Bayerischer Landtag

24.01.2013 - Holocaust-Gedenkfeier im Bunkerbau der Welfenkaserne Landsberg

Bayerischer Landtag und Stiftung Bayerische Gedenkstätten erinnerten an die Gräueltaten der Nazis. Etwa 7 000 Menschen starben in der „Hölle von Moll“.

Bild: Emotionaler Höhepunkt des Gedenkaktes: der ehemalige Zwangsarbeiter Uri Chanoch übergibt dem Standortältesten Oberst Klaus Schuster seine Sträflingsjacke für die Ausstellung der Gedenkstätte in der Bunkeranlage der Welfenkaserne. | Foto: Rolf Poss
Emotionaler Höhepunkt des Gedenkaktes: der ehemalige Zwangsarbeiter Uri Chanoch übergibt dem Standortältesten Oberst Klaus Schuster seine Sträflingsjacke für die Ausstellung der Gedenkstätte in der Bunkeranlage der Welfenkaserne. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

- Von Heidi Wolf –

Mit einer gemeinsamen Veranstaltung erinnerten der Bayerische Landtag und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten heute, am 24. Januar 2013 – drei Tage vor dem Internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus – an die Gräueltaten der Nazis. Zum ersten Mal fand der Gedenkakt in einem ehemaligen KZ-Außenlager statt: in den Bunkeranlagen der Welfenkaserne in Landsberg am Lech, wo zwischen Juni 1944 und April 1945 über 20 000 KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen geschuftet haben. Rund 7 000 von ihnen überlebten die Strapazen nicht. Sie starben an der körperlich schweren Arbeit, an Krankheiten, an den Schikanen des Wachpersonals. Mindestens zwölf Häftlinge fielen während der Bauarbeiten in den nassen Beton und wurden in der Außenhülle des Bunkers lebendig begraben. Wie menschenverachtend die Zustände waren, hat der Überlebende Solly Ganor in seinem Buch „Das andere Leben – Kindheit im Holocaust“ geschildert. Daraus las heute sein Freund Abba Naor, der ebenfalls der „Hölle von Moll“, wie die Bunkerbaustelle nach der Baufirma Leonhard Moll aus München genannt wurde, entkommen ist. Uri Chanoch, Präsident der Vereinigung der ehemaligen Dachauer Außenlagerhäftlinge, ließ seine Häftlingsjacke als Dauerleihgabe im Bunker zurück. Es ist das einzige Erinnerungsstück, das er an die Schreckenszeit in Landsberg hat und das Zeugnis von diesem Grauen ablegen soll.

Gedenkarbeit der Bundeswehr begann in den 1980-er Jahren

In der Kaserne in Landsberg betreibt die Bundeswehr seit den 1980-er Jahren Erinnerungsarbeit. Dieses Engagement wollten der Bayerische Landtag und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten mit der gemeinsamen Veranstaltung anerkennen. „Die Bundeswehr hat es geschafft, diesen Ort zu einer Gedenkstätte werden zu lassen. Damit wird ein dunkles Kapitel unserer Geschichte aufgearbeitet“, sagte Landtagspräsidentin Barbara Stamm in ihrer Rede. Diese lebendige Stätte des Erinnerns sei vor allem für die Jugendlichen aus den umliegenden Schulen wichtig. „Damit geben Sie den ehemaligen Häftlingen ein Gesicht und den Menschen hinter den Nummern ihre Würde zurück“, dankte Stamm den Vertretern der Bundeswehr. Der Landtagsabgeordnete Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, wies in seinem Grußwort auf das weitläufige System von Außenlagern hin, die zu den Konzentrationslagern gehörten: 140 zum KZ Dachau, 90 zum KZ Flossenbürg, „einem engmaschigen Spinnennetz vergleichbar, aber perfides Menschenmachwerk.“ Freller erinnerte an die unendlichen Qualen, denen die Häftlinge ausgesetzt waren - bis zum Tod. „Bis heute sind die Lücken spürbar, die diese Menschen hinterlassen haben. Wie viel Kultur, wie viel Geist, wie viel Kreativität wurden hier in deutschem Namen zerstört und ermordet“, klagte Karl Freller.

"Gedenken darf nicht zur Last werden"

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses (WJC) warnte vor dem erneuten Erstarken rechtsradikaler Gesinnung und betonte, wie wichtig gerade deswegen aktives Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors sei. „Entscheidend ist jedoch, dass unsere Kultur des Erinnerns auf die Zukunft ausgerichtet ist. Gedenken darf nicht zur Last, oder gar zur Schuld der jüngeren Generationen werden. Die Erinnerung darf nicht den berechtigten Stolz auf unser Land zerschmettern. Vor allem darf Gedenken nicht emotionslose Routine werden. Erinnern muss seine zentrale Funktion behalten: Sie muss immunisieren“, erklärte Charlotte Knobloch. und forderte alle demokratischen Kräfte auf, im Kampf gegen die Feinde der Verfassung zusammen zu stehen.
Tibor Shalev-Schlosser, der Generalkonsul des Staates Israel, bezeichnete die Erinnerungsarbeit in den Gedenkstätten Bayerns als vorbildlich und dankte den Überlebenden des Holocaust für ihr Engagement bei der Aufarbeitung der Geschichte. „Einen unschätzbaren Beitrag leisten Sie, liebe Überlebende, weil Sie seit unzähligen Jahren die Bürde auf sich nehmen, an den Ort des Schreckens zurück zu kehren um die Erinnerung an die kommenden Generationen weiterzugeben“, sagte Shalev-Schlosser.
Oberst Klaus Schuster, Standortältester in Landsberg am Lech, versprach, dass die Bundeswehr die Erinnerungsarbeit intensiv fortsetzen wird. Im vergangenen Jahr seien über 100 Führungen für rund 3 000 Besucher erfolgt. „Bitte lassen Sie alle nicht nach im gemeinsamen Bestreben, eine würdige Gedenkarbeit in Landsberg, Kaufering und Umgebung zu gestalten“, appellierte Schuster an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der gemeinsamen Gedenkveranstaltung. Die Häftlingsjacke von Uri Chanoch wertete Schuster als zentrales Symbol und Zeugen des Holocaust.

Den Toten ein Gesicht geben

Die Erinnerungsarbeit für die Bundeswehr in Landsberg leisten vor allem zwei Menschen: Oberstleutnant Gerhard Roletschek und Oberstabsfeldwebel Helmut Müller. Roletschek hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit Überlebenden getroffen, die inzwischen seine Freunde sind, hat ihre Erlebnisse aufgezeichnet. „Ich will nicht 6000 Tote haben, sondern 6000 Menschen mit Namen. Das ist meine Motivation“, erklärt er sein Engagement: „Ich versuche, diesen Menschen ein Gesicht zu geben!“

Über 20 000 KZ-Häftlinge wurden 1944 und 1945 auf Bunker-Bustelle verschleppt

In dem Bunker in Landsberg sollte der damals hochmoderne Messerschmitt-Düsenjäger vom Typ Me 262 produziert werden, 300 Stück pro Monat. Für das riesige Bauwerk wurden 12 000 Tonnen Stahl verbaut, tausend Tonnen mehr als für den Eiffelturm in Paris. Die ersten tausend Zwangsarbeiter trafen am 16. Juni 1944 mit dem Zug ein, zusammengepfercht in Viehwaggons. Es waren hauptsächlich Juden aus Ungarn, Litauen und Polen. Über 20 000 KZ-Häftlinge wurden bis zum April 1945 auf die Baustelle verschleppt, die „Hölle von Moll“. Zwölf Stunden dauerte der Arbeitstag – egal ob bei Minustemperaturen oder glühender Hitze. Das Essen bestand aus einer Scheibe Brot pro Tag, gestreckt mit Sägemehl. Statt einer Suppe gab es heißes Wasser. Untergebracht waren die Häftlinge in primitiven Erdhütten. Wer nicht mehr arbeiten konnte, wurde abgeschoben, kam in die Gaskammern von Auschwitz oder Bergen-Belsen. 2 500 waren es, berichtet Oberstleutnant Gerhard Roletschek.

Menschen starben im nassen Beton

Der Überlebende Solly Ganor hat in seinem Buch „Das andere Leben“ eine besonders grausige Szene beschrieben: Ein Häftling trifft in den Bunkeranlagen von Landsberg zufällig seinen Onkel. Es ist ein kurzer Moment des Glücks, den der Aufseher sofort bestraft: Er schickt Neffen und Onkel auf einen besonders gefährlichen Arbeitsplatz in großer Höhe auf dem Gerüst. Sie verlieren das Gleichgewicht, stürzen hinunter in den nassen Beton, werden lebendig begraben. „Dieses Bild lässt mich nie mehr los. Ich habe versucht, es wegzublenden, doch je mehr ich mich bemühe, desto schärfer ätzt es sich in mein Gedächtnis ein“, schreibt Ganor.
Es sind Zeitzeugen wie er, von denen der Auftrag stammt: „Das darf sich nie mehr wiederholen, nie vergessen werden. Es ist in unserem Namen passiert. Ich bin ein Deutscher, also ist es auch in meinem Namen passiert“, betont Oberstleutnant Gerhard Roletschek. Aus genau diesem Grund hat Karl Freller, der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, die Erinnerungsarbeit zu seiner Lebensaufgabe gemacht. „Wir haben eine tiefe Verpflichtung in Deutschland, dass wir an die Millionen von Menschen erinnern, die im Namen Deutschlands umgebracht worden sind. Im Übrigen erinnern die Neonazi-Morde der vergangenen Jahre daran, dass man immer wieder auf der Hut sein muss, dass sich nichts mehr wiederholt, was soviel Not und Leid gebracht hat. Deshalb sind diese Lern- und Gedenkorte so eminent wichtig.“

Landtagspräsidentin Barbara Stamm im Gespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Uri Chanoch. | Foto: Rolf Poss
Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten bei seiner Ansprache in der Bunkeranlage. | Foto: Rolf Poss
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. | Foto: Rolf Poss
Der Holocaust-Überlebende Abba Naor las aus dem Buch Das andere Leben vor. | Foto: Rolf Poss
Das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in der Bunkeranlage der Welfenkaserne. | Foto: Rolf Poss
Uri Chanoch zog noch einmal seine Sträflingsjacke an, die er als Zwangsarbeiter tragen musste. | Foto: Rolf Poss
Bernhard Marks, Überlebender des Landsberg/Kaufering Außenlagerkomplexes, trug das Kaddisch-Gebet vor | Foto: Rolf Poss
Oberst Klaus Schuster bei seinen Dankworten, nachdem Uri Chanoch seine Häftlingsjacke als Dauerleihgabe für die Ausstellung der Gedenkstätte | Foto: Rolf Poss
Bis auf den letzten Platz war die Gedenkveranstaltung besetzt | Foto: Rolf Poss
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