Bayerischer Landtag

29.01.2008 - Eröffnung Dokumentation "Opfer und Verfolgte des NS-Regimes aus bayerischen Parlamenten"

Die Dokumentation "Opfer und Verfolgte des NS-Regimes aus bayerischen Parlamenten" ist das umfassendste Projekt dieser Art in einem deutschen Landesparlament. Sie enthält mehr als 300 Opfer-Schicksale und ermöglicht Recherchen z. B. nach Namen, Schadenskategorien, Stimmverhalten, Parteizugehörigkeit, Beruf, Wahl- und Stimmbezirken. Die Ergebnisse wurden vom Haus der Bayerischen Geschichte und dem Institut für Zeitgeschichte erarbeitet und im Januar 2008 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Bild: Internetbasierte Dokumentation | Foto: Screenshot Grabendörfer
Internetbasierte Dokumentation | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Erinnern, Ehren, Mahnen – und damit das Gedenken an den demokratischen Widerstand gegen die NS-Diktatur in Bayern wach halten: Das war und bleibt für den Bayerischen Landtag ein wichtiges Anliegen – insbesondere 2008, als sich die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zum 75. Mal jährte. Ein geeigneter Zeitpunkt auch, um im bayerischen Parlament eine in dieser Form einzigartige zeitgeschichtliche Dokumentation mit den Namen und Schicksalen von Parlamentariern, die unter der NS-Unrechtsherrschaft gelitten haben, vorzustellen.

Die darin aufbereiteten Informationen wurden im Zuge eines bundesweit einmaligen Forschungsprojekts vom Haus der Bayerischen Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte erarbeitet.

Bild: Benutzerfreundliche Recherchemöglichkeiten | Foto: Screenshot Grabendörfer
Benutzerfreundliche Recherchemöglichkeiten | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Ausgangspunkt für die Dokumentation und alle weiteren zeitgeschichtlichen Recherchen waren die Namen jener 16 SPD-Abgeordneten, die am 29. April 1933 im Bayerischen Landtag als einzige gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatten – ein mutiger Akt des demokratischen, parlamentarischen Widerstands.

Mit dem sogenannten bayerischen Ermächtigungsgesetz wurde die rechtsstaatliche Ordnung ausgehöhlt und die über 100-jährige parlamentarische Geschichte Bayerns vorläufig beendet. Erst 13 Jahre später, am 16. Dezember 1946, konnten sich wieder frei gewählte bayerische Volksvertreter in München versammeln.

Als vielschichtig, komplex und in weiten Teilen zeitgeschichtlich unerforscht, erwiesen sich bei der Realisierung der Dokumentation viele Lebensläufe und Opfer-Biografien: Wer genau konnte als „Opfer“ des Nationalsozialismus bezeichnet werden? Welche Kategorien und Kriterien waren dafür ausschlaggebend? Welche Parlamentarier sollten in die Dokumentation miteinbezogen werden?

Forschungsauftrag an zwei renommierte Institute

Um solche schwierigen Abwägungsfragen methodisch und wissenschaftlich abgesichert klären zu können, beauftragte der Bayerische Landtag im April 2005 zwei renommierte Forschungsinstitute mit der Erstellung der Dokumentation: das Haus der Bayerischen Geschichte sowie das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. Auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse sollten Quellen systematisch gesichtet und objektive Maßstäbe für die Umsetzung entwickelt werden.

Im Laufe der ab Herbst 2005 begonnenen Forschungsarbeiten mit aufwändigen Recherchen in mehr als 170 Instituten und Archiven zeigte sich, dass es sinnvoll war, nur solche Personen als Opfer zu klassifizieren und in die Dokumentation mit aufzunehmen, die die bis heute gültigen Kriterien der Entschädigungs- und Wiedergutmachungsgesetzgebung der Nachkriegszeit erfüllen. „Von vornherehin ausgeschlossen wurden Personen, für deren Opferschicksal nur reine Selbstaussagen als Beleg gefunden werden konnten. Ebenfalls unberücksichtigt blieben Personen mit NS-Belastung“, erklärt Landeskonservator Michael Henker, Stellvertretender Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte.

Bei der Festlegung des zu untersuchenden Personenkreises fiel die Entscheidung zugunsten einer breiten Auslegung: Danach sollten grundsätzlich alle Abgeordneten, die zu unterschiedlichen Zeiten bayerischen Parlamenten angehörten, in die Untersuchung einbezogen werden; also beispielsweise auch jene, die als Nicht-Parlamentarier unter dem NS-Regime gelitten hatten und gerade aufgrund dieser Erfahrung mit Diktatur und Willkür nach 1946 als Mitglieder des Landtags am demokratischen Wiederaufbau des Landes mitarbeiteten – eine Auslegung, die von CSU und SPD befürwortet, von Bündnis 90/Die Grünen allerdings nicht mitgetragen wurde.

Nach diesen Kriterien wurden bislang mehr als 300 ehemalige Landtagsabgeordnete verifiziert, die – eindeutig dokumentiert – zu den Opfern nationalsozialistischer Gewaltherrschaft zu rechnen sind. Die Personen können nach unterschiedlichen Parametern, wie etwa Schadenskategorien, Berufen, Orten, Parteien etc., aufgerufen werden. Sie werden jeweils mit Bild, mit Angaben zum Opferschicksal und zur Biografie sowie mit Hinweisen auf die Forschungsliteratur vorgestellt.

Die Inhalte der Dokumentation können online im Internet oder über ein Computer-Terminal im Kreuzgang des Maximilianeums abgerufen werden.

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