Bayerischer Landtag

18.06.2012 - Energiewende und neue Wege zur Inklusion: Landtagspräsidium von Vorzeigeprojekten sehr angetan

Förster Rainer Behringer erklärt die Funktionsweise der Hackschnitzel-Heizanlage, die den gesamten Komplex des Klosters Scheyern mit Energie versorgt. | Foto: Rolf Poss
Abt Markus Eller nach einer kleinen ´Spritztour` über das Klostergelände mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm. | Foto: Rolf Poss
Landrat Roland Weigert mit dem Aushängeschild der Region: dem Schrobenhausener Spargel. Rechts Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Rechts: Spargelkönigin Daniela Kügler und der Vorsitzende des Spargelerzeugerverbandes e. V., Josef Pöckl | Foto: Rolf Poss
Intensive Gespräche: 1. Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet und Regierungspräsident Christoph Hillenbrand | Foto: Rolf Poss
Auf ausrangierten Elektrofahrzeugen, die das Franziskuswerk Schönbrunn vom Flughafen Frankfurt am Main erworben hat, fuhren die Mitglieder der Delegation von einer Station zur anderen, um sich über die verschiedenen Projekte zu informieren. | Foto: Rolf Poss
Erläuterung des inklusiven Wohnens im Franziskuswerk Schönbrunn | Foto: Rolf Poss
Die Delegation besuchte auch die Werkstätten für Menschen mit Behinderung, die das Franziskuswerk Schönbrunn unterhält. | Foto: Rolf Poss
Blick in die technische Überwachung der GfA Olching - Müllverbrennungsanlage Geiselbullach | Foto: Rolf Poss
Nach den tödlichen Schüssen auf einen jungen Staatsanwalt im Januar 2012 im Amtsgericht Dachau wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Für die Besucher gelten strengere Kontrollen. | Foto: Rolf Poss
Gespräche im Amtsgericht Dachau | Foto: Rolf Poss
Großer Andrang beim Abendempfang im Schloss Dachau. Vor allem ehrenamtlich tätige Menschen standen im Mittelpunkt. | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm begrüßte die anwesenden Gäste beim Abendempfang im Schloss Dachau | Foto: Rolf Poss
Bild: Das Präsidium unter Leitung von Landtagspräsidentin Barbara Stamm bei der Ankunft in Kloster Scheyern. | Foto: Rolf Poss
Das Präsidium unter Leitung von Landtagspräsidentin Barbara Stamm bei der Ankunft in Kloster Scheyern. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

- Von Heidi Wolf -

Das nördliche Oberbayern ist eine Region mit Zukunft. Davon überzeugte sich das Präsidium des Bayerischen Landtags am Montag, 18. Juni 2012, auf seiner ganztägigen Informationsreise durch die Landkreise Pfaffenhofen an der Ilm, Neuburg-Schrobenhausen, Fürstenfeldbruck und Dachau. Besichtigt wurden Vorzeigeprojekte im Bereich nachhaltiger Energieformen und Energienutzung wie das Kloster Scheyern oder soziale Einrichtungen wie das Franziskuswerk Schönbrunn, das neue Wege im „inklusiven Wohnen“ gehen will: Mehrstöckige Wohnheime sollen abgerissen und durch kleinere Häuser ersetzt werden, damit Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam in diesem „Dorf Schönbrunn“ leben können und wollen. Die Reise endete am Abend mit einem Empfang für 600 geladene Gäste im Schloss Dachau. Menschen, die sich ehrenamtlich in verschiedenen Bereichen engagieren, standen dabei im Mittelpunkt. Das Präsidium nahm von allen Terminen wichtige Anregungen für die Arbeit im Parlament mit. „Für uns ist es wichtig, dass wir nicht nur im Maximilianeum unsere Verantwortung als Politikerinnen und Politiker wahrnehmen, sondern dass wir zu den Menschen kommen, mit ihnen reden und uns selbst ein Bild von ihrer Situation machen“, begründete Landtagspräsidentin Barbara Stamm den Besuch.

Alle Regierungsbezirke bereisen – das hat sich das Präsidium des Bayerischen Landtags für diese Legislaturperiode vorgenommen. Ein großer Teil dieses Arbeitsprogramm ist bereits abgehakt: Oberfranken, Niederbayern, Schwaben, die Oberpfalz und Mittelfranken waren bereits an der Reihe. Oberbayern als größter Regierungsbezirk wird in zwei Etappen aufgeteilt: der Norden war am 18. Juni an der Reihe, der Süden folgt am 22. Oktober 2012 und Unterfranken im Frühjahr 2013.

Hackschnitzel – eine teuere Energie

Diesmal bildete das Kloster Scheyern mit seiner 900-jährigen Tradition die erste Station auf der Informationsreise. Der Stammsitz der Wittelsbacher ist eines der ältesten Kulturgüter im Hopfenland Hallertau – ein lebendiges Kloster, das die Region über Jahrhunderte kulturell und spirituell geprägt hat. Auch heute gehen von den 15 Benediktinermönchen wertvolle Impulse aus. Regionale Selbstversorgungskonzepte werden hier vorbildlich umgesetzt, berichteten Abt Markus Eller und Cellerar Pater Lukas Wirth: Wurst und Fleisch aus der eigenen Metzgerei kommen in der Klosterschänke auf den Tisch, ebenso Fische aus den klostereigenen Teichen. In der Brauerei wird zertifiziertes Solarbier gebraut, CO2 neutral, mit Wasser aus dem hauseigenen Brunnen und Zutaten aus der Region: den Hopfen aus der Hallertau, die Braugerste aus dem Benediktinerkloster Plankstellen im Altmühltal. Die benötigte Energie für den gesamten Klosterkomplex liefert die Hackschnitzelanlage. Als großen Vorteil schilderte Förster Rainer Behringer, dass hier Holz, das vom Borkenkäfer befallen ist, sehr schnell verwertet werden kann. 50 Prozent der benötigten Hackschnitzel kommen aus dem 450 Hektar großen Klosterwald, der Rest muss auf dem Markt zugekauft werden, berichtete Behringer. Seine Erfahrung und seine Prognose: „Hackschnitzel werden richtig knapp. Der Preis hat sich in der letzten Zeit verdoppelt. Öko-Energie wird eine ganz teuere Energie!“

„Die junge Ordensspitze hat wieder Schwung ins Kloster gebracht“, erklärte Georg Gerl, der Leiter des Versuchsguts Scheyern. Es gehört seit Oktober 2005 zum Helmholtzzentrum München, vorher zur TU München. „Als wir 1996 die erste Hackschnitzelheizung gebaut haben, war das Kloster noch außen vor“, berichtete Gerl. Reinhold Bocklet. I. Vizepräsident des Bayerischen Landtags, konnte sich noch gut an das Projekt erinnern. Er war damals Landwirtschafts- und Forstminister; sein Ministerium förderte das Vorhaben. Das Versuchsgut Scheyern hat die Erzeugung gesunder Pflanzen in einer gesunden Umgebung in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt - Strategien für eine nachhaltige Nahrungsproduktion sollen erarbeitet werden. Die Delegation hörte wiederholt das Kürzel „KUP.“ Es steht für Kurzumtriebsplantagen: Gehölze, vor allem Pappeln, werden zwischen die landwirtschaftlichen Flächen gepflanzt und nach vier bis fünf Jahren zum ersten Mal geerntet. „Wir wollen damit den Artenschutz fördern. Nebenbei fallen Hackschnitzel an“, berichtete Georg Gerl. Den wissenschaftlichen Versuch betreut ein Doktorand – junge Leute gehören ganz selbstverständlich zum Kloster Scheyern, denn hier gibt es eine Berufsoberschule, bald auch eine Fachoberschule. In den historischen Mauern befindet sich auch ein Wohnheim für 120 junge Frauen und Männer – alles sehr zeitgemäß umgebaut, denn Sanieren und Renovieren ist Alltag in Scheyern. „Wir können hier beispielhaft sehen, wie ein modernes Kloster geführt wird“, lobte Vizepräsident Franz Maget.

Die Sorgen der Spargelbauern

Kommunalpolitiker und Verbandsvertreter schilderten beim anschließenden Mittagessen in Schrobenhausen die Vorteile ihrer Region und ihre Anliegen: Überzogene Auflagen für den Brandschutz in öffentlichen Gebäuden, keine kostendeckenden Pflegesätze für geriatrische Einrichtungen und noch mehr Schutz für den Schrobenhausener Spargel, dessen Einzigartigkeit die EU-Kommission nach zehn Jahren endlich anerkannt habe. Beim geschälten Spargel in der Münchner Großmarkthalle zum Beispiel sei die regionale Herkunft nicht mehr erkennbar; der teuere Schrobenhausener Spargel müsse dann mit dem billigen griechischen Spargel konkurrieren, klagte Josef Plöckl, der Vorsitzende des Spargelerzeugerverbandes. Der Tenor bei allen Gesprächen: Dem nördlichen Oberbayern am Schnittpunkt mehrerer Verkehrsachsen geht es gut. Die Arbeitsmarktzahlen sind hervorragend, die Verschuldung der Gemeinden und Landkreise ist gering, alle Prognosen weisen in eine gute Zukunft, die Bevölkerung nimmt zu, aber in einem gut vertretbaren Maß.

Franziskuswerk und UN-Behindertenrechtskonvention

Viel Optimismus auch im Franziskuswerk Schönbrunn, wo Generaloberin Schwester M. Benigna Sirl die Politikerinnen und Politiker zu einem Rundgang willkommen hieß. In den verschiedenen Einrichtungen werden geistig und mehrfach behinderte Kinder, Jugendliche und Er-wachsene bis ins hohe Alter betreut. Es gibt ein differenziertes Angebot an Wohn-, Therapie-, Arbeits-, Bildungs- und Freizeitmöglichkeiten. Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention bestimmt die Arbeit. „Hier gibt es kein Zurück“, betonte Geschäftsführer Markus Tolksdorf. Während früher die Fürsorge im Mittelpunkt stand, gehe es jetzt darum, ein auf den einzelnen Menschen zugeschnittenes Angebot zu entwickeln. „Wir sind dabei, Menschen mit Behinderung mehr zuzutrauen“, sagte Bezirkstagspräsident Josef Mederer.
Als Beispiele für gelungene Inklusion erlebten die Politikerinnen und Politiker die Johannes-Neuhäusler-Schule, die in den Grundschulen Röhrmoos, Hebertshausen und Haimhausen Partnerklassen hat. Mit dem Gymnasium und der Realschule Indersdorf sowie dem Carl-Orff-Gymnasium in Unterschleißheim besteht bei Musik-, Kunst- und Theater-projekten eine kreative Zusammenarbeit. Ein sozialpädagogischer Dienst besteht, der die Einzelbetreuung übernimmt, wenn Eltern ihre Kinder mit einer Behinderung in eine Regelschule schicken wollen. Die Schule will außerdem eine Fortbildung für Realschullehrer anbieten, die bisher keine Erfahrung mit behinderten Kindern haben. Auf diese Weise sollen Vorbehalte abgebaut werden. Das Ziel in Schönbrunn: Eine inklusive Kultur soll herrschen, die allen signalisiert: Willkommen! Die klare Botschaft: „Es darf keine Verlierer geben. Auch Menschen mit einem hohen Förderbedarf haben ein Recht auf Bildung.“

„In jedem deutschen Auto fährt mindestens ein Teil aus einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung mit“, kommentierte Landtagspräsidentin Barbara Stamm, was ihr in einem Arbeitsraum in Schönbrunn demonstriert wurde. 20 Beschäftigte stellen hier unter der Anleitung von drei Betreuern Teile für Armaturenbretter in Automobilen her. Die Delegation fuhr auf ausrangierten Elektrofahrzeugen vom Flughafen Frankfurt am Main zu den einzelnen Stationen, um sich ein Bild von der Arbeit in Schönbrunn zu machen. „Inklusion ist unsere gemeinsame Aufgabe“, verabschiedete sich Präsidentin Barbara Stamm, die in diesem Anliegen alle Fraktionen des Landtags hinter sich weiß.

Energie aus Müll – unausgeschöpftes Potenzial

Fast am Ende des Programms noch einmal Energie in anderer Form: „Die Zukunft liegt im Müll“ – das wurde in der Müllverbrennungsanlage Geiselbullach in der Gemeinde Olching demonstriert. Obwohl dieser Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Fürstenfeldbruck zum Beispiel ein großes Gewerbegebiet in der Nähe mit Wärme versorgt, verpuffen derzeit noch 85 Prozent der anfallenden Wärme ungenutzt. Das sind mehr als 200 000 Megawattstunden pro Jahr. Die Bitte an die Politikerinnen und Politiker: Die Landkreisordnung sollte so weit geöffnet werden, dass Landkreise und Gemeinde nicht nur Abfallwirtschaft betreiben, sondern auch in die Energiewirtschaft einsteigen können. Die beiden örtlichen Stimmkreisabgeordneten haben außerdem schon im September 2011 staatliche Hilfen für den Bau von Fernwärmeleitungen gefordert. Kommentar der beiden Politiker: „Es ist das Bohren dicker Bretter.“

Letzte Station Amtsgericht und Schloss Dachau

Im Amtsgericht Dachau diskutieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schließlich noch das neue Sicherheitskonzept, das nach den tödlichen Schüssen am 11. Januar 2012 in einem Gerichtssaal auf einen Staatsanwalt erarbeitet wurde. Landgerichtspräsident Christian Schmidt-Sommerfeld und Amtsgerichtsdirektor Klaus Jürgen Sonnabend dankten den Abgeordneten für die schnelle Reaktion: 140 Beamtenstellen wurden genehmigt, über 25 zusätzliche Millionen Euro bewilligt, um private Sicherheitsunternehmen beauftragen zu können, außerdem knapp 15 Millionen Euro mehr für diverse Sicherheitsmaßnahmen.
Als die Delegation den Termin im Amtsgericht Dachau absolvierte, eilten festlich gekleidete Menschen dem benachbarten Schloss zu. Dort fand ein großer Empfang für 600 geladene Gäste aus allen Schichten der Gesellschaft statt, vor allem für Menschen, die sich ehrenamtlich in verschiedenen Bereichen engagieren. Im Festssaal mit der einzigartigen Kassettendecke aus der Renaissance dankte Landtagspräsidentin Barbara Stamm im Namen des gesamten Parlaments für die erbrachten Leistungen: „Es funktioniert in unserer Gesellschaft viel mehr, als wir letztendlich wahrhaben wollen.“

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