Bayerischer Landtag

Bildungsausschuss besucht Israel

Bildungsausschuss-Vorsitzender Martin Güll und Stellvertreter Prof. Dr. Gerhard Waschler (v.re.) legen einen Kranz am Soldatenfriedhof in Nazareth nieder. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Martin Güll und Prof. Dr. Gerhard Waschler in Yad Vashem. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Prof. Dr. Gerhard Waschler und Martin Güll mit Nachman Shai, Vorsitzender der
Deutsch-Israelischen Freundschaftsgruppe in der Knesset.
| © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Ausschussvorsitzender Martin Güll in der Halle der Namen in Yad Vashem.| © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Abgeordneter Hans Ritt schließt Freundschaft mit einem Palästinenser auf dem Markt in Bethlehem. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Von links: Martin Güll, Peter Tomaschko, Hans Ritt, Pater Nikodemus, Gerhard Waschler. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Donnerstag, 19. November 2015
– Von Zoran Gojic –

Mitten in Tel Aviv: Ein Mann trägt bayerische Tracht und bemerkt den Blick einer jungen Frau. „Das ist eine Lederhose“, erklärt er. „Ich weiß“, antwortet die Frau. „Mein Großvater hat auch so eine getragen“. Sie lächelt dabei. Eine normale Begegnung und doch auch wieder nicht, weil einem sofort wieder bewusst wird, weshalb die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland so besonders sind. Denn der Großvater in Lederhosen muss ein deutscher Jude gewesen sein, der vor dem Nazi-Terror geflohen ist. Die Vergangenheit ist ständig ein Thema, auch im Alltag, das stellen die Mitglieder der Delegation des Bildungsausschusses des Bayerischen Landtags bei ihrer Informationsfahrt durch Israel immer wieder fest. Aber sie erfahren auch, dass es in Israel die Bereitschaft gibt, nach vorne zu sehen und zwar gemeinsam mit Deutschland.

Deutsch-Israelische Zeremonie zum Volkstrauertag

Ein Beispiel für den sorgsamen Umgang miteinander bietet gleich die erste Station der Reise: der deutsche Soldatenfriedhof in Nazareth. Deutsche Soldaten in israelischer Erde – das klingt erst einmal wie ein Problem. Tatsächlich ist es ein Beispiel für die besonderen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Denn der deutsche Soldatenfriedhof in Nazareth wird vorbildlich gepflegt und einmal im Jahr am Volkstrauertag gedenken Deutsche und Israelis gemeinsam der Gefallenen. Denn unter den 261 bestatteten deutschen Soldaten ist auch ein deutscher Jude begraben – Alfred Gerechter starb wie viele seiner Glaubensbrüder im Dienst für Kaiser und Vaterland während des 1. Weltkriegs in Palästina. Ausschussvorsitzender Martin Güll und sein Stellvertreter Gerhard Waschler legen einen Kranz nieder und erfahren von Norbert Schwake, dem Vertreter der Kriegsgräberfürsorge in Israel, dass es viele Bezüge zu Bayern gibt. In Palästina sind viele Bayern gefallen, die dort mit einer Fliegerstaffel stationiert waren, die Pläne für die Anlage stammen vom Münchner Robert Tischler, das mächtige schmiedeeiserne Gitter ist in Ebersberg geschmiedet worden und auch das große Holzkreuz in der Ehrenhalle wurde in München hergestellt. Am bemerkenswertesten bei der Zeremonie ist vielleicht, dass ein Militärrabbiner teilnimmt. Als die deutsche Nationalhymne erklingt, salutiert er.

Christliche Schulen unterfinanziert

In Nazareth gibt es eine weitere Verbindung nach Deutschland – die Schule der Salvatorianerinnen, eine von 47 christlichen Schulen des Landes. Oberin der katholischen Salvatorianinnen ist Klara Berchthold. Insgesamt werden an christlichen Schulen 38.000 meist arabische Kinder und Jugendliche unterrichtet, alleine 1500 sind es in Nazareth. Dort werden die Kinder in der Regel vom vierten Lebensjahr an betreut und dann bis zum Schulabschluss begleitet. Unter den arabischen Familien in Nazareth und Umgebung genießt die christliche Schule einen exzellenten Ruf und so schicken nicht nur christliche Araber, sondern auch Muslime ihre Kinder dorthin. Die Warteliste ist lang, die Absolventen begehrt, aber dennoch haben die christlichen Schulen mit Problemen zu kämpfen. Im Unterschied zu staatlichen Schulen und den Schulen der ultraorthodoxen Juden, die zu 100 Prozent  vom Staat finanziert werden, liegt die staatliche Beteiligung an christlichen Schulen bei weniger als 30 Prozent der laufenden Kosten. Es gibt das Angebot der Regierung, die Schulen komplett zu finanzieren, aber das lehnt die Schulleitung ab. Denn als Konsequenz würde sie das Recht verlieren, sich die Lehrer und Schüler selber auszusuchen. Für Schwester Klara käme das „einer Enteignung“ gleich. Also ist man weiterhin auf Spenden und das Schulgeld angewiesen und verweist stolz auf die Erfolge. 80 Prozent der Araber, die im High-Tech-Segment eine Arbeit finden, sind auf christlichen Schulen gewesen.

Von links: Otto Lederer, Martin Güll, Iro Wolf, Gerhard Waschler, Peter Tomaschko, Hans Ritt und Yariv Lapid.
Jana Markus erläuterte der Delegation das Konzept der Gedenkstelle Yad Vashem. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Friedensaktivistin Faten Mukarker lud die Abgeordneten zu sich nachhause ein, um über die Situation der Palästinenser zu sprechen. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Kobi Avital, Vice President R&D Car Technology Center, informierte die Delegation über das System der Berufsausbildung in Israel. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Rolf Lindemann (links), Leiter der christlichen Schule Talitha Kumi sprach über die besonderen Herausforderungen der Bildungsarbeit im Westjordanland. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Uri Jeremias, legendärer Gastronom, glaubt an ein friedliches Zusammenleben. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

 Schulleiter Awni Bathish weist die Abgeordneten eindringlich auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: „Wenn die ohnehin wenigen Christen keine christlichen Schulen haben, auf die sie ihre Kinder schicken können, wandern die aus. Und dann gibt es bald überhaupt keine Christen mehr in Israel“. Außerdem seien gerade christliche Schulen eine der wenigen Orte an denen Nationalität und Religion keine Rolle spielen. „Hier kommt Radikalität gar nicht erst auf. Wir haben auch Austauschprojekte mit jüdischen Schulen, damit es Begegnungen zwischen Arabern und Juden gibt“, sagt Bathish und nennt noch eine Besonderheit der Schule. „Wir möchten, dass Geschwister gemeinsam auf die Schule gehen, damit auch jüngere Brüder und Schwestern, insbesondere die Mädchen  ebenfalls eine gute Ausbildung bekommen. Also werden die Kinder bevorzugt, die bereits Geschwister auf der Schule haben. Der Schulalltag ist ehrgeizig. Von Montag bis Samstag wird bis um 15 Uhr unterrichtet. Zusätzlich gibt es nachmittags Wahlfächer. Obwohl die Schule den Lehrern weniger zahlen kann als die staatlichen Schulen und keine unbefristeten Festanstellungen bietet, gibt es keine Schwierigkeiten motiviertes Personal zu finden. „Die Atmosphäre bei uns ist außerordentlich gut, die Schüler ziehen begeistert mit, das spricht sich herum“, erklärt Schwester Klara.

Anerkennung für den deutschen Widerstand gegen Hitler

Im Anschluss gibt es dann noch ein erstaunliche Ereignis. Im Ghetto Fighters‘ House bei Akko wird eine Ausstellung über die Münchner Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ eröffnet. Das klingt für deutsche Ohren nicht spektakulär, ist es aber. Denn in Israel wurde das Thema „Deutscher Widerstand gegen Hitler“ noch nie in einer Schau thematisiert. Die neu kuratierte  „Weiße-Rose-Ausstellung“ sorgt deswegen durchaus für Aufsehen. Das Ghetto Fighters House ist das älteste Holocaust-Museum der Welt und wurde 1949 von Überlebenden des Aufstands im Warschauer Ghetto gegründet – dort deutscher Widerstandskämpfer zu gedenken, das ist schon mal ein Statement. Denn natürlich steht in Israel die Katastrophe des Holocaust im Mittelpunkt. Und lange gab es latent das Misstrauen, mit der Pflege der Erinnerung an den Widerstand würde man in Deutschland eine teilweise Reinwaschung von der Schuld versuchen.
Es ist dem Kulturwissenschaftler Yariv Lapid zu verdanken, dass das Vermächtnis der Geschwister Scholl und ihrer Mitstreiter nun auch in Israel wahrgenommen wird. Lapid hat in Deutschland studiert und in Gedenkstätten gearbeitet, deswegen war er mit der Geschichte der Scholls vertraut, die in Israel den  meisten nicht viel sagt. Durch den Kontakt zur Weiße-Rose-Stiftung entstand die Idee, in einer Ausstellung zu zeigen, dass es Deutsche gab, die sich gegen den Nazi-Terror gewehrt haben. Und zwar nicht, weil es um die Angst vor einer militärischen Niederlage ging, sondern aus einer „Verantwortung für universelle menschliche Werte“ heraus, wie Lapid in seinem Grußwort bei der Eröffnung betont. Hildegard Kronawitter, die Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung, geht das Grund-Dilemma offensiv an. „Ich weiß, das Opfer der Geschwister Scholl ist klein im Angesicht der Millionen Opfer der Shoah“, sagt sie bei der Eröffnung, betont aber gleichzeitig, die Weiße Rose habe die Ablehnung des Nationalsozialismus unter anderem mit dem Verweis auf die Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten begründet. Es gab also Menschen, die trotz Propaganda und Einschüchterung wussten, was sich tat im „Dritten Reich“. Auch Clemens von Goetze, Botschafter Deutschlands in Israel, stellt klar, es ginge nicht um Rechtfertigung oder Aufrechnung. „Der Widerstand, den es gab, ändert nichts an der Schuld Deutschlands. Aber das Beispiel der Geschwister Scholl macht klar: jeder hat die Möglichkeit eine Entscheidung zu treffen. Und darum geht es letztlich.“ Für Yariv Lapid übrigens geht es bei der Ausstellung gar nicht so sehr um die Vergangenheit als vielmehr um die Gegenwart. „Es gibt auch heute viele Menschen, die einfach zur Seite sehen, wenn Unrecht geschieht. Und zwar überall auf der Welt. Das Schlimmste ist es, nichts zu tun. Und die Scholls haben etwas getan, obwohl  sie wussten, welche Folgen das haben kann. Davon können wir alle lernen.“

Am zweiten Tag besucht die Delegation die Gedenkstätte Yad Vashem und lernt aufs Neue: das was geschehen ist, der millionenfache, industriell organisierte Mord an unschuldigen Menschen, das kann man nicht vergessen und darf es auch nicht. Zu gewaltig ist die Katastrophe des Holocaust. Sichtlich bewegt legen Martin Güll und Gerhard Waschler in der Halle der Erinnerung im Namen des Bayerischen Landtags einen Kranz für die Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes nieder.

„Bildung ist der Schlüssel zum Überleben“

Es folgt eine Visite in der Knesset, dem Parlament Israels. Der Abgeordnete Nachman Shai, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Freundschaftsgruppe, empfängt die Delegation am Rande der Haushaltsberatungen und entschuldigt sich für sein „legeres“ Aussehen – er trägt keine Krawatte. „Ich habe keinen Schlips, hier wird heute gearbeitet“ scherzt Shai, wird aber sofort wieder ernst. „Am Haushalt kann man sehen, welches die größten Probleme im Land sind. Wir geben 15 Prozent des Budgets für Militär und Sicherheit aus, das ist der größte Einzelposten. Erst danach folgt die Bildung, obwohl wir darauf traditionell eigentlich am meisten Wert legen. Bildung war für Juden immer der Schlüssel zum Überleben. Wir zahlen einen sehr hohen Preis für die Sicherheit“. Bildung sei aber immens wichtig, um die demokratischen Werte in der Gesellschaft zu vermitteln, betont Shai und gibt in dem Zusammenhang auf Nachfrage zu, dass die mangelhafte Unterstützung christlicher Schulen ein Problem sei, dass man bald lösen müsse.

Christliche Minderheit unter Druck


Beim anschließenden Besuch bei Pater Nikodemus, dem Seelsorger für alle deutschsprachigen Katholiken im Heiligen Land in der Dormitio Abtei, geht es dann wieder vor allem um die Situation der Christen im Land und die ist offenkundig nicht allzu gut. Die Christen machen nicht ganz  zwei Prozent der rund 8, 5 Millionen Menschen in Israel aus. Im Gaza-Streifen, mit über 1,8 Millionen Einwohnern auf 560 Quadratkilometern der am dichtesten besiedelte Ort der Welt, gibt beispielsweise nicht einmal mehr 2000 Christen. Und es werden weniger. Die christlichen Araber haben die geringste Geburtenrate im Land und wandern zudem häufig aus. In der Regel gehören sie zur Bildungselite des Landes und finden Arbeit in anderen Ländern – die USA etwa gewähren Christen aus dem Nahen Osten grundsätzlich Asyl. Übrigens hängt der Wunsch nach möglichst guter Bildung mit der Kinderarmut zusammen. Um ihren Kindern die teure Ausbildung an den christlichen Schulen ermöglichen zu können, gründen Christen meist kleine Familien, um jedem Kind eine Ausbildung finanzieren zu können. Der Druck auf die christliche Minderheit wächst, berichtet Pater Nikodemus. Christliche und muslimische Araber leben weiterhin friedlich zusammen, aber die Christen beobachten beunruhigt die Radikalisierung von Teilen der muslimischen Bevölkerung in den benachbarten Staaten.

„Habe kein Verständnis für religiöse Hooligans“


Schwieriger wird auch das Verhältnis mit dem sehr kleinen, aber radikalen nationalreligiösen Teil der jüdischen Gesellschaft. „Das sind nicht die ultraorthodoxen Juden, die gehen friedlich ihren Studien nach und bedrohen niemanden“, erklärt Pater Nikodemus. „Die Nationalreligiösen sind eher dem rechtsextremen Siedlermilieu zuzurechnen, die würde man in Deutschland bei der NPD verorten.“ Es sei eine sehr kleine Minderheit, aber eine außerordentlich aggressive Gruppe. „Da wird man als Priester auf der Straße schon mal angespuckt, das geht meinen Kollegen der anderen Konfessionen auch so. Und wir haben in den letzten Jahren eine Zunahme von Gewalt gegen christliche Einrichtungen, die von dieser extremistischen Splittergruppe ausgeht. Das geht von Schmierereien über Friedhofsschändung bis hin zu Brandstiftung mit Millionenschäden. Leider hat das die Regierung hier lange nicht richtig ernst genommen“ erzählt Pater Nikodemus und betont, dass er keinerlei Verständnis für radikale Christen, Juden oder Moslems habe. „Das sind Hooligans der Religionen, die missbrauchen den Glauben als Accessoire für ihr Identitätskonstrukt“. Wichtig zu wissen sei aber, dass es auch große Solidarität unter den Religionen gäbe. So würden Rabbiner Geld für das Kloster Tabgha am See Genezareth sammeln, das durch einen Brandanschlag rechtsradikaler Siedler verwüstet worden ist – der Schaden beläuft sich auf über 1,6 Millionen Euro. Auch sei ein wachsendes ehrenamtliches soziales Engagement bei Juden, Muslimen und Christen zu beobachten. Etwas Hoffnung für die Minderheit der Christen schöpft Pater Nikodemus aus einem ganz neuem Phänomen: Christen mit hebräischer Muttersprache. Das seien  oft  Migranten aus Ostafrika oder Asien, die in Israel als Hilfs- und Pflegekräfte arbeiten. Die Kinder dieser Migranten sprechen Hebräisch als Muttersprache, sind aber Christen. Mittlerweile sind es rund 100.000 Menschen. Zum Vergleich: die arabischen Christen zählen in Israel gut 150.000 Menschen. „Eine spannende Entwicklung, bei der man beobachten muss, welche Folgen das für die israelische Gesellschaft aber auch für die christliche Gemeinde haben wird.“

Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer

Am Abend vertiefen die Delegationsmitglieder im Gespräch mit den BR-Reportern Torsten Teichmann und Markus Rosch vor allem die Situation der Bildungspolitik in Israel. Die extrem hohen Lebenshaltungskosten in Israel tragen zur Bildung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft bei, die durch das Schulsystem eher befördert wird. Araber, die eine gute Schulbildung für ihre Kinder wollen, sind auf christliche Schulen angewiesen, die aber viel Geld kosten. Noch gravierender ist das Fehlen einer soliden Berufsausbildung für die Jugendlichen, die nicht studieren können oder wollen und meist aus sozial schwachen Familien kommen. Es gibt immer mehr Akademiker auf der einen und Hilfsarbeiter auf der anderen Seite, aber zu wenig ausgebildete qualifizierte Fachkräfte. „In Israel können die Handwerker immer alles, aber nichts davon richtig gut“, meint Teichmann und berichtet von einer weiter aufgehenden Schere zwischen wohlhabenden und zunehmend mittellosen Israelis. Noch gehe es Israel wirtschaftlich außerordentlich gut, nicht zuletzt wegen der starken Zulieferindustrie. Aber wie es um den sozialen Frieden stehe, wenn die Wirtschaftsdaten einmal schlechter aussehen sollten, sei kaum vorherzusagen.

Deutsches Abitur für arabische Schülerinnen und Schüler

Der dritte Tag der Reise führt in die palästinensischen Autonomiegebiete. Zunächst wird die evangelische deutschsprachige Schule „Talitha Kumi“ besucht, die seit 2014 eine der beiden offiziellen deutschen Auslandsschulen in den palästinensisch verwalteten Gebieten ist. 1859 war sie ursprünglich als Schule für arabische Mädchen gegründet worden. Heute gehen dort  auch Jungen zur Schule. „Wir haben ebenso viel Mädchen wie Jungen hier. Und 50 Prozent der Jugendlichen sind Muslime“, erläutert Lindemann. Auch Kinder mit Behinderungen werden aufgenommen, sofern sie beschulbar sind. „Inklusion haben wir hier schon gelebt, als es das Wort in Deutschland noch gar nicht gab", erläutert Lindemann. Talitha Kumi steht im „Niemandsland“ zwischen israelisch und palästinensisch verwaltetem Gebiet. „Der Vordereingang der Schule wird von Israel kontrolliert, der Hinterausgang von den Palästinensern und wo genau auf dem Schulgelände die Grenze verläuft, kann nicht genau geklärt werden“ sagt Schulleiter Rolf Lindemann und lacht. „Es spielt auch keine Rolle“. Die Schule ist trotz oder vielleicht auch wegen dieser besonderen Lage ein Vorzeigeprojekt. Hier gibt es nicht nur einen Kindergarten und das schulische Vollprogramm, sondern auch eine Berufsausbildung, was für Lindemann außerordentlich wichtig ist. Die Schule bildet zu Hotel- und Restaurantfachkräften aus und arbeitet dafür mit Betrieben aus der Umgebung zusammen. „Wir praktizieren hier eine duale Berufsausbildung nach deutschem Modell mit hohem Praxisanteil in Hotels und Restaurants. Unsere Absolventen sind sehr begehrt und bekommen sofort Arbeit. Für viele Jugendliche, die sich nicht so sehr für einen höheren Abschluss oder ein Studium interessieren, ist das eine einzigartige Gelegenheit“, sagt Lindemann.

In Jerusalem besuchte die Delegation das Parlament Israels, in dem gerade der Haushalt beraten wurde. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Ursula Mukarker betreibt mit Hilfe der evangelischen Kirche Bayerns ein Traumazentrum in Bethlehem. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
In der Halle der Namen werden den Opfern des Holocaust Namen und Gesichter wieder gegeben. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Stolz ist man hier darauf, seit 2013 die Möglichkeit zum Erwerb des deutschen Abiturs anzubieten. 38 Schüler haben es seitdem geschafft – darunter 25 Mädchen – und Lindemann legt Wert auf die Tatsache, dass es keinen Bonus gibt. „Das Abitur wird auf Deutsch abgenommen und die Zweitkorrektur findet in Deutschland statt. Umso erfreulicher ist es, dass der Notenschnitt unserer Abiturienten bei  1,8 liegt. Die Hälfte der Abiturienten studieren dann auch in Deutschland“, sagt Lindemann und nutzt die Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass man sich keineswegs als Kaderschmiede für Eliten versteht, sondern Bildung umfassend begreift. „Wir betreiben auch ein Internat mit durchschnittlich 20 Mädchen, die oft aus prekären Verhältnissen stammen und sich sonst keine solide Ausbildung leisten könnten. 60 Euro pro Monat Schulgeld klingt für uns sehr moderat, aber für die Menschen hier ist das eine hohe Summe. Das ist für uns genauso wichtig wie die Vorbereitung auf das deutsche Abitur, das nur von vergleichsweise wenigen Schülern angestrebt wird. Für die meisten palästinensischen Jugendlichen geht es vor allem darum, hier einen guten Job zu finden und dabei wollen wir helfen“.

Trister Alltag im Westjordanland

Die Realität ist auch, dass die Möglichkeiten für die Jugendlichen sehr beschränkt sind, einfach, weil die palästinensisch kontrollierten Gebiete abgeriegelt sind und die Wirtschaft am Boden liegt. Dabei sind die Lebenshaltungskosten exorbitant hoch. Die Friedensaktivisten und Autorin Faten Mukarker zeigt den Abgeordneten nach dem Besuch in der Schule den Alltag der Palästinenser im Westjordanland. Der wird von Mauern und Zäunen bestimmt. Palästinenser dürfen nicht nach Israel einreisen, es sei denn sie haben eine der raren Ausnahmegenehmigungen und Israelis können auch nicht in die palästinensisch kontrollierten Gebiete. Es sei denn, es handelt sich um Siedler, die in streng bewachten Ortschaften ein abgeschottetes Leben führen. Mukarker stört sich insbesondere an diesen Siedlungen, die völkerrechtlich illegal sind. Ihrer Meinung nach verhindern diese Siedlungen einen Ausgleich und Fortschritte im Friedensprozess. „Es ist völlig klar: ohne die Anerkennung Israels und die Respektierung seiner Interessen kann es keinen palästinensischen Staat geben. Aber eine friedliche Koexistenz kann es nur geben, wenn wir auch einen richtigen Staat bekommen, der von Israel respektiert wird“. An eine gütliche Einigung der Konfliktparteien mag Mukarker nicht mehr recht glauben. „Wir sind auf beiden Seiten unter Druck von Extremisten, die im Grunde völlig gleich ticken. Sie verfolgen unterschiedliche Ziele, aber die Methoden ähneln sich. Ich glaube, man muss uns zu unserem Glück zwingen.“

Evangelische Kirche Bayerns unterstützt Traumazentrum in Bethlehem


Ein Versuch mit der belastenden Situation umzugehen, ist das Traumazentrum „Wings of Hope", das Mukarkers Tochter Ursula in Bethlehem betreibt. Hier werden vor allem Frauen beraten und behandelt, die unter Traumata leiden. „Fast jede Familie hat furchtbare Dinge durchgemacht. Kinder müssen die Hilflosigkeit ihrer Eltern miterleben, wenn sie von israelischen Soldaten schikaniert werden, manche haben miterlebt wie Familienmitglieder weggesperrt wurden, andere haben mitangesehen wie ein Freund verletzt oder getötet wurde. Das alles belastet, führt manchmal zu häuslicher Gewalt. Wir wollen aufzeigen, wie man damit umgehen kann“, erklärt Ursula Mukarker. Wichtiger Baustein ist die zweijährige Ausbildung von Traumapädagogen beziehungsweise Traumatherapeuten. Unterstützt wurde das Projekt von der Evangelischen Kirche in Bayern, Geld von den Autonomiebehörden gibt es nicht. „Die finden gut, was wir machen, helfen uns aber nicht“, konstatiert Ursula Mukarker fatalistisch. Dennoch ist sie Optimistin, sie will mit einem Pilotprojekt ihr Konzept in die Schulen tragen und Jugendliche für das Thema sensibilisieren. Dafür stehen Verhandlungen mit den Autonomiebehörden an, die bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert haben. „Wir müssen an die jungen Menschen herankommen, das ist entscheidend“, ist Ursula Mukarker überzeugt.

Mangel an Fachkräften auch in Israel


Wie zentral und mitunter verwirrend das Thema Bildung in Israel ist, erfahren die Abgeordneten am vierten und letzten Tag beim Besuch des R&D Car Technology College in Tel Aviv. Der Vizepräsident Kobi Avital führt zunächst in einem prägnanten Referat durch das Labyrinth des israelischen Bildungssystems. Gefördert wird, kurz gesagt, vor allem der akademische Abschluss. Daneben gibt es die Möglichkeit mit dem Besuch einer Art Fachhochschule einen Handwerksmeister zu erwerben, allerdings sind während der Ausbildung keine praktischen Elemente vorgesehen. Das führt dazu, wie Avital plastisch schildert, dass es Kraftfahrzeugmechaniker mit Meisterbrief gibt, die in ihrem Leben kein Auto repariert haben. Daneben gibt es eine praktische Ausbildung, die Avital als „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ bezeichnet, in der aber zu wenig Inhalt vermittelt wird. „Keiner von diesen „Praktikern“ bekommt einen Job. Das Grundproblem ist, dass drei Ministerien und eine Gewerkschaft für die Ausbildung für ein und denselben Beruf zuständig sind, weil es verschiedene Wege zum Meister gibt. "Das Resultat ist, dass in einem Land mit drei Millionen zugelassenen Autos 6000 Kfz-Mechaniker fehlen“. Wenig hilfreich sei zudem, dass Meister sich nicht sofort mit einer eigenen Werkstatt selbstständig machen können, sondern erst einige Jahre in einer anderen Werkstatt arbeiten müssen – nicht allzu motivierend. Es gab zwar den Versuch das duale Ausbildungssystem aus Deutschland zu übernehmen, aber das ist gescheitet. „Dafür braucht man den engen Austausch mit den Betrieben, das ist nicht gelungen“, erklärt Avidal. Nicht zuletzt deswegen hat die Innung der Kfz-Werkstätten ein Programm unterstützt, in dem Jugendliche zum Teil in Deutschland Praxis sammeln und dann einen Meisterbrief erlangen können. „Wir schicken diese Kids für zwei Monate nach Deutschland und jeden Freitag müssen sie ein Auto reparieren. Wir fiebern immer atemlos mit, weil die Deutschen es sehr genau nehmen, aber die Jungs und Mädchen schlagen sich gut“, berichtet Avidal und ergänzt: „Viele, die wir auf diesem Weg weiterbilden, sind Jugendliche ohne echte Perspektive aus prekären Verhältnissen. Die sind unglaublich stolz, wenn sie nach zwei Jahren einen Abschluss haben, mit dem sie etwas anfangen können. Das sind Migranten aus Afrika, junge Frauen, Araber – sie alle haben die Chance auf ein gutes Einkommen, gesellschaftliches Ansehen, können Familien gründen“, schwärmt Avidal. Gerade gibt es Bemühungen auf gegenseitige Anerkennung des Meisterbriefes in Israel und Deutschland, aber das scheitert derzeit noch am Widerstand der israelischen Regierung. „Unsere Hoffnung ist die Armee. Mit der kooperieren wir nämlich auch, weil sie während des dreijährigen Militärdienstes eine Weiterbildung anbietet – ebenfalls mit Praxisteil in Deutschland. Sie sind offenbar sehr zufrieden mit den Resultaten und das könnte uns helfen“, so Avidal.

Bayern ist wichtig für die Ausbildung von Lehrkräften


 Bayern ist für die Innung besonders wichtig, denn mit Hilfe des Freistaats soll eines der größten Probleme angegangen werden: die Ausbildung von Lehrkräften für die Ausbildung von zukünftigen Kfz-Meistern. „Die Uni-Absolventen haben keine Ahnung von der Materie, sieht man von Theorien zur Hydraulik und dergleichen ab. Und die Praktiker verfügen nicht über das didaktische Handwerkszeug. Man muss die Schülerinnen und Schüler packen und begeistern, sonst funktioniert das nicht“, ist sich Avidal sicher. Mit Hilfe Bayerns sollen Lehrer ausgebildet werden, die sowohl theoretisch als auch didaktisch als auch praktisch kompetent sind. Das Programm umfasst drei Schritte. Zunächst sollen die Lehrer in Israel ausgebildet werden, unter anderem auch in Englisch, denn die Fachliteratur ist in der Regel nicht auf Hebräisch verfügbar. Im zweiten Schritt sollen Berufsschulexperten aus Bayern in Israel in Workshops Didaktik und Pädagogik vermitteln, die auf Jugendliche zugeschnitten ist, die den Beruf erlernen. Abschließend übernimmt die Kfz-Innung Oberbayern in Bayern den Praxisteil.  Sorgen bereitet Avidal die Finanzierung. „Die bereits laufenden Programme zur Ausbildung von Kfz-Meistern haben wir immer mitfinanziert, aber mittlerweile gibt es dafür vom Staat überhaupt kein Budget mehr. Und wir können nicht alles übernehmen. Ich meine: wir sind nicht das Bildungsministerium. Wenn Sie mich fragen, wie es 2016 weitergeht, muss ich antworten, dass ich nicht die geringste Ahnung habe. Dabei brauchen wir diese Fachkräfte dringend. Auch in anderen Branchen übrigens“, stellt Avidal klar. Und wird dann doch ganz kurz wehmütig: „Früher waren wir stolz darauf, dieses Land mit unserer Hände Arbeit aufgebaut zu haben. Heute will niemand mehr mit den Händen arbeiten.“

Es gibt eine gemeinsame Zukunft

In der Förderung der Berufsausbildung, da ist man sich unter den Abgeordneten sicher, kann man Israel Unterstützung anbieten. Auch wenn es oft um die Vergangenheit geht in Israel, auf die Zukunft wird die Delegation ebenso oft angesprochen. Es gibt viele Anknüpfungspunkte für gemeinsame Projekte, das immerhin steht fest. Und dass die Bildung sowohl für Israel als auch für Bayern ein Kernthema bleibt. Alles andere – die Konflikte, die schier unauflösbaren Gegensätze, der Stillstand in den Beziehungen zwischen Palästinensern und Israelis – all das hinterlässt Ratlosigkeit. Uri Jeremias, Betreiber des legendären Restaurants „Uri Buri“ in Akko glaubt an die Möglichkeit eines Zusammenleben. „Man muss sich nicht lieben – aber respektieren. Wer sich respektiert, kann zusammenleben, ohne sich zu lieben. Aber wer sich nicht respektiert, kann nicht zusammenleben, selbst wenn man sich liebt“, ist sich Jeremias sicher. Bei ihm habe es funktioniert. „Ich hatte noch nie Probleme mit meinen arabischen Nachbarn gehabt und die nicht mit mir“.

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