Bayerischer Landtag

29.09.2010 - Bayerischer Landtag feiert 20 Jahre deutsche Einheit

Mit einem Festakt hat der Bayerische Landtag den 20. Geburtstag des wiedervereinigten Deutschlands gefeiert.

Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit Hans-Dietrich Genscher. Der langjährige Bundesminister des Auswärtigen hat an der Seite von Bundeskanzler Helmut Kohl den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands gebahnt. | Foto: Rolf Poss
´Wir haben den Frieden gewonnen, nicht nur die Einheit´, sagte Hans-Dietrich Genscher in seiner Ansprache. | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm erinnerte an die Ereignisse des 30. Septembers 1989 in der deutschen Botschaft in Prag: ´Ich muss gestehen, noch immer bekomme ich Gänsehaut, wenn ich diese Bilder im Fernsehen sehe´, sagte Barbara Stamm. | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm saß mit den beiden Festrednern Hans-Dietrich Genscher (rechts) und Dr. Sandor Peisch in der ersten Reihe. | Foto: Rolf Poss
Alle fünf Fraktionsvorsitzenden nahmen an der Feierstunde teil (v.l.): Georg Schmid (CSU), Markus Rinderspacher (SPD), Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Thomas Mütze (Bündnis 90/Grüne) und Thomas Hacker (FDP). | Foto: Rolf Poss
Sandor Peisch erinnerte an die Rolle, die sein Land 1989 bei der Grenzöffnung gespielt hat. | Foto: Rolf Poss
Blick auf die Tribüne im Plenarsaal | Foto: Rolf Poss
Umrahmte die Feierstunde musikalisch: das Vocal-Solisten-Ensemble der Hochschule für Musik und Theater München. | Foto: Rolf Poss
Vor der Feierstunde traf Hans-Dietrich Genscher Schülerinnen und Schüler des Luisenburg-Gymnasiums in Wunsiedel und des Elly-Heuss-Gymnasiums in Weiden in der Oberpfalz. | Foto: Rolf Poss
Bild: Hans-Dietrich Genscher (Mitte) beim Eintrag in das Ehrenbuch des Bayerischen Landtags. Rechts: Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit (v. r.) Franz Maget, Dr. Sandor Peisch, Reinhold Bocklet, Jörg Rohde und Peter Meyer. | Foto: Rolf Poss
Hans-Dietrich Genscher (Mitte) beim Eintrag in das Ehrenbuch des Bayerischen Landtags. Rechts: Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit (v. r.) Franz Maget, Dr. Sandor Peisch, Reinhold Bocklet, Jörg Rohde und Peter Meyer. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

– Von Katja Helmö –

„Ich lasse mir durch niemanden und durch nichts meine täglich neue Freude darüber nehmen, dass wir wieder in einem Land in Freiheit und Frieden vereint sind“, betonte der frühere deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Plenarsaal des Maximilianeums. Dr. Sándor Peisch, der damalige ungarische Vize-Botschafter, erinnerte in der Feierstunde an die Rolle, die sein Land 1989 bei der Grenzöffnung spielte.

Repräsentanten aus Politik und Staatsverwaltung, Kirchen und dem konsularischen Korps, aber auch Schülerinnen und Schüler aus Wunsiedel und Weiden, die nach 1990 in der Grenzregion geboren sind und das geteilte Deutschland selbst nie erlebt haben, nahmen an der Feierstunde teil.

„Das ganze Deutschland in Europa“ – das war die Überschrift und der Bogen, den Hans-Dietrich Genscher in seiner mit großem Applaus bedachten Festrede spannte. Dabei stellte er klar: „Die Lasten, die wir jetzt in Solidarität zu tragen haben, sind Erblasten von 40 Jahren sozialistischer Politik.“

Stunde der Freiheit

Niemals in ihrer Geschichte seien sich die Völker Europas so einig und in ihren Gefühlen und ihren Sehnsüchten so nah gewesen wie in den Jahren 1989 und 1990. „Damals wurde Europa neu begründet“, sagte Genscher mit Blick auf die Ereignisse, die schließlich zum Fall des Eisernen Vorhangs geführt hatten. „Die Menschen in Prag und in Warschau wussten, wenn die Tore der deutschen Botschaften sich öffnen, dann ist auch die Stunde der Freiheit für die Tschechen, die Slowaken und die Polen gekommen.“

Der 83-jährige frühere Außenminister bedankte sich im Maximilianeum bei Dr. Sandor Peisch, dem früheren Botschafter der Republik Ungarn in Deutschland, für Ungarns Unterstützung bei der Wiedervereinigung: „Wir Deutschen werden dem tapferen ungarischen Volk niemals vergessen, was es damals gewagt und was es getan hat“, so Genscher.

Am 2. Mai 1989 hatte Ungarn mit dem Abbau des Grenzzauns zu Österreich begonnen. In den Wochen danach versuchten viele DDR-Bürger, trotz der noch bestehenden Grenzkontrollen, über Ungarn in die Bundesrepublik zu fliehen. Als die Fluchtwelle immer größer wurde, beschloss die ungarische Regierung unter Ministerpräsident Nemeth und Außenminister Horn, den DDR-Bürgern die freie Ausreise zu erlauben. Ungarn ließ die ostdeutschen Menschen in die Freiheit, nach Westen gehen – „trotz der in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen, trotz des starken politischen Drucks seitens der DDR und anderer orthodoxen Kräfte“, berichtete Sandor Peisch, der in der damaligen ungarischen Botschaft in Bonn diese Entwicklung hautnah miterlebt hatte. „Es war eine Heldentat.“ Und: „Es war eine Sternstunde der deutsch-ungarischen Beziehungen“, so Peisch.

„Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise . . .“

Die Massenfluchtbewegung über Ungarn, die Kraft und gleichzeitig die Verzweiflung der Menschen in der Prager Botschaft, hatten der Mauer den ersten schweren Schlag versetzt: „Die Mauer öffnete sich für einen Spalt, sie konnte danach nicht mehr ganz geschlossen werden“, berichtete Genscher. Der damalige Außenminister hatte am 30. September 1989 um 18.58 Uhr auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag vor mehreren tausend DDR-Bürgern den berühmten Halbsatz gesprochen: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise . . .“ – Weiter kam er nicht, denn die restlichen Worte waren im Jubel der ausreisewilligen DDR-Bürger untergegangen.

„Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich diese Bilder im Fernsehen sehen“, bekannte Landtagspräsidentin Barbara Stamm in ihrer Begrüßungsrede und unterstrich: „20 Jahre deutsche Einheit sind ein Geschenk und eine Leistung, die wir nicht hoch genug schätzen können." Die Menschen im Osten und Westen seien sich näher gekommen, hätten gemeinsam eine große Gemeinschaftsleistung vollbracht. Den Ostdeutschen sei dabei viel Flexibilität und Anpassungsfähigkeit im Alltagsleben abverlangt worden, während die Westdeutschen den „Aufbau Ost“ mit viel Solidarität unterstützt hätten. „Das wiedervereinigte Deutschland lebt in Frieden und Eintracht mit seinen europäischen Nachbarn und Freunden“, nannte Stamm das wichtigste Ergebnis.

Bild: Hans-Dietrich Genscher im Gespräch mit den Jugendlichen. Die Informationen, die sie hier aus erster Hand erhielten, sind noch in keinem Schulbuch zu finden. | Foto: Rolf Poss
Hans-Dietrich Genscher im Gespräch mit den Jugendlichen. Die Informationen, die sie hier aus erster Hand erhielten, sind noch in keinem Schulbuch zu finden. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Geschichten wie diese sind in keinem Schulbuch zu finden

Vor dem Festakt, den das Vocal-Solisten-Ensemble der Hochschule für Musik und Theater München eindrucksvoll musikalisch umrahmte, trafen Landtagspräsidentin Barbara Stamm und Hans-Dietrich Genscher mit Schülerinnen und Schülern des Luisenburg-Gymnasiums in Wunsiedel und des Elly-Heuss-Gymnasiums in Weiden in der Oberpfalz zusammen, um mit ihnen über die Wiedervereinigung zu diskutieren. Die jungen Leute, für die Mauer, Grenzöffnung und Wiedervereinigung bereits Geschichte ist, hatten sich in zwei Video-Projekten mit 20 Jahren deutscher Einheit beschäftigt. Sie befragten Zeitzeugen und gingen der Frage nach, wie es ist, wenn nach dem Mauerfall ein Stasi-Opfer auf seinen Verräter trifft.

„Welche Gefühle hatten Sie, als Sie auf dem Balkon in Prag standen“, wollte ein Gymnasiast aus Wunsiedel von dem früheren Außenminister wissen. „Ich war aufgewühlt. Es war ein wunderbarer Tag, den man sein ganzes Leben nicht vergisst und der die ganze Welt bewegte“, antwortete Genscher. Mit großer Offenheit erzählte der Politiker von den damaligen Geschehnissen und seinen Begegnungen – etwa von seiner dramatischen Besprechung in einem New Yorker Hotel mit Eduard Schewardnadse, dem damaligen sowjetischen Außenminister, als sich die Situation in der Prager Botschaft immer mehr zuspitzte. Geschichten wie diese sind noch in keinem Lehrbuch zu finden. Die Jugendlichen waren von dieser Schulstunde im Landtag begeistert.

Seitenanfang