Bayerischer Landtag

28.03.2012 - Appell aus Brasilien: Bayern muss Präsenz zeigen

Paulo Melo, Präsident der Abgeordnetenkammer des brasilianischen Bundesstaates Rio de Janeiro, beuchte den Landtag und hat einen Wunsch: engere Beziehungen zu Bayern.

Bild: Thomas Wüst, Vorsitzender des Global Partners Bayern e.V., Paulo Melo, Präsident des Regionalparlaments Rio, de Janeiro, Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Georg Rodenbach, Sprecher der SOS-Kinderdörfer. | Foto: Rolf Poss
Thomas Wüst, Vorsitzender des Global Partners Bayern e.V., Paulo Melo, Präsident des Regionalparlaments Rio, de Janeiro, Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Georg Rodenbach, Sprecher der SOS-Kinderdörfer. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

- Von Zoran Gojic -

Paulo Melo ist ein Vollblutpolitiker, das wurde schon nach wenigen Minuten seines Besuches am 28. März 2012 im Bayerischen Landtag deutlich. Der Präsident der Abgeordnetenkammer des Staates Rio de Janeiro erkundigte sich bei Landtagspräsidentin Barbara Stamm zunächst ausführlich über die verschiedenen Wahlsysteme in Deutschland, um dann mit geballtem südamerikanischem Charme zu konstatieren: „Sie sind sehr sympathisch Frau Stamm – wenn ich hier leben würde, hätten Sie bei den nächsten Wahlen meine Stimme!“.

Melo, der sich gerade auf einer Informationsreise durch Bayern befindet, warb leidenschaftlich für Rio de Janeiro, den viertgrößten Bundesstaat Brasiliens und mit 16 Millionen Einwohnern bevölkerungsreicher als Bayern. „Rio und ganz Brasilien machen im Moment einen rasanten Prozess der Transformation durch. Wir erleben gerade eine außerordentliche Entwicklung.

Bis 2013 werden alleine im Bundesstaat Rio gut 200 Milliarden US-Dollar investiert, erläuterte Melo. Das Geld dafür liefern die Erdöl- und Gasvorkommen, die man in den letzten Jahren erschlossen hat. Das Geld soll allerdings bewusst nachhaltig angelegt werden. In Infrastruktur, Bildung und erneuerbare Energien etwa. „Wir haben Wasserkraft. Sonne, Wind – alles, was man benötigt“. Die Atomenergie und fossile Brennstoffe sollen keine große Rolle spielen. „Wir setzen vor allem auf kleine, dezentrale Wasserkraftanlagen, die haben sich bewährt“, so Melo, der die mangelnde Geschlossenheit beim Kampf gegen die globale Erwärmung beklagte. „Die internationale Solidarität in diesem Bereich könnte besser sein“, bedauerte Melo, der sehr interessiert an der deutschen Energiewende war. „Das wird ein schwieriger Prozess“, erklärte Stamm. „Der Ausbau neuer Stromnetze und alternativer Energiequellen stößt bei der Bevölkerung zum Teil auf Widerstand. Den Ausstieg aus der Kernenergie will seit der Katastrophe von Fukushima allerdings auch niemand in Frage stellen.“ Melo machte der Reaktorunfall in Japan ebenfalls sehr nachdenklich. „Auch in Brasilien stehen die Atomkraftwerke in dichtbesiedeltem Gebiet. Ein Unfall wäre eine echte Katastrophe.“

Brasilien macht riesige Fortschritte - in der Wirtschaft, aber auch im sozialen Bereich

Energie allerdings braucht das Boomland Brasilien mit seinen bald 200 Millionen Einwohnern. Die Arbeitslosigkeit und die Inflation sind so niedrig wie lange nicht mehr, die Verhältnisse geordnet. „Es ist ein besonderer Moment für Brasilien. Die Wirtschaft ist stabil und auch die Demokratie. Wir hatten noch nie so eine lange Phase echter Demokratie seit dem Ende der Kolonialzeit. Das ist ein Signal an die Welt. Investitionen in Brasilien sind sicher, anders als in anderen südamerikanischen Ländern“, erklärte Melo.

Auch auf einem anderen Feld macht Brasilien Fortschritte: den sozialen Standards. „Die Situation in der Stadt Rio hat sich dramatisch gebessert. Früher gab es riesige Elendsviertel, die sogenannten Favelas, organisierte Kriminalität und Armut. Mittlerweile ist Rio durch eine Kombination aus polizeilichen und sozialen Maßnahmen wieder sicherer geworden. Kürzlich hat sogar eine Universität in einem früher besonders gefürchteten Viertel eröffnet“, erzählte Melo mit sichtbarem Stolz.

Melo ist selbst in einem Elendsviertel groß geworden. „Ich komme aus einer sehr armen Familie, habe auf den Straßen Rios gelebt und erst mit 17 lesen und schreiben gelernt. Ich möchte, dass Kinder in Brasilien nicht mehr so aufwachsen müssen“, erklärte Melo und lud die Landtagspräsidentin zu einem Besuch nach Rio ein. „Sie müssen kommen“, beharrte Melo. „Machen Sie sich endlich Gedanken, wann Sie es in Ihren Terminplan unterbringen können“. Stamm wehrte scherzhaft mit dem Hinweis ab, der Bund der Steuerzahler beäuge Reisetätigkeiten von Politikern immer besonders kritisch.

"Alles, was ich gelernt habe, lernte ich durch Begegnungen mit anderen Menschen", sagt das ehemalige Straßenkind Paulo Melo

Das Argument wollte Melo nicht stehen lassen. „Ich habe sehr wenig formelle Bildung, ich war nur zwei Jahre auf einer Schule. Alles, was ich gelernt habe, habe ich durch Menschen gelernt, denen ich begegnet bin. Bayern muss präsenter in der Welt sein, wenn es Kontakte knüpfen will und wirtschaftliche Kooperation anstrebt. Auch im Interesse Deutschlands und Europas“, sagte Melo mit spürbarem Ernst. „Spätestens 2014 zum Endspiel der Fußball-WM zwischen Brasilien und Deutschland erwarte ich Sie!“, fügte er dann noch schelmisch an. Die Frage nach dem Ausgang dieses Finales entlockt Melo ein mitleidiges Lächeln. „Ich bewundere alle Menschen, denen die Fähigkeit zum Träumen noch nicht abhanden gekommen ist. Aber bedenken Sie: Sie spielen dann gegen Brasilien.“

Rechtzeitig fertig wird das Stadion in Rio übrigens auf jeden Fall. „7000 Menschen arbeiten 24 Stunden am Tag an dem Stadion. Wir eröffnen es ein halbes Jahr vor Beginn der WM“, beruhigte Melo. Und gab sich zum Abschluss wieder als unkonventioneller und humorvoller Politiker zu erkennen. Als Landtagspräsidentin Stamm ihn nach dem weiteren Programm des Bayern-Aufenthalts fragte, antwortete Melo, der die gesamte Zeit über Mineralwasser getrunken hatte: „Am Abend werde ich Untersuchungen über das bayerische Bier anstellen.“

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