Bayerischer Landtag

26.04.2012 - Überlebende des Konzentrationslagers Dachau im Landtag: „Wir sind dankbar für Ihre Zeitzeugen-Arbeit“

München. Acht Überlebende des Konzentrationslagers Dachau sind auch heuer wieder an den Ort ihres Leidens zurückgekehrt. Dort schildern sie vor allem jungen Menschen, was sie an Gräueltaten erlebt haben.

Bild: Landtagspräsidentin Barbara Stamm begrüßt die Überlebenden des KZ Dachau im Maximilianeum. | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm begrüßt die Überlebenden des KZ Dachau im Maximilianeum. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

- Von Heidi Wolf -

Bei einem Besuch am 26. April 2012 im Bayerischen Landtag dankte Präsidentin Barbara Stamm den Männern aus Russland, aus Belarus, aus der Ukraine und aus Litauen für ihre Erinnerungsarbeit, die sie als letzte Zeitzeugen leisten. „Wir sind dankbar, dass Sie hier sind. Wir brauchen Sie, denn Sie sind die einzigen, die uns noch sagen können, was geschehen ist“, antwortete Barbara Stamm auf die Klage von Pawjel Kazej aus Belarus: „Wir sind alt geworden und niemand benötigt uns mehr!“ Von ihrem Besuch im Landtag sollten die Gäste die Gewissheit mitnehmen, dass sich das Parlament in Bayern seiner Verantwortung bewusst sei und „dass wir alles tun, um die Demokratie zu stärken und zu verteidigen und rechtsextremistischen Tendenzen Einhalt zu gebieten."

Die acht Überlebenden im Alter von weit über 80 Jahren schilderten bei einem Mittagessen mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm ihre furchtbaren Erlebnisse als Häftlinge. Einige von ihnen wurden für unmenschliche medizinische Experimente missbraucht. „Ich war 17, als ich 1942 aus der Ukraine verschleppt wurde. Die ersten drei Monate habe ich in Mauthausen verbracht, dann kam ich nach Dachau: erst in die Baracke Nummer 25, dann in die Baracke Nummer 6. Es gab so gut wie nichts zu essen“, berichtete Pawlo Schwydkyy, der als KZ-Häftling Flugzeugteile sortieren und Waggons neu beladen musste. Am 29. April 1945 erlebte er die Befreiung durch amerikanische Soldaten. Für ihn ist die Reise zurück nach Dachau die erste seit dieser Zeit. Obwohl er gehbehindert ist und im Rollstuhl sitzt, will er diese Erinnerungsarbeit leisten.

KZ-Häftlinge gelten daheim als Verräter

Pawel Kazej aus Belarus hat ebenfalls drei furchtbare Jahre in Dachau erlebt. Als er endlich wieder in die Heimat zurückkam, gingen die Schikanen in anderer Form weiter: „Ehemalige Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern galten in der Sowjetunion automatisch als Verräter. Wir durften keinen qualifizierten Beruf erlernen“, berichtete Kazej. Seine bittere Feststellung: "Überlebende der Konzentrationslager sind vergessene Menschen. Soldaten wurden in die Schulen eingeladen, wir aber durften über unsere Vergangenheit nicht sprechen.“ Dankbar erkannte der Greis an, dass sich Deutschland seiner Vergangenheit stellt und an die Gräuel der NS-Zeit erinnert.

Wolodymyr Dschelali, ein kleiner schmaler Mann ebenfalls aus der Ukraine, hat seine Erlebnisse in einem beeindruckenden Gedicht zusammengefasst, das er im Bayerischen Landtag vortrug. Es beginnt mit den Zeilen: „Und das schwarze Unglück hockte sich für eine Weile an den Opfer-Richtblock und heulte vor Schadenfreude. Es hat aus der Aussaat des 20. Jahrhunderts eine reiche, blutige Ernte eingefahren …“

Demokratische Kräfte gemeinsam gegen Rechts

„Für uns lässt sich nur erahnen, welche Kraft es kostet, immer wieder zurückzukehren in die Erinnerung und an die Orte Ihres Leids“, sagte Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Die Abgeordneten Karl Freller und Bernhard Seidenath (beide CSU) sowie Martin Güll (SPD) zeigten ebenfalls großen Respekt vor dieser Haltung der Gäste. Freller, der auch Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten ist, betonte, alle demokratischen Kräfte im Landtag stünden in der Bekämpfung des Rechtsextremismus zusammen: „Auf einem Stein in Dachau steht: Nie wieder. Das ist auch der Auftrag an die Politik!“

Die Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau wurden vom Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau e. V. eingeladen. Vertreter des Vereins begleiteten die ehemaligen Häftlinge auch auf die Ehrentribüne im Plenarsaal des Maximilianeums, wo sie Vizepräsident Franz Maget unter dem Beifall der Abgeordneten willkommen hieß – eine Geste voller Respekt.

Seitenanfang