Bayerischer Landtag

25.01.2011 - Landtag gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

Zwei Tage vor dem offiziellen internationalen Gedenktag erinnerte der Bayerische Landtag am 25. Januar an die Opfer des Nationalsozialismus. Der Gedenkakt im Plenarsaal wurde erstmals gemeinsam mit der Stiftung Bayerische Gedenkstätten veranstaltet. Thematisch im Mittelpunkt standen neben den jüdischen Opfern vor allem die Sinti und Roma. Mit dem 83-jährigen Sinto Franz Rosenbach sprach erstmals ein Vertreter dieser Minderheit im bayerischen Parlament.

Bild: Bei der Gedenkfeier sprach mit Franz Rosenbach erstmals ein überlebender Vertreter der Sinti im bayerischen Parlament. | Foto: Rolf Poss
Bei der Gedenkfeier sprach mit Franz Rosenbach erstmals ein überlebender Vertreter der Sinti im bayerischen Parlament. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Der Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau hatte während der NS-Zeit als Jugendlicher die Gräueltaten im sogenannten „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau miterlebt: „Meine drei größeren Schwestern waren bereits zuvor nach Auschwitz-Birkenau verschleppt worden. Von ihnen musste ich in Auschwitz erfahren, dass mein Vater zwei Tage vor unserer Ankunft von der SS erschlagen worden war“, berichtete Franz Rosenbach, der im Steinbruch in Buchenwald Zwangsarbeit leisten musste. Seine Mutter hat er nie mehr wieder gesehen. Sie starb bei der Auflösung des „Zigeunerlagers“ in der Gaskammer, zusammen mit 2800 anderen Sinti und Roma. „Wie die jüdischen Menschen, so wurden auch die Sinti und Roma allein aufgrund ihrer Existenz entrechtet, ihrer Lebensgrundlage beraubt und schließlich nach Auschwitz und in die anderen Todesstätten deportiert. Die meisten von ihnen wurden dort ermordet“, beschrieb Rosenbach das Leiden seines Volkes. 40 Jahre hatte der Holocaust-Überlebende gebraucht, bis er über die furchtbaren Jahre reden konnte. „Es gibt Erlebnisse und Erinnerungen an jene Zeit, die man nie wieder los wird, die immer wiederkehren in unseren nächtlichen Träumen“, sagte Franz Rosenbaum in seiner beeindruckenden Rede vor dem Bayerischen Landtag.

Das Martyrium von Franz Rosenbach und seiner Familie stehe exemplarisch für die Gräueltaten, welche die Sinti und Roma unter dem Nazi-Regime erlitten haben, erklärte Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Sie hatte zu dem Gedenkakt mit Zeitzeugen eingeladen, weil wohl niemand besser als sie erzählen können, was sie Schreckliches erlebt haben. „Es sind wohl nur noch einige Jahre, in denen wir die Berichte der überlebenden Zeitzeugen aus ihrem eigenen Munde und mit ihrer eigenen Stimme hören können“, erklärte die Landtagspräsidentin. Ihr Anliegen: „ Auch danach – und gerade dann – dürfen wir nicht vergessen, was Menschen damals anderen Menschen an Leid und Grausamkeiten angetan haben.“

Etwa eine halbe Million Sinti und Roma wurden während des nationalsozialistischen Regimes in den Konzentrationslagern getötet oder starben an Krankheiten und Entkräftung. „Es waren zwei Völker in Europa, die die Nazis zur Vernichtung ausersehen hatten: Juden, Sinti und Roma. Sie waren von Geburt vogelfrei, der Verfolgung preisgegeben“, betonte Dr. Josef Schuster, Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern. Die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, appellierte an die jungen Menschen, Verantwortung für ein würdevolles und respektvolles Miteinander zu übernehmen. „Lasst Euch von keinem Menschen auf der Erde einreden, wen ihr zu lieben und zu hassen habt“, legte Knobloch der jungen Generation ans Herz.

Zum ersten Mal richtete der Landtag die Gedenkfeier gemeinsam mit der Stiftung Bayerische Gedenkstätten aus: „Je länger diese Gräueltaten her sind, desto wichtiger ist es, das Gedächtnis an die Opfer des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte zu pflegen“, sagte Karl Freller, der Direktor der Stiftung.

Musikalisch begleitet wurde die Gedenkstunde im Landtag von Romeo Franz (Violine) und Unge Schmidt (Piano). Im Kreuzgang war, passend zum Anlass, die Ausstellung „10 Jahre Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma“ in Heidelberg zu sehen. Viele Abgeordnete nutzten zwischen Gedenkakt und anschließender Regierungserklärung die Möglichkeit, sich noch genauer über das nach wie vor aktuelle Thema zu informieren. So hat die Roma-Ausweisung im Herbst 2010 in Frankreich gezeigt, dass Sinti und Roma auch heute noch nicht überall in Europa integriert sind. /kh

Gedenken im Landtag an die Opfer des Nationalsozialismus. | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm begrüßt den Zeitzeugen Franz Rosenbach. Im Hintergrund (Mitte): Charlotte Knobloch, Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. | Foto: Rolf Poss
Musikalisch begleitet wurde die Gedenkstunde von Romeo Franz (Violine) und Unge Schmidt (Piano). | Foto: Rolf Poss
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