Bayerischer Landtag

12.06.2012 - Ehemalige Heimkinder berichten von ihrem Leid - Anhörung im Bayerischen Landtag leitet Dialog ein

Ein ungewöhnlicher Termin: Der Sozialpolitische Ausschuss des Bayerischen Landtags hatte die Anhörung ehemaliger Heimkinder im Parlament organisiert | Foto: Rolf Poss
Weit über 100 ehemalige Heimkinder hatten die Einladung in den Landtag angenommen. Sie hoffen, dass der begonnene Dialog weitergeht | Foto: Rolf Poss
Richard Sucker hatte einen Ochselfiesel zur Anhörung mitgebracht. Damit waren er und die anderen Kinder in einem Heim in Oberfranken geschlagen und gezüchtigt worden | Foto: Rolf Poss
Sonja Djurovic (rechts am Rednerpult) schilderte den Politikerinnen und Politikern ihre erschütternde Lebensgeschichte. Sie und Richard Sucker hatten Petitionen beim Bayerischen Landtag eingereicht und damit die Anhörung initiiert | Foto: Rolf Poss
Betroffene im Gespräch mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm und den Mitgliedern des Sozialpolitischen Ausschusses | Foto: Rolf Poss
Das erlittene Unrecht in den Heimen ist für die Betroffenen noch längst nicht aufgearbeitet | Foto: Rolf Poss

- Von Heidi Wolf -

Es war eine ungewöhnliche Anhörung im Bayerischen Landtag: Ehemalige Heimkinder schilderten den Abgeordneten am Dienstag, 12. Juni 2012, erschütternde Lebensgeschichten. Der 79-jährige Richard Sucker hatte zu der Veranstaltung im Senatssaal des Maximilianeums einen „Ochsenziemer“ mitgebracht. Damit wurde er als Kind in einem Heim in Oberfranken misshandelt. Schläge auf die nackte Haut gab es wegen Nichtigkeiten – bis die Kinder bluteten, berichtete Richard Sucker. 19 Jahre musste er im Heim verbringen. Er war unehelich auf die Welt gekommen – damals ein riesiger Makel. „Kinder von unehelichen Müttern galten als Kinder der Sünde, wurden als Hurenkinder gebrandmarkt“, sagte Manfred Kappeler, emeritierter Professor für Sozialpädagogik an der TU Berlin. Seit 40 Jahren beschäftigt er sich mit dem Schicksal von Heimkindern, die ihn als „ihre Stimme“ bezeichnen.

Manfred Kappeler berichtete in seinem Eröffnungsreferat von schrecklichen Verhältnissen in der Heimerziehung während der ersten drei Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg. Die Kinder und Jugendlichen seien dem unmenschlichen System schutzlos ausgeliefert gewesen. „Es gab keine Instanz, die ihnen zugehört oder geglaubt hätte“, erklärte der Sozialpädagoge. Die Folgen wirken noch immer nach: Viele Betroffene seien auch Jahrzehnte später traumatisiert, litten unter ihren zerstörten Seelen. Nur ein Prozent der ehemaligen Heimkinder sei auf eine weiterführende Schule gekommen; manche lernten nicht einmal Lesen und Schreiben. Das sei auch ein Grund für die heutige Altersarmut, führte Manfred Kappeler aus. Dabei mussten die Kinder und Jugendlichen in den Heimen von früh bis spät arbeiten und bekamen dafür höchstens ein kleines Taschengeld. „Draußen war das Wirtschaftswunder, und wir wurden für die Zwangsarbeit ausgenutzt“, schilderte Sonja Djurovic ihre leidvollen Erfahrungen: „Die Kinder wurden in den Heimen nicht erzogen, sondern gedemütigt, gequält und isoliert. Es gab nur Zwang, und Zwang zerstört die Menschen. Uns wurde vermittelt, dass wir nichts wert sind, im Leben nichts schaffen. Das hat uns geprägt.“ Sonja Djurovic kam ins Heim, weil sie der Freund ihrer Mutter sexuell missbraucht hatte. Sie musste den Beruf der Schneiderin lernen, obwohl sie lieber eine höhere Schule besucht und studiert hätte. Stattdessen nähte sie im Akkord Schürzen. Vier Jahre dauerte diese Leidenszeit. Als sie mit 19 Jahren aus dem Heim entlassen wurde, stand sie mit vier Mark da, hilflos in einer ihr fremden Gesellschaft. „Ohne Selbstwertgefühl. Ohne Aufklärung. Ohne alles. Ich wusste nicht, wie ich eine Wohnung suche oder mich um einen Arbeitsplatz bewerbe.“ Ein erster Suizidversuch folgte, dann zwei gescheiterte Ehen, immer wieder der Kampf ums Überleben.

Unerwartet große Resonanz von Betroffenen

Sonja Djurovic und Richard Sucker hatten mit ihren Petitionen an den Bayerischen Landtag die Anhörung im Maximilianeum initiiert: Betroffene sollten darlegen können, dass es auch in bayerischen Heimen in der Zeit von 1949 bis 1975 zu Übergriffen und Rechtsverstößen gekommen sei und Menschen an entscheidenden Stellen versagt hätten. Der Ausschuss für Soziales, Familie und Arbeit suchte über die Medien Betroffene und war von der Reaktion überrascht: 80 ehemalige Heimkinder äußerten den Wunsch, über ihre schrecklichen Erlebnisse, über erlittenes Leid und Unrecht einmal an verantwortlicher Stelle reden zu können, 56 weitere Betroffene wollten einfach dabei sein, erfahren, dass sie mit ihrem Leid und den lebenslangen Folgen nicht alleine sind. „„Wir wollen Ihre kritischen Anmerkungen und Anregungen mitnehmen, sie aufgreifen und in unsere Arbeit aufnehmen“, versprach Brigitte Meyer, die Vorsitzende des Sozialpolitischen Ausschusses, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die teilweise von weit her gekommen waren. Zu Beginn der Veranstaltung wurde eine gemeinsame Erklärung aller Fraktionen im Bayerischen Landtag verteilt. Darin bedauern die Mitglieder des Ausschusses die Geschehnisse in den Kinderheimen und die damit verbundenen, teilweise lebenslangen Folgen für die Betroffenen zutiefst. Die Anhörung solle ein weiterer Beitrag zur Aufklärung, Aufarbeitung und der Beginn eines Dialogs zwischen Landtag und Betroffenen sein.

Hoffnungen an die Politik

Die ehemaligen Heimkinder hoffen, dass die Veranstaltung einen Schub für ihre Anliegen bringt. Professor Manfred Kappeler formulierte eine Reihe von Forderungen, bei denen die Anerkennung der Kinder- und Jugendarbeit in den Heimen als Zwangsarbeit an vorderster Stelle steht. Diese Zeiten müssten für die Rente anerkannt werden. Richard Sucker hat genau ausgerechnet, was ihm zusteht: 34 Euro pro Tag, 365 Tage, 19 Jahre. So lange war ich unschuldig eingesperrt!“ Und dann fügt er bitter an: „Es ist eine Schande, dass ich als fast 80-Jähriger noch für mein Recht kämpfen muss.“ Sucker bat, auch in Zukunft genau hinzuschauen, was heute in den Heimen passiert. „So etwas darf sich nicht wiederholen“, lautete der Appell der ehemaligen Heimkinder an die Politikerinnen und Politiker. Landtagspräsidentin Barbara Stamm wertete die Anhörung als Zeichen der Wertschätzung an die Betroffenen: „Sie sind Menschen, die das oft nicht erfahren haben. Diese Wertschätzung wollten wir Ihnen heute geben.“

Seitenanfang