Bayerischer Landtag

06.12.2012 - Bayerischer Landtag verlieh zum 13. Mal den Bürgerkulturpreis

- Von Heidi Wolf -

Zum 13. Mal hat der Bayerische Landtag heute, Donnerstag, den Bürgerkulturpreis verliehen. Drei tschechisch-bayerische Projekte wurden dabei besonders ausgezeichnet: das Staatliche Berufliche Schulzentrum Waldkirchen in Niederbayern, die gemeinnützige GmbH ČOJČ in Nürnberg sowie der Verein „Via Carolina“ in Bärnau in der Oberpfalz. Sie teilen sich den ersten Preis. Sonderpreise gab es für das Centrum Bavaria Bohemia im oberpfälzischen Schönsee, das Inn-Salzach-Euregio-Jugendorchester (ISEJO) in Mühldorf am Inn in Oberbayern und die Siebold-Gesellschaft im unterfränkischen Würzburg. Landtagspräsidentin Barbara Stamm wertete die bayerisch-tschechischen Initiativen als faszinierenden Beweis dafür, dass heute am früheren Eisernen Vorhang eine farbenprächtige und friedliche Nachbarschaft blühe. „Als Politikerinnen und Politiker können wir diese Blüten, die in unmittelbarer Nachbarschaft, aber auch weltweit durch ehrenamtliches Engagement wachsen, bewundern. Und ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich vor diesen Projekten wirklich beeindruckt den Hut ziehe!“, betonte Stamm in ihrer Festrede.

"Weltoffenes Bayern" war das Motto

Der Wettbewerb um den Bürgerkulturpreis 2012 stand unter dem Jahresthema „Weltoffenes Bayern – Bürgerschaftliche Initiativen über Grenzen hinweg.“ 125 Bewerbungen waren dafür eingegangen. Die Preisträger aus ganz Bayern kamen mit großen Delegationen ins Maximilianeum, hatten auch Freunde aus dem benachbarten Tschechien mitgebracht, mit denen sie seit Jahren zusammenarbeiten. Strahlend nahmen sie die Auszeichnungen und die Schecks entgegen, die ihnen Landtagspräsidentin Barbara Stamm überreichte. Die drei ersten Preise sind mit jeweils 8 000 Euro dotiert, die drei Sonderpreise mit jeweils 2 000 Euro. „Dieses Geld können wir für unsere Arbeit gut brauchen. Das bringt uns einen großen Schritt weiter“, freuten sich Lehrer und Schüler aus Waldkirchen im Bayerischen Wald. Sie haben gleich nach der Grenzöffnung Kontakte nach Tschechien geknüpft und diese inzwischen zu einem internationalen Netzwerk ausgebaut. Junge Menschen aus dem Bayerischen Wald schultern gemeinsame Projekte mit Jugendlichen in den Partnerregionen. Miteinander bauen sie Freundschaftspavillons und Messestände, bringen einander unterschiedliche Handwerkstechniken bei: Die angehenden Dachdecker aus Waldkirchen zeigen den ungarischen Schülern, wie das Dachdecken mit Schiefer funktioniert. Umgekehrt lernen sie den Umgang mit Reet. Schülerinnen und Schüler der Berufsfachschule für Kinderpflege arbeiten in Londoner Kindergärten und Kitas mit, begegnen hier Kindern aus unterschiedlichen Nationen. Gastronomieschüler bekommen Einblicke in die polnische oder slowakische Kochkultur, Firmen nehmen Lehrlinge auf und ermöglichen ihnen damit einen Einblick in die Arbeitswelt und die Kultur des jeweiligen Landes.

Über die Austauschprojekte werden viele Vorurteile gerade gegenüber Tschechen abgebaut, die gerade in der Grenzregion immer noch vorhanden sind, bestätigte Michael Ramerseder. „Wer sich auf die direkten Begegnungen einlässt, bekommt schnell mit, dass Tschechien viel mehr ist als nur billig tanken und billige Zigaretten kaufen“, betonte der junge Mann, der die FOS in Waldkirchen absolviert hat und in Tschechien durchaus auch eine berufliche Perspektive sieht. „Viele deutsche Firmen haben Zweigbetriebe im Nachbarland. Da können die Erfahrungen in der Schule nur hilfreich sein“, zeigte sich Michael Ramerseder überzeugt. Tomáš Popelka und Matèj Novotny haben umgekehrt in Bayern positive Erfahrungen in der Gastronomie gemacht. Den Kontakt zu den ehemaligen Kollegen halten sie vor allem über Facebook. „Ich kann in meinen Gastbetrieb wieder zurückkommen“, berichtete Tomáš, der zur Preisverleihung ins Maximilianeum mitgekommen war.

Grenzüberschreitende Projekte bringen Nachbarn ins Gespräch

Tilmann Schöberl vom Bayerischen Rundfunk moderierte die Veranstaltung, ließ alle Preisträger in Interviews zu Wort kommen. Kleine Filme oder eine Fotoserie dokumentierten die einzelnen Projekte: Die gemeinnützige GmbH ČOJČ in Nürnberg zum Beispiel. "ČOJČ" ist ein Kunstwort aus Tschechisch+Deutsch und steht für diese Initiative. Diese Phantasiesprache wird in einem deutsch-tschechischen Theaterprojekt, das seit 2003 erfolgreich läuft, regelrecht gelebt: Junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren aus der bayerischen und der tschechischen Grenzregion sind die Zielgruppe. Sie entwickeln – betreut von erfahrenen Theaterpädagogen und Sprachanimateuren - Theaterstücke, führen sie nach intensiven Probearbeiten an verschiedenen Orten entlang der Grenze öffentlich auf, lösen Diskussionen aus. "ČOJČ“ macht es möglich, dass die Stücke in Bayern und in Tschechien aufgeführt werden können und die Zuschauer wenigstens die Hälfte davon verstehen. „Aber meistens verstehen sie alles“, hat Eleanora Allerdings festgestellt, die Geschäftsführerin der gemeinnützigen GmbH. Am meisten freut sie sich, wenn die Zuschauer nicht mehr unterscheiden können, welche Akteure Tschechen und welche Deutsche sind. „Nach den Aufführungen entwickeln sich oft interessante Gespräche. "ČOJČ" ist ein spannendes Projekt, das Begegnungen zwischen Jugendlichen im grenznahen Bayern und Böhmen ermöglicht, zum gegenseitigen Verstehen und zu Freundschaften beiträgt“, ist Eleanora Allerdings überzeugt.

Das dritte Siegerprojekt hat die Errichtung des Geschichtsparks Bärnau-Tachov zum Ziel. Der Verein Via Carolina e.V. will gemeinsam mit Terra Tachovia an der Goldenen Straße von Nürnberg nach Prag Geschichte erlebbar machen. Deshalb entsteht seit 2010 am Rande der kleinen Stadt Bärnau ein Geschichtspark. Wahrzeichen dieses archäologischen Freilandmuseums ist die hölzerne Turmhügelburg auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel, umgeben von Palisaden und einem Wassergraben. Im Hintergrund befindet sich das slawische Dorf mit Flechtwand-, Pfosten- und Blockhaus, Grubenhäusern und dem Lehmofenunterstand. Alles ist detailgetreu rekonstruiert. Solche Siedlungen gab es im 8. und 9. in dieser bayerisch-böhmischen Grenzregion, in der sich Jahrhunderte lang Slawen und Germanen begegneten. Der Geschichtspark Bärnau-Tachov lässt diese gemeinsame Vergangenheit lebendig werden und schlägt als grenzüberschreitendes Projekt eine Brücke zu den Nachbarn.

Drei Sonderpreise vergeben

Das Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee erhielt als Drehscheibe zwischen den bayerisch-böhmischen Nachbarregionen einen Sonderpreis. Seit der Eröffnung im Jahre 2006 nutzten über 150 000 Gäste das äußerst umfangreiche Informations- und Kulturangebot mit einer Fülle von Veranstaltungen, Konferenzen, gegenseitigen Besuchen und Sprachkursen. Der Trägerverein hat derzeit weit über 300 deutsche und tschechische Mitglieder. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die tschechisch-bayerische Freundschaft nachhaltig zu fördern.

Mit dem zweiten Sonderpreis würdigte die Jury die Arbeit des Inn-Salzach-Euregio-Jugendorchester (ISEJO) in Mühldorf am Inn, das sich seit 1998 zu einem überregional beachteten pädagogischen Jugendprojekt entwickelt hat. Junge Menschen aus Bayern und dem benachbarten Oberösterreich proben gemeinsam, geben Konzerte oder unternehmen Orchesterfahrten. Hier können rund 40 junge Musikerinnen und Musiker im Alter von 12 bis 20 Jahren unter der Leitung des Dirigenten Karl-Heinz Vater erste Orchester-Erfahrungen sammeln. Das Projekt wird von dem grenzüberschreitenden Verein „Inn-Salzach-Euregio Jugendorchester e.V.“ organisiert.

Den dritten Sonderpreis erhielt die Siebold-Gesellschaft in Würzburg. Ihre Aufgabe ist es, im Sinne der Völkerverständigung das Lebenswerk Philipp Franz von Siebolds zu pflegen und weiterzuentwickeln. Siebold, der von 1796 bis 1866 lebte, gilt als der wissenschaftliche Entdecker Japans. Der Siebold-Gesellschaft ist deshalb die Förderung der Kontakte zwischen Deutschland und Japan ein zentrales Anliegen. Deshalb sollen die Arbeiten der Familie von Siebold der Öffentlichkeit besser zugänglich gemacht werden. Unter diesem Vorzeichen organisiert die Gesellschaft zahlreiche Vorträge, Ausstellungen, Konzerte und Reisen, die bei den Bürgerinnen und Bürgern breiten Zuspruch finden.

Landtagspräsidentin Barbara Stamm versprach bei der Preisverleihung, dem bürgerschaftlichen Engagement auch in Zukunft einen möglichst „wachstumsfreundlichen“ Nährboden zu bereiten. „Gerade bei grenzüberschreitenden Aktivitäten entsprechen die Anforderungen nicht immer dem Geist eines „vereinten Europas“ oder einer globalisierten Welt. Da malen die Mühlen oft etwas langsam, aber steter Tropfen höhlt je bekanntlich auch den Stein“, sagte Stamm.

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