Bayerischer Landtag

22.01.2008 - Dialog: Das Jahrhundert der Religionen (2) - "Kann es einen Euro-Islam geben?"

Das öffentliche Erscheinungsbild des Islam wird dominiert von ideologisch geprägten Reaktionen und Handlungen, die im Widerspruch zu den Werten unserer Verfassung stehen. Ist der Islam unvereinbar mit unseren Werten oder gibt es Formen des Islam, die einen gemeinsamen Weg im Sinne unserer europäischen Entwicklung zulassen?

Politik braucht den offenen geistigen Austausch über Grundfragen der Zeit und aktuelle Strömungen in der Gesellschaft. Dies ist die Grundlage für Entscheidungen und für politisches Handeln.

In der dialog-Reihe des Bayerischen Landtags soll über die Tagespolitik hinaus zu prägenden Themen unserer Zeit eine fruchtbare Debatte geführt werden. Der Landtag will dafür ein offenes Forum sein, bei dem aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Positionen diskutiert wird.

Religionen, vor allem deren politischer Missbrauch, beeinflussen zunehmend das Weltgeschehen. Ob Schule, Medien oder Kultur – in vielen Bereichen steckt ein Konfliktpotential, das sich schlimmstenfalls in ein unberechenbares Risiko für das Zusammenleben der Menschen umwandeln kann.

Wie gestalten wir in Zukunft ein friedvolles Miteinander? Wo und wie finden wir gemeinsame Grundlagen?

Wolfgang Günter Lerch, Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“
Alois Glück, Präsident des Bayerischen Landtags
Dr. Albert Schmid, Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge
Peter Schier, Berater in Fragen des interreligiösen Dialogs; ehem. Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung für Malaysia

Einführung und Begrüßung
Landtagspräsident Alois Glück 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie zum zweiten Teil unserer Dialogveranstaltung mit dem Thema „Das Jahrhundert der Religionen“. Am ersten Abend - Ende November - haben wir miteinander die Bedeutung der Religionen in unserer Zeit diskutiert. Heute steht der Islam im Mittelpunkt, genauer die Frage, inwieweit und unter welchen Voraussetzungen der Islam mit den Werten etwa unseres Grundgesetzes und der Europäischen Verfassung vereinbar ist. Dafür ist ja einmal der Begriff des „Euro-Islam“ geprägt worden. Dazu heiße ich Sie herzlich willkommen.

Der Islam ist in Deutschland und Europa eine Realität. Das heißt: Es ist ein Thema und eine Entwicklung, mit der wir uns im Hinblick auf eine gemeinsame konstruktive Zukunft im eigenen Land und in Europa auseinandersetzen müssen. Die Diskussion um den Islam ist stark emotional, häufig auch von Ängsten geprägt; in erster Linie herrscht ein Bild des Islam vor, das die Medienlandschaft vermittelt. In der Realität gibt es natürlich eine Vielfalt von Ausdrucksformen des Islam: Zur Realität gehören die Terroristen, die ihre Taten mit dem Islam begründen. Realität sind auch die sehr schwierigen und nicht gelingenden Integrationsprozesse. Realität ist, dass es innerhalb des Islam sehr viel mehr Differenzierungen gibt als wohl die meisten von uns kennen. Insgesamt wissen wir sehr wenig über den Islam, vielleicht wissen aber auch viele Zuwanderer wenig von unserer Kultur, unseren Werten und den Bedingungen des Zusammenlebens in Deutschland. Häufig ist es nur ein Nebeneinanderleben, nicht selten auch ein konfrontatives Nebeneinanderleben. Allerdings lebt die überwältigende Mehrheit der Muslime in Deutschland in keinem Konflikt mit unseren Gesetzen. Dass der Islam im Hinblick auf die demografische Entwicklung weiter von wachsender Bedeutung sein wird, kann man unschwer feststellen, etwa bei der Anzahl der Kinder, bei der Nationalität und der Prägung der Kinder, beim religiösen Hintergrund etwa in Kindergärten und Schulen. Deshalb wollen wir uns fragen: Unter welchen Voraussetzungen ist denn - wenn überhaupt - ein gutes Zusammenleben möglich? Ist es möglich, als gläubige Muslime gleichzeitig die Werte der Europäischen Verfassung zu akzeptieren? Für uns geht es letztlich um zentrale Werte, um die Trennung von Religion und Politik und Staat, um die Menschenrechte, um den religiösen und kulturellen Pluralismus, um grundlegende Prägungen einer offenen Gesellschaft. Lassen sich religiöser Wahrheitsanspruch des Islam und unser pluralistisches, säkularisiertes und auf dem Boden der Verfassung verankertes Gemeinwesen zusammen denken und nicht nur denken, sondern auch leben? Nun ist im Sinne des Dialogs der Religionen in den letzten Monaten eine Entwicklung eingetreten, die man vor einem guten Jahr oder vor zwei Jahren noch für unmöglich gehalten hätte. Die christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle, eine Arbeitsstelle der deutschen Bischofskonferenz, schreibt auf ihrer Website, ich zitiere: „2008, das ist auch das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs“. Europa gilt als Testlabor, inwieweit sich eine Religion wie der Islam mit der Lebensweise in einer aufgeklärten westlichen Gesellschaft vereinbaren lässt. Im Vatikan investiert man im Moment hinter den Kulissen viel Energie in das Gespräch mit dem Islam. Nach dem Stillstand der Gespräche im Zusammenhang mit der Regensburger Rede des Papstes 2005, hat der Brief islamischer Gelehrter an christliche Kirchenführer im Herbst 2007 eine unerwartete Dynamik in das Gespräch zwischen Christentum und Islam gebracht. Der saudische König, Hüter der heiligen Stätten des Islam, besuchte den Papst; im Jahr 2008 soll eine Delegation der Islamgelehrten im Vatikan mit Papst Benedikt sprechen mit der Rückendeckung durch den saudischen König, wie die Medien kolportieren. So viel Bewegung war selten im Gespräch der Religionen. In der eben zitierten Fundstelle ist auch von der Charta der Werte die Rede, die die Muslime in Europa unterzeichnet haben. Erstmals haben vierhundert sunnitische Islamverbände aus ganz Europa eine gemeinsame Erklärung verabschiedet. Darin fordert die Föderation der islamischen Organisationen in Europa eine positive Integration des Islam in die europäische Gesellschaft; insgesamt sind sechsundzwanzig Punkte aufgeführt, die jetzt hier darzustellen natürlich nicht der Ort ist. Der Islamfachmann Pater Hans Vöcking sagt dazu, ich zitiere: „Sie sagen etwa, dass die Muslime eine andere Religionsausübung haben, ein anderes Ethikverständnis etwa und darüber sind sie dann auch bereit, mit den Politikern oder mit den Verantwortlichen der Zivilgesellschaft zu reden. Das ist ein Dialogangebot und das sollte man auf jeden Fall aufgreifen. Im Dialog kann man dann auch feststellen, was denn wirklich mit den verschiedenen Begriffen gemeint ist, die in dem Text gebraucht werden.“

Unsere heutige Veranstaltung soll zunächst für uns selbst eine Möglichkeit sein, uns zu informieren aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie soll auch gleichzeitig ein Signal sein für die Notwendigkeit, das Gespräch zu suchen mit Muslimen, die ihrerseits mit uns einen gemeinsamen Weg gehen wollen auf der Basis unseres Grundgesetzes und unserer Werte. Klar ist, dass wir nicht unsere eigenen Werte, unsere eigene Identität in Frage stellen, um ins Gespräch zu kommen. Aber wir werden dabei auch unterscheiden müssen zwischen der Notwendigkeit der Integration ohne den Anspruch, die eigene Identität und Kultur aufzugeben, also ohne den Anspruch auf Assimilation. Wie das gestaltet werden kann, ist Neuland. Ich habe Herrn Wolfgang Günter Lerch, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gebeten, das einführende Referat zu halten, weil ich in vielen Artikeln festgestellt habe, dass Herr Lerch schon über dreißig Jahre die Entwicklung in diesen Regionen und auch im Islam verfolgt und regelmäßig darüber publiziert hat. Diese Sachkenntnis und diese Differenzierung, ja auch die kritischen Analysen waren mir besonders wertvoll für meine eigene Information und Meinungsbildung. Herr Lerch, ich danke Ihnen sehr, dass Sie zugesagt haben und diese Einführung geben werden. Herzlich willkommen!

Herr Lerch studierte Germanistik, Philosophie, Islamkunde und Religionswissenschaften an den Universitäten Freiburg und Tübingen. Es folgten Studienreisen in den Orient, insbesondere in die Türkei, in den Iran, Irak und nach Syrien. Er hat zahlreiche Werke veröffentlicht, unter anderem auch Bücher wie „Mohammeds Erben“ und „Der Islam in der Moderne“, „Aspekt einer Weltreligion“ und viele Artikel zu diesem Thema.

Einführungsreferat
Wolfgang Günter Lerch 

Meine Damen und Herrn, in der ständig intensiver, auch hitziger werdenden Diskussion über den Islam in Deutschland, über Integration und Parallelgesellschaften, über Islamkonferenz und weithin sichtbare Moscheebauten fällt immer häufiger der Begriff „Euro-Islam“. Er kam zu Beginn der neunziger Jahre auf, als in den Diskussionen über den Islamismus mehr und mehr auch nach der Stellung der Muslime in Europa gefragt wurde; seit den Terroranschlägen des „11. September“ wird nicht nur viel mehr über den Islam gesprochen und geschrieben, sondern auch und gerade über die Möglichkeit eines Euro-Islams. Im Zusammenhang mit der von Innenminister Schäuble etablierten Islam-Konferenz wird ein Euro-Islam als Ziel des Diskurses und der gesellschaftlichen Entwicklung von Politikern wie Publizisten immer häufiger anvisiert. Euro-Muslime, nebenbei bemerkt, gibt es schon lange. Zu ihnen konnte man z. B. den vor einiger Zeit verstorbenen Smail Balic zählen, einen Bosnier, der sich lebenslang darum bemühte, die Lehren seiner Religion „europäisch“ zu vermitteln. In Osterreich, also mitten in Europa, ist der Islam schon seit 1912 anerkannte Religionsgemeinschaft. Seit Jahrhunderten gibt es auf europäischem Boden, nämlich auf dem Balkan, den Islam, neu hingegen ist die islamische Diaspora in fast allen Ländern West- und Mitteleuropas.

Aber was soll das eigentlich sein, ein Euro-Islam?

Wir werden heute Abend diese Frage gewiss nicht erschöpfend beantworten können. Ich möchte nur einige Linien zeichnen und einige Punkte herausgreifen, die die ganze Komplexität des Themas zum Ausdruck bringen.

Der Euro-Islam, über den nachgedacht wird, soll mit dem europäischen Lebensstil kompatibel sein. Das klingt gut und ist natürlich auch richtig. Doch was ist der europäische Lebensstil? Ist nicht schon ein einheitlicher Lebensstil in Deutschland mittlerweile schwer zu beschreiben? Von einem weitgehend bürgerlich-homogenen Lebensstil konnte man vielleicht vor 1968 noch sprechen; die deutsche Gesellschaft hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten allerdings in einer Weise ausdifferenziert, die zuvor kaum vorstellbar gewesen ist. So gehören etwa zum Lebensstil traditioneller Muslime bei uns (und ich rede nicht von Fundamentalisten) noch immer wertkonservative Denk- und Verhaltensmuster, die auch beim Durchschnitt der deutschen Bevölkerung, zum Beispiel in der Adenauer-Zeit, allgemein üblich waren, bei uns heute jedoch, im Zeitalter der Singles, rückläufig sind. Ich denke etwa an die Auffassung von der Familie, an Vorstellungen von der Ehe, an die aus heutiger Sicht für die allermeisten nicht mehr akzeptablen Regeln einer unbefragten Autorität oder des Gehorsams. Bundesbürger, die sich über die konservative Beharrlichkeit vieler bei uns lebender Muslime in diesen Dingen beklagen, vergessen oft, dass es noch gar nicht allzu lange her ist, dass man in diesem Land in vielen Fragen ähnlich dachte und sich auch ähnlich verhielt wie heute die Muslime.

Gegenüber früheren Jahrzehnten hat sich zudem die Stellung des Religiösen und noch mehr die der kirchlich-konfessionellen Bindungen in unserer Gesellschaft gelockert, wenn nicht sogar erdrutschartig verändert. Wer die mittlerweile auch bei uns manchmal auftretenden Streitereien zwischen Sunniten und Schiiten befremdlich findet, möge sich an jene Zeiten erinnern, da noch so genannte „Mischehen“ zwischen Protestanten und Katholiken regelmäßig zu familiären Zerwürfnissen führen konnten.

Falls sich ein fest konturierter Euro-Islam in der Zukunft in unserer Gesellschaft entwickeln sollte, und ich bin s e h r dafür, dass das geschieht, wird auch der Faktor Zeit zu Buche schlagen. Schon heute ist die Zahl der Muslime, die sich manchen Gewohnheiten unserer Gesellschaft angepasst haben, gar nicht so klein, wie man vielleicht denken mag. Und diese Muslime stellen auch, was das Zusammenleben, ja die Integration angeht, das geringste Problempotenzial dar. In Deutschland leben mehrere hunderttausend türkische Aleviten, die im Allgemeinen keine großen Schwierigkeiten mit europäischen Anforderungen haben. Der jüngste Protest gegen eine Fernsehsendung war da eher die Ausnahme; er führte dazu, dass viele zum ersten Mal überhaupt etwas über die Anwesenheit von Aleviten in unserem Lande erfuhren.

Andererseits wird Euro-Islam nicht heißen, dass die Muslime in allem und jedem vollkommen pflegeleicht werden. Auch Christen ecken ja gelegentlich an in dieser Gesellschaft; und das ist auch gut so. Traditionelle Religionen und säkulare Moderne stehen nun einmal in einem Spannungsverhältnis, das nicht leicht aufzulösen ist, über das diskutiert werden muss. Das Christentum hat es da leichter, weil die moderne säkulare Lebenswelt mit ihren unterschiedlichen, teilweise ganz antagonistischen Lebensstilen und Weltentwürfen in ihm selbst, in seinem Glaubens- und Denkumfeld entstanden ist, übrigens in einem Prozess, der Jahrhunderte dauerte und sich oft genug auch gegen Religion und Kirche durchsetzen musste.

Gerade bei der jüngeren Generation von Muslimen in Deutschland lässt sich nun beobachten, dass neben dem allmählichen Abschleifen traditioneller religiöser Denk- und Verhaltensmuster auch das Gegenteil eingetreten ist: die Rückbesinnung auf den Islam bis hin zu islamistischen Tendenzen bei manchen. Stichwort: In Deutschland wie in anderen europäischen Ländern sieht man das Kopftuch heutzutage viel häufiger als früher. Ich lasse diese Feststellung jetzt einmal so stehen und frage nicht danach, wie freiwillig oder unfreiwillig das Kopftuch im Einzelfall getragen wird.

Wer einen Euro-Islam als feste Größe will, muss dafür sorgen, dass unabhängig vom Lebensstil, Muslime theoretisch wie praktisch mit den Grundwerten vertraut werden, die den Pluralismus der Lebensstile erst möglich machen; und die Muslime müssen dahin kommen, diese Grundwerte, wie sie das Grundgesetz in abstrakter Weise formuliert, mit dem Islam positiv in Verbindung zu bringen, seine Lehren, so weit es geht, damit zu versöhnen. Als wichtigste Grundwerte sind neben der Meinungs- und Redefreiheit in diesem Zusammenhang zu nennen: das Recht, in individueller Entscheidung sein Leben selbst zu gestalten, die positive wie negative Religionsfreiheit sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Diese Punkte berühren zahlreiche Denk- und Verhaltensweisen, die im klassischen Islam, so wie er in vielen Jahrhunderten geworden ist, modernen Prinzipien teilweise scharf widersprechen. Die Herausbildung eines Euro-Islam muss aber gerade darauf beharren, dass diesen Prinzipien von allen Rechnung getragen wird - mag ihre sonstige Glaubensüberzeugung aussehen wie auch immer. Der liberale, pluralistische Rechtsstaat kann bei seinen grundsätzlichen Vorstellungen von Menschenwürde und Menschenrechten sowie bei den damit verknüpften Rechtsvorstellungen keine Ausnahmen oder Abstriche zulassen, sie gelten für alle. Die Muslime, so war in der Vergangenheit verschiedentlich zu hören, müssten in Deutschland als Minderheit so etwas wie „Schutzbefohlene“ werden. Doch dieses paternalistische, aus der Zeit religiös begründeter Reiche und Monarchien stammende Denken passt nicht zur Moderne. Muslime haben als Bürger die gleichen Rechte und Pflichten wie Nichtmuslime und genießen denselben Schutz wie jeder andere auch, nicht mehr und nicht weniger. Übrigens: Im Osmanischen Reich konnten die religiösen Minderheiten als „Schutzbefohlene“ zwar ihre Angelegenheiten in eigener Regie regeln, doch mussten sie natürlich die islamische (Rechts)-Ordnung anerkennen, die ihnen das ermöglichte und die ihnen andererseits auch mancherlei Restriktionen auferlegte.

Die Schwierigkeit besteht nun darin, dass der Islam als einheitliches Phänomen schwer zu fassen ist. Im Laufe der Jahrhunderte war er immer derselbe und dennoch immer auch in Bewegung, in Anpassung begriffen. Die Anpassung an die westliche Moderne ist jedoch ein viel schmerzhafterer Prozess als frühere Anpassungen an eine vergleichsweise geringfügig gewandelte Wirklichkeit. Der Islam ist ja nicht nur eine Sammlung von Glaubenswahrheiten und rituellen Akten, sondern eine Kultur, in der Religion und Alltagswirklichkeit, fußend auf koranischer Lehre und gesetzesförmiger Bestimmung, wie das Corpus der Scharia sie überliefert, eng miteinander verflochten sind. Die islamischen Rechtsgelehrten sind Sakraljuristen. Unsere Vorstellung von Recht, Staat und Politik geht nun vom schlichten Gegenteil aus, von der Entflechtung der sakralen und profanen Sphären.

Welche Wege gibt es aus dieser Zwickmühle?

Zunächst gilt es zu beschreiben, was der eigentliche spirituelle und orthopraktische Kern des Islams ist und wie er sich, andererseits, als gewachsene Religion und Kultur darstellt. Der Prophet Muhammad selbst hat den Kern des Glaubens in einer bekannten Formulierung zusammengefasst. „Der Islam ist auf fünf (Elementen) aufgebaut: dem Glaubensbekenntnis, dem Gemeinschaftsgebet, dem Almosengeben, der Pilgerfahrt und dem Fasten im Monat Ramadan“. Diese fünf Elemente gelten den Muslimen als die „Pfeiler des Islam“ (arkan al islam), auf denen der Glaube gewissermaßen ruht, auf die er sich stützt. Jedes einzelne dieser Elemente und auch alle fünf zusammen passen zu jeder erdenklichen Staatsform, von der Monarchie bis zur Republik, und sie passen auch zu einem weltlichen Staatswesen, dessen Verfasstheit weder der individuellen Glaubensüberzeugung noch dem Ritus der Muslime zuwiderläuft. Bestünde der Islam einzig aus diesem Kern, so wären unsere Schwierigkeiten miteinander weitaus geringer, als sie sich heute darbieten. Manche offiziellen Repräsentanten des Islams bei uns stellen heute darauf ab.

Im Koran, in der Überlieferung des Hadith, vor allem jedoch in der Scharia hat sich der Islam freilich ein umfassendes Regelwerk von Ansichten, Bestimmungen, Praktiken und Verhaltensweisen gegeben, das nach allgemeiner Auffassung zwar angepasst, flexibel interpretiert, jedoch nicht im geforderten Sinne verändert oder einfach abrogiert werden kann. Der Koran enthält nicht Gottes Wort, wie man es formuliert hat, sondern er i s t es; und die aus dem Koran und dem Hadith abgeleitete Scharia ist Gottesgesetz. Hier nun liegt die Schwierigkeit. Muslime, die den Glauben verinnerlicht haben oder die dem Sufismus, der Mystik, nahestehen, tun sich mit der Anpassung an oder gar Einfügung in fremde Gesellschaften nicht besonders schwer; die Mehrheit der Muslime empfindet allerdings die Scharia als eine religiös begründete umfassende Lebensordnung, die gleichzeitig der Hauptbestandteil auch ihrer Kultur ist. Sie drastisch verändern zu sollen, wird von vielen als Zumutung, von einigen gar als westliches Komplott empfunden.

So nimmt es nicht wunder, dass im dar al-islam selbst, das heißt in all jenen Regionen, in denen der Islam die Mehrheitsreligion und -kultur ist, heute nur wenige Ansätze zu einer wirklichen Veränderung zu beobachten sind. Dort wogt vielmehr ein erbitterter Kampf zwischen islamistischen und mehr oder weniger traditionalistischen bis moderaten, teilweise auch liberal und säkular gesinnten Kräften, der noch nicht entschieden ist. Die Lage ist überall unterschiedlich, doch ist es wohl so, dass die islamistischen Kräfte in fast allen Ländern an Terrain gewonnen haben, vor allem auch an Lautstärke. Entschlossene Reformer, die noch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Konjunktur hatten, tun sich dort schwer, oder sie leben in Europa im Exil, um ihre Ideen soweit es geht ungestört entfalten zu können. Einige wurden von Fanatikern ermordet, andere wurden oder werden zumindest bedroht. Die Einflussmöglichkeiten unsererseits auf die Entwicklung in diesen Ländern sind äußerst begrenzt - abgesehen einmal von der Frage, ob es überhaupt legitim ist, von außen, wie zuletzt im Irak, einen solchen Einfluss auszuüben. Das Irak-Abenteuer der Amerikaner hat leider auch viele Muslime hei uns in ihrem Misstrauen gegenüber westlichem politischem Denken bestärkt.

Einen Euro-Islam zu fordern, folgt freilich ganz anderen Voraussetzungen, denn unsere Länder gehören ja nicht der mehrheitlich islamischen Hemisphäre, dem dar al-islam, an, sie sind vielmehr Diaspora für die Muslime. Da wirkt es schon als erhebliches Hindernis, dass das klassische Scharia-Recht die Welt in das dar al-islam und das dar al-harb, die Hemisphäre des Krieges, aufteilt, auch wenn dies die Mehrzahl der Muslime bei uns zunächst nicht so empfinden mag. Aber zum Verständnis eines Euro-Islams, der anders sein soll, seiner Grundlage zumal, gehört dieser Komplex.

Auf die Frage nach den Chancen für einen Euro-Islam bekommt man häufig sehr einseitige, einander ausschließende Antworten: So gibt es Multikulturalisten, für die schon die Frage im Grunde falsch gestellt und damit überflüssig ist. Der Islam sei eine abrahamitische Religion, die Unterschiede zum Christentum weitaus geringer als die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen, mit gutem Willen und besserer Kenntnis lösten sich viele Konflikte bald in Wohlgefallen auf. Gegensätze würden im Übrigen künstlich herbeigeredet - aus welchen Motiven auch immer. In dieser sich als besonders integrationsfreundlich verstehenden Argumentation wird oft übersehen, dass vielleicht weniger das Christentum als vielmehr die weltliche Gesellschaft an sich mit ihrem Hang zum Agnostizismus das Problem ist. Von Euro-Muslimen, die sich als authentische Gläubige verstehen, muss akzeptiert werden, dass es auch ungläubige Menschen gibt, die mit Religion gar nichts anfangen können, deshalb aber nicht diskriminiert werden dürfen - bis hinein in die eigenen muslimischen Familien.

Das andere Extrem bilden jene, die generell in Abrede stellen, dass sich der Islam, auch in Europa, im Sinne eines Euro-Islam verändern lasse. Die Scharia sei eben Gottesgesetz, wer daran festhalte, könne nicht gleichzeitig Gesetzen gehorchen, die (nur) von Menschen gemacht würden - also scheinbar willkürlich. Mittlerweile bekennen sich sogar etliche Muslime, die in Europa ihrem Glauben entsagt haben, zu dieser Auffassung. Sie sind Agnostiker geworden oder haben sich, wie der aus Pakistan stammende Dissident Ibn Warraq, für den Atheismus entschieden.

Ich neige zu einer vermittelnden Meinung, die stark voluntaristisch ist. Bestimmte Dinge muss man einfach w o l l e n . Zwar kann man nicht alles erreichen, was man will, aber wenn man gar nichts will, geschieht auch nichts. Wenn wir einen Euro-Islam wollen, müssen wir etwas dafür tun. Die Zahl der Dialogveranstaltungen ist zwar Legion, und die Kirchen setzen sich mit dem Islam und den Muslimen auseinander, der politische Dialog ist von Minister Schäuble zumindest ein Stück weit institutionalisiert worden; doch steckt das alles noch im Anfangsstadium. In den vergangenen Jahren ist, wie ich glaube, immerhin größerer Realismus in diese Dialogveranstaltungen eingezogen. In Münster und Frankfurt gibt es bereits Lehrstühle für muslimische Reformtheologie, die sich an der europäischen Moderne ausrichtet, ohne die eigene Tradition verleugnen zu wollen. Das kann und muss man ausbauen. Auch die Zahl derjenigen Muslime, die über einen Euro-Islam nachdenken - wenn auch mit unterschiedlichen Ansätzen, Methoden und Zielen - , ist so gering nicht. Ich erinnere an bekannte Namen aus jüngster Zeit wie Tariq Ramadan, Abdelwahab Meddeb, Nasr Hamid Abu Zaid, Navid Kermani und viele andere. Sie beschäftigen sich vor allem mit der Frage, wie man Bewegung in die Koranauslegung und in die Scharia hineinbringen kann.

Man muss dazu wissen, dass der Diskurs der heutigen Islamisten von einer Starrheit in dieser Frage ist, die der klassische Islam so gar nicht gekannt hat. Für den größten Theologen des Islam, al-Ghazali (gest. 1111), war grundsätzlich jede Meinung diskutabel, damit auch erlaubt, solange man nicht behauptete, der Prophet sage bewusst die Unwahrheit.

Es kann bei der Diskussion über einen Euro-Islam nicht darum gehen, einer raschen und künstlichen Säkularisierung des Glaubens das Wort zu reden, sondern allenfalls - theoretisch und durch das praktische Beispiel - skeptische Muslime davon zu überzeugen, dass eine Gesellschaft, die dem Säkularismus folgt, die folglich Religion und Politik nicht vermengt oder gar in eins setzt, in der Regel befriedeter lebt als ihr Gegenteil, eine Gesellschaft, in der alles und jedes, über das man diskutiert, immer auch eine Frage des „rechten Glaubens“ oder der „Ketzerei“ ist. Man kann auf längere Sicht zudem darauf setzen, dass die säkularisierte Umwelt Deutschlands durch ihren Alltag eine gewisse Wirkung ausübt, zumindest auf einen großen Teil der Muslime. Das theoretische Konzept des Laizismus und Säkularismus leidet unter Muslimen daran, dass der arabische Terminus für laizistisch oder auch säkularistisch bis heute „la-dini“ heißt. Das kann man wörtlich mit „irreligiös“, also glaubenslos übersetzen. Dies schreckt ab, weil es den falschen Eindruck vermittelt, eine weltlich verfasste Gesellschaft sei auch automatisch glaubenslos. Aber der Begriff bedeutet für Muslime ein Hindernis.

Grob gesprochen kann man auf zwei Wegen an eine veränderte Auslegung des islamischen Glaubens, vor allem seines Selbstverständnisses, herangehen, zwei Methoden, die sich berühren und ergänzen. Die erste ist jener frühislamische Rationalismus der Mutaziliten, der im Abbasidenreich sogar eine zeitlang die Oberhand hatte und davon ausging, der Koran sei, obzwar das Wort Gottes, doch in der Zeit entstanden und müsse auch gemäß der Dimension des Zeitlichen ausgelegt werden. Die Mutaziliten waren zudem Verfechter des freien Willens des Menschen, um der Ethik überhaupt eine Substanz zu verleihen und auch, um die Gerechtigkeit Gottes, die der Koran lehrt, zu untermauern. Zu diesem freien Willen aber gehörte untrennbar der rationale Diskurs. Leider unterlag das Mutazilitentum, wie andere rationalistische Stränge der islamischen Theologie, den Bemühungen der wortgläubigen Orthodoxie; doch gibt es nicht wenige Muslime, die heute wieder aus dem Denken der Mutaziliten Anregungen beziehen, auch im dar al-Islam selbst.

Die zweite Methode ist die Historisierung der Offenbarung und ihrer Ausgestaltung in der Geschichte. Einen Historismus kennt der Islam bis heute nicht, wohl aber das Fragen nach den Umständen der Entstehung bestimmter Koranverse oder auch Bestimmungen des Religionsgesetzes. An diesem Punkt setzen Reformtheologen, die so etwas wie einen Euro-Islam schaffen möchten, an. Sowohl die einzelnen Verse und Suren des Korans, ganz zu schweigen von Hadith und Scharia, sind, was ihre Entstehung betrifft, nachweislich an konkrete Situationen gebunden, so dass sie auf ihre heutige Relevanz zu überprüfen sind. Es geht, um es zusammenfassend auszudrücken, dabei um eine Historisierung der Offenbarung und um ein neues Verständnis des Glaubens, bei dem die Form in vielem verändert werden kann, die Substanz jedoch erhalten bleiben soll.

Ein Bindeglied zwischen dem Islam des kulturell-religiösen Kernraumes und einem Euro-Islam, zumal in Deutschland, wo die Türken die Mehrzahl der Muslime stellen, könnte die sogenannte Ankaraner Schule bilden. Ausgehend von den Studiengängen der Ilahiyat Fakültesi, an der seit 1954 Religionswissenschaft gelehrt wird, sind dort Theologen wie Ömer Özsoy (jetzt Frankfurt) und Mehmet Pacaci hervorgetreten, die massiv eine Historisierung der religiösen Quellen befürworten, um sie der Neuzeit anzupassen. Özsoy hat momentan eine Stiftungsprofessur in Frankfurt inne und arbeitet dort in diesem Sinne. In Münster ist es Muhammad Sven Kalisch, der neue Wege der Koranauslegung und der Interpretation der Tradition sucht. Dies wird auch unter den in der Bundesrepublik lebenden Muslimen nicht ohne Wirkung bleiben. Ermutigend ist auch zu bewerten, dass die gegenwärtig in der Türkei regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), deren führendes Personal wenigstens teilweise aus der islamistischen Bewegung Necmettin Erbakans kommt, einen Kurs der Moderation eingeschlagen hat. Von einem „Gottesstaat“ als Ziel, wie noch vor etlichen Jahren, wird dort schon lange nicht mehr gesprochen.

Ich will freilich nicht verhehlen, dass es bis hin zu einem deutlich konturierten Euro-Islam noch ein weiter Weg ist. Jedenfalls unter denjenigen Muslimen, die unter Islam mehr verstehen als die fünf Pfeiler. Das Verhalten des Propheten, aus einer ganz bestimmten Situation heraus geboren, kann in unserer Gesellschaft, in einem völlig anderen historischen, kulturellen und religiösen Kontext, nicht mehr automatisch Vorbild sein. Wichtig ist vor allem, dass es M u s l i m e sind, die sich um eine Neuinterpretation der koranischen Offenbarung bemühen, denn das Bestreben, Resultate und Gedanken westlicher, d. h. nicht-muslimischer Islamforscher als gültig anzuerkennen, ist unter den Muslimen nur gering entwickelt. Und es wird auch in Zukunft, wie überall, Fundamentalisten geben, Altgläubige, Puristen oder wie immer man sie nennen mag. Über den Bau von Moscheen kann und muss gesprochen werden, es ist letztlich aber wichtiger, was in den Moscheen gepredigt wird. Da gibt es für Euro-Muslime jede Menge zu tun.

Und noch ein Weiteres kommt hinzu: Die deutsche (westliche) Gesellschaft muss auch in der Lage sein, ihre eigenen Defizite deutlich zu benennen, wo diese vorhanden sind. Es gilt im Dialog insgesamt einen realistischen Weg einzuschlagen, der sich weder von Verharmlosungen noch von Islamophobie leiten lässt. Die Muslime, andererseits, haben über den Koran Zugang zu Gestalten der Bibel, die sich in ihren Augen etwas anders darstellen, als wir das gewohnt sind. Hier könnte die Diskussion über einen Euro-Islam, sozusagen als ein Nebenprodukt, sogar manchen erstorbenen Zweig der Bibelkritik wieder aufleben lassen.

Gesprächsrunde

Moderation: Landtagspräsident Alois Glück

Teilnehmer:
Wolfgang Günter Lerch (Redakteur der FAZ)
Dr. Albert Schmid (Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge)
Peter Schier (Berater in Fragen des interreligiösen Dialogs; ehem. Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung für Malaysia)

Präsident Alois Glück: Herr Lerch, herzlichen Dank für diese gut nachvollziehbare Einführung und Analyse, insbesondere auch für diejenigen, die sich noch nicht so intensiv mit dem Islam befasst haben. Dies ist ein guter Einstieg ins Gespräch.
Ich darf nun Herrn Dr. Albert Schmid, Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg, vorstellen. Herzlich willkommen wieder einmal im Bayerischen Landtag, nach zehn Jahren der Abgeordnetentätigkeit hier! Herr Dr. Schmid hat Rechtswissenschaften studiert und dann in der Politik ein breites Feld an Erfahrungen gesammelt: in der Kommunalpolitik als stellvertretender Bürgermeister in Regensburg, in der Bundespolitik als beamteter Staatssekretär im Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, in der Landespolitik als Abgeordneter zehn Jahre hier im Haus, unter anderem auch als geschäftsführender Fraktionsvorsitzender. Ich habe Herrn Dr. Schmid gebeten, hier mitzuwirken wegen seiner besonderen Erfahrungen im Zusammenhang mit der Islamkonferenz und natürlich auch, weil seine Behörde sich zwangsläufig mit Fragen der Migration und Integration auseinandersetzt. Herzlichen Dank, dass Sie kurzfristig eingesprungen sind!
Der weitere Gesprächspartner ist Herr Peter Schier. Herr Schier ist Berater in Fragen des interreligiösen Dialogs. Ich habe Herrn Schier kennen gelernt im Frühjahr 2007, als ich mit der Hanns-Seidel-Stiftung in Malaysia und Singapur war mit dem primären Ziel, den dortigen Islam kennen zu lernen. Herr Schier war zu der Zeit als Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung im Malaysia tätig. Er widmet sich in besonderer Weise dem interreligiösen Dialog. Herr Schier, herzlich willkommen und vielen Dank, dass Sie dabei sind!
Herr Dr. Schmid, wie erleben Sie denn jetzt in der Islamkonferenz die Wirklichkeit des Islam in Deutschland? Wie viel Einheit, wie viel Widerspruch gibt es untereinander? Was sind Ihre Eindrücke bei den organisierten Vertretern des Islam?

Dr. Albert Schmid: Deutschland sucht einen eigenen Weg des Gesprächs mit den Vertretern des Islam. Ob auf UN-Ebene oder auf europäischer Ebene - überall wird versucht, das Gespräch zu institutionalisieren. In Deutschland hat man sich zu einem unmittelbaren Gespräch zwischen dem deutschen Staat und Vertretern des Islam entschieden, das heißt, in der Runde sind Länder, Gemeinden und der Bund vertreten. Die Schwierigkeit besteht vor allem in der Zusammensetzung der islamischen Seite, da der Organisationsgrad im Islam vergleichsweise bescheiden ist. Die Vertreter von Organisationen sprechen von einem Organisationsgrad von 30, 40 %, wir gehen von einem Organisationsgrad von etwa 10 bis 15 % aus aufgrund der uns vorliegenden Informationen. Demgemäß haben wir diese Konferenz so zusammengesetzt, dass nur ein kleiner Teil die Organisationen vertritt, z.B. die Dachverbände wie den Islamrat, den Zentralrat der Muslime, den Verband der Kulturzentren und DITIB. Die Masse der Vertreter in der Konferenz sind Einzelpersönlichkeiten. Damit ist natürlich schon ein Stück Problem beschrieben: Wie wählt man solche Einzelpersönlichkeiten aus, nach welchen Gesichtspunkten? Das war nicht einfach, und Konflikte sind schon programmiert. Es sind sehr viele Einzelpersönlichkeiten, die eher dem Euro-Islam oder einer sehr säkularen Tendenz zuzurechnen sind und die sich dadurch in einem Konflikt befinden zu den organisierten Vertretern, die eher für die traditionellen, konservativen, orthodoxen Positionen stehen. Wir erleben also in erster Linie eine Spannung zwischen den muslimischen Repräsentanten und erst in zweiter Linie die Spannung im Verhältnis zum deutschen Staat.

Präsident Alois Glück: Spiegelt der Bereich der organisierten Vertreter eine relative Einheit in den Positionen wider?

Dr. Albert Schmid: Kaum; es gibt eine Gruppe der Aleviten, die ziemlich groß in der Bundesrepublik ist, die aber von den übrigen Vertretern nicht einmal als ein dem Islam zugehöriger Teil angesehen wird. Es gibt in den Organisationen eine Mehrheit, die eher die traditionalistischen Auffassungen vertritt, aber es gibt durchaus auch innerhalb der Organisationen, nicht zuletzt bei DITIB, der Religionsbehörde, die in Deutschland als eingetragener Verein organisiert ist, ein Stück weit größere Offenheit zum Gespräch.

Präsident Alois Glück: Vielleicht erklären Sie uns kurz die DITIB, die nur dem Fachpublikum ein Begriff ist.

Dr. Albert Schmid: DITIB ist sozusagen der deutsche Arm von DIYANET. DIYANET ist die Religionsbehörde in der Türkei, an deren Spitze eine starke Figur steht und die in Deutschland in Form eines eingetragenen Vereins organisiert ist, die intensiv in der Moschee Vereine betreut und die den Dienst der Imame hier in der Bundesrepublik mitorganisiert. Die Tendenzen in der türkischen Politik sind natürlich auch bei DITIB erkennbar. Ich möchte in diesem Zusammenhang die Fragestellung des Euro-Islam mit einbeziehen. Dem deutschen Staat ist es natürlich verwehrt, aufgrund seines Verständnisses der Trennung von Kirche und Staat und Religion, irgendwelche voluntaristischen Erwartungen zu formulieren. Auf der anderen Seite lassen unsere Erwartungen, dem Wertekonsens unserer aufgeklärten Verfassung zuzustimmen, den Islam nicht unverändert.

Präsident Alois Glück: Was sind denn die schwierigsten Punkte in den Beratungen?

Dr. Albert Schmid: Wir erwarten in Deutschland von den Muslimen, die Grundrechte, die Grundwerte unserer Verfassung zu respektieren. Dabei reicht uns nicht eine verbale Zustimmung, irgendein Brevier, das man unterschreibt; es geht um die gelebte Akzeptanz. Es geht also um den erkennbaren Nachvollzug dessen, was unsere Verfassung ausmacht. Muslime halten uns wiederum entgegen, dass die Verfassung, jedenfalls die Grundrechte, sowohl die der Bayerischen Verfassung wie die des Grundgesetzes, den Bürger vor dem Eingriff des Staates schützen. Sie betreffen das Verhältnis Bürger – Staat und haben nicht eine unmittelbare Wirkung auf das Zusammenleben Bürger – Bürger, beispielsweise der Schutz der Familie. Mittelbar haben die Grundrechte natürlich eine prägende Wirkung, aber das erkennen zunächst die Muslime nicht an. Muslime sagen: Die Grundrechte, z.B. die Meinungsfreiheit, respektieren wir im Verhältnis zum Staat. Inwieweit das aber eine prägende Wirkung im zivilgesellschaftlichen Zusammenleben hat, das wollen wir geklärt haben. Das ist eine grundsätzliche Streitfrage, auch im Zusammenhang mit der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, das die Verfassung als eine Ausprägung unserer Wertordnung ansieht. Unser Grundgesetz ist nicht wertneutral. Darin drücken sich Werte aus, die natürlich auch eine gesellschaftsprägende Bedeutung haben. Damit tun sich Muslime als Angehörige einer Buchreligion sehr schwer. Sie hinterfragen die wertbildende Bedeutung im gesellschaftlichen Zusammenleben, fordern quasi eine schriftliche Vorlage. Diese Werte müssten also formalisiert und präsentiert werden. Darüber herrscht im Moment eine sehr ernsthafte Debatte und damit auch über die Fragen, die mit Europäisierung, mit Aufklärung, mit dem Verhältnis von Freiheit und Recht zu tun haben.

Präsident Alois Glück: Aber diese Werte haben ja vom Grundgesetz her ihre Ausformungen, etwa im Familienrecht.

Dr. Albert Schmid: Aus unserer Sicht geht es in Artikel 6 nicht nur um den Schutz der Familie gegenüber dem Staat, sondern es drückt sich selbstverständlich darin ein bestimmtes Verständnis von Familie und Ehe aus. Die Muslime verweisen auf aktuelle Entwicklungen, die von dem tradierten Familienbild abweichen, und uns selber damit in Widersprüche zu eigenen Positionen setzen. Dennoch: In dieser Diskussion liegt eine große Chance für beide Seiten. Von uns wird eine Selbstvergewisserung verlangt; wir müssen uns mit unseren Grundpositionen auf den Prüfstand gestellt fühlen, und gleichzeitig wird natürlich von den Muslimen mehr verlangt als eine bloß verbale Respektierung der Artikel und der Verfassung.

Präsident Alois Glück: Herr Schier, für die europäische Perspektive ist ja auch ganz wichtig, etwas davon zu wissen, wie der Islam in anderen Kulturen ausgeprägt ist. In
Asien gibt es Länder, in denen der Islam Staatsreligion ist; Malaysia ist eines dieser Länder. Wie erleben Sie und haben Sie den Islam in Asien und vielleicht dann modellhaft speziell in Malaysia erlebt?

Peter Schier: In Asien leben mehr Muslime als im Nahen Osten. Asien ist mittlerweile der Kontinent, auf dem der größte Anteil von Muslimen an der Bevölkerung lebt. Indonesien ist das größte islamische Land mit 190 Millionen Muslimen, die rund 85 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. Nichtsdestotrotz ist Indonesien ein äußerst divers zusammengesetztes Gemeinwesen, in dem Menschen vieler verschiedener Kulturen und Religionen leben. Der Islam ist dort in der Mehrheitsposition, aber durchaus tolerant im Vergleich zu der Situation in Malaysia. Was man allerdings seit einigen Jahren in beiden Ländern beobachten kann, ist ein verstärkter Einfluss radikaler islamischer Kräfte, der zum Teil auf den mangelnden Mut der Regierungen dort zurückzuführen ist, diesen radikalisierenden Tendenzen Einhalt zu gebieten. Grundsätzlich aber kann man sagen, dass die Vielfalt des Islam, wie er sich uns auch hier in Europa präsentiert, auch dort vorhanden ist. Wir haben auch dort in den muslimischen Gemeinden ganz unterschiedliche Gruppen: primär Sunniten, auch primär einer Rechtsschule, der Shafiiten, zugehörig; aber innerhalb der Sunniten selber findet sich durchaus ein breites Spektrum unterschiedlicher Ansichten: sehr konservative, sehr wertkonservative bis radikale Positionen, aber eben auch Reformkräfte. Herr Lerch hat es bereits erwähnt: Es gibt aufgeklärte Reformkräfte in der Tradition der großen islamischen Reformer Al Ghazali, Ibn Ruschd und anderen, die im Islam eine neue Reformbewegung starten wollen. Sie wollen eine Aufklärung im Islam bewirken. Der arabischsprachige Begriff „Islam Tanwirir“ ist von einem Partner der Konrad-Adenauer-Stiftung in Malaysia geprägt worden und bedeutet „aufgeklärter Islam“. Das ist ein sehr neuer Ansatz, der drei, vier Jahre alt ist; aber er rekurriert auf alten Ansätzen aus dem achten, neunten, zehnten Jahrhundert; d.h. man möchte die alte Tradition der Reformen, sozusagen die große Reformperiode oder Diskussionsperiode innerhalb des Islam wiederaufleben lassen. Das ist natürlich eine kleine Minderheit, aber es gibt sie und die Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt diese Gruppen auch.

Präsident Alois Glück: Aber die dominante Strömung ist doch gegenwärtig die Zunahme der fundamentalistischen Kräfte, wenn ich das recht in Erinnerung habe aus meinem Besuch und aus unseren Gesprächen. Vor zwanzig oder dreißig Jahren war auch für Muslime in Malaysia ein Religionswechsel kein unüberwindbares Problem. Man hat dies beim Notar dokumentiert, es ist in einer Anzeige kundgetan worden; mittlerweile unterliegt auch ein Religionswechsel den Schariagerichten. Der Einfluss der Radikalen hat in kurzer Zeit atemberaubend zugenommen - nicht nur in Malaysia. Diese dogmatische Interpretation des Islam hat es schon immer gegeben, aber warum hat jetzt diese Linie des Islam weltweit soviel Resonanz? Warum ist diese Entwicklung auch in Ländern zu beobachten, in denen die Menschen eine wirtschaftliche Entwicklung, moderne Technik, Freiheiten erlebt haben? Warum sind die Menschen plötzlich dort so empfänglich für diese dogmatischen Kräfte mit all den Elementen, die damit verbunden sind?

Peter Schier: Dieser Trend zur Radikalisierung setzt eigentlich mit dem Erfolg der islamischen Revolution im Iran ein; das ist sozusagen der Beginn. Der Erfolg der islamischen Revolution im Iran hat diesem Modell der Radikalisierung in der Wahrnehmung nicht weniger Muslime sozusagen Legitimation beschert. Ein weiterer Punkt ist, dass diese Gruppen relativ einfache Antworten auf komplizierte Fragen haben: Ansteigende Kriminalitätsrate? Natürlich, das Schariagesetz muss angewandet werden, Hand abhacken oder Todesstrafe! In allen Meinungsumfragen, die wir in Auftrag gegeben haben, ist ein großer Anteil der Befragten der Ansicht, dass beispielsweise die Anwendung der Scharia verschärft werden soll und das spiegelt eine Position eher der wertkonservativen bis islamistischen Kräfte wider.

Präsident Alois Glück: Wie verhalten sich dort die Religionen zueinander? Inwieweit ist der Islam zum Beispiel in Malaysia gesprächsfähig mit den anderen Religionen?

Peter Schier: Es kommt auf die Gruppen an. Die moderaten Kräfte sind zu Gesprächen bereit. Auch die Regierung hat anfangs, als es noch keine Opposition von Seiten radikaler Kräfte gab, diesen Dialog zugelassen. Wir haben ein recht intensives interreligiöses Dialogprogramm in Malaysia durchgeführt, auch sehr erfolgreich, aber an diesem Dialogprogramm nehmen islamistische Kräfte eher selten teil. Eine wichtige Erfahrung haben wir gemacht: Wenn wir primär theologische Diskussionen ausklammern und uns auf gemeinsame Anliegen konzentrieren, beispielsweise auf Fragen des Umweltschutzes oder auf die Frage der Korruptionsbekämpfung, dann ist es uns tatsächlich auch gelungen, islamistische Kräfte und sehr konservative islamische Kräfte mit an einen Tisch zu bekommen.

Dr. Albert Schmid: Wir haben seit einigen Monaten eine sehr aussagekräftige Untersuchung von Professor Wetzels aus Hamburg vorliegen, der die religiöse Ausrichtung untersucht hat; er kommt zu folgenden Zahlen: Es gibt eine fundamentale Orientierung bei 40 % der Muslime, die in Deutschland leben, es gibt eine orthodox-religiöse Orientierung bei 21,7 %, bei 20 % eine konservative Orientierung, also abgeschwächt, und bei etwa 20 % gäbe es kaum eine oder nur eine geringe religiöse Orientierung. Er vergleicht das mit früheren Zahlen und beschreibt, dass die Prägekraft der Religion des Islam in der Bundesrepublik Deutschland zunimmt, insbesondere bei den Angehörigen der zweiten und dritten Generation im Alter von 16 bis 34 Jahren. Ich habe keinen Grund, diese Erkenntnisse zu bezweifeln. Worauf ist das zurückzuführen? Ich habe darauf keine probate Antwort, um das Ergebnis vorwegzunehmen, aber Annäherungsversuche können vielleicht folgende sein: Weltweit diskutiert man über die Prägekraft von Religion. In der Folge der Globalisierung wird sehr häufig die Frage nach Regionalisierung gestellt, nach Geborgenheit und auch nach der Schutzfunktion von Religion. Es hängt also mit den Folgen von Globalisierung zusammen. Es ist auch eine Frage des speziellen Migrantenstatus. Jemand, der in eine fremde Umgebung kommt, sucht dort mehr Geborgenheit, in dem was ihm nahe liegt. Das haben wir auch festgestellt bei Migranten aus der Bundesrepublik, aus Bayern, die z.B. vor 150 Jahren ausgewandert sind. Sie haben dort Geborgenheit gesucht, die sie sonst nicht vorgefunden hätten; also es ist durchaus migrantentypisch. Bei den Jüngeren hängt es wohl auch – darum haben wir das vergleichbare Phänomen so nicht in den Vereinigten Staaten – mit den Zukunftsaussichten insbesondere der jungen Generation zusammen, der 17, 18, 19-jährigen, mit den fehlenden Bildungsabschlüssen, mit den Schwierigkeiten des Zugangs zur Gesellschaft. Das ist ein ganz großes Problem. Wenn man amerikanische Untersuchungen anschaut, unterscheidet sich der muslimische Bevölkerungsanteil unter sozialen Gesichtspunkten in nichts von der Bevölkerung im Übrigen; er entspricht den sozialen Standards der amerikanischen Bevölkerung.

Wolfgang Günter Lerch: Der Begriff der „Identität“ ist zwar abgedroschen, aber ich glaube, dass der Islamismus ein sehr starkes Problem der Identität ist. Wer sind wir, die Muslime, wer sind wir als Islam? Die allermeisten muslimischen Denker gehen heute davon aus, dass die jüngste Entwicklung das Jahr 1967 als Stichdatum hat. Im Jahre 1967 hat die arabische Welt, die ja zum größten Teil muslimisch ist, eine Niederlage gegen Israel erlitten, die nicht nur damals als Trauma, als schweres Trauma gewirkt hat, sondern die bis heute bei manchen traumatisch nachwirkt. Dieses historische Ereignis wird heute von den meisten als ein Versagen des Nationalismus angesehen. Bis dahin waren die tragenden Kräfte in den arabischen Staaten, aber auch anderswo, sehr stark vom Nationalismus, vom arabischen Nationalismus, der auch aus europäischen politischen Vorstellungen übernommen war, geprägt. Mit dieser traumatischen Niederlage im 6-Tage-Krieg erhielten die Leute wieder Zuspruch, die gesagt haben: Wir sind gottlos geworden, wir waren auf demselben Weg wie der Westen, den Staat zu vergötzen, und wir haben den Glauben vernachlässigt; wir müssen zurück zum Glauben. Mit dieser Reaktion kam dann auch die Devise auf: Der Islam ist die Lösung, nicht die westlichen Modelle, die der arabische Nationalismus durchprobiert hatte und die versagt haben. Unsere Identität ist nicht der Westen, ist nicht das Projekt des Nationalstaates, sondern wir müssen wieder zurück zum Glauben finden – eine Frage der Identität.

Das Problem des Materialismus spielt sicherlich auch eine Rolle. Einer der bis heute maßgeblichen Ideologen des Islamismus, der Ägypter Sayyid Qutb, der unter Nasser 1966 hingerichtet worden ist, war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ganz liberal gesinnt. Er bekam ein Stipendium für Amerika, ging dorthin und studierte dort. Er war zuerst auch ganz begeistert; je länger er allerdings in Amerika war, desto mehr wurde ihm bewusst, dass dies eine materialistische Gesellschaft ist. Es geht dort nur noch um Geld. Selbst die Religion, die Religiosität, die man als Ägypter und als Muslim in Amerika vorfindet, steht noch unter finanziellen Vorzeichen. Sayyid Qutb fühlte sich davon extrem abgestoßen und hat das nachher in seinen Schriften auch zum Ausdruck gebracht; sie wirken bis heute fort.

Ein drittes Element möchte ich noch anführen: Wir haben, glaube ich, bis heute in Europa oder überhaupt im Westen noch nicht zur Genüge begriffen, dass der Islam im Grunde genommen der authentischste Konkurrent ist, den wir haben. Er ist allerdings ein Konkurrent, der in den letzten Jahrhunderten uns gegenüber zurückgeblieben war. Das alles hat natürlich auch die Hindus und auch die Buddhisten betroffen, aber deren Religionen empfinden sich nicht so sehr als ein Mitbewerber mit unserer Offenbarungsreligion, der christlichen, wie die Muslime. In Indien lebt eine Milliarde Hindus. Es gibt zwar in Ostafrika, in Südafrika und anderswo auch kleine Hinduminderheiten, aber im Prinzip ist der Hindukontinent Indien. Die Predigt des Buddha war ein Aufruf an Menschen, seinem Pfad zum Heil, zur Leidensaufhebung zu folgen oder auch nicht. Wer das nicht tut, der tut es eben nicht, der leidet eben weiter. Die Juden stehen zwar in der Reihe der abrahamitischen Religionen, aber sie sind eine ganz exklusive Religion, in der es im Grunde keine Proselyten gibt, das heißt, die Juden bleiben unter sich. Es gibt hingegen zwei ganz auf den Universalismus angelegte Religionen, das Christentum und den Islam, die seit Jahrhunderten in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Der Islam war in den ersten Jahrhunderten – wir kennen das alle aus dem Mittelalter – in der Vorhand; er war kulturell sehr viel weiter entwickelt. Die Entwicklung kippte – umso mehr ist es für die Muslime aufgrund dieses Zurückbleibens in der Entwicklung der Zivilisation bis hin zur Globalisierung erst recht ein Identitätsproblem geworden.

Hinzu kommt das Selbstverständnis des Islam als in der Reihe der abrahamitischen Religionen letzte und damit auch letztgültige Offenbarung, die die beiden anderen Offenbarungsreligionen umfasst, im Grunde sogar abschließt.

Peter Schier: Daraus hat sich natürlich ein unglaubliches Trauma entwickelt, ja fast schon über Jahrhunderte hinweg. Auf der einen Seite die angeblich letztoffenbarte und vollkommenste Religion zu sein, auf der anderen Seite aber dem Westen in den letzten Jahrhunderten hoffnungslos unterlegen zu sein. Es haben sich nun unterschiedliche Rezepte innerhalb der muslimischen Gemeinschaften entwickelt, wie dem zu begegnen ist. Wir haben bereits über die Reformer auf der einen Seite gesprochen. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die die Rückkehr zu den originalen Texten fordern. Dieser Stillstand, den der Islam in den vergangenen acht Jahrhunderten erlebt hat, hat zu nichts geführt. Das Verbot der Interpretation, das Verbot der Diskussionen, der kritischen Diskussionen, hat ja der wirklich glorreichen Epoche der Erfindungen und der intellektuellen und kulturellen Entwicklung des Islam wirklich ein jähes Ende gesetzt. Insofern glaube ich, dass dieser Ansatz, den wir hier als „Euro-Islam“ benennen, tatsächlich einen Lösungsweg aufzeigt für die Muslime zu einem neuen zivilisatorischen Aufbruch. Ich glaube, darin liegt eine große Chance. Das Problem ist allerdings, dass diese Gruppe gegenwärtig noch in einer ganz kleinen Minderheit ist. Wir müssen diese Gruppen zwar unterstützen, aber es muss natürlich von den Muslimen selber kommen. Das können wir nicht leisten, wir können nur mit diesen Gruppen zusammenarbeiten und sie unterstützen. Saudi-Arabien hat den Wahabismus über Jahrzehnte mit Hunderten von Millionen Petro-Dollars in die muslimische Welt exportiert. In Saudi-Arabien scheint es jetzt zu einer vorsichtigen Götterdämmerung im Königshaus zu kommen, aber der Schaden ist einmal angerichtet. Was haben wir dieser Entwicklung in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten entgegengesetzt? Es war im Wesentlichen militärische Hardware, die zu nichts geführt hat. Stattdessen hätten wir uns mehr damit beschäftigen sollen, wie wir das Denken der Muslime in für alle Seiten positiver Weise beeinflussen können.

Wolfgang Günter Lerch: Mit einem Teil dieser Regimes sind wir bis heute eng befreundet, nicht wahr?

Peter Schier: Ja natürlich, das ist grauenvoll.

Wolfgang Günter Lerch: Das ist auch ein Punkt, der den Islamismus unterstützt hat. Viele Menschen, die in ihrem Land – z.B. Ägypten – Korruption und Clanwirtschaft ablehnen, haben kein Ventil bzw. keine Plattform, dies als Oppositionelle kund zu tun. Oppositionelle werden weitgehend nicht geduldet; das einzige, was als Mittel der Artikulation übrig bleibt, ist eben der Islam.

Peter Schier: Das ist ja im Grunde genommen die Tragik, dass sich viele muslimisch oder islamisch nennende Regimes überhaupt nicht nach den Werten des Islams selber richten. Das gibt es bei den Christen ja auch. Das fördert natürlich auch Opposition – von uns aus gesehen von der falschen Seite.

Präsident Alois Glück: Die Muslime dort erleben, dass wir aus unseren Interessenslagen heraus auch noch diese korrupten Systeme stützen, damit nichts Schlimmeres passiert.

Dr. Albert Schmid: Ich darf vielleicht kurz einen kleinen Hinweis geben, der gar nicht mit Theologie und mit Religion unmittelbar zu tun hat, aber mittelbar dann doch. Wenn wir unsere Geistesgeschichte in Zentraleuropa reflektieren, dann stellen wir auch fest, dass parallel oder hinführend zur Aufklärung eine Art von Wirtschaftsliberalismus um sich gegriffen hat. Bundesinnenminister Schäuble – inspiriert von dieser ideengeschichtlichen Erfahrung – drängt darauf, nicht nur mit den Verbänden und den Einzelpersönlichkeiten zu reden, sondern auch mit wichtigen Repräsentanten der Wirtschaft, sowohl mit solchen zum Beispiel aus der Türkei oder aus den arabischen Ländern als auch mit den hier erfolgreich integrierten Wirtschaftsvertretern, z.B. von kleineren und mittelständigen Unternehmen. Wenn man diesen wirtschaftlichen Hebel auch in der Kommunikation betätigt, erreicht man zwar nicht von heute auf morgen ein Stück weit Veränderung, aber es wird ein Prozess verstärkt und ein respektvoller Umgang in den verschiedensten Kanälen und Lebensbereichen in Gang gesetzt.

Präsident Alois Glück: Wir müssen die Runde jetzt leider abschließen. Ich versuche, einige Elemente noch einmal zu unterstreichen. Mehr Bildung als das wirksamste Mittel gegen Radikalisierung – diese These stimmt so nicht, denn eine ganze Reihe von Anführern radikaler Entwicklungen kommt gerade aus europäischen Universitäten, jedenfalls bedeutet mehr Bildung nicht automatisch eine Immunisierung gegen Radikalisierung. Wir haben es offensichtlich mit einer sehr komplizierten Gemengelage zu tun von ethnischen Problemen, sozialen Problemen, Unterlegenheitsgefühlen, aktuell häufig vermischt mit Anti-Amerikanismus, mit den aktuellen politischen Vorgängen. Im eigenen Land besteht eine Gemengelage aus einer Integrationsproblematik basierend auf sozialen Gründen auf der einen Seite und auf der anderen Seite aus religiösen Barrieren, sich auf und in diese Welt einzulassen. Diese Dinge, glaube ich, bedürfen einer weiteren Diskussion und Vertiefung.

Ich möchte Ihnen für diese Runde herzlich danken, Herr Lerch, Herr Dr. Schmid, Herr Schier.

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