Bayerischer Landtag

07.09.2012 - Landtagspräsidentin Barbara Stamm appelliert in Budapest: „Idee eines geeinten Europas nicht leichtfertig aufgeben!“

- Von Heidi Wolf –

„Europa ist nach meiner festen Überzeugung mehr als nur eine wirtschaftliche Gemeinschaft: Ein Wertebündnis, ein Friedenswerk, eine großartige Idee von Solidarität und Zusammenhalt über nationale Grenzen hinweg. Lassen Sie uns diese Idee nicht leichtfertig aufgeben!“ – Das sagte Landtagspräsidentin Barbara Stamm am Freitag, 7. September 2012, in ihrer Festrede zum zehnjährigen Bestehen der Andrássy-Universität in Budapest, der einzigen deutschsprachigen Universität außerhalb des deutschen Sprachraums. Der Appell, sich auch in der derzeit schwierigen Situation zu Europa zu bekennen, zog sich anschließend wie ein roter Faden durch alle Gespräche mit ungarischen Politikern. Sehr offen wurde dabei auch das negative Ungarnbild in den deutschen Medien diskutiert.

An der Andrássy-Universität in Budapest studieren 200 junge Leute aus 25 Ländern. Sie haben alle schon einen Studienabschluss in der Tasche und eine strenge Aufnahmeprüfung geschafft. Masterkurse und ein interdisziplinäres Doktorandenprogramm werden angeboten – in Internationalen Beziehungen, Economy und Business, Geschichte, Europäischer und Internationaler Verwaltung. Alles läuft in deutscher Sprache. „Fit für Europa“ lautet der Auftrag, den sich die Universität gegeben hat. Gegründet wurde sie als multinationales Gemeinschaftsprojekt der Republik Ungarn, der Bundesrepublik Deutschland, der Republik Österreich, der Schweiz, des Freistaats Bayern und des Landes Baden-Württemberg.

Hart erarbeitete Erfolgsgeschichte

Professor Dr. András Masát, der Rektor dieser einmaligen Bildungseinrichtung, sprach beim Festakt im Spiegelsaal des prächtigen Stadtpalais von einer hart erarbeiteten Erfolgsgeschichte. Die Finanzierung dieses internationalen Hochschulprojekts steht auf mehreren Säulen: Die Studierenden zahlen 700 Euro Studiengebühren pro Semester; Ungarn und die Partnerländer unterstützen die Universität mit Geld, teilweise auch mit wissenschaftlichem Personal. Baden-Württemberg gibt bis zu 100 000 Euro für Stipendien aus, Bayern hat dafür 18 000 Euro in einem Sondertopf. Landtagspräsidentin Barbara Stamm will sich dafür einsetzen, dass dieser Betrag aufgestockt wird. „Ich werde das Thema aufgreifen und mich kümmern, dass sich auch der Hochschulausschuss damit beschäftigt. Vielleicht lassen sich für die Zukunft Kontakte knüpfen“, kündigte Barbara Stamm an. Sie war beeindruckt von den Leistungen der jungen Menschen, die große Karrierechancen in der Wirtschaft, in der Verwaltung und im Auswärtigen Dienst haben. „Die Zeit an der Andrássy-Universität war das beste Jahr“, zitierte Rektor András Masát einen Absolventen aus Tschechien. Und Philipp Siegert, der Sprecher der Studentenschaft, bezeichnete die Hochschule als Aushängeschild. „Ihr seid Teil dieses Aushängeschildes. Ich hoffe, dass Ihr gelegentlich wieder herkommen werdet, um zu sehen, was die Neuen machen“, wandte sich Siegert an die Alumni.

Die Andrássy-Universität hat eine Reihe von Partneruniversitäten im Ausland. In Bayern sind es die Universitäten in Passau, Regensburg, Erlangen-Nürnberg und neuerdings auch die Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Beim Festakt zum zehnjährigen Bestehen und zur Eröffnung des neuen Studienjahres am 7. September 2012 unterzeichneten die Rektoren Professor Dr. András Masát und Professor Dr. Dr. Godehard Ruppert den Kooperationsvertrag, der die beiden Hochschulen in Zukunft eng aneinander bindet.

Erster offizieller Besuch in Ungarn

Landtagspräsidentin Barbara Stamm war zum ersten Mal offiziell in Ungarn. Ihr Besuch stellte auch für den ungarischen Parlamentspräsidenten Dr. László Kövér eine Premiere dar: Er empfing zum ersten Mal die Präsidentin eines Bundeslandes, sieht auf dieser Ebene Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Für die derzeit schwierige Situation in Ungarn machte Kövér die notwendigen Umstrukturierungen verantwortlich, die „naturgemäß mit Konflikten verbunden seien.“ Als Anliegen nannte er: „Alles, was in den vergangenen 20 Jahren versäumt und vermasselt wurde, wollen wir besser machen.“ Der ungarische Parlamentspräsident bedauerte, dass sein Land in den deutschen Medien so schlecht abschneide. Die Antwort von Barbara Stamm: „In Zeiten, in denen die Politik immer schwieriger wird, brauchen wir Klarheit, Offenheit und Transparenz.“

Wie gespannt das Verhältnis zwischen Mitgliedern der allein herrschenden Regierungspartei FIDESZ und der Opposition ist, erlebte Landtagspräsidentin Barbara Stamm bei einer Begegnung mit der Deutsch-Ungarischen Parlamentariergruppe. Vorsitzender Dr. Andor Nagy, von 1998 bis 2002 Kabinettschef von Ministerpräsident Victor Orbán, und Szabó Vilmos von der Sozialistischen Partei, lieferten sich dabei ein Streitgespräch über den richtigen Weg des Landes. „Wir brauchen ein wettbewerbsfähiges Ungarn. Dafür machen wir große Veränderungen, die Konfliktsituationen mit sich bringen“, argumentierte Nagy. Vilmos sprach dagegen von einem „Defizit an Demokratie.“

Offene Gespräche dringend notwendig

In einer sehr offenen Atmosphäre verlief auch das Gespräch mit Gergely Pröhle, stellvertretender Staatssekretär im Auswärtigen Amt und ausgewiesener Deutschlandkenner. Von 2000 bis 2002 war er Botschafter in Deutschland, dann in der Schweiz, von 2006 bis 2010 Berater bei Roland Berger Consulting. Offene Gespräche über kontroverse Themen seien gerade in schwierigen Zeiten wichtig, waren sich Barbara Stamm und Gergely Pröhle einig. Alles andere sei der falsche Weg. Die Landtagspräsidentin hat große Sympathie für Ungarn, das 1989 den Flüchtlingen aus Ostdeutschland die Grenze geöffnet hat: „Damit haben Sie zur Wiedervereinigung Deutschlands beigetragen und das werden wir Ihnen nicht vergessen!“

Ein beeindruckender Blick vom Balkon des Parlamentsgebäudes hinüber auf den Burgberg im Stadtteil Buda | Foto: Heidi Wolf
Die Rektoren Professor Dr. András Masát und Professor Dr. Dr. Godehard Ruppert von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg unterzeichnen den Kooperationsvertrag, der die beiden Hochschulen in Zukunft eng aneinander bindet | Foto: Heidi Wolf
Gefragte Interviewpartnerin: Barbara Stamm hier im Gespräch mit Dr. Albin Lukács vom Ungarndeutschen Radioprogramm des Ungarischen Rundfunks MR4, zu den Themen: Rolle der Andrássy-Universität, Beziehung zu Bayern | Foto: Heidi Wolf
Barbara Stamm und Dr. Andór Nagy, der Vorsitzende der Deutsch-Ungarischen Parlamentariergruppe | Foto: Heidi Wolf
Szabó Vilmos von der Sozialistischen Partei hatte beim Treffen mit der Deutsch-Ungarischen Parlamentariergruppe die Argumente der Opposition vorgebracht | Foto: Heidi Wolf
Der ungarische Parlamentspräsident László Kövér (links, Mitte) empfing zum ersten Mal die Präsidentin eines Bundeslandes | Foto: Heidi Wolf
Meinungsaustausch mit Repräsentanten der bayerischen Wirtschaft, die zu den Freunden der Andrássy-Universität zählen. Neben Barbara Stamm steht Klaus Riedel, Gesandter der Deutschen Botschaft | Foto: Heidi Wolf
In dem prächtigen Plenarsaal tagen die 386 Abgeordneten des ungarischen Parlaments | Foto: Rolf Poss
Die Ehrenwache des ungarischen Parlaments beim Salut für Landtagspräsidentin Barbara Stamm | Foto: Heidi Wolf
Das Parlament in Budapest ist das größte Bauwerk Ungarns. Der Gebäudekomplex aus der Zeit von 1884 und 1902 hat 691 Räume. Entsprechend repräsentativ ist die Eingangshalle | Foto: Heidi Wolf
Angeregter Meinungsaustausch mit dem Deutschlandkenner Gergely Pröhle, dem stellvertretenden Staatssekretär im Aussenministerium | Foto: Heidi Wolf
 
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