Kalligrafie: den Wörtern Lebendigkeit schenken

Warum glitzern die Buchstaben im Ehrenbuch des Bayerischen Landtags?

02.09.2026

MÜNCHEN.   Die Faszination für Märchenbücher und ihre gotischen Schriften hat Jörg Schwarzenbach ein Leben lang nicht mehr losgelassen – und sie ist der Grund dafür, warum die Einträge im Gästebuch des Bayerischen Landtages seine persönliche Handschrift tragen.

Leise klimpernd kreist die Feder durch das golden schimmernde Tintenfass, kurz darauf ertönt ein rhythmisches Kratzen – Jörg Schwarzenbach zeichnet einen Bogen, weitere Striche, bald ist das Kunstwerk erstellt: ein Buchstabe. „Kalligrafie ist die Materialisierung von Wort und es geht immer um das Ringen nach der Form. Wie viel Tinte beim Zeichnen aufs Blatt fließt, ist nicht immer ganz kontrollierbar, aber das gibt dem Ganzen die Lebendigkeit“, erklärt Schwarzenbach, während er den zweiten Buchstaben gestaltet. Bereits seit 2008 tragen die Einträge im Gästebuch des Bayerischen Landtages seine persönliche Handschrift. Circa drei bis viermal pro Jahr sind seine Dienste gefragt.

Faszination für Märchenbücher

„Für die Kalligrafie ist natürlich eine Passion für Schrift wichtig, ein gutes Formempfinden und eine ruhige Hand. Die Schrift bietet mir dabei ein Formenrepertoire, unsere 26 Buchstaben, aus denen ich ein Gesamtgebilde schaffe, das durch die wiederkehrenden Formen einen gewissen Duktus bekommt, den ich kontinuierlich weiterentwickle“, sagt Schwarzenbach. Die Faszination für Märchenbücher und ihre gotischen Schriften hat ihn ein Leben lang nicht mehr losgelassen und letztendlich zur Kalligrafie gebracht. Eine Ausstellung im Kloster Seeon über handgeschriebene Bücher hat ihn während seiner Studentenzeit dazu gebracht, tiefer in das Thema einzusteigen. 

Einen Blick in das Ehrenbuch des Bayerischen Landtags bietet das Video auf dem Instagram Kanal des Landtags.

Ausdruck von Tradition und Modernität

Besuchen prominente Gäste den Bayerischen Landtag, erhält Schwarzenbach ergänzend zum Namen einen kurzen Grußtext sowie Informationen über das Wappen oder die Flagge des Bundeslandes. Diese zeichnet er farbig, wie auch die Initialen. Die verwendete Schriftart, die sogenannte Unziale, stammt aus der Spätantike. Schwarzenbach hat sich ganz bewusst dafür entschieden. „Meine Vorgänger haben eine gotische Schrift verwendet, die ist sehr streng und rechtwinklig. Ich dachte zum Bayerischen Landtag passt eine geschwungenere Schrift besser und auch der Zeitpunkt, zu dem die Schrift erfunden wurde. Das war nämlich um 400 nach Christus, als die ersten Bücher in dieser Schrift geschrieben wurde.“ Schwarzenbach erklärt, dass Schriften oft mit dem Stil der jeweiligen Epoche korrespondieren. Die Unziale sei eine sehr alte, aber eben durch ihre geschwungene Form auch sehr moderne Schrift – was seiner Meinung nach ausgezeichnet zum Ehrenbuch passe. „Die Unziale drückt für mich Tradition und gleichzeitig Modernität aus – wie auch der Bayerische Landtag!“, so Schwarzenbach.

Schreibwerkzeug mit tausendjähriger Geschichte

Zu seinen Schreibutensilien gehören Gänsefeder, Papyrus, Tintenrohr, Rohrfeder und Stahlfeder. Die ersten Schreiber haben Papyrus verwendet – eine Entdeckung der Ägypter aus der Papyruspflanze. Die Rohrfeder wurde dann vor circa 5000 Jahren erfunden und mit Rußtinte geschrieben. Gänsefeder setzten Schreiberlinge um die Zeit von Christus ein, sie gilt noch heute als ein sehr präzises Schreibwerkzeug. Auch Miniaturbibeln – fast nur mit der Lupe lesbar – wurden etwa 2000 Jahre lang damit verfasst. Schwarzenbach zeichnet mit einem Automatic Pen, eine Erfindung aus England, die als Weiterentwicklung der Stahlfeder angesehen werden kann. Die Besonderheit: ihre zwei dünnen Metallplatten, die in der Mitte aufeinanderstoßen und ganz feine Einschnitte haben. Das ermöglicht einen kontinuierlichen Tintenausfluss und damit großformatiges Schreiben sowie das Zeichnen feiner Haarlinien. 

Die Tinte mischt Schwarzenbach übrigens selbst, damit sie genau die richtige Konsistenz hat – nicht zu dick und nicht zu dünn – und gut aus dem Schreibwerkzeug fließen kann.

/AG

 

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