Bayerischer Landtag

27.01.2012 - Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Der Bayerischer Landtag erinnerte an die Menschen, die während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft ausgegrenzt, verfolgt, ermordet wurden. Der bewegende Gedenkakt fand erstmals an einer Schule statt – Schüler stellten vier Projekte gegen Rechts vor.

– Von Heidi Wolf –

Weiden/Flossenbürg. Der Bayerische Landtag und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten haben am Freitag, den 27. Januar 2012 gemeinsam an die Opfer des Holocaust erinnert. Mit dem Elly-Heuss-Gymnasium in Weiden wurde erstmals eine Schule als Ort des Gedenkens ausgewählt. Vier Schulen aus der Oberpfalz präsentierten ihre beeindruckenden Projekte, in denen sie sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinandergesetzt haben. „Wir alle stehen in der Schuld, damit Erinnerung lebendig bleibt“, betonte Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Sie bezeichnete den Antisemitismusbericht, der in dieser Woche veröffentlicht wurde, als bedrückend. „Wenn bei zwanzig Prozent der Bevölkerung eine latent antisemitische Haltung festgestellt wird, dann ist das mehr als erschreckend“, sagte Stamm.

Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, bezog sich in seinem Grußwort auf die Morde der Zwickauer Terrorzelle an Menschen mit ausländischen Wurzeln. Wissen helfe, wachsam zu bleiben „gegen die, die auch heute wieder vom rechten Rand aus definieren wollen, was in ihren Augen deutsch ist - indem sie andere ausschließen, weil sie einen anderen Glauben, eine andere politische Meinung haben, anders aussehen, anders sprechen“, sagte Freller. Sein Appell vor allem an die Jugendlichen: „Helft mit, dass die braune Saat nicht erneut aufgeht, dass die Parolen von Menschenfängern mit ihren vermeintlich einfachen Lösungen für komplexe Probleme nicht verfangen.“

Dr. Josef Schuster, Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bezeichnete vor allem persönliche Erinnerungen als Schlüssel zur Annäherung an das furchtbare Geschehen in der NS-Zeit. Gerade diese Schilderungen öffneten die Herzen der jungen Menschen, schärften ihr Bewusstsein für Gefahren, die es auch heute wieder gebe. Diese Gefahren gingen nicht nur von der Zwickauer Terrorzelle aus, sondern von der gesamten rechten Szene mit ihrer Hetze und ihren Einschüchterungen. Schuster wünschte sich, dass die Sicherheitsbehörden in Zukunft wirkungsvoller und entschiedener gegen Neonazis vorgehen. „Hat die Justiz wirklich keine Möglichkeit, rechtsextreme Demonstrationen zu verbieten? Die Begründungen der Richter klingen mir oft zu sehr nach einem Rechtsseminar“, erklärte Schuster und schloss mit einem Appell: „Öffnen Sie auch das rechte Auge. Mit beiden Augen sieht man besser.“ Dann würde auch die Jugend von Polizei und Justiz lernen, dass der Kampf gegen Rechtsextremismus erfolgreich sein kann.

Anschließend präsentierten vier Schulen aus der Oberpfalz ihre Projekte: Die 9. Klasse der Gustl-Lang-Schule/Staatliche Wirtschaftsschule Weiden, ein P-Seminar Kunst des Elly-Heuss-Gymnasiums Weiden, ein P-Seminar Geschichte des Gymnasium Neutraubling sowie eine 8. Klasse der St. Wolfgang-Mittelschule Regensburg. Schülerinnen und Schüler der Gustl-Lang-Schule/Staatliche Wirtschaftsschule Weiden berichteten, wie sie sich um die Anerkennung als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ beworben und bei Mitschülern und Lehrern für diese Idee geworben haben. Die Beteiligungsrate lag bei 95,5 Prozent! Beim Gedenkakt präsentierten die Schülerinnen und Schüler Speisen aus verschiedenen Ländern. Ein Beispiel für die bunte Vielfalt in ihrer Schule.

Das P-Seminar Kunst am Elly-Heuss-Gymnasium Weiden hat einen ungewöhnlichen Ansatz gefunden, um sich dem NS-Terror zu nähern. Die Schülerinnen und Schüler erstellten ein Werkverzeichnis mit der Biographie und grafischen Arbeiten des tschechischen Künstlers Milos Volf, eines Überlebenden der Vernichtungslager Theresienstadt und Flossenbürg. Zu ihm knüpften die Schülerinnen und Schüler im Laufe des Projekts einen engen Kontakt. „Wie konnten sich die Menschen in den KZ behaupten?“ Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Arbeit. Am Beispiel von Milos Volf fand das Seminar eine Antwort: Die Kunst rettete nicht nur sein Leben, sondern auch seine Seele. Eine Broschüre über die Arbeit der Projektgruppe wurde an die Besucher der Gedenkveranstaltung verteilt. Die Druckkosten für den Band hat der Bayerische Landtag übernommen.

Das P-Seminar Geschichte des Gymnasiums Neutraubling hat in Zusammenarbeit mit dem Leo-Baeck-Institut die Geschichte des Flossenbürger Außenlagers Obertraubling erforscht, das über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten war. Den Schülerinnen und Schülern gelang es Überlebende in den USA ausfindig zu machen und deren erschütternden Zeitzeugenberichte aufzuzeichnen. Die Auseinandersetzung mit einem Stück ihrer Heimatgeschichte hat den jungen Leuten klar gemacht: „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung.“

Die 8. Klasse der St. Wolfgang-Mittelschule Regensburg erinnerte an die Kinder und Jugendlichen, die im KZ Flossenbürg oder in einem seiner Außenlager umgekommen sind. Jugendliche in dunklen Kleidern hielten Schilder mit Namen, Geburts- und Sterbedaten der Opfer hoch. Dann sprachen sie Gedanken und Pläne aus, die die ermordeten Kinder und Jugendlichen damals vermutlich hatten, aber nie verwirklichen konnten: „Zuerst nahm man ihnen die Freiheit, dann das Leben und damit die Zukunft. Sie waren so alt wie wir“, sagte ein Schüler.

Dr. Jack Terry, Sprecher der Überlebenden des KZ Flossenbürg, war 15 Jahre alt als er aus dem KZ befreit wurde. In seinem Schlusswort zeigte er sich besorgt über das Anwachsen des Antisemitismus. Heute würden wieder Dinge ausgesprochen und Dinge getan, die ihn an längst vergangene Zeiten erinnerten – in Deutschland und anderswo. Aber die Projekte der Schüler lassen ihn hoffen, dass Menschen mit feindseliger Gesinnung nicht erfolgreich sein werden. Terry bezeichnete die Beiträge der Schülerinnen und Schüler als „Insel der Verständnis und Anteilnahme.“

Landtagspräsidentin Barbara Stamm dankte Terry für seine Bereitschaft immer wieder von den Gräueln der NS-Zeit zu berichten. „Für uns lässt sich nur erahnen, welche Kraft es kostet, immer wieder zurückzukehren in die Erinnerung und an die Orte ihres Leids“, sagte Stamm. Dem Einsatz der Überlebenden sei es auch zu verdanken, dass aus den Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg würdevolle Erinnerungs- und Lernorte geworden seien. Im Anschluss an die Gedenkstunde in Weiden legten die Landtagspräsidentin sowie Vertreter verschiedener Staaten und Religionsgemeinschaften in der Gedenkstätte Flossenbürg Kränze nieder.

Eindrücke vom Tag des Gedenkens: 

Landtagspräsidentin Barbara Stamm im Elly-Heuss-Gymnasium in Weiden. | Foto: Rolf Poss
Dr. Jack Terry, Sprecher der Überlebenden des KZ Flossenbürg, sprach die Schlussworte bei der Gedenkveranstaltung in Weiden | Foto: Rolf Poss
Schülerinnen und Schüler der Gustl-Lang-Schule/Staatliche Wirtschaftsschule Weiden stellten ihr Schulprojekt vor | Foto: Rolf Poss
Das P-Seminar Kunst am Elly-Heuss-Gymnasium erstellte ein Werkverzeichnis mit der Biographie und grafischen Arbeiten des tschechischen Künstlers Milos Volf | Foto: Rolf Poss
Das Gymnasium Neutraubling hat in Zusammenarbeit mit dem Leo-Baeck-Institut die Geschichte des Flossenbürger Außenlagers Obertraubling erforscht. | Foto: Rolf Poss
Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse der St. Wolfgang-Mittelschule Regensburg erinnern an die Kinder und Jugendlichen, die während der NS-Diktatur im Vernichtungslager Flossenbürg von den Nationalsozialisten ermordet wurden. | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm bei der Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Flossenbürg | Foto: Rolf Poss
 
 
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