Bayerischer Landtag

20.05.2012 - Informationsreise des Bildungsausschusses durch Israel

Die Delegation über den Dächern Jerusalems. Links zu erkennen: die goldene Kuppel des Felsendoms.
Führung durch die Gedenkstätte Yad Vashem
Kranzniederlegung in der Halle der Erinnerung
Stv. Ausschussvorsitzender Georg Eisenreich, Einat Wilf, Vorsitzende des Erziehungsausschusses in der Knesset, der Vorsitzende der israelisch-deutschen Freundschaftsgruppe Yaakov Edri, Vorsitzender Martin Güll
Martin Güll überreicht Schülerinnen der multikonfessionellen Schmidt-Schule in Jerusalem ein Gastgeschenk. Hier bekommen junge Mädchen aller sozialen Schichten die Chance einen höheren Schulabschluss zu machen. | Foto: Zoran Gojic
Der stellvertretende Ausschussvorsitzende Georg Eisenreich, Museumsguide Meira Niv, Enia Zeev Kupfer, Leiterin der Abteilung Europa des Museum of the Jewish People, Shelley Kedar, Leiterin der International School for Jewish Peoplehood Studies und Ausschu | Foto: Rolf Poss
Bild: Naama Weinberg, Seminraleiterin bei der Yitzak Rabin Jugendherberge, Ausschussvorsitzender Martin Güll und der stellvertretende Ausschussvorsitzende Georg Eisenreich. | Foto: Zoran Gojic
Naama Weinberg, Seminraleiterin bei der Yitzak Rabin Jugendherberge, Ausschussvorsitzender Martin Güll und der stellvertretende Ausschussvorsitzende Georg Eisenreich. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Im November 2011 hatten Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle, der israelische Erziehungsminister Gideon Sa’ar und Avner Shalev, Direktor der nationalen israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, in Jerusalem eine verstärkte Zusammenarbeit und intensiveren Austausch im Bildungssektor vereinbart. Konkret sollen vor allem der Rahmen für die Koordination der bereits bestehenden einzelnen Aktivitäten verbessert und weitere Projekte angeschoben werden. Besonderes Augenmerk wird auf die Vernetzung des pädagogischen Personals gelegt werden. In Seminaren und Workshops sollen Lehrer und Schüler in gemeinsamen Projekten historische Bildungsarbeit leisten. Beide Seiten können auf diese Weise etwas über Inhalte und Methoden des jeweils anderen erfahren und voneinander lernen. Auch in der Forschung und Archivarbeit will man enger kooperieren und sich intensiver austauschen. Damit kann man den Geschichtsunterricht nutzen, um Brücken zu aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen wie etwa Rassismus oder religiöse Intoleranz zu schlagen. Bayern positioniert sich damit bundesweit eindeutig und leistet Pionierarbeit bei der wissenschaftlich fundierten Qualifizierung des Lehrpersonals. Das Vorhaben wurde im Bildungsausschuss quer durch die Fraktionen begrüßt. Die Informationsfahrt nach Israel sollte ein Zeichen setzen und den Mitgliedern des Gremiums die Möglichkeit geben, sich vor Ort einen Eindruck über bereits vorhandene und künftige gemeinsame Projekte zu verschaffen. Eine herausgehobene Rolle fällt dabei der Zusammenarbeit mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu. Deswegen war der Besuch dort bewusst als erster Termin der Reise gesetzt worden. Ausschussvorsitzender Martin Güll legte stellvertretend für den Bayerischen Landtag einen Kranz in der Halle der Erinnerung in Yad Vashem nieder. Zuvor hatte Dr. Noa Mkayton dem Ausschuss das Konzept von Yad Vashem vorgestellt und bei einer Führung durch die Gedenkstätte eindrucksvoll dargelegt, welche Herausforderungen künftig bei der Wissensvermittlung und Erinnerungsarbeit auf Lehrer zukommen und wie man nachfolgenden Generationen begreiflich machen will, was im Grunde nicht zu begreifen ist: der industriell betriebene Völkermord an rund sechs Millionen europäischen Juden. Mkayton plädiert für eine Abkehr von dem, was sie „Betroffenheitspädagogik“ nennt. Das Zeigen grausamer Bilder von Leichenbergen und das Aufzählen begangener Gräuel seien ein nachvollziehbarer, aber hilfloser Versuch gewesen, das Geschehene aufzuarbeiten. „Wichtiger ist, aus den anonymen Opfern der Nazis wieder Menschen zu machen“, betonte Mkayton. „Deswegen widmen wir uns auch ausführlich der Zeit vor Hitlers Machtergreifung 1933 und dokumentieren den Alltag der Juden in Deutschland, die ja integriert waren und sich selbst als Deutsche begriffen. Viele waren große Patrioten“, erklärte Mkayton. Auch bei den Verbrechen in den Ghettos und Konzentrationslagern verfolgt man in Yad Vashem diesen Ansatz.
Auch wenn schockierende Fotos und Fakten selbstverständlich enthalten sind, liegt der Schwerpunkt auf Zeitzeugnissen, die individuell zuzuordnen sind - Tagebucheinträgen, Briefen, persönlichen Gegenständen, die den Ermordeten ihre Biografien zurückgeben und damit auch den Bezug zur Gegenwart herstellen. „Das ist die Relevanz dieser Ausstellung: das Entstehen von Vorurteilen, die Mechanismen der Diffamierung aufzuzeigen. Das ist das Ziel der Seminare, die man mit deutschen Lehrkräften veranstaltet und die den Pädagogen die Möglichkeit geben soll, in ihrer Heimat regionale Bezüge herzustellen und mit den Schülern Geschichte lebendig zu machen. Dabei sollen auch die Täter und ihre Motivation sichtbar gemacht werden: naturgemäß besonders auf deutscher Seite ein schmerzhafter Prozess. Die Schuld wird mit Namen, Gesichtern, Familiengeschichten in Beziehung gesetzt.

Vorschulbesuch ist verpflichtend

Bei der Zusammenarbeit mit den Schulen soll die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit als Schnittstelle fungieren. Dabei ist die Erinnerung an den Holocaust kein Selbstzweck, sondern hat ein klares Ziel, das in die Zukunft weist, wie Mkayton ausführt: „Wir können an den Verbrechen der Vergangenheit den Wert von Demokratie und Toleranz für uns ermessen. Das ist die eigentliche Bedeutung dieser Gedenkstätte. Wir vermitteln durch historisches Lernen Menschenrechtsbildung.“
Ein konkretes Beispiel dafür ist die von Yad Vashem zusammengestellte Ausstellung „Besa. A Code Of Honor“, die ab Januar 2013 in bayerischen Schulen gezeigt wird. Darin wird dokumentiert, wie muslimische Albaner während des Zweiten Weltkrieges Juden halfen und ihnen das Leben retteten. „Dadurch kann man zum Beispiel jungen Muslimen in Deutschland eine Möglichkeit geben, neue Perspektiven zum muslimisch-jüdischen Verhältnis zu gewinnen. Nicht selten ist bei Muslimen ein religiös motivierter Antisemitismus feststellbar, dem muss man etwas entgegen stellen und den Lehrern bei der Aufklärungsarbeit helfen“, ist Mkayton überzeugt.

Auch auf israelischer Seite arbeitet man immer weiter an der Aufarbeitung der Shoah – in Israel bevorzugt man dieses Wort an Stelle von ‚Holocaust‘ – versicherte man der bayerischen Delegation. „Kein anderes Thema fasziniert die Schüler so stark und deswegen wird es an Schulen immer noch weiter vertieft“, betonte Einat Wilf, die neue Vorsitzende des Bildungsausschusses im israelischen Parlament. Die bayerischen Abgeordneten nutzten das Treffen mit der israelischen Kollegin, um sich über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Schulsysteme zu informieren und erfuhren von Wilf, dass der Vorschulbesuch in Israel verpflichtend und kostenfrei ist. Für sozial schwache Familien ist bereits der Besuch des Kindergartens ab dem dritten Lebensjahr gratis, allerdings erwartet der Staat auch, dass dieses Angebot genutzt wird, um das soziale Gefälle zwischen den Kindern möglichst früh auszugleichen. Alle Schulen in Israel werden von der öffentlichen Hand finanziert und sind bis zum Abschluss kostenlos. Wilf will auf jeden Fall, dass es weiterhin so bleibt. „Natürlich nehmen wir auf individuelle Stärken und Schwächen Rücksicht, aber ich finde es sehr wichtig, dass alle Kinder zusammen lernen“, erklärte Wilf, die nach ihrem Austritt aus der sozialdemokratischen Arbeitspartei für die Partei „Unabhängigkeit“ in der Knesset sitzt.

Ausgaben für Bildung verdoppelt

Bildung ist wichtig, eines der wenigen Themen, über die in Israel Konsens herrscht. Der Staat hat das Bildungsbudget in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Vor allem hat man in den Lehrkörper investiert – dennoch verdienen Lehrer in Israel immer noch deutlich weniger als beispielsweise ihre Kollegen in der EU. Ein israelisches Lehrergehalt liegt unter dem errechneten Durchschnitt der OECD. Mit dem schulischen Niveau ist man zufrieden, obwohl Israel regelmäßig bei den Pisa-Studien schlecht abschneidet. Ein Land, das überdurchschnittlich viele Nobelpreisträger hervorbringt, muss etwas richtig machen mit seinem Schulsystem, merkte Wilf lächelnd an. Ein Wermutstropfen ist das schlechtere Abschneiden der arabischen Schüler, insbesondere unter der Volksgruppe der Beduinen. Mit Sonderprogrammen konnte man die Abschlussrate bei den Beduinen in den vergangenen Jahren erhöhen, aber sie liegt weiterhin deutlich unter dem israelischen Durchschnitt. Im Erziehungsministerium erklärt das Lea Rozenberg, stellvertretende Direktorin für internationale Beziehungen, mit sozialen Problemen: „Nicht die Herkunft an sich ist das Problem, sondern dass viele sozial schwache Familien aus dieser Gruppe stammen. Kinder aus sozial besser gestellten beduinischen Familien schneiden in der Schule gut ab.“

Tatsächlich wird im Schatten der arabisch-israelischen Konflikte oft übersehen, dass Israel erstaunliche Integrationsarbeit leistet, woran das Bildungssystem wesentlichen Anteil hat. Migranten aus allen Teilen der Welt siedeln sich in Israel an, alleine eine Million Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion waren es in den beiden letzten Jahrzehnten. Bei einer Gesamtbevölkerung von weniger als acht Millionen eine bemerkenswerte Leistung. Zum anschaulichen Vergleich: es wäre so, als ob nach dem Zusammenbruch des Ostblocks über zehn Millionen Russlanddeutsche in die Bundesrepublik gekommen wären. Gelungen ist es, weil Israel eine klare Linie vorgibt. „Wir entscheiden über den Schulweg der Kinder, nicht die Eltern. Wir orientieren uns an Sprachkenntnissen, sozialen Verhältnissen und individuellen Lernfortschritten“, erläuterte Rozenberg. Für Kinder, die über keinerlei Hebräischkenntnisse verfügen, gibt es eigene Klassenzüge, die intensiven Sprachunterricht anbieten. Damit solle unter anderem auch erreicht werden, die Kluft zwischen Arabern und Juden zu überwinden. Von beiden Seiten übrigens, denn auch die Ergebnisse von Kindern aus jüdisch-orthodoxen Haushalten liegen unter dem israelischen Durchschnitt. Hier verweist man ebenfalls auf soziale Hintergründe: Mehr als die Hälfte der streng orthodoxen Juden arbeiten nicht, zudem haben sie überdurchschnittlich viele Kinder, mitunter in zweistelliger Zahl.

Schüleraustausch spielt große Rolle

Das Gespräch im Erziehungsministerium verstärkt den Eindruck des Bildungsausschusses: Das Verhältnis zwischen Arabern und Juden dominiert das Leben in der Region auf die eine oder andere Art und das in jedem Bereich des gesellschaftlichen Lebens. Ebenso das Erstarken der Religiosität in Israel. Bei den Fahrten durch das ziemlich fromme Jerusalem, den isolierten Palästinensergebieten und dem sehr sinnenfrohen Tel Aviv wird deutlich, dass Israel ein kompliziertes Land ist. Es gibt unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppierungen, die auf engstem Raum (Israel hat nicht einmal ein Drittel der Fläche Bayerns) miteinander auskommen müssen.
Einen Versuch, zum friedlichen Miteinander beizutragen, leistet seit langem die deutsche Schmidt-Schule, mitten im Zentrum von Jerusalem. Seit 1886 bekommen dort arabische Mädchen muslimischen und christlichen Glaubens eine Schulausbildung. Für die 50 Plätze bewerben sich jedes Jahr über 150 Mädchen. Man orientiert sich am Lehrplan der palästinensischen Autonomiebehörde. Ab der zweiten Klasse wird Deutsch unterrichtet, später kommt noch Hebräisch hin zu. 83 Prozent der Mädchen sind Muslime, 17 Prozent christlich. Viele arabische Eltern aus allen sozialen Schichten schicken ihre Töchter bewusst an diese Schule, damit sie nicht auf israelische Schulen gehen, erklärt Schulleiter Dr. Klaus Schmitz. Gerade wegen der spürbaren Animositäten seien multireligiöse Schulen wie die Schmidt-Schule enorm wichtig, findet Schmitz. Nur durch Bildung seien Barrieren dauerhaft zu überwinden. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verhärtung müsse man die Liberalität stärken. Nur so könnten alle Glaubensgemeinschaften dauerhaft in Frieden leben. Um den Mädchen eine andere Welt, eine andere Kultur zu zeigen, gehören der regelmäßige Schüleraustausch mit einem Gymnasium in Burghausen zum Programm, ebenso die musikalische Ausbildung, die in vielen Mädchen ungeahnte Talente freilegt.

Schüleraustausch ist auch bei der Pisgat Zeev Highschool im Norden Jerusalems fester Bestandteil des Lehrplans. Partnerschule ist das Gymnasium in Oberstdorf. Im Juli werden Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse eine Woche dort verbringen. Vorgesehen ist auch ein Besuch der Gedenkstätte Dachau und – auf Anregung der Mitglieder des Bildungsausschusses - ein Besuch im Bayerischen Landtag. Schulleiterin Ricki Yanko sieht den Schüleraustausch als wichtiges pädagogisches Mittel, um niedrigschwellig wichtige gesellschaftliche Themen zu behandeln. „Wir glauben, dass persönlicher Kontakt Mauern einreißt. Vielen sind die eigenen Vorurteile gar nicht recht bewusst, bis man auf Fremde trifft. Und damit muss man sich in einer multikulturellen Welt auseinandersetzen“, begründete Yanko das Interesse am Austausch mit Bayern. Die Schülerinnen und Schüler waren bemerkenswert offen und freuten sich auf Bayern, wie sie den Abgeordneten schilderten. „Ich bin neugierig auf die Kultur dort und die Landschaft“, sagte ein Schüler. Eine Mitschülerin ergänzte spontan: „Ich will dort Israel präsentieren und Verständnis für unsere Kultur wecken“.

Mühsamer Umsetzungsprozess

Auf der Ebene der außerschulischen Institutionen in Israel, mit denen Bayern verstärkt zusammen arbeiten kann, erwies sich das „Van Leer Institute“ in Jerusalem als eines der interessantesten. Die private Stiftung sieht sich als intellektuelles Zentrum für interdisziplinäre Forschung. Mit international besetzten Workshops und Seminaren werden Konzepte, Ideen und Zielsetzungen für das Bildungssystem formuliert und dann nach außen getragen – der eigentlich schwierige Teil der Arbeit. „It’s a very unsexy procedere“, umschreibt es Danae Marx vom Institut. „Wir laden viele Politiker ein und hoffen, dass sich der eine oder andere davon an unsere Entwürfe erinnert, wenn er einmal in der Position ist, sie umzusetzen“. Allerdings leistet das Institut trotz des Selbstverständnisses als Think tank auch Konkretes, wie Haifa Sabbagh dem Bildungsausschuss schilderte: „Wir lassen hochwertige deutsche Kinderbücher übersetzen und verteilen sie dann an arabische Familien, die keinen Zugang zu Qualitätsliteratur haben. Somit haben die Kinder frühzeitig die Möglichkeit mit Sprache und Bildung in Berührung kommen, - ein Punkt, den wir für sehr wichtig halten.“ Ein anderes Beispiel sind Informationskurse über den Holocaust, in dem palästinensische und jüdische Kinder gemeinsam das Thema bearbeiten und diskutieren. Kleine Schritte, aber wichtige. Man müsse eben viel Geduld haben. Prof. Dan Inbar, Leiter der Bildungsabteilung des Van Leer-Instituts, formuliert es ironisch: „Das System ist sehr langsam. Die Minister setzen meist die Reformen eines vorherigen Ministers um. Wir warten, bis es einmal einen ehemaligen Minister gegeben hat, der unsere Ideen für eine Reform aufgegriffen hat.“

Vergleichbar geht auch die Ytzhak-Rabin-Jugendherberge mit seinem pädagogischen Programm „Red Lines of Democracy“ vor – eine Zusammenarbeit mit bayerischen Jugendherbergen ist dort übrigens höchst erwünscht. Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Schichten sehen während eines Seminars zunächst einen Film über den ermordeten israelischen Premierminister Ytzak Rabin, der bewusst emotional aufwühlend gestaltet ist. Danach müssen die Jugendlichen mit bereit gestelltem Material zu dem Gesehenen recherchieren und das Resultat präsentieren. Danach folgt eine Debatte, die durchaus Konfliktbeladen sein soll, wie die Mitarbeiterin Naama Weinberg ausführt: „Es ist ja genau der Sinn unterschiedliche Sichtweisen zu benennen und sich darüber zu streiten – aber eben gewaltfrei. Wir schulen die Bereitschaft zum Diskurs, deswegen beginnen wir mit einer emotionalen Erfahrung und zeigen den Film.“ Ziel ist die Stärkung des Zivilgesellschaft und ihrer Werte wie Redefreiheit und Bürgerrechte. „Jeder kann seine Meinung haben, aber er muss bereit sein, sie auszudrücken und andere Meinungen zuzulassen. Das lernen die Jugendlichen hier“, erklärt Weinberg, die hofft, dass die Teilnehmer nach dem Seminar toleranter werden und sich – unabhängig von der politischen Einstellung – stärker gesellschaftlich engagieren. Ebenfalls auf Jugendliche zielt die Bildungsarbeit der "International School for Jewish Peoplehood Studies" in Tel Aviv. In enger Zusammenarbeit mit dem "Museum of The Jewish People" soll mit Seminaren das Interesse an der eigenen Geschichte geweckt werden und das Bewusstsein für eine Diskussion um Identität geschaffen werden. Shelley Kedar, Leiterin der Schule sieht darin eine wichtige Aufgabe. "Identität bestimmt unser Denken und damit unser Handeln, aber wir reflektieren kaum, wie wir diese Identität definieren", erklärte Kedar. "Heute hat jeder mehr als nur eine Identität, das gilt insbesondere für ein Land wie Israel, in das seit Jahrzehnten Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen einwandern. Damit muss man sich auseinander setzen und eine Möglichkeit finden, Identität neu, modern zu bestimmen", führte Kedar weiter aus. Darüber hinaus gehe es selbstverständlich auch darum, das Wissen um die jüdische Geschichte weltweit zu vermitteln.

Bewegendes Treffen mit einem Pionier der deutsch-israelischen Bildungsarbeit

Abschluss und emotionaler Höhepunkt der Informationsreise war wohl das Treffen mit dem 90-jährigen Joske Ereli, der als Jugendlicher aus Bad Kissingen nach Israel emigriert war und den sichtlich bewegten Abgeordneten seinen Lebensweg schilderte. Ereli hatte immer Kontakt zur alten Heimat gehalten und es war ihm nach viel Überzeugungsarbeit gelungen, eine offizielle Partnerschaft des Landkreises Bad Kissingen und der israelischen Region Tamar zu etablieren – inklusive Jugendaustausch und gemeinsamer Bildungsprojekte. Erelis unermüdliches Engagement für die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen beeindruckte die Abgeordneten nachhaltig und das Gespräch im idyllischen Kibbuz En Ghedi, den Ereli mit aufgebaut hat, war der denkwürdige Abschluss einer faszinierenden Woche, in der die Israelis den Jahrestag der Staatsgründung feierten. Gefragt, weshalb er sich so ausdauernd für die Verständigung zwischen Israel und Deutschland einsetze, erzählt Ereli von einem Besuch im Deutschland der Nachkriegszeit: „Ich war 1957 dort und traf junge Deutsche, die mich fragten, wieso man sie verantwortlich machte für die Taten ihrer Väter und Großväter. Ich dachte mir, es wäre wohl notwendig sich ernsthaft darüber zu unterhalten“. So begann die Bildungsarbeit.

Zitate:

Martin Güll (SPD), Ausschussvorsitzender:
Ich bin mit großen Erwartungen, aber auch einiger Skepsis nach Israel gereist. Nach einer Woche gibt es nur eine Erkenntnis: ein faszinierendes Land, das man unbedingt persönlich besucht haben sollte, aber auch ein Land voller Widersprüche. Ein Thema, zwei Sichtweisen, meist sogar mehr. Obwohl viele Bücher- und Zeitungsartikel jetzt eingeordnet und damit besser verstanden werden können, bleibt man doch ratlos: Warum ist hier ein echter Frieden kaum möglich? Eine Frage, die auch nach dieser hochinteressanten Woche unbeantwortet bleibt.

Georg Eisenreich (CSU), stellvertretender Ausschussvorsitzender:
Jede Reise nach Israel ist eine auch eine Reise in die Vergangenheit, in den Ursprung der abendländischen Kultur, in den Keim der europäischen Geistesgeschichte. Diese Woche war voller vielfältiger, bewegender und widersprüchlicher Eindrücke. Ein besonderes Ereignis war der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, weil hier die Millionen Opfer des nationalsozialistischen Terrors als Individuen kenntlich gemacht wurden. Es wurde von ihren Lebensplänen berichtet, Biographien wurden sichtbar gemacht. Aus namenlosen Opfern wurden Menschen, das war sehr ergreifend. Den pädagogischen Ansatz, durch Schüleraustausch zwischen Israel und Bayern mehr voneinander zu erfahren und zu lernen, unterstützen wir und freuen uns, dass eine Schulklasse aus Jerusalem im Sommer den Landtag besuchen wird. Ich freue mich darauf, die Schüler dort zu einem Meinungsaustausch mit dem Bildungsausschuss zu begrüßen.

Günther Felbinger (FREIE WÄHLER) :
In einer Woche haben wir einen Staat erlebt, der versucht, Vergangenheit und Zukunft in Einklang zu bringen. Das kann aber nur mit der Jugend gehen. Deswegen ist die gemeinsame Jugendarbeit zwischen Israel und Bayern so wichtig, denn nur die jungen Menschen können diese Aufgabe leisten. Von Israel können wir sicher lernen, Erinnerungsarbeit aktiver, moderner, besser zu gestalten. Bayern kann in der pädagogischen Arbeit viel von Israel lernen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Jugendherbergen dort mit ihren Programmen. Das sind Leuchtturmprojekte, die wir in Bayern ebenfalls benötigen. Projekte, die tief in die Gesellschaft ausstrahlen. Das sollten wir hier ebenfalls anstreben. Die Landeszentrale für politische Bildung hat hier viel gute Vorarbeit geleistet und darauf können wir aufbauen. Wichtig wäre auch, die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten tiefgehender im Unterricht zu behandeln, nur so kann man die Situation dort verstehen. Ein gelungenes Beispiel für Integrationsarbeit ist die Schmidt-Schule in Jerusalem, die jungen arabischen Mädchen Bildungschancen gibt, die sie sonst niemals in Anspruch nehmen könnten. Ein ideales Beispiel für interkulturelle Bildungsarbeit.

Simone Tolle (Bündnis 90 / Die Grünen):
Die Fraktion von Bündnis 90 / Die Grünen besucht jedes Jahr Stätten jüdischer Erinnerungskultur und mit dem Besuch Israel schließt sich für mich ein Kreis. Wir haben gesehen, dass man die Gegenwart und Zukunft Israels nur begreifen kann, wenn man die Geschichte dieses Landes kennt. Ich wünsche diesem Land, was man sich hier allerorten als Gruß entgegen bringt: Shalom – Frieden.

Renate Will (FDP):
Es ist ein faszinierendes Land voll ambivalenter Eindrücke. Wir haben viel von dieser Reise mitgenommen. Es war interessant zu sehen, dass Bildung und Erziehung einen so großen Stellenwert einnehmen. Insbesondere gefiel mir, dass die Kindergartenbetreuung so ernst genommen wird und kostenfrei angeboten wird. Wichtig für uns ist sicher den Austausch zwischen Bayern und Israel zu stärken. Davon profitieren beide Seiten. Wir müssen voneinander lernen und vor allem: uns gegenseitig verstehen.

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