Ländliche Entwicklung in Niederbayern mit Roland Spiller an der Spitze betreut das „Ilzer Land“ bei der Integrierten Ländlichen Entwicklung, ILE genannt. Die Gemeinden im Bayerischen Wald haben als erste die Chance erkannt, die ihnen das Programm bietet, wohl auch aus der Not heraus, erklärte Spiller: Noch nehmen viele Waldler aus Heimatliebe jeden Tag eine Strecke von 100 bis 120 Kilometern und zurück zum Arbeitsplatz auf sich. Prognosen aber sagen, dass manche Dörfer im Bayerischen Wald in Zukunft bis zu 20 Prozent ihrer Einwohner verlieren, weil die Menschen auch da leben wollen, wo sie Arbeit finden. Deshalb ist es das vorrangige Ziel, auch auf dem Land hochqualifizierte Arbeitsplätze anzubieten. „Da haben wir noch zu wenig“, stellte Roland Spiller fest.

Holz wird noch zu wenig genutzt

Holz spielt im Bayerischen Wald eine große Rolle; viele Chancen aber werden noch nicht genutzt, berichtete Alexander Schulze, Geschäftsführer des Netzwerks Forst und Holz. Erstaunt kommentierten die Parlamentarier aus Québec die Zahlen: 45 000 Menschen sind direkt oder indirekt in der Holzbranche beschäftigt, 60 000 Waldbesitzer gibt es in der Region. Die Durchschnittsgröße liegt bei 3,5 Hektar. Holz wird immer noch nicht optimal genutzt; es könnte noch viel mehr zum Bauen verwendet werden, bedauerte Schulze, der der Anteil von 17 bis 20 Prozent als beschämend bezeichnete. Immerhin aber habe der Bayerische Landtag beschlossen, dass staatliche Gebäude in Holzbauweise errichtet werden sollten. Der Landkreis Passau gehe beim Bau des neuen Landratsamtes mit gutem Beispiel voran. Immerhin aber gelte der Werkstoff Holz wegen seines Wohlfühlcharakters zunehmend als chic. Positive Impulse gingen auch vom Lehrstuhl Holzbauweise unter Professor Kaufmann an der TU München aus. Es gebe inzwischen herausragende Beispiele für modernes Bauen mit Holz auch bei Hochhäusern und timber towers, den Türmen von Windkraftanlagen bis 140 Meter Höhe.

Pflege von alten Menschen als Herausforderung

Neben Strategien für den ländlichen Raum interessierte sich die Delegation aus Québec auch für neue Modelle im Pflegebereich. „Die Menschen sollen so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung leben können“, umriss Präsident Jaques Chagnon ein großes Anliegen. Deshalb informierten sich die Gäste vor Ort über das Münchner Projekt „Wohnen im Viertel in der Bayerischzeller Straße. Ein umfassendes Betreuungsangebot macht es möglich, dass ältere und behinderte Menschen trotz hohen Pflegebedarfs in einer eigenen Wohnung bleiben können. Zu den Themen häusliche Pflege, Finanzierung der Langzeitpflege und Arbeitskräfte in der Pflege fanden auch Gespräche mit Mitgliedern des Sozialpolitischen Ausschusses im Bayerischen Landtag statt, ebenso mit Vertretern der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (LAGFW) und des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe sowie dem Bayerischen Pflegebeauftragten.

Ein weiterer Termin im Bayerischen Landtag beschäftigte sich mit der Zuwanderungspolitik. Das Präsidium des Bayerischen Landtags hatte sich während seines Québec-Besuchs im Jahre 2011 mit der dortigen Praxis auseinandergesetzt. Die Erfahrung und Kompetenz des Einwanderungslandes Kanada und der multi-ethnischen und zweisprachigen Provinz Québec interessierten die bayerischen Abgeordneten sehr, vor allem was Entwicklungen und Perspektiven von Migration betrifft. Für die bayerische Seite stellten der Erste Vizepräsident Reinhold Bocklet sowie der Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Martin Neumemeyer, die Grundzüge der hiesigen Integrationspolitik dar. Sie stellt insbesondere Bildung sowie die Integration in den Arbeitsmarkt in den Mittelpunkt. Zentraler Punkt ist dabei das Erlernen der deutschen Sprache und der Leitsatz „Fordern und Fördern“. Gleichzeitig gilt es in Bayern, qualifizierte Fachkräfte anzuwerben. Vizepräsident Franz Maget und die Abgeordnete Renate Ackermann stellten heraus, dass der heute weitgehend existierende Konsens über die Notwendigkeit von Zuwanderung erst in jüngerer Vergangenheit erreicht wurde.

Präsident Chagnon verwies in der Vorstellung der Integrationspolitik Québecs auf die lange Tradition seines Landes als Einwanderungsland: Alle Bewohner Québecs und Kanadas sind oft erst vor wenigen Generationen eingewandert. Québec betrachtet Immigration daher als wichtigen Baustein für seinen demografischen, ökonomischen und linguistischen Fortbestand. Daher legt das Land in seinem Punktesystem zur Einwanderung auch besonderen Wert auf gute französische Sprachkenntnisse. Ähnlich wie in Bayern betrachtet auch Québec Bildung und Ausbildung als Schlüsselfaktoren für eine gelingende Integration – und ist ebenfalls auf der Suche nach qualifizierten Fachkräften für den Arbeitsmarkt. Als gemeinsame Herausforderung stellte sich bei dem Gespräch auch insbesondere die Integration von Zuwanderern aus anderen Kulturkreisen heraus.

Der Besuch in Bayern mit dem intensiven und vielfältigen Programm hat die Freundschaft zwischen den Parlamentariern aus beiden Ländern weiter gestärkt. Sie haben voneinander wichtige Informationen bekommen – Reisen bildet eben.

Im Glasmuseum Frauenau im Landkreis Regen informierten sich die Parlamentarier aus Québec über die reiche Glastradition des Bayerischen Waldes. Die Abgeordneten Alexander Muthmann und Eike Hallitzky (3. und 4. von rechts) empfingen die Delegation mit Präsident Jacques Chagnon an der Spitze (4. von rechts). | Foto: Rolf Poss
Die Bürgermeister aus dem Ilzer Land und das Amt für Ländliche Entwicklung Niederbayern bilden eine starke Allianz. Auf dem Foto von links: Roland Spiller, Leiter des Amtes für Ländliche Entwicklung Niederbayern, Manfred Eibl, Bürgermeister Peter Worm, Leiter Landtagsverwaltung, Daniel Curio, Leiter Vertretung des Freistaates Bayern in Québec, Max König, Bürgermeister, Parlamentspräsident Jacques Chagnon, Peter Siegert, Bürgermeister, Denise Beaudoin, Abgeordnete aus Québec | Foto: Rolf Poss
Abendessen im Scharfrichterhaus in Passau: Wirt Walter Landshuter schildert den Gästen die bewegte Geschichte des Gebäudes und der Kleinkunstbühne, die vor 30 Jahren als ´Stachel in der Provinz´ gegründet wurde. | Foto: Rolf Poss
Jaques Chagnon, Präsident der Assemblée Nationale du Québec, trägt sich in das Ehrenbuch des Bayerischen Landtags ein. Hinter ihm Parlamentarier aus den beiden Ländern (von links): Jean D´Amour, Guy Leclair, Professorin Ursula Männle, Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Alexander Muthmann, Maria Scharfenberg, I. Vizepräsident Reinhold Bocklet, Norberg Morin, Denise Beaudoin, Renate Ackermann | Foto: Rolf Poss
Ein Inuit aus Speckstein als Gastgeschenk für Landtagspräsidentin Barbara Stamm | Foto: Rolf Poss
 
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