Bayerischer Landtag

06.12.2010 - Bayerischer Landtag verleiht Bürgerkulturpreis 2010

Die 11. Bürgerkulturpreise des Bayerischen Landtags sind verliehen: Der 1. Preis, der mit 12.000 Euro dotiert ist, geht an den Trägerkreis „Gedächtnisbuch für Häftlinge des KZ Dachau“. 150 ehrenamtliche Mitarbeiter aller Altersgruppen haben seit 1999 in gründlicher Recherchearbeit insgesamt 130 Gedächtnisblätter über Häftlinge des KZ Dachau erstellt. Mit dem 2. und 3. Preis wurden das Europäische Jugendprojekt Oberpfalz e. V. sowie der Förderverein Geretsrieder Heimatmuseum e. V. ausgezeichnet.

Bild: Würdigten Initiativen für eine Kultur des Erinnerns: Landtagspräsidentin Barbara Stamm und Holocaust-Überlebender Dr. Max Mannheimer. | Foto: Rolf Poss
Würdigten Initiativen für eine Kultur des Erinnerns: Landtagspräsidentin Barbara Stamm und Holocaust-Überlebender Dr. Max Mannheimer. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Das Thema „Initiativen für eine Kultur des Erinnerns“ stand im Mittelpunkt des diesjährigen Bürgerkulturpreises, mit dem der Bayerische Landtag alljährlich zum Tag des Ehrenamts (5. Dezember) bürgerschaftliches Engagement auszeichnet. 36 Bewerbungen waren heuer eingegangen, von denen drei Projekte eine Auszeichnung erhielten. Außerdem wurden zwei Anerkennungspreise vergeben. Die Verleihung fand am Montag, 6. Dezember 2010, im Senatssaal des Maximilianeums statt.

Krieg, Gewaltherrschaft und Völkermord, Vertreibung, Flucht oder Mauerbau liegen in Deutschland Jahre zurück. „Dennoch gehören sie zu unserer Identität, weil sie zu unserer Geschichte gehören – der Geschichte eines Staates, eines Volkes, der Geschichte von Städten und Regionen, eng verbunden mit den Schicksalen der Menschen“, betonte Landtagspräsidentin Barbara Stamm bei der Verleihung der Bürgerkulturpreise 2010. Zeitliche Distanz dürfe niemals zu innerer Distanz führen: „Erinnerungsarbeit ist und bleibt ein Teil unserer Verantwortung für die Zukunft“, so die Landtagspräsidentin.

Festredner der Feierstunde war Dr. Max Mannheimer, der zu den bekanntesten Zeitzeugen des Holocaust zählt und der sich stetige Aufklärungsarbeit zur Aufgabe gemacht hat. Dabei will er nicht Kläger oder Richter sein, sondern als Überlebender des Holocaust gegen das Vergessen und für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Vergangenheit kämpfen. Von ihm stammt das Zitat: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht dafür schon.“ In seinem Vortrag im Senatssaal ging der Holocaust-Überlebende insbesondere auf den Umgang mit der Erinnerung an die NS-Opfer ein: „Das Erinnern gibt der Gerechtigkeit ihre Würde zurück“, sagte Mannheimer. Gedächtniskultur und Erinnerungsarbeit hätten allerdings nur dann einen Sinn, wenn sie zu einem veränderten Bewusstsein und Verhalten beitragen würden.

Bild: 1. Preis: Trägerkreis Gedächtnisbuch für Häftlinge des KZ Dachau | Foto: Rolf Poss
1. Preis: Trägerkreis Gedächtnisbuch für Häftlinge des KZ Dachau | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Die ausgezeichneten Projekte – sie wurden von einer neunköpfigen Jury mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Vertretern der fünf Fraktionen im Landtag, des Bayerischen Städte- und des Gemeindetages und dem Vorsitzenden der Landtagspresse ausgewählt – werden alle diesem Anspruch Max Mannheimers in vorbildlicher Weise gerecht. Uli Bachmeier, Vorsitzender der Landtagspresse, stellte die Preisträger und ihre Arbeiten vor:

Trägerkreis „Gedächtnisbuch für Häftlinge des KZ Dachau“, Dachau

In Eigenverantwortung haben 150 ehrenamtliche Mitarbeiter aller Altersgruppen seit 1999 insgesamt 130 Gedächtnisblätter über Häftlinge des KZ Dachau erstellt. Durch die Recherchearbeit über die Biografien der KZ-Insassen bietet sich die Möglichkeit, sich über die Geschichte eines Einzelnen an die Geschichte der Zeit des Nationalsozialismus anzunähern und aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Ergänzt werden die Gedächtnisblätter durch eine Internationale Wanderausstellung, die seit 2008 an 50 Orten in sechs Ländern rund 60 000 Besuchern präsentiert wurde mehr

Bild: 2. Preis: Europäisches Jugendprojekt Oberpfalz e.V. | Foto: Rolf Poss
2. Preis: Europäisches Jugendprojekt Oberpfalz e.V. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Europäisches Jugendprojekt Oberpfalz e.V. (EJPO e.V.), Freihung

Unter dem Motto „Versöhnung, Verständigung, Freundschaft - über Grenzen hinweg“ werden seit 2002 jährlich im Rahmen einer Partnerschaft mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Bezirksverband Oberpfalz, internationale Projektwochen für Jugendliche veranstaltet. Diese stehen jeweils unter Themenschwerpunkten wie z.B. Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Deutschland/Europa geteilt, Wiedervereinigung. Durch den Besuch von Kriegsgräber- und Gedenkstätten, in Dokumentationszentren und an Originalschauplätzen können die Teilnehmer „Geschichte zum Anfassen“ erleben mehr

Bild: 3. Preis: Förderverein Geretsrieder Heimatmuseum e.V. | Foto: Rolf Poss
3. Preis: Förderverein Geretsrieder Heimatmuseum e.V. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Förderverein Geretsrieder Heimatmuseum e.V., Geretsried

Im Frühjahr 1946 kamen die ersten Transporte mit Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland nach Geretsried. Bereits kurz danach begannen sie, ihre Erinnerungen an die alte Heimat zu sammeln und für die Nachwelt festzuhalten. Aus privaten Sammlungen entstand 1970 die erste kleine Ausstellung, die den Grundstock für das Geretsrieder Heimatmuseum bildete, das derzeit im Geretsrieder Rathaus untergebracht ist. Der Förderverein unterstützt die Museumsarbeit und hilft mit viel Eigenleistung beim Umbau eines zukünftigen Museumsgebäudes. Außerdem liegt dem Verein auch die Pflege der Kultur, Sprach-, Mundart- und Brauchtumsvielfalt der Geretsrieder Bevölkerung am Herzen mehr

Anerkennungspreis
Förderkreis Haus Wolfsthalplatz e.V., Aschaffenburg

Der Förderkreis Haus Wolfsthalplatz hat in über zehn Jahren mit Unterstützung der Stadt Aschaffenburg und des Bezirkstages Unterfranken eine historische Datenbank entwickelt, um die Geschichte der jüdischen Bevölkerung am Untermain vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis zu ihrer Vernichtung zu dokumentieren. Aus gedruckten Handbüchern, Friedhofsdokumentationen und Akten wurde ein umfassendes Bild der jüdischen Bevölkerung und ihre Entwicklung anhand der Darstellung der wichtigsten Lebensdaten von jüdischen Menschen und Familien am Untermain ermöglicht.

Anerkennungspreis
Kulturwerkstatt Bamberg

Erika Löbl, eine in Bamberg geborene Jüdin, begann 1937 im Alter von 13 Jahren Tagebuch zu führen. Sie beschreibt darin ihre Jugendjahre in Bamberg, den Kindertransport nach England und die Weiterreise von Glasgow über Buenos Aires nach Ecuador. Von 1934 bis 1938 besuchte sie als Schülerin das Institut der Englischen Fräulein, die jetzige Maria-Ward-Schule in Bamberg. Der Bruder der mittlerweile verstorbenen Erika Löbl stellte der Kulturwerkstatt das Tagebuch zur Verfügung, um Jugendlichen die Möglichkeit zu bieten, sich bei der inhaltlichen Arbeit mit dem Tagebuch mit Nationalsozialismus und Antisemitismus auseinanderzusetzen. Der Kontakt mit Zeitzeugen und der Austausch von Lebenserfahrung zwischen den Generationen ermöglicht es den Jugendlichen, eigene Lebensvorstellungen zu entwickeln. Seit 2007 arbeiten unterschiedliche Schülergruppen mit dem Tagebuch, das nach Abschluss der Recherchearbeiten mit reichhaltigen Hintergrundinformationen als Unterrichtsmaterial veröffentlicht werden soll./kh

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