Bayerischer Landtag

Gedenken an die Opfer als Auftrag für die Zukunft

Landtagspräsidentin Barbara Stamm begrüßt den Ehrengast Max Mannheimer. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Ministerpräsident Horst Seehofer im Gespräch mit Lea Feneberg, die im Namen des Otto-von-Taube-Gymnasiums Gauting das "Versprechen der jungen Generation" verlesen wird. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Erich Schneeberger vom Verband der Sinti und Roma, Ilse Danziger vom Verband der Israelitischen Kultusgemeinden und Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Die beiden Holocaust-Überlebenden Uri Chanoch und Aba Naor (v.l.) waren Ehrengäste des Landtags. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Dienstag, 27. Januar 2015
– Von Zoran Gojic –

„Wir stehen hier als junge Deutsche des 21. Jahrhunderts. Die deutsche Geschichte ist unsere Geschichte. Im Namen Deutschlands ist unsägliches Unrecht geschehen und Ihnen und Ihren Familien unbeschreibliches Leid zugefügt worden. Wir versprechen, alles daran zu setzen, dass dies niemals vergessen wird und niemals wieder geschehen kann.“ Dieses Versprechen der jungen Generation verlas Lea Feneberg stellvertretend für 15 Schülerinnen und Schüler des Otto-von-Taube-Gymnasiums Gauting als Abschluss eines bewegenden Festaktes im Plenarsaal des Bayerischen Landtags vor Überlebenden des Holocaust.

Mit dem Festakt gedachten der Bayerische Landtag, die Staatsregierung und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten gemeinsam der Opfer des Nationalsozialismus. Anlass war der 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945.

An diesem Tag wird weltweit an die Menschen erinnert, die während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden. Landtagspräsidentin Barbara Stamm betonte in ihrer Begrüßung, dass das Gedenken an geschehenes Unrecht immer Auftrag für die Gegenwart sei. „Heute sind wir eine demokratische, freiheitliche und offene Gesellschaft. Terror, Gewalt und Antisemitismus haben hier nichts zu suchen. Das ist und bleibt unverrückbar. Dafür treten wir ein – gemeinsam mit allen Mitteln des Rechtsstaats und der Demokratie. Wir dulden weder Fanatismus, noch Radikalität und Intoleranz. Darin sind sich alle demokratischen Kräfte einig. Wir werden achtsam und wachsam sein, damit alle in unserem Land sicher und vor allem friedlich miteinander leben können. Wir werden Recht und Freiheit immer verteidigen. Das sind wir den Opfern des Nationalsozialismus, das sind wir der Menschlichkeit schuldig“, erklärte die Landtagspräsidentin.

Wir geben dumpfen Parolen von rechts keine Chance

Auch Ministerpräsident Horst Seehofer verwies in seinen Gedenkworten auf die Bedeutung des Gedenkens für das aktuelle Tagesgeschehen. „Wer unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger bedroht, stellt sich gegen Demokratie und Freiheit in Europa. Er bedroht uns alle. Ich bin den Menschen in Bayern dankbar. Sie zeigen: Wir wehren uns gegen radikale Hassprediger auf unseren Straßen. Wir widersetzen uns  extremen Randgruppen und ihren Rädelsführern. Wir geben dumpfen Parolen von rechts keine Chance. Geben wir diesem Tag des Gedenkens eine Zukunftsbotschaft: Freiheit und Demokratie brauchen Erinnerung. Freiheit und Demokratie brauchen Einsatz, Engagement und Mut“, forderte Seehofer. Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, schloss sich diesem Appell an: „Gedenken ist immer ein Blick nach vorn!“.

Es geht um die Demokratie

Erich Schneeberger, Vorsitzender des Landesverbandes Bayern des Verbandes Deutscher Sinti und Roma, erinnerte in seinem engagierten Grußwort daran, dass es beim Kampf gegen Extremismus um Grundsätzliches gehe. „Als Minderheit, die den Holocaust im Nationalsozialismus erlebte, dürfen wir nicht zulassen, dass das Wertesystem, das uns fast 70 Jahre Frieden in Europa gebracht hat, heute durch die Gewalt von Extremisten in Gefahr gebracht wird. Es geht dabei nicht allein um Minderheiten wie Sinti, Roma oder Juden, sondern um die Gefährdung unserer Demokratie als Ganzes. Es geht um die Verteidigung des Wertefundaments unserer demokratischen, offenen Gesellschaft und um die Grundlagen unseres Zusammenlebens“, sagte Schneeberger.

Alarmzeichen für die kleine jüdische Minderheit

Ilse Danziger, Vizepräsidentin  der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern, dankte ausdrücklich Landtagspräsidentin Barbara Stamm, die sich für die regelmäßige Ausrichtung des Internationalen Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus durch den Landtag einsetze. Danziger warnte davor, erste Anzeichen für extremistische Gesinnung zu unterschätzen: „Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus haben dieselben Wurzeln. Die Resonanz auf die öffentlichen Auftritte von Pegida sind Alarmzeichen für die kleine jüdische Minderheit in Deutschland wie für andere religiöse Minderheiten. Aber die Antennen für die jüdische Befindlichkeit und andere gefährdete Minderheiten sind empfindlicher als damals. In vielen Städten Deutschlands, auch in Bayern, reagieren immer mehr Menschen und wachen auf, wenn Werte, die sie anerkennen und praktizieren, gefährdet sind: Gleichheit, Menschenwürde, freie Meinungsäußerung und Demokratie – die größten Errungenschaften der Menschheit.“

Höhepunkt ist die bewegende Ansprache des Auschwitz-Überlebenden Max Mannheimer

Meir Sheetrit, der dienstälteste Abgeordneter des israelischen Parlaments (Knesset), nutzte die Gelegenheit, um für Optimismus zu werben. „Der große Vorteil der Zukunft ist, dass sie sich noch nicht ereignet hat. Daher ist alles offen. Wir können uns alles vorstellen, alles träumen, alles planen. Und wenn wir tatsächlich daran glauben, und auf die Verwirklichung all dessen, was wir uns erträumt haben, hinarbeiten, tritt es ein und wird Realität. So war es vor 70 Jahren mit Ende des Krieges, so war es vor 50 Jahren, als wir diplomatische Beziehungen aufgenommen haben, und so werden wir uns auch in den kommenden Jahren entwickeln können. Mit Mut und Fantasie. Ich glaube, dass die Zukunft sehen wird, wie wir alle, die ganze freie Welt, Schulter an Schulter kämpfen, damit die zukünftigen Generationen in einer Welt leben, die besser ist als heute. Deutschland und Israel als Partner sind das beste Beispiel dafür“, zeigte sich Sheetrit zuversichtlich.

Berührender Höhepunkt der Zeremonie war der Auftritt des Auschwitzüberlebenden Max Mannheimer, der am 6. Februar seinen 95. Geburtstag feiert. Er mahnte an, die Errungenschaften einer freien Gesellschaft nicht als Selbstverständlichkeit zu betrachten und dies auch der jeweils nächsten Generation zu vermitteln. „Freundschaft zwischen Völkern und Religionen ist in unserer Zeit eines der wichtigsten Signale. In einer Demokratie leben zu dürfen, ist nicht für alle Menschen eine Selbstverständlichkeit. Deshalb sollten wir den jungen Menschen den Wert einer Demokratie bewusst machen und sie dafür stärken, sich für demokratische Werte, für Persönlichkeitsrechte, für menschliche Würde und Religionsfreiheit einzusetzen. Dazu müssen wir auch wissen, was solch große Worte bedeuten und dass sie manchmal Mut erfordern. Die Freiheit, in der wir leben dürfen, bringt die Verpflichtung zu einem verantwortlichen Handeln für Staat und Gesellschaft mit sich. Nur so können wir überhaupt von Freiheit reden, alles andere bringt Unfrieden und Chaos“, warnte Mannheimer und verwies in diesem Zusammenhang auf das Tagesgeschehen in Deutschland: „Wenn heute wieder bedenkliche Demonstrationen stattfinden, müssen sich staatliche Stellen und Verantwortliche Sorgen machen und entsprechend handeln.“ Gleichzeitig zeigte sich Mannheimer erleichtert darüber, dass es bürgerliches Engagement gegen extremistische Strömungen gebe. „Ist es nicht auch ein ermutigendes Zeichen, wenn jede dieser Veranstaltungen eine viel größere Gegendemonstration hervorruft? Das soll kein Trost sein und auch keine Abschwächung dieser fraglichen Strömungen. Trotzdem ist bemerkenswert: die Gegenbewegungen sind keine von oben gesteuerten, verordneten, sondern notwendiger Ausdruck einer Verneinung von Ausländerfeindlichkeit, Ausgrenzung und Intoleranz.“ Mannheimer wies aber auch darauf hin, dass er weder als Richter oder Ankläger spreche, sondern als Zeitzeuge und Aufklärer. „Ich erzähle von Auschwitz, Warschau und Dachau ohne mich von dem Ungeist von Auschwitz beherrschen zu lassen, indem ich versuche, Brücken zu bauen zwischen Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern, mit je unterschiedlichen Hintergrund über alle politischen und religiösen Hindernisse hinweg. Wichtig ist, miteinander im Gespräch zu bleiben, die Auseinandersetzung nicht zu scheuen“, sagte Mannheimer und forderte auf, der Gefahr der Wiederholung von Unrecht entgegen zu treten. „Dieser Auftrag geht an uns alle von diesem Tag, von dieser Stunde aus. Fangen wir an. Heute“, schloss Mannheimer seinen sehr persönlichen Vortrag ab.

Zeitzeuge Max Mannheimer bei seiner sehr persönlichen Ansprache. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Schülerinnen und Schüler des Otto-von-Taube-Gymnasiums versprechen den Holocaust-Überlebenden, die Erinnerung wach zu halten. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Meir Sheetrit, dienstältester Abgeordneter der Knesset, mit dem Generalkonsul Israels, Dan Shaham. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
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