Bayerischer Landtag

12.10.2010 - Tunesische Botschafterin auf Antrittsbesuch im Landtag

Die aktuelle Integrationsdebatte in Deutschland muss differenzierter geführt werden. Darin sind sich Dr. Alifa Chaabane Farouk, die neue tunesische Botschafterin in Deutschland, und Landtagspräsidentin Barbara Stamm einig. Beim Antrittsbesuch der Diplomatin am Dienstag, 12. Oktober, im Bayerischen Landtag wurde das Thema offen diskutiert.

Bild: Dr. Alifa Chaabane Farouk, seit März 2010 neue Botschafterin der Republik Tunesien in Deutschland, stattete Landtagspräsidentin Barbara Stamm ihren Antrittsbesuch ab. | Foto: Rolf Poss
Dr. Alifa Chaabane Farouk, seit März 2010 neue Botschafterin der Republik Tunesien in Deutschland, stattete Landtagspräsidentin Barbara Stamm ihren Antrittsbesuch ab. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

„Natürlich gibt es Defizite, die man dann aber auch gezielt angehen muss. Wir sollen jedoch mehr über gelungene Integration sprechen. Dafür haben wir viele Beispiele, gerade in Bayern“, betonte die Landtagspräsidentin. Die 2500 tunesischen Studentinnen und Studenten in Deutschland, davon 200 in München, fühlen sich hier gut aufgenommen, ist Botschafterin Alifa Chaabane Farouk überzeugt, die selber an der Ludwig-Maximilians-Universität Politikwissenschaft und Völkerrecht studiert hat und ausgezeichnet Deutsch spricht. Sie berichtete, dass die 30 besten Abiturienten eines jeden Jahrgangs in Tunesien ein Stipendium für ein Studium in Deutschland erhalten. „Wir setzen auf diese Elite. Sie ist unser Bindeglied zur deutschen Wirtschaft“, betonte die Diplomatin, die eine intensive Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität in München auf den Weg bringen will. Mit der Technischen Universität München gebe es bereits ein Rahmenabkommen.

Die Botschafterin sprach von sehr guten Beziehungen zwischen ihrem Heimatland und der Bundesrepublik Deutschland, die bis ins Jahr 1957 zurückreichten. In den 1970-er Jahren hätten dann Siemens und VW tunesische Gastarbeiter geholt, deren Nachkommen in den meisten Fällen gut integriert seien. Alifa Chaabane Farouk bezeichnete den Islam in Tunesien als tolerant und aufgeklärt. Frauen seien in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ihres Heimatlandes integriert. „Tunesische Frauen werden als Musterfrauen für arabische Frauen gesehen“, berichtete die Botschafterin: Seit 1956 herrscht Gleichberechtigung in Ehe und Familie, seit 1987 Gleichberechtigung auch im Arbeitsleben und seit 1992 wird für Männer und Frauen das gleiche Gehalt bezahlt. 27,9 Prozent der Abgeordneten im Parlament sind Frauen.

Bild: Im Amtszimmer von Landtagspräsidentin Barbara Stamm: Begleitet wurde die Botschafterin von Konsul Mohamed M Hadhbi aus München, Botschaftsrat Mehdi Ferchichi und Mohamed Nabil Kasraoui, dem Leiter der Presseabteilung in der tunesischen Botschaft in Berlin. | Foto: Rolf Poss
Im Amtszimmer von Landtagspräsidentin Barbara Stamm: Begleitet wurde die Botschafterin von Konsul Mohamed M Hadhbi aus München, Botschaftsrat Mehdi Ferchichi und Mohamed Nabil Kasraoui, dem Leiter der Presseabteilung in der tunesischen Botschaft in Berlin. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Auch wirtschaftlich habe sich das Land gut entwickelt: 30 bayerische Firmen produzieren in Tunesien; große deutsche Autohersteller lassen dort Autoteile herstellen, erfuhren die Gesprächsteilnehmer. Im August 2010 wurde das „Jahr der Jugend“ ausgerufen. Für die 60 000 Hochschulabsolventen pro Jahr müssen Arbeitsplätze geschaffen werden, informierte die Botschafterin, die vor allem auf moderne Technik setzt. So sei zum Beispiel eine große Wirtschaftszone mit 50 Betrieben gegründet worden, die Teile für die Luftfahrtindustrie geliefert haben. Tunesien lege außerdem großen Wert auf erneuerbare Energien. Alifa Chaabane Farouk nannte in diesem Zusammenhang den Begriff „Deserttech“. Dabei handle es sich um die Idee, riesige Solaranlagen in der Sahara aufzustellen und die Energie nach Europa zu leiten.

Die Botschafterin lud Landtagspräsidentin Barbara Stamm nach Tunesien ein, um sich selbst ein Bild von dem Land zu machen, „möglichst mit einer Delegation von Frauen, um die arabische Frauenorganisation zu unterstützen.“/hw

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