Bayerischer Landtag

12.04.2005 - Dialog: Der Zukunft auf der Spur (1) - Spuren in die Zukunft: Deutschland 2020

"Die Lebenskraft eines Zeitalters liegt nicht in seiner Ernte, sondern in seiner Aussaat."
Ludwig Börne (1786-1837), dt. Schriftsteller u. Kritiker

Die Grundlage guter und erfolgreicher Führung ist immer wieder: Die Zeichen der Zeit erkennen, um daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Sie sind stets auch Signale der Veränderung.

Der wissenschaftlich-technische Fortschritt eröffnet gewaltige Chancen für das künftige Leben und Zusammenleben der Menschen - zugleich drohen aber auch entsprechende Risiken und Gefahren. Es ist nicht zuletzt Aufgabe der Politik, bei der Förderung von Wissenschaft und Forschung immer zu fragen: Wie wirken sich die Entwicklungen auf die Menschen und auf die Gesellschaft aus?

Unter dem Motto "Der Zukunft auf der Spur" versuchen wir in einer neuen Dialog-Reihe Antworten zu finden auf die Fragen: Wie sieht unser Land in 10, 20 Jahren aus? Welche Tendenzen und Perspektiven sind heute schon abzusehen, und wie können wir dafür sorgen, um als Land auch im internationalen Vergleich Schritt zu halten? Was können und müssen wir tun, um die Entwicklung in eine Richtung zu lenken, die dem ethischen Profil einer modernen Gesellschaft gerecht wird?

Begrüßung und Einführung
Landtagspräsident Alois Glück

(Redigierte Abschrift eines Tonbandmitschnittes. Von den Rednern nicht autorisiert.)

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich begrüße Sie im wunderbar gefüllten Plenarsaal.

Nach den Veranstaltungsreihen „Dialog der Kulturen“ und „Dialog der Generationen“ ist dies ein weiterer Versuch, zu Themen unserer Zeit miteinander ins Gespräch zu kommen und Impulse zu geben. Wir haben diese neue Gesprächsreihe genannt: „Der Zukunft auf der Spur“. Das klingt wie ein Krimi, vielleicht wird es auch genauso spannend.

Meine Damen und Herren, zu allen Zeiten war die Frage drängend: Was bringt die Zukunft? Manchmal ist es gut, wenn man es nicht so genau weiß, aber auf der anderen Seite ist sachgerechtes Handeln - ob in der Politik oder in einem Unternehmen - ganz wesentlich davon abhängig, dass die Zeichen der Zeit richtig aufgenommen und die entsprechenden Schlussfolgerungen gezogen werden. Insofern ist Führung immer mit der Aufgabe verbunden, nach solchen Zeichen der Zeit und erkennbaren Entwicklungstrends Ausschau zu halten. Allerdings: Nur Ausschau zu halten und darüber zu diskutieren, ist zwar intellektuell interessant, aber dort, wo verantwortliches Handeln gefragt ist, geht es auch darum, welche Schlussfolgerungen gezogen werden.

Mit diesen vier Abenden wollen wir einen Anstoß geben. Der erste Abend hat zum Thema: Wie sieht unser Land im Jahr 2020 aus? Damit verbunden ist auch die Frage: Sind Prognosen überhaupt möglich? Wodurch werden Veränderungen ausgelöst? Mit welchen Zukunftstrends ist zu rechnen?

Der zweite Abend: Auswirkungen der so genannten „Lebenswissenschaften“ auf unser Leben - also der medizinisch-wissenschaftliche Fortschritt, die Erkenntnisse der Biotechnologie und ähnliches. Dieses Thema wird aus zwei Blickwinkeln betrachtet, einmal aus der Warte der Naturwissenschaften - in dem Fall des Pharmakologen Prof. Martin Lohse - und dann auch aus ethischer Sicht: Wie weit geht die Freiheit der Forschung? Wo liegen die ethischen, rechtlichen, gesellschaftlichen Grenzen? Daraus leitet sich dann die Frage nach der Gestaltungsaufgabe der Politik ab. Der Gesprächspartner dazu wird Herr Prof. Nikolaus Knoepffler sein.

Der dritte Abend: Perspektiven in der technischen Entwicklung. Auch hier ein zweigeteilter Ansatz. Einmal aus der Sicht der angewandten Forschung: Wohin geht der technische Fortschritt? Dazu wird Herr Prof. Hans-Jörg Bullinger sprechen, der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Und auf der anderen Seite die praktische Anwendung: Wie wirken sich technische Innovationen auf den Einzelnen und die Gesellschaft aus? Dazu referiert dann der Sozialpsychologe Prof. Dieter Frey aus München.

Schließlich der vierte Abend: Frauen gestalten die Zukunft. Mit einem Impulsreferat von Frau Prof. Corinna Onnen-Isemann, einer Familiensoziologin, und danach einer Gesprächsrunde mit fünf Frauen aus verschiedenen Bereichen.

Soweit der Rahmen! Natürlich ist damit nicht das Gesamtthema ausgeschöpft. Es kann nur eine Auswahl sein, immer in der Hoffnung, dass damit Impulse vermittelt werden, dass Sie selbst weiterfragen, überlegen und gewissermaßen die Antennen stärker ausgefahren sind.

Deutschland 2020, noch 15 Jahre. Das erscheint lang, ist aber auf der anderen Seite ganz kurz. Wenn wir 15 Jahre zurückdenken - 1990, das Jahr der Deutschen Einheit - wie sehr hat sich seitdem unser Land verändert, Europa verändert, die Welt verändert! Es lohnt sich also, dieser Frage nachzugehen, und dazu konnten wir einen Experten gewinnen, der sich mit der Zukunftsforschung, mit den Entwicklungstrends in unserem Land, seit Jahrzehnten auseinandersetzt - unser heutiger Gastredner, Herr Prof. Dr. Horst Opaschowski. Er geht seit langem der Frage nach, wie wir morgen leben. So ist auch der Untertitel eines seiner neuesten Bücher, „Deutschland 2020“. Das ist eine Fortsetzung früherer Studien, zum Beispiel aus dem Jahr 1988: „Wie leben wir nach dem Jahr 2000?“. „Deutschland 2010“ folgte dann 1997. Was mich immer wieder sehr beeindruckt, ist, dass Herr Prof. Opaschowski in einer ganz erstaunlichen Weise schon frühzeitig Entwicklungen zutreffend beschreibt - natürlich manchmal alternativ, weil es unvorhergesehene Ereignisse gibt. Ich erinnere mich daran, dass Sie, lieber Herr Prof. Opaschowski, Jahre bevor die New Economy-Blase geplatzt ist, genau dies nachlesbar publiziert haben.

Herr Prof. Opaschowski versteht Zukunftsforschung vor allem auch als Zukunftsgestaltung, das heißt also als Entwurf von Handlungsalternativen, nicht nur als ein Verliebtsein in Erkenntnisse. Zukunft ist ja kein unabwendbares Schicksal. Es gibt gewisse Entwicklungslinien und es gibt dafür dann Handlungsspielräume. Deshalb, lieber Herr Prof. Opaschowski, freue ich mich sehr, dass Sie zugesagt haben. Sie waren schon einmal in einer ähnlichen Veranstaltung im Politischen Club der CSU-Fraktion im Dezember 2002. Herzlich willkommen!

Nur einige wenige Daten zu Ihrer Person! Das bekannte Etikett, das mit Ihrem Namen verbunden ist, ist „Freizeitforscher“. Das hängt damit zusammen, dass Sie 1973 für die damalige Bundesregierung eine freizeitpolitische Konzeption erarbeitet haben und seit 1979 Gründer und Leiter des B∙A∙T-Freizeit-Forschungsinstituts sind. Aber Ihre Arbeiten gehen weit darüber hinaus. So geben Sie etwa Prognosen zur Medienentwicklung der Zukunft, oder erforschen seit 1990 kontinuierlich den Wertewandel bei der Jugend und veröffentlichen auch zahlreiche Publikationen zu diesen Themen. Sie verstehen es auch wie wenige im Bereich der Wissenschaft, durch prägende Begriffe wie „Jugendkult“, „Kaufrausch“, „Neue Senioren“, „Generationenpakt“ usw. eine breite Öffentlichkeit dafür zu interessieren und sie darauf aufmerksam zu machen. Herr Prof. Opaschowski, Sie haben das Wort!

Vortrag
Professor Dr. Horst W. Opaschowski
(B∙A∙T-Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg)

(Redigierte Abschrift eines Tonbandmitschnittes. Von den Rednern nicht autorisiert.)

Vielen Dank, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Lassen Sie uns vielleicht die Spuren in die Zukunft mit einer Fabel aufnehmen. Kennen Sie die Fabel von der Ameise und der Grille? Sie geht sinngemäß so: Es gab einmal eine fleißige Ameise und sie arbeitete hart während des ganzen Sommers, baute ihr Haus und legte Vorräte für den Winter an. Die Grille jedoch dachte: Was für ein Narr ist doch diese Ameise! Die Grille sang und lachte, tanzte und spielte den ganzen Sommer lang. Es kam dann der Winter und die Ameise hatte es in ihrem Haus behaglich warm und genug zu essen. Die Grille jedoch, die weder für Unterkunft noch für Nahrung gesorgt hatte, starb elend in der Kälte.

Soweit die Ihnen vielleicht bekannte klassische Version der Geschichte. Nun, eine moderne Version im 21. Jahrhundert könnte aber auch so enden: Es kam der Winter und die frierende Grille berief eine Pressekonferenz ein, in der sie danach fragte, ob es mit den Grundsätzen der sozialen Gerechtigkeit vereinbar sei, dass die Ameise ein so großes beheiztes Haus und zusätzlich auch noch Nahrungsvorräte im Überfluss habe, während andere in der Kälte litten und hungerten. RTL-Reality-TV zeigte in der Serie „Ich bin arm - wer holt mich hier raus?“ Bilder von der fröstelnden Grille. Im starken Kontrast dazu Aufnahmen von der Ameise in ihrem gemütlichen Heim. Führende Kommentatoren der kritischen Presse zeigten sich schockiert, fragten: Wie ist es nur möglich, dass in einem Sozialstaat so viel Armut zugelassen wird? Klar, der Fall erregte weltweite - hätte ich beinahe gesagt - Aufmerksamkeit. Die Politiker nutzten jeden öffentlichen Auftritt, um ihre Solidarität mit dieser armen Grille zu bekunden, indem sie erklärten, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun würden, um der Grille ihren gerechten Anteil am Allgemeinwohlstand zu verschaffen und die hartherzige Ameise eben lernen müsse zu teilen. Schon wenig später beschloss dann das Parlament ein Antidiskriminierungsgesetz zur wirtschaftlichen Gleichstellung der Insekten, das die Ameisen mit einem Solidaritätszuschlag auf ihre Einkommensteuer belegte.

Die moderne Version dieser Fabel hat schließlich ein vermeintliches Happyend: Die Grille bekommt ihren gerechten Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand, und die
Ameise, ja die Ameise muss noch härter arbeiten.

Natürlich, meine Damen und Herren, ist das nur eine Fabel, die die Wirklichkeit überzeichnet, denn sie unterstellt ja, dass jede arme Grille für ihr Schicksal selbst verantwortlich ist. Wäre es nicht auch möglich, dass die Grille nicht tanzt und spielt und singt, sondern verzweifelt nach Vorräten sucht und keine findet? Im Kern enthält die Fabel jedoch eine bittere Wahrheit: Immer Weniger arbeiten immer mehr. Heute und erst recht in der Zukunft. Da lässt George Orwell grüßen. In seinem Zukunftsroman „1984“ beschreibt er die Arbeitswelt der Zukunft so: „Winstons Arbeitswoche hatte 60 Stunden, Julias sogar noch mehr. Ihre freien Tage hingen vom jeweiligen Arbeitsdruck ab und deckten sich selten. Der Teleschirm schlug 14. In 10 Minuten musste er aufbrechen. Um 14.30 Uhr hatte er wieder bei der Arbeit zu sein.“ Ist dies die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts?

Stellen Sie sich einmal folgende Zukunftsperspektive vor: Die technologische Entwicklung ermöglichte nur mehr 40 % der Bevölkerung eine bezahlte Tätigkeit am Arbeitsplatz. Diese gingen regelmäßig ihrer Alltagspflicht nach, um die übrigen 60 % mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen. Das heißt, das soziale Netz wäre nicht mehr so engmaschig wie früher, die Lebensweise bescheidener, Arbeit wäre nur mehr für wenige da. Die Arbeitsgesellschaft würde unter Einbußen zwar weiterleben, doch die Vollbeschäftigungsgesellschaft wäre am Ende und die Anspruchsgesellschaft auch. An einer Senkung der Realeinkommen kommt dann kaum einer vorbei.

Ja, meine Damen und Herren, das ist keine Beschreibung von heute, das war meine Prognose für heute, geschrieben im Jahr 1983. Andererseits, sind wir nicht schon auf dem besten Wege dahin? Wie sähe dann das Szenario heute aus, aus der Sicht von 2005? Nun, genauso. Dieses prognostizierte Modell einer 40 : 60-Gesellschaft ist ja in Deutschland schon Wirklichkeit geworden. Zwei Beschäftigte müssen für drei Nichtbeschäftigte aufkommen.

Also, die Sozialleistungen gehen spürbar zurück, weil es weniger Arbeitsleistung gibt.

Ende der Neunzigerjahre zeichnete ich beispielsweise ein problematisches Zukunftsszenario für Deutschland, wonach - wie ich damals schrieb - die Arbeitslosenzahl einen neuen Nachkriegsrekord, und wörtlich: „spätestens im Jahr 2005 die 5-Millionen-Marke erreichen werde“. Ich stellte mir seinerzeit vor, der soziale Friede sei dann gefährdet, der Leidensdruck werde so groß, dass sich die politisch Verantwortlichen unter dem Namen - es hieß nicht „Beschäftigungspakt“, sondern ich nannte das damals „Konsensgespräche Arbeit 21“ -, dass die also sich zu einer Notgemeinschaft zusammenschlössen, um nach wirksamen Lösungen zu suchen. Nun, diese Prognose „5 Millionen Arbeitslose im Jahr 2005“ ist inzwischen traurige Wirklichkeit geworden. Nur, meine Damen und Herren, die Prognose zwischen Leidensdruck und Notgemeinschaft, die ging fast an der Wirklichkeit vorbei. Denn zum Beispiel nach der Verkündung der 5 Millionen-Arbeitslosenzahl im Februar 2005 gab es ganz andere Schlagzeilen in den Medien auf der ersten Seite, wie zum Beispiel „Wett- und Schiedsrichterskandal“ und vieles andere mehr. Auch kein Kommentar von der Wirtschaft am nächsten Tag. Auch die Gewerkschaften hatten geschwiegen. Und die Regierung verbreitete die beruhigende Botschaft: Die Statistik ist bedrückend, aber sie ist wahr und ehrlich, weshalb man auch nicht in Schockstarre verfallen solle.

Bewahrheitet sich vielleicht eine weitere zynische Prognose von George Orwell, der uns in seinem Roman „1984“ Kino, Fußball, Bier und vor allem Glücksspiele voraussagte? Wohin geht die Reise wirklich? Was kommt auf uns zu? Wohlstandsverlust oder Leistungssteigerung?

Nun, in Zukunft - das wissen Sie - gibt es weniger Erwerbsfähige; weniger Beitragszahler, die einen Rentner finanzieren; es sinkt das Rentenniveau, altert die Gesellschaft und schrumpft die Bevölkerung. Ökonomisch gesehen, wird es den Menschen nicht mehr so gut gehen wie heute. Und viele von uns spüren dies. Zugespitzt in der Erkenntnis: Die fetten Jahre sind vorbei -- das Schlaraffenland ist abgebrannt.

Was folgt daraus für die Entwicklung der nächsten Jahre? In der Forschung wird die Grundrichtung einer langfristigen Entwicklung „Zukunftstrend“ genannt. Ein Zukunftstrend muss mindestens 5 bis 10 Jahre lang Richtung weisend sein. Er unterscheidet sich dadurch wesentlich von kurzlebigen Moden oder Zeitgeistströmungen, wie sie zum Beispiel Trend- oder Werbeagenturen heute so und morgen so verkünden. Die sagen uns immer nur, was gerade im Trend, also „trendy“ ist. Zukunftstrends hingegen basieren auf statistischen Zeitreihen, also Repräsentativerhebungen mit Zeitvergleich der letzten 10 bis 20 Jahre. Für den Zukunftsforscher gilt, meine Damen und Herren: Ich prophezeie überhaupt nichts. Ich beobachte nur, was war, was ist und was geschieht, und wäge mögliche Folgen für die Zukunft ab. Also, ich will nicht Wahrsager, vielleicht im besten Sinn des Themas dieses Dialogs „Spurensucher“, „Wegweiser“ oder „Weichensteller“ sein.

Müssen aber nicht - so werden einige von Ihnen zu Recht fragen - angesichts der gegenwärtigen weltpolitischen Lage konkrete Aussagen, die sich auf Entwicklung, auf Veränderung, auf Zukunftsperspektiven beziehen, müssen die nicht unrealistisch erscheinen? Lassen globale Krisen präzise Prognosedaten nicht schnell zur Makulatur werden? Herr Glück deutete es an, meine bisher veröffentlichten Prognosen auf der Basis repräsentativer Erhebungen haben bisher eine relativ große Treffsicherheit erzielt. Weil es mir nämlich immer nur um eine Frage ging oder geht: Was will der Mensch? Nur am Rande interessiert mich die Frage, was zum Beispiel technologisch alles möglich wäre. Daraus folgt: Große gesellschaftliche Veränderungen, von der Perestroika bis zur deutschen Vereinigung, kann ich nicht prognostizieren, auch Kriege und Krisen von der Energiekrise über den Golfkrieg bis zu den Terroranschlägen in New York oder Madrid nicht. Voraussagbar aber sind für mich die Lebensgewohnheiten der Menschen in den nächsten Jahren. Konkret: Welche Zukunftstrends zeichnen sich bereits heute ab?

Zunächst Zukunftstrend 1: Die Globalisierung der Arbeitswelt. Vor über 100 Jahren kam es in den nordöstlichen Bundesstaaten Brasiliens unter Führung des Wanderpredigers Ibiapina zu einem Bauernaufstand gegen das Dezimalsystem. Die Bauern überfielen Geschäfte und Lagerräume und zerschlugen die neuen Kilogewichte und Metermaße, welche die Monarchie eingeführt hatte, um das brasilianische System an den übrigen Welthandel anzuschließen. Nun, der Aufstand dieser so genannten „Kilobrecher“ scheiterte kläglich. Das Rad der Zeit war einfach nicht mehr zurückzudrehen.

Sie wissen, die heutigen Kilobrecher heißen Globalisierungsgegner oder Globalisierungskritiker. Ihnen geht es allerdings weniger um den Widerstand gegen gesellschaftliche Neuerungen, als vielmehr um die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit. Vielleicht auch um die Utopie einer gerechten Gesellschaft. Die Angst wächst, dass sich durch die Globalisierung die Schere zwischen Arm und Reich in der Welt weiter öffnet. Die Alternative für viele Länder lautete bisher nur: Anpassung an die westliche Welt oder Ausgrenzung. Und Anpassung konnte teilweise Selbstverleugnung mit erniedrigender Nebenwirkung bedeuten. So sprießen derzeit die Callcenter in Indien wie Pilze aus dem Boden. Da sitzen dann indische Frauen, denen ein amerikanischer Akzent antrainiert wird, und am Telefon müssen sie sich Susi oder Jenny nennen und so tun, als säßen sie irgendwo in Amerika.

In der Realität der Marktforschung von heute zeigen sich schon erste Grenzen der Globalisierung. Weil zum Beispiel die globale Methode, das gleiche Produkt überall in der Welt auf die gleiche Weise zu vermarkten, nicht immer funktioniert. Von einigen wenigen Produkten mal abgesehen, wie zum Beispiel Coca Cola oder Harley Davidson, hat die globale Vermarktung zu teilweise spektakulären Fehlschlägen geführt. Die Chinesen lachen sich derzeit über die missverständliche Übersetzung des Limonadennamens „Seven up“ kaputt, das heißt auf Chinesisch: „Tod durch trinken“. Glaubwürdigkeit lässt sich nur durch nationale oder lokale Bezüge herstellen. Der MTV-Sender beruft sich in diesem Zusammenhang ganz bewusst auf einen neuen Begriff, nämlich „Glokalisierung“, also eine Mischung aus Globalisierung und Lokalisierung. Gegen die MacDonaldisierung der Welt setzt dann MTV erfolgreich die weltweite Glokalisierung, strahlt also von Brasilien bis China rund 30 regionale Programme aus, die sich an regionalen Besonderheiten orientieren. Glokalisierung schließt auf diese Weise Weltläufigkeit genauso ein wie Regionales, also Heimat oder Nestwärme. In letzter Konsequenz bedeutet nämlich die Globalisierung ja auch Verteilung der Arbeit rund um den Globus. Also Arbeitsplatzexport, aber auch Arbeitsplatzabbau, und auch für die übrigen verbleibenden Vollzeitbeschäftigten gilt: Ihre Arbeit wird immer intensiver und konzentrierter, zeitlich länger und psychisch belastender - dafür aber aus der Sicht mancher Unternehmer immer effektiver und produktiver. Die neue Arbeitsformel für die Zukunft lautet: 0,5 x 2 x 3, das heißt, die Hälfte der Mitarbeiter verdient dann doppelt so viel und muss dafür aber dreimal so viel leisten wie früher. Diese ständige Produktivitätssteigerung bewirkt, dass immer weniger immer mehr leisten müssen.

Ein Paradigmenwechsel zeichnet sich also ab: Länger arbeiten bei gleichem oder gar bei geringerem Lohn. Andererseits denke ich mir, für die Beschäftigten kommt das doch glatt einer Lohnkürzung gleich, und der Traum vom kollektiven Freizeitpark ist wirklich ausgeträumt. Nur, Arbeitgeber brauchen doch auch Erlebniskonsumenten, die genügend Zeit zum Einkaufen und Essengehen, für Kinobesuche und Wochenendfahrten haben. Mehr arbeiten - also mehr Autos, mehr Handys, mehr TV-Geräte produzieren - setzt doch voraus, dass die Beschäftigten auch Zeit, Geld und Lust haben, das alles zu kaufen, und Konsumlust kann sich unter Zeitdruck kaum entfalten.

Zukunftstrend 2: Die Dominanz der Dienstleistung. Unlängst traf ich eine Krankenschwester. Welche Art von privater Pflege machen Sie, fragte ich sie. Sie hatte sich selbstständig gemacht. Sie strahlte: Ich habe mich auf Zwillinge spezialisiert. Ich zeige den Eltern, wie man in den ersten Monaten nach der Geburt mit ihnen umgehen sollte. Dann fügte sie streng hinzu: Also keine Drillinge, sondern nur Zwillinge! Ja, aber, das müsse doch ein ziemlich kleiner Nischenmarkt sein, meinte ich. Gar nicht, sagte sie. Sehen Sie, hier leben eine Menge Doppelverdiener, die erst einmal Karriere machen wollen. Sie warten gewöhnlich mit dem Kinderkriegen, bis sie so Ende 30, Anfang 40 sind. Da brauchen sie oft schon fruchtbarkeitsfördernde Mittel, und das endet dann mit Mehrfachgeburten. Jetzt wollen sie Hilfe, sie haben Geld und sind bereit, sehr gut für diese Art von Dienstleistung zu zahlen, die ich anbiete. Die Nachfrage ist so groß, dass ich nur Zwillinge übernehme.

Meine Damen und Herren, dieses Bild macht deutlich, welche Zukunftschancen sich für neue Dienstleistungen ergeben. Vom Industriezeitalter heißt es langsam Abschied zu nehmen. Natürlich löst sich die Industriegesellschaft nicht als Ganzes auf, weil es industrielle Güterproduktion auch in Zukunft geben muss, ja keine Volkswirtschaft darauf verzichten kann. Es zeichnen sich jedoch Zukunftschancen für eine Dienstleistungsgesellschaft in mehrfachem Sinne ab.

Erstens: In der künftigen Dienstleistungsgesellschaft findet eine Verlagerung vom Warenexport zum Wissensexport statt. Dabei wird beispielsweise das Know-how über neue Recyclingverfahren oder neue Verkehrssysteme als produktionsbegleitende Dienstleistung verkauft. Dies erklärt auch, warum etwa ein Industriekonzern wie Siemens derzeit schon über 50 % seines Umsatzes mit Dienstleistungen macht.

Zweitens: Das Kapital, auf das sich die künftige Dienstleistungsgesellschaft stützt, besteht hauptsächlich aus so genannten F- und E-Kompetenzen. Also: Forschung und Entwicklung, Planung, Konzeption, Marketing und Vertrieb. Die hoch qualifizierte Dienstleistung bleibt im eigenen Lande, während die industrielle Produktion zunehmend in andere Länder verlagert wird.

Drittens: Die künftige Dienstleistungsgesellschaft erschließt auch neue Märkte und Arbeitsfelder. Neben dem notwendigen Ausbau von Sicherheit, von Vorsorge, von Gesundheitsdiensten entwickelt sich eine expansive Erlebnisindustrie als Anbieter von Tourismus, von Medien, von Kultur, Sport oder Unterhaltungsdienstleistung. Diese Dienstleistungsgesellschaft stellt vielfältige Anforderungen an die Beschäftigten, und daher sollte man Abschied nehmen von der Legendenbildung, hier gebe es nur Jobs für ungelernte Hilfsarbeiter mit Billiglöhnen. Sicher, wie im Produktionsbereich auch, stellt der Dienstleistungssektor ein Betätigungsfeld für gering Qualifizierte dar, aber genauso gut auch für Beschäftigte mit hohem Qualifikationsniveau. Und die Verunglimpfung der Dienstleistungsgesellschaft als Blaupausen-Gesellschaft mit Home-Service, bei dem wir uns nur gegenseitig kostenlos die Haare schneiden - das hat ja schließlich Tradition. Über 400 Jahre Arbeitsethos und über 100 Jahre Industriegesellschaft haben einfach ihre Spuren hinterlassen und ganze Generationen geprägt. Natürlich werden einige von Ihnen sagen: Die Dienstleistungsqualität in Deutschland, das ist doch noch immer mehr Mythos als Wirklichkeit! Die überwiegende Mehrheit spürt bisher von Gast- oder Kundenorientierung herzlich wenig. Zum Beispiel gerade 41 % der Bevölkerung können sich bei ihrem letzten Behördenbesuch in der Stadtverwaltung an ein freundliches Personal erinnern. Oder lediglich zwei von fünf Befragten fühlen sich von ihrer Bank fachkundig beraten. Nur 29 % der Bevölkerung haben bei ihrem letzten Kaufhausbesuch eine aufmerksame Bedienung vorgefunden. Nun, meine Damen und Herren, vorliegende Erfahrungswerte aus der Praxis weisen nach: Von 100 unzufriedenen Kunden wandern nur 14 wegen schlechter Produktqualität ab, aber über zwei Drittel, wenn sie von den Mitarbeitern schlecht beraten oder unfreundlich bedient wurden. Und nur vier von 100 Unzufriedenen beschweren sich, elf aber erzählen ihre negativen Erfahrungen anderen weiter.

Also, ich glaube, wir leiden in Deutschland vielleicht eher unter einer Art Dienstleistungsverspätung. Beim Warenexport fühlen wir uns mitunter wie Weltmeister, aber beim Erbringen von Dienstleistungen tun wir uns mit professionellen Leistungen schwer. Vielleicht gilt ja hier tatsächlich ein Wort von Roman Herzog, der mal sagte: Wir sind schon ein merkwürdiges Volk, wenn wir mit Freude Maschinen bedienen, aber jedes Lächeln gefriert, wenn es sich um die Bedienung von Menschen handelt.

In der Entwicklung einer Dienstleistungskultur stehen wir wohl erst am Anfang. Meine Damen und Herren, Amerikaner sind doch nicht von Natur aus bessere Dienstleister. Sie sind nur sehr viel früher und länger gezwungen gewesen, sich auf Dienstleistungen umzustellen. Auf den ersten Blick mag es in Europa oder Deutschland ein Dienstleistungs- oder Motivationsdefizit geben, in Wirklichkeit handelt es sich nur um einen Nachholbedarf an Dienstleistungsmentalität.

Zukunftstrend 3: Die Lust an der Leistung. Die italienischen Psychologen Massimini und Delle Fave interviewten unlängst italienische Bauern in den hochgelegenen Bergtälern der Alpen, die von der industriellen Revolution weitgehend verschont geblieben sind. In den Interviews kam zum Ausdruck, dass die Bauern ihre Arbeit überhaupt nicht von ihrer Freizeit unterscheiden konnten. Ja, bei den Interviewern entstand ein doppelter Eindruck: Die Bauern arbeiteten 16 Stunden am Tag - oder sie arbeiteten überhaupt nicht. Das heißt, sie melkten Kühe, sie mähten Wiesen, sie erzählten ihren Enkeln Geschichten oder spielten Akkordeon für ihre Freunde. Auf die Frage, was sie denn gerne tun würden, wenn sie mehr Zeit für sich zur Verfügung hätten, kam eben die Antwort: Kühe melken, Wiesen mähen, Geschichten erzählen, Akkordeon spielen. Für ihr ganzes Leben galt und gilt der Grundsatz: Ich tue, was ich will. Das Leben und auch das Arbeitsleben bot und bietet ständig und gleichermaßen Herausforderungen dafür.

Ich meine, Politik und Wirtschaft sollten sich rechtzeitig auf den sich ankündigenden Wertewandel in Richtung auf eine neue Gleichgewichtsethik einstellen. Mehr fließende Übergänge zwischen Berufs- und Privatleben einplanen. Insbesondere die jüngere Generation befindet sich derzeit auf dem Weg zu einer neuen Lebensbalance. Leistung und Lebensgenuss sind für sie keine Gegensätze mehr. Ganz anders, als in den Siebziger- bis Neunzigerjahren befürchtet worden war, hat sich die Einstellung der jungen Generation zu Arbeit und Leistung entwickelt. Das heißt, die befürchtete Leistungsverweigerung fand und findet nicht statt. Im Zeitvergleich der letzten Jahre ist erkennbar, dass Leistung und Lebensgenuss immer gleichgewichtiger beurteilt werden. Also, kein Lebensgenuss ohne Leistung! Aber umgekehrt gilt auch: Lebensgenuss lenkt doch nicht mehr automatisch von Leistung ab. Ich finde, wer sein Leben nicht genießen kann, wird doch auf Dauer auch nicht leistungsfähig sein.

Halten wir hier fest: Der abhängig, der unselbstständig Beschäftigte, kann in Zukunft nicht mehr Leitbild sein. Auch die klischeehafte Rollenvorstellung, der Arbeiter arbeitet und der Chef scheffelt, wird zumindest fragewürdig. Der neue Selbstständige ist gefragt, bei dem Persönlichkeitsentwicklung genauso wichtig ist wie berufliche Fortbildung. Jeder muss in Zukunft in seinem Leben eine unternehmerische Grundhaltung entwickeln, am Arbeitsplatz genauso wie im privaten Bereich. Jeder sein eigener Unternehmer!

Auch der Lebenssinn, meine Damen und Herren, muss im 21. Jahrhundert neu definiert werden. Leben ist dann die Lust zu schaffen. Schaffensfreude, und nicht mehr nur Arbeitsfreude, umschreibt das künftige Leistungsoptimum von Menschen, die in ihrem Leben weder überfordert noch unterfordert werden wollen.

Im 21. Jahrhundert müssen auch die Begriffe Bildung, Lernen, Wissen neu definiert werden. Bildung ist dann immer mehr auf Freiwilligkeit angewiesen, kann nicht nur verordnet oder gar erzwungen werden, ja Bildung wird ein lebenslanger Prozess der Entwicklung der Persönlichkeit mit dem Ziel einer eigenständigen Lebensführung. Jeder Einzelne muss dann in Bezug auf sein Leben lernen, unternehmerisch tätig zu werden. Im Zeitvergleich der letzten Jahre ergibt sich geradezu das Bild einer Arbeitspersönlichkeit, die vom Wertewandel der letzten Jahre beeinflusst, aber nicht grundlegend verändert wurde. Die wichtigste Arbeitstugend in den Achtziger- und Neunzigerjahren und auch im Jahre 2005 lautet: Fleiß, Fleiß und nochmals Fleiß. In der Rangfolge der zehn wichtigsten Anforderungen im Arbeitsleben rangiert die Eigenschaft Fleiß permanent und unverändert an erster Stelle. Im Zeitvergleich fällt allerdings auf, dass zwei Kompetenzbereiche zu den eindeutigen Gewinnern des Wertewandels zählen. Einmal die Eigenkompetenz, insbesondere das Selbstvertrauen, und zum anderen die Sozialkompetenz, insbesondere die Kontaktfähigkeit. Mit anderen Worten: Die Arbeitspersönlichkeit der Zukunft, die erfolgreich sein will, sie muss fleißig, sie muss selbstbewusst und sie muss kontaktfähig sein; sie muss eine starke Persönlichkeit haben, sozusagen die Selbstständigkeit in Person sein. Sie sehen schon, eine Renaissance der Persönlichkeit zeichnet sich ab. Persönlichkeiten mit Charakter und nicht nur mit Fachwissen halten dann das Unternehmen in Bewegung, und Persönlichkeitsmerkmale spielen im Berufsleben des 21. Jahrhunderts eine immer größere Rolle.

Halten wir auch hier fest: Der Mensch kann nicht untätig in seinen eigenen vier Wänden verweilen, er braucht eine Aufgabe. Die Passivität, die Untätigkeit des Menschen ist offensichtlich nicht im Schöpfungsplan vorgesehen. Der Mensch ist eher als gefährdetes Wesen geschaffen, das um sein Überleben kämpfen muss wie andere Lebewesen auch. Aus der Sicht der Evolutionsbiologie ist der Mensch geradezu auf Anstrengung programmiert, auf den ganzen Einsatz seiner Kräfte. Hingegen führt Lust ohne Anstrengung auf die Dauer zu Langeweile und manchmal auch zur Selbstzerstörung. Daraus folgt für die Zukunft: Arbeit ohne Lust und Freizeit ohne Leistung kann der Mensch auf Dauer nicht ertragen.

Zukunftstrend 4: Die Mediatisierung des Lebens. Wenn es nach dem amerikanischen Medienwissenschafter Negro Ponte geht, sehen die Folgen der fortschreitenden Mediatisierung unseres Lebens im Jahr 2020 so aus: Sie werden nicht mehr so oft zum Arzt gehen, weil Sie jeden Morgen einen kleinen Computer schlucken, der Ihre Körperfunktionen überprüft. Ihre Kinder gehen auch nur noch drei Stunden zur Schule, arbeiten dann zuhause mit Lernprogrammen weiter. Und warum sollten Sie Ihre Zeit mit Putzen verbringen, wenn Roboter das besser machen können?

Nein, meine Damen und Herren, so wird unsere Zukunft nicht aussehen. Die Medientechnologien ändern sich schneller als die Mediengewohnheiten der Menschen. Auch in Zukunft fährt die Masse der Konsumenten voll auf das TV-Programm ab, und die Prognose der amerikanischen Medienbranche „Web frisst Fernsehen“, die erfüllt sich nicht. Das Fernsehen bleibt das wichtigste Leitmedium im Alltagsverhalten der Menschen.

Der Kurseinbruch, Herr Glück hat es ja schon gesagt, der Kurseinbruch der New Economy, wäre in der Tat vermeidbar gewesen, wenn Produzenten und Investoren der Medienbranche die frühzeitigen Warnsignale der Zukunftsforschung beachtet hätten. 1995 sagte ich wörtlich diesen Wandel vom Cyber Cash zum Cyber Crash mit Schock- und mit Flop-Wirkung für die neuen Medien voraus. Oder 1997, als der Neue Markt gerade startete, gab ich bereits die erste Gewinnwarnung aus, sozusagen viel Wind und wenig Surfer. Die meisten Konsumenten verweigerten sich, und die Macher haben die Rechnung ohne die Mitmacher gemacht. 1999 entlarvte ich die massenhafte Ausbreitung von Bezahlfernsehen, von Pay-TV, als Legende. Ein Negieren dieser Forschungsergebnisse würde entsprechende Fehleinschätzungen zur Folge haben. Sie wissen, genauso ist es gekommen - die Kirch-Krise war die Folge. Jetzt, nach der letzten CeBIT, erwartet die Branche schon wieder mit Spannung den nächsten Meilenstein der Medientechnologie, das UMTS-Handy, ein Vielzweckgerät, in dem dann alles mit allem vernetzt sein soll, Handy plus TV plus Internet usw. Ich kann nur davor warnen, denn bei Extragebühren sperren sich die Konsumenten. Also, wer auf UMTS als Massenmedium setzt, der braucht nicht lange auf Insolvenzen zu warten. Pay-TV und UMTS, Internet und E-Commerce bleiben auch im nächsten Jahrzehnt Nischenmedien für Minderheiten.

Sie werden es vielleicht nicht glauben: Jeder zweite Bürger in Deutschland macht auch 2005 vom Internet keinen Gebrauch. Die eifrigsten Internet-User sind nach wie vor die jungen Leute, die den PC allerdings nicht zur Informationssuche, sondern mehr als Unterhaltungsmedium nutzen, also zum Chatten oder zum Herunterladen von Spielen und Musik. Sie wissen, viele Fitnessgeräte sollen ja in heimischen Kellern still und heimlich vor sich hinrosten. Vielleicht müsste man fragen: Droht manchem Heim-Computer bald ein ähnliches Schicksal? Fast zwei Drittel aller privaten Haushalte in Deutschland sind mit einem PC ausgestattet. Doch nur jeder Siebte bis Achte macht davon auch regelmäßig Gebrauch. Die Tendenz ist klar: Immer mehr surfen immer weniger. Selbst Bill Gates meldet mittlerweile erhebliche Zweifel an. In einem Interview gab er selbstkritisch zu, dass technischer Fortschritt allein nicht mehr ausreicht. Die Menschen müssten sich ändern, sagt er, sonst ändert sich überhaupt nichts auf dem Weg in die Informationsgesellschaft. Nur, die Menschen, so muss er kleinlaut eingestehen, ändern nur langsam ihre Gewohnheiten. Oftmals ändern sie ihre Gewohnheiten erst mit einer neuen Generation. Insofern kann es weder heute noch in fünf oder zehn Jahren die Informationsgesellschaft geben. Es dauert in der Regel ein bis zwei Generationen, bis sich die Menschen wirklich an Neues gewöhnen. In der Branche muss also umgedacht werden, und die viel zu vordergründige Goldgräberstimmung - sie entspricht einfach nicht der Wirklichkeit. Vielleicht sollten wir uns daran erinnern: In den früheren Goldgräberzeiten Amerikas wurde das meiste Geld ja auch nicht mit Gold, sondern mit dem Verkauf von Schaufeln, von Schubkarren und natürlich von Whiskey gemacht. Also, wer Geschäfte mit der multimedialen Zukunft machen will, der muss sich einfach von ernüchternden Fakten leiten lassen. Ich bringe sie noch mal auf den Punkt:

Erstens. Die Informationsgesellschaft bleibt eine Vision. Eine Vision, wie die Wissensgesellschaft, die Bildungsgesellschaft, die Kultur- oder die Bürgergesellschaft. Auch im Jahr 2020 werden wir wie bisher mehr eine Leistungs- und eine Konsumgesellschaft und weniger eine Informations- und Wissensgesellschaft sein, und werden die meisten Bürger lieber konsumieren als sich informieren. Das Internet wird das private Leben auch nicht revolutionieren, sondern nur ein wenig optimieren helfen.

Zweitens. Business to consumer - Einkaufen per Internet - wird ein nettes, kleines Zusatzgeschäft. Von Bücherkauf, von Reisebuchung oder Homebanking einmal abgesehen, werden auch im Jahr 2020 über 90 % des privaten Verbrauchs nicht über Online-Geschäfte getätigt.

Drittens. Die junge Generation hat bald mehr Kontakt mit den Medien als mit Menschen. In Zukunft werden Jugendliche mehr mit Freunden telefonieren als mit Freunden zusammen sein. Ich war kürzlich in einem Oberstufengymnasium - da sagte ein Jugendlicher: Ja, aber das ist doch dasselbe! Nun ja, nur auf den ersten Blick.

Viertens. Die Zukunft gehört dem Kommunikationszeitalter. E-Communication bekommt eine größere Bedeutung als E-Commerce. Der Computer ist für die privaten Verbraucher in erster Linie ein Kommunikations- und ein Unterhaltungsmedium und eben nur gelegentlich eine Informations- oder Einkaufsbörse. Sicher, die Kinder werden in Zukunft lieber mit dem Homecomputer als mit dem Holzbaukasten spielen. Nur - die multimediale Entwicklung wird bis dahin weder unser menschliches Kommunikationsbedürfnis beeinträchtigen noch unser Interesse am Lesen von Büchern, Zeitschriften oder Zeitungen verkümmern lassen. Je mehr sich Homebanking oder Online-Shopping ausbreiten, desto größer wird geradezu unser Bedürfnis nach persönlichen Kontakten, nach Sehen und Gesehen werden, zum Beispiel beim Einkaufsbummel, denn die Sinne konsumieren weiter mit. Auch im Jahre 2020, meine Damen und Herren, werden die meisten Beschäftigten keine Telearbeiter sein, sondern wie bisher müde von der Arbeit nach Hause kommen, sich vor den Fernseher setzen und mit nichts anderem als ihrem Partner oder ihrem Kühlschrank interagieren.

Zukunftstrend 5: Die Kinderlosigkeit. Vor über zehn Jahren warnte ich vor den Folgen einer kinderlosen Konsumkultur in Deutschland. Wenn es weniger Familien und Kinder gibt, so meinte ich damals, sinkt auch die Zahl der Verwandten. Ein Kind hat dann zwar noch Eltern, aber kaum noch Verwandte im gleichen Alter, also weniger Cousins und Cousinen. In einer künftigen Gesellschaft von Singles wird es auch mehr Einzelkinder geben. Also ins Bild gesetzt: Wenn zwei Einzelkinder heiraten, deren Eltern auch Einzelkinder waren, so haben sie nach dem Tode ihrer Eltern keinen einzigen Verwandten mehr. Allein in den letzten 30 Jahren hat die ansässige deutsche Bevölkerung fünf Millionen Menschen verloren, und kaum einer hat es gemerkt, denn bei der dramatischen Zunahme der Lebenserwartung fiel der Geburtenrückgang nicht weiter auf. Heute ist jede Kindergeneration zahlenmäßig um ein Drittel kleiner als die Elterngeneration. Ein Ende dieser Entwicklung ist noch gar nicht absehbar. Zum Beispiel Frauen mit akademischem Abschluss bleiben zu mehr als 40 % kinderlos. In den Großstädten und Ballungszentren steigt die Anzahl kinderloser Vierzigjähriger auf teilweise 50 %. Früher war das Vorhaben, mit der Familie auswandern, ein großes Wagnis. Wird in Zukunft eine Familie zu haben ein noch größeres Risiko sein? Jeder fünfte Jugendliche im Alter bis zu 29 ist mittlerweile davon überzeugt, dass eine Familie gründen heute ein Lebensrisiko ist. Jeder elfte Jugendliche betrachtet schon das Eingehen einer festen privaten Beziehung als Wagnis. Nun, es ist klar: In einer Zeit, in der Flexibilität, vor allem im Arbeitsleben, geradezu als höchste Tugend gefeiert wird, da können doch schnell individuelle Festlegungen und Verbindlichkeiten als persönliche Schwäche ausgelegt werden. Andererseits meine ich, wer keine feste private Beziehung mehr wagt, kann doch in Zukunft auch keine soziale Geborgenheit mehr erwarten. Im November 1999 stellte der Sachverständigenrat in seinem Gutachten für die Bundesregierung fest: Deutschland wird im Jahr 2035 „die älteste Bevölkerung der Welt haben“. Die gesetzliche Rentenversicherung ist damit ernsthaft bedroht; es droht die demografische Spaltung der Gesellschaft, weil ein Teil der Bevölkerung einfach aus dem Generationenvertrag aussteigt und so das soziale Sicherungssystem ins Wanken bringt. Was also passiert, wenn nichts passiert? Der typische Deutsche wird in Zukunft kinderlos und kurzsichtig sein. Wenn sich alle in der Welt so verhielten wie heute schon jeder dritte zeitlebens kinderlos lebende Deutsche, dann wäre die Erde in 120 Jahren menschenleer.

Zukunftstrend 6: Die Zuwanderung. Sie wissen, es begann alles in den Sechziger- und Siebzigerjahren: Gastarbeiter wurden gebraucht, aber Menschen sind gekommen. Die ökonomische Rechnung der Wirtschaft ging zunächst auf, doch die humane Dimension und die sozialen Folgekosten der Gesellschaft blieben weitgehend außer Acht. Die strukturellen Probleme des Arbeitsmarktes schienen gelöst, doch die Probleme des Sozialstaates fingen damit erst an. Dieser Begriff „Gastarbeiter“ sollte ja seinerzeit zum Ausdruck bringen, dass es sich um „Gäste auf Zeit“ handelte. So, wie man vielleicht heute nach dem politisch korrekten Verständnis von „Zuwanderern“ spricht, die im Unterschied zu „Einwanderern“ nicht dauerhaft in Deutschland bleiben sollen. Die Zuwanderer, so stellt man sich das vor, sollen möglichst wie Gastarbeiter als Konjunkturpuffer benutzt und bei Arbeitslosigkeit schnell wieder nach Hause geschickt werden. Nach einer Vorausberechnung der Vereinten Nationen wird der Anteil der zugewanderten Bevölkerung in Deutschland, einschließlich der bereits hier lebenden Menschen ohne deutschen Pass, bis zum Jahre 2050 rund ein Drittel im Bundesdurchschnitt und in den Großstädten über 50 % erreichen. In Hamburg und Berlin gibt es heute schon mehr Muslime als Katholiken.

Trotzdem, meine Damen und Herren, wird die Bevölkerungszahl zurückgehen. Ohne Zuwanderung würde es Mitte des Jahrhunderts nicht mehr wie heute 82 Millionen, sondern nur noch 51 Millionen geben. Eine solche Nullzuwanderung ist überhaupt nicht vorstellbar. Das bedeutet, das demografische Defizit kann durch Zuwanderung ein wenig gemildert, aber es kann nicht ausgeglichen werden. Vielleicht sollten wir uns noch einmal in Erinnerung rufen: Jahrhunderte lang waren ja wir Europäer selbst an solchen Zuwanderungen beteiligt. Im Rahmen der Kreuzzüge wanderten Europäer in den Orient, oder im Rahmen des Siedlungskolonialismus wanderten Europäer nach Amerika oder Australien. Noch vor gut 100 Jahren stellten die Deutschen im Jahre 1890 30 % der amerikanischen Bevölkerung. Ein Großteil der künftigen Integrationsprobleme werden im Kern dann Generationskonflikte sein. Denn bei den Zu- und Einwanderern handelt es sich ja meist um junge Leute. Vielleicht müsste ich noch deutlicher sagen: Es handelt sich meist um junge Männer - dynamisch, ehrgeizig, erlebnishungrig, und sie treffen dann auf eine einheimische Bevölkerung, die zum großen Teil aus alten Frauen besteht. Schöne Aussichten! Also bei der Frage, was uns dann in Zukunft zusammenhält, denke ich mir, müsste Integrationspolitik auch Antworten darauf geben, wie auf so unterschiedliche Bedürfnisse angemessen reagiert werden soll.

Zukunftstrend 7: Die Überalterung. Vielleicht zur Entspannung: Kennen Sie den Unterschied zwischen einem deutschen, einem englischen und einem französischen Rentner? Des Rätsels Lösung soll ganz einfach sein: Klar, der deutsche Rentner steht um 7.00 Uhr auf, nimmt seine Herztablette und fängt nach dem Frühstück sofort mit der Gartenarbeit an. Der englische Rentner steht erst um 8.00 Uhr auf, trinkt seinen Tee und geht dann gemächlich zum Golf oder nächsten Windhundrennen. Der französische Rentner steht erst um 9.00 Uhr auf, kippt den Cognac hinunter - und dann ab zur Freundin! - Damit haben Sie nicht gerechnet? - Ja, meine Damen und Herren, darüber können wir so herzlich lachen, das ist natürlich ein Klischee. Sehen Sie, im Jahre 1900 wurde das Jahrhundert des Kindes ausgerufen. Kommt jetzt das Jahrhundert der Senioren? Der demografische Wandel hat das Ganze in Deutschland verschoben. Alt ist man jetzt in Deutschland erst - was schätzen Sie, mit wie viel Jahren?; alt ist man jetzt erst mit 76 Jahren. Ja, das ist die Antwort der Bevölkerung auf die Frage, ab wann man heute wirklich alt ist. Sie sehen, die offizielle Altersgrenze steht eigentlich nur noch auf dem Papier, und wenn die Lebenserwartung weiter so zunimmt, dann gilt man vielleicht im Jahr 2020 erst mit 87 als alt. Klar, Sie kennen es alle aus dem Wetterbericht: Gefühlte Temperaturen sind schon etwas anderes als objektiv ablesbare Temperaturen auf dem Thermometer. Ähnlich verhält es sich mit dem gefühlten Alter, das sich immer mehr vom biologischen Alter abkoppelt. Die „Man ist so alt wie man sich fühlt“-Devise soll einfach die Mitte des Lebens festhalten helfen. Das bedeutet, der Fünfzigjährige spielt Tennis wie ein Vierzigjähriger. Oder die Sechzigjährige wirkt wie eine Powerfrau mit 48. Die Siebzigjährigen entdecken Abenteuerreisen in die Antarktis, die eigentlich die Kondition mittlerer oder gar jüngerer Generationen voraussetzen. Sie sehen, die neuen Senioren sind kein Phantom, es gibt sie wirklich! Zum Beispiel die Aktion „Senioren ans Netz“ hat bald mehr Erfolg als die Kampagne „Schule ans Netz“; so dass man schon wieder fragen könnte: Steigen die ersten jungen Leute aus dem World Wide Web wieder aus, weil sie beim Chatten immer öfter auf ältere Surfer stoßen? Wie gesagt: Über die Jugend von heute wissen wir fast alles, über die neuen Senioren von morgen fast nichts. Sinkende Geburtenquoten, steigende Lebenserwartung zwingen jetzt zum Umdenken. Wir müssen Abschied nehmen vom Zeitalter der Jugendkultur, uns mehr öffnen für die Welt der neuen Senioren, die doch Autokäufer und Theaterbesucher, Buchleser und Golfer, Kur- und Kurzurlauber, Kirchen- und Kneipengänger zugleich sind.

Wie wird eigentlich die Erlebniskultur dieser neuen Senioren von Morgen aussehen? Werden die Kultmarken der Jugend überleben oder werden Nestlé, Miele und Mercedes grüßen lassen? Werden Swatch, Levis und MTV ihren Markenmythos verlieren, weil sie zu spät erkennen, dass wieder mehr Lebensart als Lifestyle gefragt ist? Wie gesagt: Die Bevölkerung altert dramatisch, die Lebenserwartung steigt weiter an. Bis zum Jahr 2040 wird sich der Anteil der über Sechzigjährigen verdoppeln. Diese demografische Revolution ist nicht allein auf Deutschland beschränkt. Nach Berechnungen der UN wird die allgemeine Lebenserwartung in den westlichen Industrieländern bis Ende dieses Jahrhunderts auf 87,5 Jahre bei Männern und 92,5 Jahre bei Frauen steigen. Selbst ein Leben über 100 ist vielleicht mit Hilfe der Genforschung möglich, wenn wir das denn wollen. Eines kann man sicher sagen: Bedrückende Aussichten für die arme Erbengeneration, die so lange warten muss! Mittlerweile hat selbst das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zur Pflegeversicherung vom „unausweichlichen und sehr massiven Altern der Gesellschaft“ gesprochen und sich der Expertenmeinung angeschlossen, die da lautet: Wenn man die heutige Altersstruktur in Deutschland nur erhalten will, so wie sie jetzt ist, sie gar nicht verbessern oder verjüngen will, dann muss entweder die Geburtenrate pro Frau von derzeit 1,3 sofort und umgehend auf 3,8 verdreifacht werden. Oder wenn Ihnen das nicht passt, dann müssten 188 Millionen jüngere Personen bis zum Jahr 2050 einwandern. Jedes Jahr mehr als drei Millionen - das können Sie vergessen! Also, die Überalterung ist vorprogrammiert. Deutschland wird dann eben grau und zählt zu den Ländern in der westlichen Welt mit den niedrigsten Geburtenraten und dem höchsten Altenanteil.

Zukunftstrend 8: Die Gesundheitsorientierung. Die Gesundheit, meine Damen und Herren, wird zum Megamarkt der Zukunft. In der immer älter werdenden Gesellschaft boomen dann Bio- und Gentechnologien, Pharmaforschung und Forschungsindustrien gegen Krebs, Alzheimer und Demenz, sowie gesundheitsnahe Branchen, die Care, Vitalität und Revitalisierung anbieten. Ja, die Gesundheit bekommt in Zukunft fast einen Religionscharakter, vielleicht ganz im Sinne eines Kirchenworts des Kardinals Meissner, der mal sagte: Das Gesundheitswesen nimmt in Zukunft die Form einer Kirche an.

Die Gesundheit, meine Damen und Herren, stellt den wichtigsten Wert im Leben dar, und in dieser Einschätzung sind sich mittlerweile alle einig, quer durch alle Berufs-, Sozial- und Altersgruppen. In Zukunft dominiert ein gesundheitsorientiertes Lebenskonzept, in dem das persönliche Wohlbefinden zum wichtigsten Bestimmungsmerkmal für Lebensqualität wird; noch vor der Partnerschaft und vor der Familie. Gesundheit bedeutet dann natürlich mehr als nur körperliche Fitness. Es geht dabei um das Wohlfühlen in der eigenen Haut. Wer von Ihnen heute zum Beispiel regelmäßig joggt, der oder die muss 1,5 Jahre seines Lebens laufen, um dann zwei Jahre länger zu leben, aber natürlich auch gesünder zu sterben. Viele verweigern sich mittlerweile und sehnen sich wieder nach Fitness auf die sanfte Tour. Für die Zukunft zeichnet sich eine Entwicklung ab, in der aus Fitness Wellness wird. Wellness zielt auf persönliches Wohlbefinden. So lautete meine Prognose aus dem Jahr 1987. Dieser Wellness-Trend ist inzwischen weltweit Wirklichkeit geworden, ja es muss darauf geachtet werden, dass der Boom nicht zum Bumerang wird. Mitunter sollen Wochenendgäste wie die Hunnen in diese Wellness-Oasen einfallen und dann eben alles auf einmal machen, sozusagen von der Sauna in den Whirlpool, dann ab zum Peeling und zur nächsten Ganzkörpermassage. Rastlos vom Bürosessel auf die Massagebank, sie hetzen vom Arbeitsstress zur Ruheübung. Irgendetwas muss da falsch laufen. Für die Zukunft zeichnet sich schon eher als Risiko ab: Aus Wellness wird dann eher Well-Stress.

Wie gesagt, in der gesamten westlichen Welt zeichnet sich derzeit ein deutlicher Wandel von der Erlebnisgesellschaft zur Wohlfühlgesellschaft ab. Die Menschen erwarten vom Leben nicht mehr das ganz große Glück - nein, es sind eher die kleinen Glücksmomente des Lebens in einer entspannten, störungsfreien Atmosphäre - Stimmung, Harmonie, Geborgenheit: Garanten dafür, dass man unbeschwert leben und sich über manche schönen Augenblicke einfach freuen kann. Vielleicht ganz im Sinne des Schriftstellers Fontane, der einmal als Antwort auf die Frage, was braucht der Mensch zum Glücklichsein, die Antwort ab: Ein gutes Buch, ein paar Freunde, eine Schlafstelle und - keine Zahnschmerzen.

Zukunftstrend 9: Die Rückkehr der Verantwortung. Welche Vorstellungen haben die Bürger heute über eine lebenswerte Gesellschaft von morgen? Meine Damen und Herren, die Antworten der Bevölkerung sind eindeutig. Am höchsten wird von den Bürgern eine Gesellschaft bewertet, in der man Verantwortung füreinander trägt. Die soziale Komponente des Lebens wird mittlerweile höher eingestuft als die materielle. Die Deutschen möchten in einer Zukunftsgesellschaft leben, in der Verantwortung wieder genauso wichtig wird wie Wohlstand. Je jünger die Befragten sind, desto mehr wünschen sie sich für die Zukunft eine solche Verantwortungsgesellschaft. Verantwortungsbereitschaft hat bei den Deutschen wieder eine größere Bedeutung als Durchsetzungsvermögen. Der Wandel von der Ellbogengesellschaft zur Verantwortungsgesellschaft von morgen kann folgenreich sein. Es wird nie wieder so werden wie es war, diesen Ausspruch hörte ich erstmals zur Zeit der Ölkrise 1972/1973, dann 1986 als das Unglück in Tschernobyl geschah, schließlich 1991 während des letzten Golfkriegs und dann wieder nach dem 11. September. Jedes Jahrzehnt hat offensichtlich seine zeitgeschichtliche Zäsur, die die Menschen nachdenklich stimmt, vielleicht auch zur Selbst- oder Neubesinnung anregt. Back to the simple life - zurück zum einfachen Leben, so hieß beispielsweise die Formel der Amerikaner zur Zeit des Goldkriegs 1991. Alles wiederholt sich, historisch gesehen. Die Welt nach dem 11. September, hat sie eigentlich den Menschen verändert? Aus so genannten Vorher-Nachher-Studien geht hervor: Die Menschen reagieren darauf auf eine zweifache Weise. Zunächst einmal fängt jeder Einzelne an, sein ganz persönliches Glück, das Leben heute und nicht erst morgen zu genießen und einfach glücklich zu sein. Die zweite Reaktion deutet jedoch auf einen grundlegenden Wertewandel hin. Seit den frühen Siebzigerjahren hatten nämlich soziale Motive im Leben permanent an Bedeutung verloren. Jetzt, im Zeitvergleich vor und nach dem 11. September, ist feststellbar, dass sich die Menschen wieder mehr für eine bessere Gesellschaft interessieren, ja auch mithelfen wollen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. In der gesamten westlichen Welt ging in den letzten Jahren der Gemeinsinn auf breiter Ebene zurück. Als Hauptursache hierfür galt das in der modernen Forschung so genannte Bowling-alone-Phänomen: Immer mehr Menschen schoben ihre Kugel allein auf Kosten der sozialen Werte einer Gesellschaft. Jetzt, nach dem 11. September, zeichnet sich ein Wandel vom Bowling alone zum Bowling together ab - eine Wiederentdeckung des Gemeinsinns im Sinne von mehr Gemeinsamkeit und weniger Egoismus. Es kündigt sich der radikalste Wertewandel seit 30 Jahren an: die Rückkehr der Verantwortung als Antwort auf Verunsicherungen und auf Vertrauensverluste, und insbesondere die jüngere Generation löst sich selbstbewusst aus dem Schatten der Werterevolution der 68er Jahre. Sie muss sich und anderen keine Protesthaltung mehr beweisen. Sie richtet sich stattdessen auf ein ebenso langes wie auch selbstständig geführtes Leben ein, unterwegs und auf der Suche nach alten und neuen Werten. Die junge Generation will in einer ausgeglichenen Balance zwischen Leistungsgenuss und Sozialorientierung leben. Sie will in ihrem Leben etwas leisten, sie will natürlich auch das Leben genießen. Aber bemerkenswert hoch ist der Wunsch in der jungen Generation ausgeprägt, anderen Menschen helfen zu wollen.

Ich glaube, ein nachhaltiger Sinneswandel kündigt sich an. Zum Beispiel hatte die Flutkatastrophe nicht nur in Thailand, sondern auch in Deutschland, insbesondere bei der Jugend eine Welle der Hilfsbereitschaft und des gesellschaftlichen Engagements ausgelöst. Ein neuer Typus von Solidarität entwickelte sich, jenseits von Pflichtgefühl oder Helferpathos. Aus der Not heraus schließen sich junge Menschen zu einem Netzwerk als Beistandspakt zusammen und machen die Erfahrung des Aufeinanderangewiesenseins. Die Jugend lebt geradezu ein neues Gesellschaftsideal vor, das für die Zukunft hoffen lässt. Sie will sich wieder gegenseitig mehr helfen und nicht alle sozialen Probleme einfach dem Staat oder der Politik überlassen. Verantwortung wird zum Schlüsselbegriff für die Zukunft, gemeint ist die Verantwortung füreinander für die Umwelt und natürlich auch die Verantwortung für die nachkommenden Generationen. Wenn wir eine sichere Zukunft haben wollen, dann muss das 21. Jahrhundert eine solche Ära der Verantwortung werden. Wir alle müssen mehr als bisher die Steuerung einer wünschenswerten Entwicklung selbst in die Hand nehmen. Da kann ich eigentlich nur auf den Politiker Perikles aus Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. verweisen, der gesagt hatte: „Es ist nicht unsere Aufgabe, die Zukunft vorauszusagen, sondern auf die Zukunft gut vorbereitet zu sein“. Und das, denke ich mir, ist die Bringschuld der Forschung, aber bitte auch die Annahmepflicht der Gesellschaft und der Politik. Mit der Vorbereitung auf die Welt von morgen kann doch heute schon begonnen werden. Wenn wir in Zeiträumen von Generationen und nicht nur von Legislaturperioden denken, dann rechtfertigt sich auch das Vertrauen der Bürger in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft, der Demokratie und der Politik. Natürlich, die Politik muss die Bevölkerung mehr als bisher davon überzeugen, dass sie die Richtung der zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklung kennt und entsprechend Einfluss darauf nimmt. Sie wissen, in der Politik herrscht noch immer weitgehend Orientierungsnotstand, weil nämlich kaum jemand eine verlässliche Richtung für die Zukunft vorgibt, sodass die Bürger wissen und erfahren, was nun kommt oder gar, wo es langgehen sollte. Gemacht wird doch eher, was gerade machbar ist oder was ankommt. Die Politik sagt uns, was geht, aber sie sagt uns nicht, wohin es geht. Ich meine, vor dem Hintergrund von Globalisierung und wachsender Beschleunigung in Wirtschaft und Gesellschaft ist eine vorausschauende Politik genauso wie eine vorausschauende Unternehmensplanung im 21. Jahrhundert unverzichtbar. Zum Beispiel auf einer gut bekannten Landstraße - da brauchte doch früher der Fahrer eines Fuhrwerks, das sich nachts langsam im Schritttempo fortbewegte, zur Beleuchtung der Straße nur eine schlechte Laterne. Ein schnelles Auto dagegen, das heute mit hoher Geschwindigkeit durch eine unbekannte Gegend fährt, das muss doch mit starken Scheinwerfern ausgestattet sein. Und ohne Sicht, ohne Weitsicht schnell in die Zukunft zu fahren, das ist doch der reinste Wahnsinn. In Deutschland habe ich oft den Eindruck, sobald man das Fernlicht einschaltet, wird auf die Scheinwerfer geschossen. Politik und Wirtschaft propagieren gern und stolz: die Schnellen schlagen die Langsamen. Nein, meine Damen und Herren, das ist viel zu kurzatmig gedacht. Erst rastlos, dann ziellos und am Ende ratlos; vielleicht sind sie ja manchen schnelllebigen Trendforschern auf den Leim gegangen, die unlängst auf dem deutschen Trendtag kleinlaut eingestehen mussten: Vorne ist da, wo sich keiner auskennt. Also nach dem Motto: Wir wissen ja auch nicht, wo wir hinwollen, aber wir werden auf jeden Fall als Erste da sein. Realistischer ist da die Maxime des deutschen Dichters Lessing, der mal gesagt hat: „Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht immer noch geschwinder, als der, der ohne Ziel umherirrt.“

Zukunftstrend 10: Die Sinnsuche. In Afrika, meine Damen und Herren, so erzählt man, gibt es zwei Arten von Hunger. Den kleineren und den größeren. Der kleinere Hunger gilt den Dingen, die das Leben in Gang halten, also den Gütern, den Dienstleistungen, natürlich auch dem Geld, das wir brauchen, um das alles bezahlen zu können. Der größere Hunger aber gilt den Antworten auf die Frage „warum“; die Erklärung dafür geben, wozu dieses Leben eigentlich gut sein soll. Ich glaube, dieses Bild macht anschaulich klar, dass viele Menschen in den westlichen Konsumgesellschaften allzu lange, vielleicht auch allzu naiv daran geglaubt haben, dass der Hunger nach Geld und materiellem Wohlstand auch diesen größeren Hunger nach Sinn stillen und die Menschen zufriedener machen könnte. In Wirklichkeit stellt der Sinnhunger nicht einfach nur eine Erweiterung des Geldhungers dar. Er ist etwas völlig anderes. Aus kultursoziologischen Forschungen geht hervor, dass es Menschen im Mittelbereich zwischen Not und Überfluss subjektiv am besten geht. Diesen Menschen fehlt noch etwas, wofür sich Arbeit und Anstrengungen lohnen. Ihr Leben hat schließlich noch eine Richtung, nämlich nach oben, und die Erfahrung lehrt: Menschen, die nach oben wollen, haben eher Mittel-Krisen; Menschen dagegen, die oben sind, Sinn-Krisen. Die einen sind noch unterwegs, und die anderen sind schon angekommen. Bedroht ist nicht mehr das Leben, sondern sein Sinn. Welche Wege müssen wir also gehen, um aus dieser Sinnkrise herauszufinden?

Ich glaube, wir stehen derzeit am Scheideweg. Wir haben entweder eine weitere Phase des Niedergangs vor uns, oder wir machen eine Periode der Erneuerung durch, und Erneuerung heißt vor allem: gesellschaftliche Aufwertung von Familie und Kindern als Grundbausteine der Gesellschaft.

Meine Damen und Herren, die Zeichen der Zeit deuten tatsächlich in diese Richtung. Die Deutschen, so können wir feststellen, entdecken langsam aber sicher die Familie wieder. Hat vielleicht eine lange Phase der Kinderlosigkeit bald ihren Zenit erreicht oder überschritten? Zählt Familienorientierung dann wieder mehr als Wohlstandssteigerung? Eine Renaissance der Familie ist in naher Zukunft möglich. Ja, die Familie wird dann geradezu zum neuen Wohlfahrtsverband. Mögen die Kosten für Gesundheit und Alter noch so sehr explodieren, die Familie bleibt im positiven Sinne billig und barmherzig. In großem Umfang, so konnten wir unlängst nachweisen, fließen Ströme an Geld, an Sachmitteln und persönlichen Hilfen von den Älteren zu den Jüngeren. Die Alten sparen für die Jungen. Zum Beispiel über 65-jährige Eltern leisten siebenmal soviel Geldzahlungen an ihre erwachsenen Kinder, als sie von diesen je zurückerhalten. Vom Generationenpakt auf privater Basis profitieren primär Generationen mit familialen Netzwerken. Alle anderen, insbesondere Singles und Kinderlose, müssen eben schauen, dass sie im Laufe ihres Lebens verlässliche, nicht-verwandte soziale Netze knüpfen. Näher und ferner stehende Menschen müssen ihr Leben begleiten. Ich nenne sie soziale Konvois im außerfamiliären Bereich. Meine Damen und Herren, gute Freunde reichen dazu allein nicht aus, weil sie ja meist gleichaltrig sind und ihre Zahl auch im Alter zurückgeht. Soziale Konvois sind nur hilfreich, wenn sie generationsübergreifend angelegt sind.

Ich komme zum Schluss. Das Leben in der Gesellschaft von morgen, meine Damen und Herren, beginnt jetzt. Zukunft ist Herkunft. Der Wertewandel von heute bestimmt den Strukturwandel von morgen. Die Zukunft, so deutete ich an, wird zunehmend wieder der Sinnorientierung gehören, realisiert in der Formel: Von der Flucht in die Sinne zur Suche nach dem Sinn. Die Sinnorientierung wird zur wichtigsten Ressource der Zukunft und zu einer großen Herausforderung oder Wirtschaft werden. Denn mit jedem neuen Konsumangebot muss dann in Zukunft zugleich die Sinnfrage „wofür das alles?“ beantwortet werden. Zukunftsmärkte werden immer auch Sinnmärkte sein, bezogen auf Gesundheit, auf Natur, Kultur, Bildung und auch Religion - letztlich geht es um Lebensqualität. Wertebotschaften statt Werbebotschaften, heißt dann die Forderung der Verbraucher, die sich auch als eine Generation von Sinnsuchern versteht. Von Konsumverzicht will sie wenig wissen, dafür umso mehr aber von der Werthaltigkeit des Konsums. Die Menschen suchen also eine Sinnorientierung, die Halt, Beständigkeit, die Wesentliches in das Leben bringt. Auch Religiosität als Lebensgefühl kehrt wieder in den Alltag zurück. So bleibt für jeden Einzelnen eigentlich nur noch eine Zukunftsfrage offen: Wie will ich eigentlich leben?

Meine Damen und Herren, wer persönliches Wohlbefinden und nicht nur materiellen Wohlstand erreichen will, der sollte - neben den christlichen Geboten natürlich - die folgenden zehn Anleitungen oder Gebote für ein gelingendes Leben im 21. Jahrhundert beherzigen:

Erstens. Bleib` nicht dauernd dran, schalt` doch mal ab.

Zweitens. Jag` nicht ständig schnelllebigen Trends hinterher.

Drittens. Kauf` nur das, was du wirklich willst, und mach` dein persönliches Wohlergehen zum wichtigsten Kaufkriterium.

Viertens. Versuche nicht, permanent deinen Lebensstandard zu verbessern oder ihn gar mit Lebensqualität zu verwechseln.

Fünftens. Entdecke die Hängematte wieder. Lerne wieder, eine Sache zu einer Zeit zu tun.

Sechstens. Genieße nach Maß, damit du länger genießen kannst.

Siebtens. Mach` nicht alle deine Träume wahr, heb` dir noch unerfüllte Wünsche auf.

Achtens. Du allein kannst es, aber du kannst es nicht allein. Hilf` anderen, damit auch dir geholfen wird.

Neuntens. Tu nichts auf Kosten anderer oder zu Lasten nachwachsender Generationen. Sorge nachhaltig dafür, dass das Leben kommender Generationen lebenswert bleibt.

Zehntens. Verdien` dir deine Lebensqualität durch Arbeit oder gute Werke. Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es.

Danke schön.

Auszüge aus der Diskussion

(Redigierte Abschrift eines Tonbandmitschnittes. Von den Rednern nicht autorisiert.)

Präsident Alois Glück: Herzlichen Dank! Herzlichen Dank vor allem dafür, dass Sie den Mut haben, sich sehr konkret festzulegen bei der Beschreibung von Trends und Wahrscheinlichkeiten und nicht im unangreifbar Allgemeinen bleiben, sondern sehr pointierte Aussagen treffen. Darf ich noch hinzufügen, Herr Prof. Opaschowski, Sie haben vor langer Zeit schon die 5 Millionen Arbeitslosen für 2005 vorausgesagt. Jetzt könnten wir ja daraus ableiten, es habe halt so kommen müssen. Aber in anderen Ländern in Europa läuft es nicht so, zum Beispiel in Österreich. Dort gibt es deutlich weniger Probleme. Wie kommen Sie also zu den 5 Millionen? Haben Sie schon unterstellt, dass nicht vernünftig reagiert wird, oder dass die Politik so ist, wie sie ist?

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg): Nein, es ist ja so: Bestimmte Dinge werden im Sinne des Political Correctness nie offen ausgesprochen. Es ist eigentlich seit den Siebziger-, Achtzigerjahren klar erkennbar, dass wir die Vollbeschäftigungsgesellschaft auf absehbare Zeit nicht oder nie wieder haben werden. Das heißt, bezahlte Arbeit für alle wird so nicht mehr möglich sein. Es wird aber nicht ausgesprochen. Sie hatten vorhin die freizeitpolitische Konzeption in den Siebzigerjahren angesprochen. Sie konnte dann teilweise nicht veröffentlicht werden, weil 1972/73 plötzlich „Massenarbeitslosigkeit“ einsetzte. Wissen Sie, wie viele das waren? 300.000 - und Deutschland war entsetzt. Ich sage immer, meine Zukunftsvision ist eine Leistungsgesellschaft, weil alle Menschen etwas leisten wollen und auch leisten können. Von Kindheit an. Wenn Sie Kinder beobachten beim Spiel – alle wollen etwas leisten. Und alle können auch etwas leisten. Jeder und jede auf ihre und seine Weise. Nur, ich muss immer verkünden: Mit dem Ende der Erwerbsarbeit ist die Lebensarbeit nicht zu Ende. Und das ist in den Köpfen noch nicht angekommen. Wir müssen uns also klarmachen, dass die Beschäftigung weitergeht. Als ich vor 20 Jahren über die Rentner von morgen schrieb, da sah ich: Es wird eine Generation auf uns zukommen, an die niemand gedacht hat, die amtlich gar nicht vorgesehen ist. Für die gibt es keinen Namen. Das war die Generation zwischen dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und dem Noch-nicht-alt-sein. In Nordrhein-Westfalen gibt es eine Organisation, die heißt ZWAR, „Zwischen Arbeit und Ruhestand“. Es ist der Versuch, daraus etwas zu konstruieren. Ich habe am Donnerstag Vorlesung. Neben den normalen Studierenden waren im letzten Semester im Hörsaal 265 „50-Plus-Leute“. Das ist sicher eine sinnvolle Antwort, wie man auf diese Malaise reagiert. Die einen tun etwas für die Bildung und resignieren dadurch nicht. Aber andere könnten sich sozial engagieren, und dafür hat unsere Gesellschaft bisher noch nichts bereitgestellt, und solche Aktivitäten werden bisher auch noch nicht honoriert.

Präsident Alois Glück: Sie haben gesagt, Ihre Zukunftsvorstellung ist eine Leistungsgesellschaft. Ich benutze gerne den Begriff „Solidarische Leistungsgesellschaft“. Und wenn Sie beschreiben, dass die junge Generation eher in diese Richtung geht, dann müsste es möglich sein.

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg): Sie haben vollkommen Recht. Wenn man das Wort „Leistungsgesellschaft“ zum ersten Mal hört, dann wird man sagen: Na ja, da verbinde ich eigentlich etwas anderes damit. Oder viele würden sagen: Ach, das ist ja auch Stress und Hektik und Aktionismus usw., und das kann doch nicht die Zukunftsvision sein! Ja, dann ist es eben eine ausbalancierte Leistungsgesellschaft. Sie haben jetzt das Attribut „solidarisch“ dazugesetzt. Man könnte auch „sozial“ sagen, eine sozial ausgewogene, oder eine humane Leistungsgesellschaft, wie auch immer.

„Leistungsgesellschaft“ ist übrigens auch der Begriff in der Bevölkerung, mit dem sich die meisten identifizieren können. Ich habe einmal eine Skala vorgegeben von etwa 20 Begriffen, alles, was wir so haben: Mediengesellschaft und Arbeitsgesellschaft und Vollbeschäftigung und so weiter. Ganz oben lag Leistungsgesellschaft. Über zwei Drittel der Bevölkerung sagen, ja wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Ich glaube, daraus könnte man natürlich Konzepte entwickeln.

Fragesteller: Ich will noch einmal auf den Trend neue Brücke zur Verantwortung eingehen. Ist es denn wirklich – so habe ich Ihre These verstanden – Aufgabe der Politik, der Gesellschaft voranzumarschieren und den Weg in die Zukunft zu zeigen? Ich bezweifle das. Ist es nicht Aufgabe der Gesellschaft, den Weg in die Zukunft zu finden - der Hochschulen, der Künstler, aller gesellschaftlichen Kräfte? Und ist es nicht Aufgabe der Politik, diesen Prozess zu begleiten und diese Begleitung so stattfinden zu lassen, dass keine der gesellschaftlichen Gruppen in solidarischem Sinne untergeht. Aber der Politik die Aufgabe zuzuweisen, die Gesellschaft in die Zukunft zu führen, davor würde ich eher Angst haben.

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg): Also, wenn ich mir die politischen Programm ansehe quer durch alle Parteien, finde ich überall: „Zukunft gestalten“. Sie erheben zwar den Anspruch, Zukunft zu gestalten, aber über Zukunft etwas sagen wollen sie nicht. Das geht natürlich nicht. Nein, ich glaube schon, dass die Politik auch die verdammte Pflicht und Schuldigkeit hat. Sie haben gesagt, die Politik will begleiten. Das ist mir zu wenig. Ich glaube, dass die Bevölkerung bereit wäre, durch tiefe Täler zu gehen, wenn sie denn wüsste, wo es längs geht und wo diese Täler enden. Ich komme aus Hamburg, da gibt es den Elbtunnel. Wenn die Autofahrer da rein fahren, dann bremsen sie - ohne Grund. Und erst, wenn sie wieder Licht sehen, geben sie Gas. Und darum geht’s mir. Die Politik soll uns nicht Weisungen geben, wie wir uns zu verhalten haben, darum geht’s gar nicht. Aber sie soll Perspektiven aufzeigen! Zum Beispiel „Agenda 2010“: Wer von den Politikern hat denn gesagt, wie es 2010 aussieht? Das Ding hat nur den Namen. Aber eigentlich müsste ich doch wissen, wie komme ich zu 2010, und wie sieht dann meine Lebensqualität oder wie sieht dann unsere Gesellschaft aus? Das wird nicht gemacht. Es findet ein Denken nur in Legislaturperioden statt. Und das ist der Vorwurf, den ich mache.

Herr Glück wird’s mir verzeihen, ich habe ja mal wahrgenommen, dass es in Bayern und Sachsen einen Zukunftsrat gab. Und als die Landtagswahl zu Ende war, wurde er wieder aufgelöst. Das ist mir natürlich zu wenig. Es muss über Legislaturperioden hinaus gedacht werden, weil eben durch die Globalisierung und Beschleunigung unseres Lebens diese Weitsicht erforderlich ist. Sonst leben wir von der Hand in den Mund. Die Menschen wollen wissen, wo es hingeht. Und wenn ich ein Ziel vor Augen habe, dann bin ich auch bereit, eine solche Durst- oder Leidensstrecke zu durchlaufen.

Präsident Alois Glück: Der Bezugspunkt mit der Landtagswahl stimmt nicht ganz. Das ist insgesamt eine in sich abgeschlossene Geschichte gewesen. Aber wenn man ehrlich ist, es kam in die Schublade und ist in der Politik nicht umgesetzt worden. Es war vielleicht damals relativ weit voraus, gemessen an der aktuellen Gefühlslage. Heute und in den letzten fünf Jahren könnten wir auf vieles schon zurückgreifen, was darin steht.

Fragesteller: Der Vortrag hat begonnen mit ein paar Anmerkungen über die Globalisierung, und danach haben Sie darüber geredet, wie die Lage heute in Deutschland ist und nicht besser wird. Auf der anderen Seite hat sich in Osteuropa, auch in Indien und China ziemlich viel bewegt in den letzten 10, 20, 30, 50 Jahren. Aus meiner Sicht ist es dort wesentlich besser geworden, als es vorher war, aber es ist hier immer noch wesentlich besser als anderswo. Meine Frage ist jetzt: Kann man uns so isoliert betrachten, oder wie steht es um den globalen Zusammenhang?

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg): Die Frage ist natürlich berechtigt. Ich habe zwei-, dreimal das Wort Wertewandel in den Mund genommen. Es gibt internationale Wertewandelforschung, die ausgelöst wurde in den Siebzigerjahren durch den Amerikaner Inglehart. Er hat damals gesagt, es gebe geradezu atemberaubende Übereinstimmungen in der westlichen Welt. Mit westlicher Welt meine ich in erster Linie natürlich Westeuropa, USA, Japan. Es ist also nicht so, dass zwischen diesen Ländern Welten liegen. Meine Untersuchungen beziehen sich zunächst einmal auf den deutschen oder deutschsprachigen Raum. Da haben Sie Recht. Jetzt sagen Sie, reicht dieser kleine Kosmos aus, um alles Übrige darzustellen? Ich denke mir, von den Einstellungen und den Verhaltensweisen der Menschen zunächst mal ja. Ich bin Sozialforscher oder Gesellschaftsforscher, ich bin kein Ökonom, ich sage nichts zum Bruttosozialprodukt und dergleichen, deshalb liege ich mit meinen Prognosen auch sehr viel richtiger, weil alles andere wahrscheinlich sehr viel waghalsiger wäre. ‑ Sie wollten noch mal nachfragen?

Vorheriger Redner: Mal ganz zugespitzt gefragt: Wenn ein Chinese die gleiche Arbeit macht wie ein Deutscher, warum bekommt er dann nicht das gleiche Geld dafür?

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg): Es ist ja schon seit Jahren absehbar, wenn wir nicht darauf achten, dass die Kluft in der Welt zwischen dem Norden der Erdkugel und dem Süden zu groß wird, dann werden die Menschen kommen und sich den Wohlstand selber holen. Insofern ist es in der Tat wahrscheinlich eine ganz natürliche Entwicklung, die wir im Moment durchmachen, die im Moment von Osteuropa hier rüberschwappt. Dort wird man eines Tages einen vergleichbaren Wohlstand auch erreichen wollen und dann möglicherweise in dieselbe Situation kommen. Ich habe gehört, in Tschechien können einige Aufträge nicht ausgeführt werden, und die hat man jetzt an die Ukraine weitergegeben. Und wenn es dort dann zu eng wird, dann geht es wieder ein Stück weiter, und das ist ein Prozess, der nicht aufzuhalten ist. Das, was es an sozialer Kluft weltweit gibt, das gibt es natürlich auch im eigenen Lande zwischen denen, die etwas haben und die nichts haben, die arbeiten und die nicht arbeiten.

Fragestellerin: Ich habe Probleme mit dem sehr positiv ausgeführten Trend, dass durch die Wissenschaftsgesellschaft neue vertrauensvolle Strukturen entstehen würden. Drei Beispiele: Erstens. Die Familie löst nicht mehr ein, was immer noch vorgegeben wird. Sie schickt die Kinder, die kein Sozialverhalten haben, in die Schule. Zweitens: Die Schulen werden im Moment in jedem politischen Programm gefördert. Real ist aber ein Lehrerabbau, ein Stellenabbau sondergleichen. Der dritte Punkt ist, dass die Bildungsgesellschaft, die zu Leistung und Innovation führen soll, das auch nicht einlöst. Wir wissen alle, dass unsere Universitäten von sehr schwerfälliger Struktur sind. Diese Punkte, die Sie zusammengefasst haben, scheitern im Moment daran, dass zurückgefahren wird, obwohl gleichzeitig propagiert wird, wir müssten besser werden. .

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg): Das sind tatsächlich zwei verschiedene Ebenen. Was Sie jetzt beschrieben haben, ist die gesellschaftliche Entwicklung, so wie wir sie objektiv und auch subjektiv wahrnehmen. Was ich beschrieben, ist das, was in den Köpfen der Menschen vorgeht. Wertewandel kündigt sich immer in Minderheiten an, vor allem in der jungen Generation. Ich habe zum Beispiel in den Achtziger- und Neunzigerjahren eine Befragung durchgeführt. Da lautete ein Statement: Mein Sport, meine Hobbys, meine Urlaubsreisen sind mir wichtiger als Heiraten und eine Familie gründen. Dieses Statement hat bei der jungen Generation bis 34 Jahre permanent zugenommen, ungefähr bis zum Jahr 1999, 2000. Da stagnierte es, ich wollte es damals nicht glauben, und seitdem sinkt es rapide. Natürlich hinken jetzt die Gesellschaft und die gesellschaftlichen Institutionen mit Zeitverzögerungen erheblich hinterher. Das ist ja noch gar nicht angekommen. Ich mache im Moment die Beobachtung, dass sich etwas bewegt in den Menschen. Sie könnten mich ja auch fragen: Und wo bleibt die demografische Entwicklung, wo sind denn die Kinder? Das braucht natürlich alles Zeit. Und eigentlich muss man bei solchen Fragen in Generationssprüngen denken und nicht in Jahren. Ich rechne oft in Generationen und nicht in Jahren.

Aber Sie haben natürlich Recht, auf Dauer geht das nicht gut. Wenn sich die Einstellung der Menschen verändert, dann wird das irgendwann seinen Niederschlag finden. Das kann die Flucht aus Institutionen sein, was ja ohnehin schon seit Jahren beobachtbar ist, aus Parteien, aus Kirchen, aus Vereinen, aus Gewerkschaften usw. Das kann sich dann niederschlagen in spontanen Stimmungen. Es gibt ja viele Nichtregierungsorganisationen, die großen Zulauf haben. Und Sie merken auch in der politischen Landschaft, dass immer mehr Stimmen durch Stimmungen gemacht werden. Das heißt also, der Bürger ist gar nicht so ohnmächtig, wie er erscheint. Er kann das relativ schnell und spontan zum Ausdruck bringen. Von daher muss auch die Politik ein Interesse daran haben, dass die Menschen nicht etwas anderes wollen und die Institutionen hinterherhinken. Natürlich darf man eins dabei nicht vergessen: Wir haben es uns angewöhnt, dass der Staat vieles richtet. Das ist einfach jahrzehntelang so gewesen. Davon müssen wir uns natürlich verabschieden. Vieles im Sozialsystem, vielleicht auch im Gesundheitssystem, muss von den Bürgern wieder selbst geleistet werden. Vielleicht durch eine gesündere Lebensführung, die Medikamente und Behandlungen wieder entbehrlicher macht. Oder der Generationenpakt! Wenn ich merke, der gesetzliche Generationenvertrag funktioniert so nicht mehr, dann rücke ich doch mit den anderen zusammen, dann helfen wir uns gegenseitig. Also, die Solidarität, die Herr Glück beschrieben hat, die ist ja in den Menschen noch vorhanden. Aber sie ist vor allen Dingen im Westen etwas verkümmert. Bei unseren Untersuchungen stellen wir immer noch einen großen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland fest. Im Osten war der Zusammenhalt notgedrungen größer, und wir im Wohlstand brauchten ihn ja auch nicht. Wenn der Wohlstand jetzt zurückgeht und mehr Notstand entsteht, werden auch wir im Westen mehr zusammenhalten müssen. Insofern kann man sagen, dass die Krise auch eine Chance wäre.

Fragesteller: Sie haben als Zukunftstrend die Suche des Menschen nach dem Sinn seines Handelns, seines Lebens, beschrieben, Sie haben dabei das Wort religiös gebraucht, Sie haben die Politik aufgefordert, Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Ich habe bei Ihnen nicht gehört, welche Bedeutung Sie den Kirchen, den Religionsgemeinschaften beimessen. Wenn man jetzt die Ereignisse in Rom und die damit weltweit zusammenhängenden Bekenntnisse zur Religion wahrgenommen hat und das vielleicht für die Zukunft zu deuten versucht, dann könnte ich mir vorstellen, dass Religion, dass Kirchen und Glaubensgemeinschaften eine ganz wesentliche Rolle spielen könnten bei der zukünftigen Gestaltung unserer Gesellschaft. Ist das auch eine Entwicklung, die Sie feststellen, oder würden Sie das ganz pauschal mit Sinnsuche beschreiben? Wie sehen Sie also die Zukunft der Religionsgemeinschaften?

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg): Die Sinnsuche kann natürlich auch auf Abwege geraten. Ich habe früher einmal gesagt, wenn die Kirchen nicht in die Offensive gehen, dann werden andere kommen, Sekten oder Psychopharmaka, die Glückspille und vieles mehr, was dieses Bedürfnis stillen wird. Von daher sind die Kirchen in der Tat jetzt aufgefordert, in diese Bresche zu springen. In Hamburg waren die Kirchen noch nicht einmal in der Lage, für ihren eigenen Buß- und Bettag zu kämpfen, geschweige denn andere Dinge zu machen. Und das, was sich jetzt in Rom vollzog, war ein Gemeinschaftserlebnis. Auch die Flutkatastrophe war ein Gemeinschaftserlebnis. Die Menschen suchen nach solchen sinnvollen Aktivitäten, bei denen man etwas für andere und für die Gesellschaft tun kann. Es ist nicht gesagt, dass deswegen jetzt alle wieder massenhaft in die Kirche eintreten. Es ist nur erkennbar, dass auch aufgrund der demografischen Entwicklung und der Tatsache, dass die Bevölkerung älter wird, die Religion eine immer größere Bedeutung bekommt. Weil im Laufe des Lebens – wir können das zyklisch nachweisen – bestimmte Bereiche, wie Arbeit oder Konsum, immer weiter nach unten rutschen. Je älter die Menschen werden, umso größer wird die Bedeutung von Bildung, von Kultur, von Natur und von Religion. Wenn Sie das in einem Zusammenhang sehen, dann könnten Sie tatsächlich eine ganze Menge daraus entwickeln.

Fragestellerin: Was mich an Ihrem Vortrag gefreut hat, war, dass die Wertebesinnung ein sehr positiver Trend sei. Aber die Diskussion um die Sterbehilfe und die Vorstellung, irgendwann werden wir wieder die Alten aufs Meer schicken müssen, wie es bei den Eskimos heißt – ist das ein Trend oder ist das eine kurzfristige Sache?

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg): Ich bin nicht Experte für Sterbehilfe. Ich stelle nur fest, dass das, was an Hiobsmeldungen verbreitet wird, wirklich nur medial konstruierte Dinge sind, die mit unserem Umfeld überhaupt nichts zu tun haben. Im privaten Bereich stimmen einfach die familiären Beziehungen. Allerdings verändern sie sich. Die Beziehungen innerhalb der Generationen und auch zu den Enkeln können manchmal stabiler und intensiver werden als die Beziehungen zu den Partnern. So deutet sich das teilweise an.

Das heißt also, die Generationen rücken wieder zusammen. Und Generationen heißt teilweise vier oder fünf Generationen. Bei Einschulungsfeiern erleben Sie ja heute schon, dass sehr viele Kinder Urgroßeltern haben. Oder dass bei den Einschulungsfeiern mehr Großeltern sitzen als Geschwister. Die Generationen rücken zusammen, allerdings in einer anderen Form, nicht die Großfamilie unter einem Dach. Das wird es so nicht mehr geben. Aber die Nähe durch Distanz. In einer Halb- oder Ein-Stunden-Erreichbarkeit können sich 70 bis 80 % der Bevölkerung sehen. Man ist sofort da, wenn Hilfe gebraucht wird. Ich glaube, das ist das Neue, und das macht mir Hoffnung.

Fragesteller: Sie hatten zum einen gesagt, dass es einen gewissen Trend zu einer Beziehungsunfähigkeit gibt, zum andern aber die zukünftigen Generationen auch eine neue Verantwortung übernehmen. Ist das nicht ein Widerspruch? Oder heißt das einfach nur, dass die Leute bereit sind, kurzfristig Engagement oder Verantwortung zu übernehmen?

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg): In der Tat, es verändert sich Einiges qualitativ. Herr Glück, Sie werden mir vielleicht nicht ganz zustimmen, weil Sie den Begriff Solidarität in seiner ursprünglichen Substanz festhalten und nicht verwässern wollen. So verstehe ich Ihre Konzepte und Schriften. Ich sage immer, es gibt leider Tendenzen zu einer „Solidarität light“, also einer verwässerten Form, die aus dem Amerikanischen kommt: Ich helfe dir nur, wenn du mir auch hilfst. Ich persönlich spreche manchmal auch von kalkulierter Hilfsbereitschaft oder hilfsbereiten Egoisten. Jetzt mögen einige sagen: Oh Gott, wie tief sind wir gesunken! Aber vielleicht geht es im 21. Jahrhundert nicht anders. Es ist weniger Mutter Teresa, Albert Schweitzer, Opferpathos, sondern es ist eine andere Form von pragmatischer Hilfsbereitschaft. Wir sind aufeinander angewiesen. Diese Erkenntnis ist bei allen da. Das bedeutet natürlich auch: Wenn in Köln Hochwasser ist, dann rücken die Menschen zusammen; fließt das Wasser wieder ab, dann driften sie wieder auseinander. Und wenn Sie Jugendliche heute für ein soziales Engagement gewinnen wollen, dann sind das oft nur Kurzfristengagements. Punkt-Aktionen. Und dann sind sie wieder weg. Das ist natürlich ein Problem. Ich halte zwar sehr viel von der Entwicklung der jungen Generation. Aber in einem Punkt habe ich meine Probleme, weil ich mir doch denke, dass manchmal auch Kontinuität erforderlich ist. In wirklich ernsten Dingen kann ich nicht sagen: Ich bin mal da, aber vielleicht bin ich auch doch nicht da. Das liegt aber vielleicht daran, dass wir Eltern das nicht angemessen vorgelebt haben. Ich glaube, das Wichtigste, was Eltern heute ihren Kindern und Enkelkindern weitergeben müssen, ist, ihnen Mut machen zu dauerhaften Beziehungen. Mir sagte kürzlich ein Student im Seminar: Ich bin nicht bereit, an meinen Beziehungen zu arbeiten. Ja, der hat natürlich noch gar nicht durchschaut, dass es auch in der Tat Beziehungsarbeit gibt und dass man das nicht einfach so geschenkt bekommt, dass man möglicherweise ein halbes oder ein ganzes Leben daran arbeiten muss. Diesen Mut muss man den jungen Leuten machen. Die sind aber in den letzten 20, 30 Jahren aufgewachsen in einer Wohlstandsgesellschaft, wo das nicht erforderlich war. Da war Spontaneität gefragt. Und das Umdenken, das muss jetzt erst stattfinden.

Fragesteller: Herr Prof. Opaschowski, Sie haben vorhin gesagt, dass wir noch mehr Dienstleistungen erbringen müssen, weg von der Produktionsgesellschaft, aber trotzdem hat sich das Heer der Arbeitslosen in den letzten Jahren sprunghaft erhöht. Sind wir denn nicht mehr bereit zu dienen, Dienstleistungen zu erbringen, oder ist Deutschland vielleicht nur eine Dienstleistungswüste?

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg):

Ich habe es ja vorhin angedeutet. An sich ist das ein geflügeltes Wort geworden, die Dienstleistungswüste und Servicewüste in Deutschland. Ich kenne das auch, wobei sicher das Wort „dienen“ gewöhnungsbedürftig ist, denn Minister heißt ja auch dienen, ministrare – dienen.

Wenn ich sage, wir müssen uns ein wenig von der Industriegesellschaft verabschieden, dann heißt das ja nicht, dass es sie in 100 Jahren nicht mehr gibt. Wir hatten mal ein Agrarzeitalter, aber Landwirtschaft gibt’s heute immer noch. Aber wir leben nicht in einer Agrargesellschaft. Und so meine ich, ist dieser Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft unumkehrbar.

Wir werden eine Dienstleistungsmetropole werden, ein Dienstleistungszentrum in Deutschland mit einigen Schwerpunkten. Denken Sie an die Automobilindustrie usw..

Fragesteller: Ein Wort noch zur Familienpolitik. Wenn ich Sie recht verstehe, muss man die Kinder wesentlich mehr fördern als gegenwärtig. Es muss einfach das mit den Kindern verbundene Armutsrisiko von den Familien genommen werden. Ich sehe darin den Hauptgrund dafür, dass wir heute wenige Kinder haben. Ich bin dafür, dass wir das tun, und ich glaube, es würde auch akzeptiert werden in der Gesellschaft.

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg):

Was ich Ihren Worten entnommen habe, war, dass Kinderförderung oder Familienförderung in der Tat etwas ist, was forciert werden muss. Es gibt ein Urteil vom Verfassungsgericht, das lautet sinngemäß: Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung sind gleichwertig. Ich habe mal vor 20 Jahren einen Lacherfolg ausgelöst, als ich gesagt habe, in Zukunft müssten Kinderzimmer genauso wie Arbeitszimmer von der Steuer absetzbar sein. Eigentlich würde ich heute immer noch daran festhalten. Im Arbeitszimmer wird vom Bleistift bis zum PC alles abgesetzt. In Kinderzimmern müsste selbst das Spielzeug abgesetzt werden, weil es doch im Interesse der Gesellschaft ist, dass nicht nur intakte Familien, sondern eben auch gesunde Kinder heranwachsen. Da ist noch viel zu tun.

Das Problem, das wir heute noch gar nicht angesprochen haben, ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das wäre aber jetzt ein weites Thema, was sich in der Männerrolle und in der Frauenrolle verändern muss. Ich war kürzlich bei einer Gruppierung, die hieß FIM – Frauen im Management. Da sagten die Frauen: Wenn wir mit unseren französischen Kolleginnen zusammen sind, können wir nur staunen. Die haben null Probleme, die kennen gar keinen französischen Begriff für Rabenmütter und so etwas. - Das Bewusstsein von öffentlicher Kinderbetreuung oder Ganztagsbetreuung ist in Frankreich und anderen Ländern ganz anders ausgeprägt; da stehen wir erst am Anfang. Das würde ein Umdenken nicht nur bei den Frauen, sondern auch bei den Männern bedeuten bis hin zu Führungskräften. Gibt es nicht auch Teilzeitjobs für Führungskräfte? Könnte nicht auch eine Zeitung zwei Chefredakteure haben? Ich habe schon vor Jahren an der Uni einen Antrag auf Einkommenskürzung gestellt, und das Geld wurde für junge Assistenten verwendet. Also, es geht schon irgendwie. Aber da stehen wir erst am Anfang.

Fragesteller: Aus meiner Sicht hat Zukunftsgestaltung auch mit Risikobereitschaft zu tun. Mich würde interessieren, ob die in die Verantwortung hinein wachsende Generation risikobereiter ist. Gibt es darüber Analysen, gibt es ein Auf- und Abnehmen von Risikobereitschaft und Risikoakzeptanz in den Gesellschaften? Oder ist es in der menschlichen Entwicklung, in der zivilisatorischen Entwicklung, eine Konstante gewesen? Ich rede vor allem auch von Risikoakzeptanz im Hinblick auf Entwicklung moderner Technologien, auch von Serviceleistung, was für unser Land ja sehr wichtig sein wird.

Professor Dr. Horst W. Opaschowski (BAT Freizeit-Forschungsinstitut Hamburg):

Ich habe einmal eine Untersuchung gemacht zur Frage, wie selbstständig sind die Deutschen, und wollte dabei eigentlich Existenzgründer und Selbstständige usw. herausfinden. Als Ergebnis kam unter anderem heraus: Bei Selbstständigkeit denken die meisten Deutschen an die selbstständige Meinung und nicht an Firmengründungen und dergleichen mehr. Ich glaube, dieses Risikodenken ist in Deutschland etwas unterentwickelt. Man sagt ja immer den Amerikanern nach: Jedem eine zweite Chance! Wenn hier jemand scheitert, dann ist er fast gebrandmarkt fürs ganze Leben. Das Risikodenken muss einfach stärker ausgeprägt werden. Ich denke mir, wer im Leben etwas unternimmt - der Lebensunternehmer als neues Leitbild -, der oder die muss auch Risiken im Leben eingehen. Wer nichts unternimmt, kann auch nichts gewinnen.

Präsident Alois Glück: Meine Damen und Herren, damit darf ich abschließen. Ich denke, wir haben heute sehr viele Anregungen bekommen, aber manches ist auch verständlicher geworden. Wir danken Ihnen sehr, sehr herzlich, Herr Prof. Opaschowski, dass Sie hier waren und uns informiert haben.

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