Bayerischer Landtag

17.04.2012 - Der Landtag im Gespräch mit ... Prof. Dr. Peter Scholl-Latour

Ansichten des „letzten großen Weltenerklärers“: Der 88-jährige Journalist, Publizist und Autor Prof. Dr. Peter Scholl-Latour im Maximilianeum bei "Der Landtag im Gespräch".

Prof. Dr. Peter Scholl-Latour mit Moderator Martin Wagner.
Prof. Dr. Peter Scholl-Latour mit Moderator Martin Wagner. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

- Von Zoran Gojic und Heidi Wolf -

Die Veranstaltung „Der Landtag im Gespräch“ fand zum sechsten Mal in dieser Wahlperiode statt. Ziel der Debattenreihe sei es aktuelle und zukunftsrelevante Themen anzusprechen und über unterschiedliche Lösungsansätze und Perspektiven zu diskutieren, wie die Landtagspräsidentin Barbara Stamm in ihrem Grußwort ausführte. „Dazu braucht es ausgewiesene Kenner der Materie, die Impulse geben können und zu einem Meinungsaus¬tausch bereit sind“, sagte Stamm und betonte, der Journalist Prof. Dr. Peter Scholl-Latour sei deswegen eine ideale Wahl.

Der "letzte große Weltenerklärer", wie ihn Landtagspräsidentin Barbara Stamm bezeichnete, schilderte in seinem einstündigen Vortrag am 17. April 2012 im Maximilianeum seine Sicht der Welt. Er nahm die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer auf eine Reise zu den aktuellen Krisenherden mit, nannte Gründe, warum sich die Hoffnungen an den „arabischen Frühling“ zerschlagen haben. Beispiel Ägypten: Bei den ersten freien Wahlen siegten islamistische Parteien, nicht die westlich orientierten Kräfte, auf die Europa nach den Demonstrationen auf dem Tahirplatz in Kairo große Hoffnungen gesetzt hätten. "Die Revolution, die wir da gesehen haben, bildet nicht die Wirklichkeit ab", betonte Scholl-Latour. Junge Menschen, von denen manche von Freiheit und Selbstbestimmung träumten, hätten mit Hilfe sozialer Netzwerke Proteste organisiert, aber diese Proteste hatten keine Struktur und keine Wortführer. "Die Demonstranten auf dem Tahir-Platz in Kairo haben nicht das ägyptische Volk repräsentiert", betonte Scholl-Latour und fügte an: „Wir müssen uns nicht vor der Machtergreifung der Islamisten fürchten. Es handle sich dabei um konservative, aber durchaus pragmatische Parteien, die lange schon erstaunliche Sozialarbeit leisteten und deshalb in der Bevölkerung verankert seien. Der Westen dagegen sei auf Seiten der Militärs gestanden, habe lieber autokratische Diktaturen unterstützt wie den lybischen Machthaber Gaddafi, der auch in Deutschland lange Zeit regelrecht hofiert worden sei, stellte der Redner fest.

"Das europäische Demokratiemodell hat keine Faszination mehr"

Peter Scholl-Latour kritisierte auch die Haltung des Westens zu den Ereignissen in Syrien, warf den Medien eine gezielte Desinformationskampagne vor. Während Europa derzeit Front gegen die autokratischen Regierungen in Syrien oder Iran mache, verbünde man sich gleichzeitig mit Saudi-Arabien, einem der strengsten islamischen Länder überhaupt. "Die oft verfemte Hisbollah baut im Libanon Kirchen wieder auf, in Saudi-Arabien dürfen Sie nicht einmal eine Bibel besitzen", sagte Scholl-Latour und warnte vor einer einseitigen Sicht auf die Weltpolitik. Der weit gereiste Journalist, der Ende 2011 in Syrien war und vor wenigen Tagen aus dem Irak zurück gekommen ist, hält nichts davon, den moralischen Zeigefinger zu erheben und den Menschen in anderen Ländern vorzuschreiben, wie sie zu leben hätten. Das europäische Demokratiemodell habe für die arabischen Länder und die Länder in der Sahelzone keine Faszination mehr; die Wirtschaftsordnung des Westens sei auch nicht mehr überzeugend.

"Der Westen ist nicht mehr die beherrschende Macht"

„Welche Rolle soll dann Deutschland in der veränderten Welt übernehmen?“, fragte Martin Wagner, der Moderator des Abends, immer wieder nach. Der Leiter des BR-Studios Franken war selbst Nahost-Korrespondent des Bayerischen Rundfunks in Tel Aviv, hat vom Golfkrieg 1991 berichtet und später von der Ermordung Rabins und dem Aufstand der Palästinenser. „Sie sind sehr kritisch mit dem Westen. Was soll der Westen tun. Soll er die Region sich selbst überlassen?“, wandte sich Wagner an Scholl-Latour. Dieser warnte vor Sanktionen. „Wenn wir Sanktionen verhängen, schneiden wir uns ins eigene Fleisch. Sanktionen haben noch nie zu einem Regimewechsel geführt.“ Der Westen müsse sich bewusst machen, dass er nicht mehr die beherrschende Macht sei. „Es gibt eine andere Weltmacht, nämlich China“, erklärte Scholl-Latour. Seine Theorie: Die wirkliche Gefahr für den Westen sei nicht der Terrorimus, sondern die Demografie: hier eine alternde Gesellschaft, in den arabischen Ländern hohe Geburtenraten. Junge Menschen drängten nach Europa; eine vernünftige Einwanderungspolitik sei lebensnotwendig. Die Überzeugung des Star-Journalisten: Man müsse Realpolitik betreiben, im eigenen Interesse, aber auch im Interesse der Menschen in den Krisengebieten. Man müsse sich der Wirklichkeit stellen und nicht um Wahrheiten streiten. Denn: "Wahrheit ist ein theologischer Begriff, kein politischer".

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