Bayerischer Landtag

22.04.2004 - Dialog der Kulturen (1): „Von der geschlossenen zur offenen Gesellschaft – Situation und Perspektive“

Begrüßung und Einführung
Präsident Alois Glück

Der Landtag ist primär der Ort parlamentarischer Arbeit und damit in erster Linie auch des politischen Wettbewerbs. In diesem Wettbewerb gibt es auch den Dialog, aber die Tagespolitik ist stärker auf Diskussion nach außen gerichtet, auf die Wirkung nach außen und vor allen Dingen auch auf das Handeln. „Dialog im Landtag“ heißt nun eine Veranstaltungsreihe, die wir heute beginnen. Meine Vorstellung ist, dass wir dabei Themen unserer Zeit unter verschiedenen Blickwinkeln diskutieren, und zwar Themen, die von allgemeinem Interesse und von allgemeiner Natur sind. Unter dem Aspekt Dialog heißt das, eine eigene Position, aber ebenso die Bereitschaft zum Zuhören haben. Für dieses Jahr sind zwei Themenreihen vorgesehen. Im Herbst wollen wir einen „Dialog der Generationen“ durchführen. Bei diesem ganz zentralen Thema für unsere weitere Entwicklung soll der Frage nachgegangen werden, wie wir die Konsequenzen der demographischen Entwicklung in einem Miteinander der Generationen gestalten können - statt in einem aufbrechenden Gegeneinander. Die Veranstaltungsreihe soll so gestaltet sein, dass dabei die Generationen miteinander ins Gespräch kommen.

Beginnen wollen wir aber heute mit vier Veranstaltungen unter dem Leitbegriff „Dialog der Kulturen“. Sie werden sich vielleicht fragen: Warum diese Themenwahl? Bayern – das stellen wir in vielfältiger Weise fest - ist natürlich in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen keine Insel der Seligen. Bayern ist zwar ein Land mit einer besonders ausgeprägten Identität, es ist aber eben auch immer weniger eine geschlossene Gesellschaft mit weitgehend gleichen Wertvorstellungen und Positionen. Wer unser Land genauer betrachtet, wird feststellen, dass die Prägekraft von Religionen, von Traditionen nachlässt. Bayern ist eben auch ein Teil Deutschlands, und - das zeigen auch diverse Untersuchungen – auch wenn bei uns vieles etwas anders ist, so ist Bayern doch auch ganz erkennbar hineingestellt in innere Veränderungsprozesse in Deutschland, mit denen es sich auseinanderzusetzen gilt. Diese inneren Veränderungsprozesse ergeben sich aus vielfältigen Quellen, nicht nur als Folge der zunehmenden Internationalisierung unseres Lebens und der Globalisierung. Wir haben nicht nur eine Globalisierung der Märkte und der Waren, sondern wir registrieren auch eine Globalisierung von Kulturen, von Wertvorstellungen. Zunehmend ergibt sich oft daraus nicht nur eine Begegnung, sondern – leider Gottes – eine Konfrontation. Das ist sicher, so erscheint es mir jedenfalls, eines der großen Themen unserer Zeit. Aber es findet ja nicht nur außen, im weltweiten Geschehen statt, sondern es wird auch in unser eigenes Land herein getragen, einmal durch Menschen, die zu uns kommen, aber auch durch Menschen aus Bayern und Deutschland, die in der Welt dieser Entwicklung begegnen und vieles davon nach Hause zurückbringen. Deswegen ist das besondere Anliegen dieser Reihe, uns dafür den Blick zu öffnen und mit einer offenen Bestandsaufnahme und Diskussion zu beginnen: Welche Rolle, welchen Anspruch haben die christlichen Kirchen in einer offenen Gesellschaft heute und morgen? Nach außen ist Bayern noch für viele ein von christlichen Traditionen geprägtes Land. Wenn man aber den Alltag genauer beobachtet, dann erkennt man viele Veränderungsprozesse. Wir erleben sie auch an Vorgängen wie etwa dem Kruzifix-Urteil und an immer deutlicher werdenden Diskussionen. Wo ist in einer säkularen und pluralen Gesellschaft, in einem weltanschaulich neutralen Staat der Raum des Religiösen? Damit gilt es sich zu befassen. Dieser Thematik dient vor allen Dingen der zweite Abend.

Der dritte Abend ist dem Thema gewidmet: Rolle und Anspruch des Islam in Deutschland, der mittlerweile drittgrößten Religionsgemeinschaft in unserem Land. Ich glaube, wir spüren alle, dass das etwas ganz Zentrales ist: zunächst einmal, weil uns vieles fremd ist, auch weil es Entwicklungen gibt, die uns besorgt machen, die wir gleichwohl aber nicht generalisieren dürfen, sei es der Islam oder seien es die Muslime. Ich denke, das ist ganz wichtig.

Bei all diesen Abenden werden jeweils zwei Referentinnen oder Referenten das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Der letzte Abend schließlich stellt die Frage: Wie viele Gemeinsamkeiten brauchen ein Gemeinwesen und die Politik, damit man auch in einer offenen Gesellschaft - bei allem Respekt vor den Überzeugungen des Einzelnen - noch ein Gemeinwesen hat, das handlungsfähig ist?

Heute beginnen wir die Reihe mit einer Bestandsaufnahme, verbunden mit einer Beschreibung von Trends, von Perspektiven. Es handelt sich dabei um eine Auseinandersetzung mit den Stärken und Gefährdungen einer offenen Gesellschaft. Die offene Gesellschaft ist etwas sehr Wertvolles, das es zu verteidigen gilt, auch wenn da und dort Rufe laut werden in Richtung geschlossene Gesellschaft. Zum Teil wird auch in Auseinandersetzungen mit anderen Kulturen eine quasi „Wieder-Identität“ des Religiösen und des Staates gefordert. Lassen Sie mich dazu persönlich hinzufügen: Ich, der ich in einem Dorf aufgewachsen bin, betrachte die Situation, die sich in den letzten Jahrzehnten ergeben hat - dass man heute auch auf dem Dorf in aller Regel so leben kann, wie man leben möchte und nicht mehr der massiven Sozialkontrolle von früher unterworfen ist -, als einen beachtlichen humanen Fortschritt. Dabei lasse ich einmal außen vor, inwieweit diese Offenheit und Freiheit das Ergebnis von Gleichgültigkeit oder von echter Toleranz sind. Aber die offene Gesellschaft hat natürlich auch einige Nachteile, etwa den Verlust an Sicherheit und die Frage nach der eigenen Identität. Worauf sollten wir uns einstellen?

Dafür konnten wir einen Referenten gewinnen, der wie kaum ein anderer für diese Aufgabe besonders prädestiniert ist: Professor Dr. Ulrich Beck von der Ludwig-Maximilians-Universität hier in München. Verehrter Herr Professor Beck, ich begrüße Sie herzlich und ich danke Ihnen, dass Sie diese Aufgabe übernommen haben.

Was zu Ihrem bisherigen wissenschaftlichen Werdegang zu sagen ist, wäre abendfüllend. Insofern will ich nur ein paar wenige Stationen nennen, wie etwa Ihre Professur am Soziologischen Institut der Universität München, vorher in Bamberg; von ’95 bis ’97 waren Sie Mitglied der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen. In der öffentlichen Debatte sind Sie unter anderem bekannt geworden mit Ihren Forschungen, Positionen und Aussagen zu Veränderungen in der Arbeitswelt und den Strategien, die Sie hierfür für notwendig halten. Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist die Globalisierung sowie die Veränderung moderner Gesellschaften und die damit zusammenhängenden Folgen für die Menschen. Sie haben den Begriff der „Risikogesellschaft“ geprägt nach der Katastrophe von Tschernobyl, und dies ist ein wichtiges Thema bei den diversen Diskussionen geworden. So könnte man eine ganze Reihe von anderen Themen aus Ihrer Arbeit ansprechen. Seit Februar 1999 sind Sie Sprecher des DFG-Sonderforschungsbereiches „Reflexive Modernisierung“ an der Uni München. Professor Beck lehrt darüber hinaus an der London School of Economics and Political Science, in der Regel in einem zweimonatigen Block, und verfügt daher auch über viel internationale Erfahrung. Dies alles sind sicher gute Voraussetzungen, uns jetzt in eine Bestandsaufnahme einzuführen. Dazu bitte ich Sie nun.

Vortrag
Prof. Dr. Ulrich Beck
(Ordentlicher Professor, Institut für Soziologie – Ludwig-Maximilians-Universität München)

„Von der geschlossenen zur offenen Gesellschaft – Situation und Perspektive“

Wie prägend sind die christlichen Werte in unserer Gesellschaft noch?

Auf welche Entwicklungen und Auswirkungen sollte sich die Politik einstellen?

Guten Abend meine Damen und Herren! Ich darf Ihnen danken für die Einladung und für die freundliche Begrüßung. Es ist mir wirklich eine Freude, ja eine Ehre, heute vor Ihnen zu sprechen zu diesem Thema, auch als Erster in einer Reihe, die ich außerordentlich begrüße. Diese Gesellschaft, wie viele andere Gesellschaften, ist in Turbulenzen und bedürfte dringend des öffentlichen Diskurses, des Austausches darüber. Dass das hier im Landtag stattfindet, ist einfach prima. Die Frage meines Vortrages lautet: Was meint die „offene Gesellschaft“ - oder genauer -, was meint ein „weltoffenes“ Deutschland, ein „weltoffenes“ Bayern, was meint „Weltoffenheit“ am Beginn des 21. Jahrhunderts ganz allgemein? Diese Frage möchte ich in drei Schritten entfalten. Erstens möchte ich Ihr Verständnis für eine Besonderheit der neuen Weltlage wecken, nämlich für das, was ich die „globale Interdependenz“ nenne. In dem Maße, in dem die Themen der Klimakatastrophe, des transnationalen Terrorismus, aber auch der Globalisierung der Wirtschaft, Migrationsfragen und so weiter unseren Alltag bestimmen, wird klar, dass Grundvorstellungen und grundlegende Unterscheidungen, in denen wir bisher die Welt gedacht haben - innen und außen, national und international, global und lokal, wir und die anderen - nicht mehr funktionieren.

In einem zweiten Schritt möchte ich die Frage aufwerfen: Wer sind die Gewinner und Verlierer dieser globalen Interdependenz? Wie wirkt sich dies auf die Spannungen und Spaltungen, also die Konfliktlinien und -dynamiken innerhalb und zwischen nationalen Gesellschaften aus?

Schließlich möchte ich drittens fragen: Wenn es keine national abschließbaren Gesellschaften mehr gibt und wenn sich diese globale Interdependenz in neuen Spaltungen und Konflikten ausdrückt, was heißt das für die Selbstdefinition und für die Stellung der Deutschen in der Welt. Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Weltoffenheit und die Bewahrung der nationalen Differenz miteinander zu verbinden?

Also meine erste Frage: Was meint „globale Interdependenz“? Es war bekanntlich Karl Raimund Popper, der unter dem Eindruck von Faschismus und Kommunismus während des Zweiten Weltkrieges sein Buch schrieb: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Heute, fast 60 Jahre später, am Beginn des 21. Jahrhunderts müssen wir feststellen, dass die Ausgangslage sich komplett verändert hat. Wir leben in einer hoch interdependenten Welt, und das heißt zunächst: Es gibt keine geschlossenen Nationalgesellschaften mehr. Es gibt nur noch die Illusion der national abschließbaren Gesellschaft. Diese allerdings gewinnt in der realen Vermischung von innen und außen, von global und lokal immer mehr an politischer Bedeutung.
Die „Mir-san-mir-Gesellschaft“, die in der Illusion lebt, man brauche die Grenzen nur höher zu ziehen, um die alte Ordnung wiederherzustellen, ist gerade umgekehrt zu einer großen Illusion, ja zu einer Gefährdung dieser Gesellschaft geworden.

Was heißt „globale Interdependenz“? Ich möchte dies zunächst an einem Alltagsbeispiel verdeutlichen, dem so genannten „Herkunftsdialog“. Angenommen, Sie begegnen auf einer Party jemandem, der schwarz ist und perfekt bayerisch spricht, oder jemandem, der türkisch aussieht und ohne Akzent Deutsch spricht. Ich prognostiziere Ihnen, dass Sie nach kurzer Zeit das Drängen in sich spüren, ihm die Frage zu stellen: Wo kommen Sie her? Und dann beginnt der Herkunftsdialog, wie das die Soziologen nennen. Er läuft etwa folgendermaßen ab:

Wo kommen Sie her? – Aus München.

Nein, ich meine ursprünglich? – Ich bin in München geboren.

Aber Ihre Eltern? – Meine Mutter kommt aus München.

Aber Ihr Vater? – Mein Vater ist Türke.

Aha! Ist das ein türkischer Name? – Ja.

Woher aus der Türkei kommen Sie denn? – Ich komme nicht aus der Türkei.

Aber Ihre Eltern? Und so weiter und so fort.

Menschen mit fremd anmutendem Äußeren sehen sich immer wieder einem derartigen Kreuzverhör ausgesetzt. Darin drückt sich das territoriale Missverständnis der Identität aus. Nach diesem Weltbild hat jeder Mensch eine, seine Heimat. Diese kann er nicht wählen, sie ist im angeboren und folgt dem Entweder-Oder der Nationen und der in sie eingebauten Stereotypen. Trifft man etwa auf einen asiatisch aussehenden Menschen, der akzentfrei Deutsch spricht, gerät diese Sozialontologie in Turbulenzen, und er oder sie wird so lange mit Fragen „gegrillt“, bis das nationalstaatliche Bild der Einheit von Pass, Hautfarbe, Sprache und Herkunftsort wieder hergestellt erscheint. „Erscheint“, denn im wachsenden Durcheinander der globalisierten Lebensverhältnisse führt die Vorstellungswelt von in sich abgeschlossenen kulturellen Räumen zu einem tatsächlichen Wirklichkeitsverlust.

Ein Indikator für diese alltägliche Transnationalisierung bildet die Zunahme der binationalen Ehen in Deutschland. Inzwischen ist etwa jede sechste Ehe binational, und auch jedes siebte Kind wächst in Deutschland unter den Bedingungen dieser Mehrfachidentität und Mehrfachloyalität auf mit steigender Tendenz, wobei wir viele statistische Probleme haben, begriffliche Probleme, Inländer und Ausländer zu trennen um damit genau auch diese Fragen angemessen zu beantworten. Der Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, Rudi Völler, bringt dies auf den Punkt: „Ich bin Europäer, und ich bin Deutscher, der mit einer Römerin verheiratet ist und zwei Söhne hat, die Italiener sind.“

Diese falsche Sozialontologie des Herkunftsdialogs findet sich in anderer Weise in fast allen unseren Alltagsbeziehungen. Ich fordere Sie auf, einmal über sich selbst nachzudenken. Die Stoffe, die Sie kleiden, sind wahrscheinlich aus Kalkutta oder Singapur. Das Auto, das Sie fahren, ist aus Bestandteilen zusammengesetzt, die in den verschiedensten Winkeln der Erde hergestellt wurden. Vielleicht gehen Sie hin und wieder gern indisch essen – übrigens sind die so genannten indischen Gerichte in London erfunden worden und haben auf dem Weg ihrer Globalisierung dann schließlich auch die indischen Haushalte erreicht, sodass man heute, was früher nicht möglich war, sogar in Indien indisch essen kann. Nehmen Sie an, Sie trinken bei guter Gelegenheit gern einen guten Wein, und dieser stammt aus Frankreich oder Kalifornien. Dann lehnen Sie sich in Ihrem Sessel zurück, in dem skandinavische Baumstämme und in Indien gewobene altbayerische Stoffmotive eine, wie ich hoffe, bequeme Synthese eingegangen sind. Und jetzt kommt die eigentliche Pointe: Sie schauen wieder einmal ein unerfreuliches Fußballspiel von Bayern München an, in dem gerade ein farbiger Bayern-Spieler das eine wunderbare Tor schießt. Das ist vielleicht das beste Beispiel für das, was ich meine: ein durch und durch bayerischer Fußballclub, der durch und durch nicht-bayerisch, sondern multikulturell ist. Bayern ohne d i e Bayern ist undenkbar. Aber d i e Bayern sind verloren ohne ihre Starspieler mit verschiedenen Hautfarben, Sprachen und Pässen. Wir haben bereits ein multikulturelles Bayern, und zwar dort, wo Bayern am bayerischsten ist. Ohne diese Mulitkulturalität d e r Bayern ist Bayern gar nichts. – Das darf Ministerpräsident Stoiber natürlich nie erfahren!

Sie erkennen das auch aus Ihrem politischen Alltag. Was die bayerischen Bauern drückt, ja auf die Barrikaden treibt, die Frage der EU-Subvention, die Milchpreise, die BSE-Krise, aber auch die Fragen der Rentenreform, der Arbeitslosigkeit, der Universitätsreform und so weiter und so fort – überall sind innen und außen, national und international, lokal und global schier unauflösbar ineinander verwoben. Das ist es, was ich mit „Zweiter Moderne“ meine. Die Grundlagen und Koordinaten unserer nationalen Welt haben sich mit der radikalisierten Modernisierung aufgelöst, verschoben, verwoben. Eine der Konsequenzen ist: Man kann das Lokale nicht mehr lokal, das Nationale nicht mehr national verstehen. Wir benötigen einen kosmopolitischen Blick, um die vielen zugleich lokalen und globalen Fragen zu verstehen, die uns überall bedrängen und beschäftigen. Zu diesem Blick-, zu diesem Paradigmenwechsel ist eine große, kooperative Anstrengung der Sozial- und Geisteswissenschaften erforderlich, die genau diese Ambivalenz der Selbstrevision und Neudefinition der Moderne durchsichtig, kritisierbar, verstehbar, vielleicht sogar gestaltbar machen. Was heißt das? Dazu sechs Thesen:

Erstens. In unserer Vorstellung von moderner Gesellschaft verbanden sich Macht und Wissen mit der Vision einer zu errichtenden Weltordnung, die sozusagen mit einer Stimme sprach, nämlich mit der der westlichen Modernität und Rationalität. Diese träumte zwar nicht mehr den Traum der Aufklärung, aber den des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, mit zunehmender Sicherheit und Kontrolle, die mit einer Durchsetzung moderner Institutionen geschaffen wird. Die Vision und Mission die dem evolutionären Modernisierungsparadigma zugrunde lag, besagte: Das Antlitz der Welt wird mit weitergehender Modernisierung „westlich“, die Teilung zwischen „dem Westen“ und „dem Rest der Welt“ verschwindet.

In vielerlei Hinsicht ist das genaue Gegenteil eingetreten. Die Globalisierung der industriellen Formen hat die Arbeitsteilung und Gegensätze zwischen Zentrum und Peripherie aufgehoben. Beispielsweise in Südkorea, auf den Philippinen und auch in China sind hochindustrielle Inseln entstanden, die die Vorstellung getrennter Welten von Zentrum und Peripherie widerlegen. Überall ist der Fortschritt der Industrialisierung zu einer Re-Segmentierung der Welt umgeschlagen, wobei hoch

industrialisierte Zentren schnellen und dichten Wachstums neben produktiven Wüsten entstehen. Aber nicht nur „da draußen“ in Kalkutta oder Rio de Janeiro, sondern auch in Ostdeutschland, New York und London.

Zweitens. Auch die Gewalt, die nicht zuletzt dadurch veralltäglicht wird, ist aus den klaren Grenzen zwischen Krieg und Frieden, die selbst die Weltkriege des 20. Jahrhunderts noch kannten und befolgten, ausgebrochen und im strengen Sinne unkontrollierbar geworden. Dies hat kein Geringerer als Donald Rumsfeld eingestanden, der amerikanische Verteidigungsminister, als er sagte, dass die transnational operierenden Terrornetzwerke zu den „unknown unknowns“, zu dem nicht gewussten Nicht-Wissen gehören. Wir können sie nicht wirklich identifizieren. Das kommt einer Kapitulationsurkunde der größten Militärmacht gleich. Staaten, so übermächtig sie sein mögen, sind nicht mehr in der Lage, ihr Urversprechen, die Sicherheit ihrer Bürger zu garantieren, aufrechtzuerhalten. Zugleich verwandeln die allgegenwärtigen Weltprobleme die verschiedenen Hemisphären der Erde zu benachbarten Plätzen ein und desselben Ortes. Kurz: Einheit und Zerfall der Welt werden gleichermaßen erfahren und durchdringen die räumlichen, ethnischen, politischen und sozialen Distanzen und zerstören die Weltordnungshoffnung, die der Ersten Moderne zugrunde lag.

Drittens. War mit der Globalisierung der modernen Gesellschaft der Anspruch verbunden, Regime der Ordnung in einer sich vereinheitlichenden Welt zu schaffen, so tritt nach etwa anderthalb Jahrhunderten der expansiven Modernisierung das Gegenresultat immer deutlicher hervor: Legitimität und Herrschaft, die nach Max Weber in den Formen der Zurechenbarkeit, der Verantwortung und der Demokratie eine Einheit bilden, werden entkoppelt. Der Nationalstaat, in dem sich Legitimität und Herrschaft verbinden sollten, hat an Bedeutung verloren. Wir sind mit der Ausbreitung weitgehend anonymer, transnationaler Herrschaftspraktiken konfrontiert, die in internationalen Organisationen, Netzwerken und Bewegungen, im System der Banken und des Handels angesiedelt sind, die sich also den Formen der nationalstaatlichen Legitimierung von Herrschaft entziehen.

Viertens. Globale Mobilität hat dramatische Umkehrungen erfahren und herbeigeführt. Am Beginn des 20. Jahrhunderts stand eine massive Auswanderung von Europäern nach Amerika, Süd- und Nordamerika, aber auch in geringer Zahl nach Afrika, Asien und so weiter im Zentrum. Diese Ströme dienten letztlich der Aufrechterhaltung der Ordnung, beides im Sinne einer Ordnung schaffenden Expansion und der Aufrechterhaltung der Ordnung innerhalb Europas. Denn es war das Bevölkerungswachstum, das die europäische Ordnung gefährdete. Nicht nur hat sich die Bewegungsrichtung umgekehrt – die Armen der Welt strömen nach Europa, womit Europa zu einem Treffpunkt der Gegensätze der Welt geworden ist, die früher geographisch gegeneinander abgeschottet waren. Auch ist Europa durchgängig von einem Schwund seiner Bevölkerung und damit von einem Alterungsprozess gekennzeichnet, der nicht nur den wohlfahrtsstaatlichen Sicherungssystemen – Renten, Gesundheitsversorgung – die Grundlage entzieht, sondern auch den alten Kontinent im Vergleich mit der Konkurrenz aufstrebender, zahlenmäßig von Jungen dominierten Bevölkerungen und Ländern wirklich „alt“ aussehen lässt.

Fünftens. Im 20. Jahrhundert waren Staaten die Dompteure und Vermittler der Globalisierung. Es war gerade auch ihr Versprechen, die globalen Abhängigkeiten und Einbindungen in eine sich integrierende Welt zu managen, die die nationale Politik zur Blüte brachte. Heue sind dazu interessanterweise kleinere Staaten eher in der Lage als große, große wiederum eher in bestimmten Politikfeldern, nämlich Umwelt und Technologie, und in anderen dagegen nicht, Beispiele: Steuer und Sozialpolitik. Hier haben wir einen der wesentlichen Gründe für die so genannte Politikverdrossenheit.

Sechstens. Schließlich haben sich auch die Bedingungen für Kritik und Protest radikal verändert. Alle Gegenbewegungen gegen die Versuche, eine globale Integration herbeizuführen, haben sich unter der Hand in Konflikte verwandelt, unter denen die Bedingungen einer globalen Integration verhandelt werden. Es geht nicht länger darum, ob die Welt zusammengehört oder nicht, sondern darum, durch wen und wie die Normen festgelegt werden, die die Autonomie, Loyalität und Identität von Personen, Ländern und Staaten bestimmen. Überall bricht latent oder offen die Frage auf: Wie wird der Zusammenhang und Zusammenhalt in einer Welt multipler Modernen möglich?

Das sind die weltgeschichtlichen Veränderungen, die zu begreifen notwendig sind, um das Primat der globalen Interdependenz auch hier in Bayern zu verstehen. Lassen Sie mich das an einer Frage, die jetzt öffentlich viel diskutiert wird, illustrieren, nämlich der Frage der Auslagerung von Arbeitsplätzen. Die Informationstechnologie, die Westler in einem Café in London oder in einem schönen bayerischen Dorf arbeiten lässt, setzt sie auch der Konkurrenz von gut ausgebildeten billigen „Nicht-Westlern“ aus, die nur zu gerne bereit sind, dieselbe Tagesarbeit dafür zu leisten, was ein Westler in einer Stunde verdient. In den USA wie in Europa ist die Reaktion überwiegend nationalistisch und protektionistisch. Amerikanische Politiker klagen Indien an, „amerikanische Jobs zu stehlen“. Die Kategorien, in denen diese Prozesse gesehen und bewertet werden, entstammen dem methodologischen Nationalismus. Transnationale Unternehmen müssen die Arbeitsplätze gar nicht „off-shoring“, sprich: auslagern; vielmehr sind sie aufgrund der grenzübergreifenden Handlungsmöglichkeiten, die ihnen der Weltmarkt und die Informationstechnologie eröffnen, sehr wohl in der Lage, schlichtweg neue Jobs in Indien oder China zu schaffen. Und sie tun dies nicht etwa, weil sie „unpatriotisch“ handeln oder den Indern etwas Gutes tun wollen, sondern schlichtweg, weil sie der Marktlogik folgen. Aus demselben Grund ist der Terminus „jobless growth“ beides: dem nationalen Blick verhaftet und falsch, weil er den nationalen Kontext verabsolutiert und verkennt, dass die Schaffung von Jobs transnational erfolgt und auch transnational analysiert werden muss.

Letztlich jedoch ist diese Konsequenz zentral: Der ausgeschlossene, nicht-westliche Andere ist plötzlich allgegenwärtig, sogar mitten im Zentrum des nationalen Interesses westlicher Länder. Der Andere, gegen den das Zentrum Festungsmauern errichtet, kann nicht länger ausgeschlossen werden. Und dies ist auch dann wahr, wenn die EU zur selben Zeit ihre Mauern erhöht und ihre Gewehrmündungen auf Ausländer richtet.

Diese systematische Verwirrung von innen und außen unter Bedingungen von Globalität erzeugt Grenzen unterlaufende Abhängigkeiten, denen sich jede Sozialstrukturanalyse stellen muss. Die Konsequenz lautet: Es gibt keinen nationalstaatlich abschließbaren Arbeitsmarkt mehr. Konkreter: Es gibt keinen in sich geschlossenen deutschen Arbeitsmarkt mehr, aber auch keinen französischen, britischen, europäischen oder US-amerikanischen etc. Was es allerdings gibt, ist die Statistik des deutschen usw. Arbeitsmarktes, es gibt die Illusion, es gäbe einen kraft nationalstaatlichen Rechts und nationalstaatlich organisierter Gewalt abschließbaren Arbeitsmarkt.

Globale Interdependenz heißt beispielsweise: Geschichte, Gegenwart und Zukunft der nationalen Arbeitsmärkte müssen lokal-global, also in kosmopolitischer Perspektive, umgeschrieben werden, will man nicht ihre tatsächliche Wirksamkeit, ihre Kausalität und die Veränderungsdynamik verkennen. Nur so wird erkennbar, dass es ein Europa der fließenden Grenzen zu einer Überlagerung von „in-shoring“ – Anwerbung – und off-shoring – Auslagerung – kommt, aus der die neue Ungleichheitsdynamik hervorgeht.

In-shoring: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Millionen von ausländischen Arbeitskräften angeworben, wodurch Deutschland und Europa transnationalisiert, zum Weltort divergierender Kulturen wurden.

Mit der Wende ins 21. Jahrhundert überlagern sich diese Wellen der Anwerbung mit Wellen der Auslagerung. Diese Transnationalisierung erfasst zunächst die Massenarbeitsplätze mit geringeren Qualifikationsanforderungen, dann die höher qualifizierten, zum Beispiel im Bereich der Medizin. Das Ende ist noch nicht abzusehen.

Im Zuge dieser Bewegungen und Gegenbewegungen kommt es zu einer Umkehrung der Hierarchie von Zentrum und Peripherie. Das Zentrum ist nicht länger Zukunft und Vorbild der Peripherie. In den Ländern der ehemaligen Peripherie entstehen vielmehr die Bilder, die den Ländern des ehemaligen Zentrums ihre Zukunft vorspiegeln. Ehemalige „Entwicklungsländer“ werden zu Anbieterländern billiger hoch Qualifizierter, die in die nationalen Arbeitsmärkte des „Zentrums“ über Kontinente hinweg per Mausklick Dienstleistungen erbringen und so die nationalen Arbeitsmarktmonopole von „innen“ her aufbrechen. Ehemalige Anwerberländer – Italien und Spanien – wechseln in den Status von Einwanderungsländern. Auch die östlichen Länder der erweiterten EU steigen in den Status der attraktiven Einwanderungsländer auf.

Diese Grenzen übergreifenden und Grenzen verwischenden Bewegungen mischen sich mit neuen Wellen „translegaler“ Anwerbung: der Arbeitsmigration von Bauarbeitern und Putzhilfen, Bediensteten im Gaststättengewerbe, Pflegeberufen und so weiter. Oft, wie es vorsichtig im Englischen heißt: undocumented workers, die nicht über Aufenthalts- und Arbeitsrechte verfügen. Das ändert aber nichts daran, dass sie für diese Gesellschaft unverzichtbar sind. Die dominante Reaktion im Zentrum ist der Ruf nach ultimativer Sicherheit und einer illusionären Politik des Barrikadenbaus gegen die inneren anderen.

Das ist mit der globalen Interdependenz gemeint. Die Realität wird kosmopolitisch. Aber auf eine ganz und gar unkosmopolitische Art und Weise, auf eine Art, die kein kosmopolitischer Philosoph vorgedacht hat oder auch nur für möglich gehalten hat: ohne Öffentlichkeit, ohne Absicht, ohne Entscheidung, ohne politische Programmatik, durch die Hintertür der Nebenfolge, ungesehen und mehr oder weniger erzwungen. Diese latente Kosmopolitisierung der Welt ist keineswegs eine elitäre Option. Sie verwirklicht sich auch gegen den ausdrücklichen Willen der Mittelschichten und Mehrheiten in den reichen westlichen Ländern, stört oder zerstört die Monopole, auf denen sich ihr Wohlstand und ihre sozialen Sicherheiten gründen.

Ich komme zu meiner zweiten Frage: Wer sind die Gewinner, wer sind die Verlierer der globalen Interdependenz? Anders gefragt: Was heißt das für die Konfliktdynamik, für die Spannungen und Spaltungen innerhalb und zwischen nationalen Gesellschaften und damit auch in Deutschland und in Bayern? Meine These ist, dass diese Erfahrung der globalen Interdependenz nationale Gesellschaften in einer ganz bestimmten Weise spaltet, weil unterschiedliche Gruppen und Schichten dieser Gesellschaften von dieser globalen Interdependenz sehr unterschiedlich betroffen sind bzw. sehr unterschiedlich mit ihr zurecht kommen, und zwar je nachdem, ob sie sich als Gewinner oder Verlierer der Globalisierung dieser globalen Interdependenz sehen. Die zentrale Spannung- und Spaltungslinie verläuft, das ist jedenfalls meine Hypothese, zwischen den sich globalisierenden Eliten und den sich nationalisierenden Mittelschichten. Vor allem die wirtschaftlichen, aber auch Teile der politischen Eliten einschließlich der so genannten Anti-Globalisierungsbewegungen bekennen sich mehr und mehr zu einer Variante des Kosmopolitismus, während die von Unsicherheit und Abstieg bedrohten, territorial gebundenen Mittelschichten, Arbeitslosen und Exkludierten eine Art Wagenburg-Nationalismus schaffen, sich also mehr und mehr im nationalen Ghetto verbarrikadieren.

Die neuen Konfliktlinien verlaufen also nicht nur innerhalb nationaler Gesellschaften, sondern vor allen Dingen auch zwischen diesen. Wiederum werden die Verhältnisse von innen und außen, von national und international, von global und lokal ineinander verwoben und gegeneinander gewendet. Es handelt sich gerade nicht mehr um Konflikte innerhalb nationaler Wertegemeinschaften, oder jedenfalls nicht nur, sondern die Werte der nationalen Gesellschaft selbst stehen zur Disposition. Das Prinzip der Souveränität wird herausgefordert durch die globale Verflechtung von Menschenrechten und die Verfechtung von Menschenrechten. Nationale Solidarität kollidiert mit den Werten der globalen Wirtschaft, die die Welt als eine ökonomische Einheit begreift, in der die Regeln des „Konkurrenzvorteils“, der „Effizienz“, der „Maximierung von Gewinnen und der Minimierung von Kosten“ gelten. Diese ökonomischen Maximen rechtfertigen sich mit Blick auf den „Konsumenten“, der im Zweifelsfall ebenfalls kein nationaler Bürger ist, weil er primär an seine Geldbörse denken muss.

Man darf die Komplexität dieser neuen Konfliktlinien und Wertekonflikte nicht unterschätzen: Auf der einen Seite bilden sich transnationale Eliten heraus, die eher kosmopolitisch denken und handeln. Auf der anderen Seite grenzen sich große Teile der verunsicherten nationalen Bevölkerungen erstens von ihren eigenen Eliten und anderen Eliten aber zweitens auch gegeneinander ab, verrennen sich in Re-Nationalisierung und Re-Ethnisierung und mauern sich hinter den fiktiv werdenden Grenzen ein. Auch dieses Bild ist in jedem Fall zu einfach. Denn der Transnationalisierung der Eliten, der Transnationalisierung von oben entspricht eine Transnationalisierung von unten. Die ehemaligen „Gastarbeiter“, legale und illegale Arbeitsmigranten, Deutsch-Türken, Deutsch-Griechen, Deutsch-Spanier und so weiter, die hier wie dort leben, Mehrfach-Identitäten, Mehrfach-Zugehörigkeiten und Mehrfach-Loyalitäten erfahren und bejahen, nehmen gerade im europäischen Gesellschaftsraum zu. Das Ganze ist, wie ich gesagt habe, eine hypothetische Diagnose. Auch wir Soziologen sind nicht wirklich vorbereitet auf diese neuen Situationen und müssen uns selbst erst entsprechende Bezugsrahmen und auch Forschungspraktiken überlegen, wie wir sie erforschen können, um diese neuen Konfliktlinien darzustellen und zu durchleuchten. Aber so viel ist sicher: Sie können nur in einem Bruch mit dem vorherrschenden methodologischen Nationalismus begriffen und analysiert werden. Dazu ist ein „kosmopolitischer Blick“ erforderlich, in dem die neuen Grenzen übergreifenden Gemeinsamkeiten zwischen sich globalisierenden nationalen Eliten und transnationalen Migranten- und Diasporagemeinschaften einerseits in ihren Gegensätzen zu den nationalen Bevölkerungen andererseits überhaupt systematisch zueinander in Beziehung gesetzt werden können.

Was treibt diese Transnationalisierungen voran? Der zentrale Motor ist neben den neuen Kommunikations- und Informationstechnologien vor allem die sich globalisierende Wirtschaft. Es sind ja lange nicht mehr nur die so genannten transnationalen Konzerne, sondern auch mittelständische Betriebe und Unternehmen, die sich transnationalisieren müssen, um ökonomisch zu überleben. Es sind auf der anderen Seite aber auch Kriege, globale Risiken wie Klimakatastrophen und nicht zuletzt die neuartige Gefahr, die von Netzwerken anonym agierender, transnationaler Terroristen ausgeht. Alle diese Entwicklungen und Phänomene haben sehr vielfältige ambivalente Wirkungen, lassen es aber doch wahrscheinlich erscheinen, dass die Transnationalisierung, und zwar von oben wie von unten, zunimmt, während die territorial gebundenen Mittelschichten dagegen national mobil machen, um ihre nationalstaatliche Stellung und wohlfahrtsstaatlichen Sicherheiten zu verteidigen.

Verschärfen dürfte diese Konfliktlinie sich in einer Stadt-Land-Definition. Schon Adam Smith hatte Ende des 18. Jahrhunderts beobachtet, dass derjenige, der Land besitzt, natürlicherweise der Bürger eines bestimmten Landes ist, während der Aktienbesitzer eher ein Weltbürger ist, weil er an kein spezifisches Land gebunden ist. Die entscheidende Frage ist also und lautet, inwieweit die materielle und soziale Existenz und Stellung einer Gruppe territorial gebunden ist oder sich gerade deterritorial aus neuen Handlungsoptionen im transnationalen Raum ergibt.

Einiges spricht dafür, dass diese Konflikte zwischen Transnationalisierung und Re-Nationalisierung auch Spannungen zwischen Generationen, also zwischen Alt und Jung widerspiegeln und sich infolgedessen auch im Generationswechsel möglicherweise entschärft. Denn für Schüler der ersten Klassen in Grund- und Hauptschulen wird die bunt zusammengewürfelte Herkunft und Vielsprachigkeit ihrer Mitschüler inzwischen auch in Bayern mehr und mehr zu einer Selbstverständlichkeit. Dies gilt für die Kinder - oft dagegen gerade nicht für Lehrer und Eltern.

Was heißt unter diesen Bedingungen „Weltoffenheit“, was heißt „weltoffenes Deutschland“ oder, wenn Sie so wollen, „weltoffenes Bayern“? Ich komme also auf meine Ausgangsfrage abschließend zurück. Wenn es richtig ist, dass es ein abschließbares nationales Deutschland nicht mehr gibt – nur noch als Illusion -, und wenn es ferner richtig ist, dass dies zu neuartigen Wertkonflikten innerhalb und zwischen nationalen Gesellschaften führt, was heißt das für ein „weltoffenes Deutschland“? In welchem Sinne kann überhaupt von „Weltoffenheit“ die Rede sein? Ich möchte drei Alternativen unterscheiden:

Erstens. Die Deutschen umarmen die Welt. Sie öffnen die Grenzen für andere europäische und außereuropäische Kulturen und Bevölkerungen. Das wäre die kosmopolitische Alternative.

Zweitens kann Weltoffenheit heißen, Deutschland muss sich im Zusammenwirken mit Europa und den USA an der Schaffung einer transnationalen Weltordnung beteiligen, einer Weltordnung, in der die Menschenrechte für alle gelten und die laufenden Umweltzerstörungen gestoppt werden. Das wäre die imperialistische Alternative.

Drittens können die Deutschen versuchen, die Differenz ihrer Gesellschaft und Kultur gegenüber anderen nationalen Kulturen zu bewahren und zu betonen. Das wäre die nationale Alternative.

Die erste, die kosmopolitische Alternative, läuft auf das Bild einer weltoffenen Gesellschaft hinaus, im Sinne einer nationalen Gesellschaft mit offenen Grenzen, die subnationale, regionale, ethnische, religiöse Vielfalt bejaht. Kulturelle Diversität ist nichts Beängstigendes, sondern etwas Erstrebenswertes – ein Wert. Je mehr Kulturen in Deutschland nebeneinander wohnen, desto kulturell lebendiger und reicher ist Deutschland, ja desto deutscher ist Deutschland. In München leben inzwischen Menschen aus mehr als 180 Nationen, und es ist gerade diese lebendige Vielfalt, die das kosmopolitische Flair der Weltstadt mit Herz ausmacht. Es war in einer langen Folge klassischer Autoren die Goethe, Heine, Schiller, Herder, Nietzsche und viele andere umschließt, insbesondere Thomas Mann, der diese scheinbare Paradoxie eines undeutschen Deutschlands der vielen Kulturen und Traditionen, eines kosmopolitischen Deutschlands formuliert hat. Es gehört - schreibt Thomas Mann, ich zitiere: - „beinahe zur deutschen Humanität ..., sich undeutsch, und selbst antideutsch aufzuführen, dass eine den Nationalsinn zersetzende Neigung zum Kosmopolitischen nach maßgeblichem Urteil vom Wesen der deutschen Nationalität untrennbar ist; dass man seine Deutschheit möglicherweise verlieren muss, um sie zu finden; dass ohne einen Zusatz von Fremden vielleicht kein höheres Deutschtum möglich“ ist. Ende des Zitats.

In diesem kosmopolitischen Szenario identifiziert sich die Mittelschicht zunehmend mit der transnational agierenden Wirtschaft und der Bedeutung von Regeln und Normen, die von internationalen Akteuren und Institutionen ausgehandelt werden. Kurz – in dieser kosmopolitischen Alternative heißt Weltoffenheit: Die Welt verwandelt Deutschland.

In der zweiten, „imperialen“ Alternative, meint dagegen weltoffenes Deutschland: Die Deutschen verwandeln die Welt, oder vorsichtiger formuliert: beteiligen sich im Rahmen der Europäischen Union und im Schulterschluss mit den USA daran, die Werte der Demokratie und der Menschenrechte, der Marktfreiheit und des Umweltschutzes auch in anderen Weltregionen und Ländern zu verwirklichen. Das ist – wenn es gut geht – ein sanfter Imperialismus, ein Imperialismus der Demokratie, des Umweltschutzes, der Marktwirtschaft, der primär Hilfe zur Selbsthilfe leisten will. Aber es bleibt dennoch im neuen Sinne eine „imperiale“ Weltoffenheit, die aus einer globalen Verantwortung erwächst. Wie sehr ein in diesem Sinne weltoffenes Deutschland bereits Wirklichkeit ist, geht nicht zuletzt aus der Tatsache hervor, dass inzwischen fast 9000 deutsche Bundeswehrsoldaten in vielen Teilen der Welt im Einsatz sind, beispielsweise im Kosovo, in Afghanistan, am Horn von Afrika und so weiter. Schon die Frage: Wofür sterben deutsche Soldaten in Afghanistan?, kann nicht mehr in den üblichen Kategorien des nationalen Patriotismus beantwortet werden. Die Verlegenheitsformel, dass deutsche Sicherheitsinteressen am Hindukusch oder am Horn von Afrika verteidigt werden, verweist neben der verfassungsrechtlichen vor- und festgeschriebenen Verlegenheitsformel von „nationalen Sicherheitsinteressen“ wenigstens darauf, dass sich angesichts der globalen Risiken und Interdependenzen auf die Fragen der „deutschen Sicherheit“ entgrenzt haben.

Man kann dies auch am Beispiel des Streits um die EU-Mitgliedschaft der Türkei veranschaulichen. Diese ist angesichts der global und anonym agierenden Terrornetzwerke meines Erachtens zu einer Frage, ja Notwendigkeit der inneren Sicherheit in Deutschland und Europa geworden. Wer versucht, den globalen Terrorismus im eigenen Vorgarten, also innenpolitisch, mit einem verschärften Ausländerrecht, der Aufrüstung der Grenzkontrollen oder der Öffnung der nationalen Fahndungskarteien für den europäischen Austausch, zu bekämpfen, handelt wie derjenige, der die Jalousien vor den eigenen Fenstern herunterlässt, um in der Stadt frei vagabundierende Gewalt zu bekämpfen. Es gibt keine kleindeutsche Lösung, wenn es Terroristen darauf anlegen, immer und überall jeden zu treffen, jeden zu morden. Dann kann die Antwort nur lauten, das Außen zum Innen zu machen, was in diesem Falle heißt, die innere Sicherheit in Europa muss in einem Experiment der europäisch-muslimisch-demokratischen Türkei zurückgewonnen werden. Ein antitürkischer Selbstbehauptungskontinent Europa würde sich selbst isolieren und selbst gefährden.

Ich komme damit zur dritten Alternative. Viele, wahrscheinlich auch viele von Ihnen, handeln in dem Glauben: Die Alternative zum Kosmopolitismus und Imperialismus ist der Nationalismus. Ich hoffe, ich habe Ihnen wenigstens ansatzweise gezeigt: Der Rückzug ins nationale Schneckenhaus, der mit der Erfahrung der globalen Interdependenz immer verlockender wird, ist jedoch aus mindestens drei Gründen pure Illusion. Erstens verschwindet die Wirklichkeit der globalen Interdependenz nicht deswegen, weil man vor ihr die Augen verschließt. Zweitens bedürfen gerade die dringenden nationalen Probleme zu ihrer Lösung der globalen Kooperation. Anders gesagt: dauerhafte Kooperation zwischen Staaten verhindert nicht, sondern erhöht deren Handlungsfähigkeit. Paradox formuliert: Souveränitätsverzicht erweitert Souveränität. Das ist, nebenbei gesagt, das Erfolgsgeheimnis der Europäischen Union. Drittens gilt: Wer den untauglichen Versuch unternimmt, sich national abzuschotten, gefährdet die eigene Prosperität und demokratische Freiheit. Denn Reichtum und Wirtschaftswachstum, die Bewältigung der Arbeitslosigkeit und die Stabilität der Demokratie setzen Weltoffenheit voraus.

Doch gilt umgekehrt auch diese Paradoxie: Alle Versuche, das nationale Ghetto, die nationale Identität aufzuheben, haben das Gegenteil zur Folge. Sie produzieren und verstärken den Populismus des Nationalen. Meine abschließende These lautet daher: Die Alternative zum Kosmopolitismus und Imperialismus ist nicht Nationalismus, sondern kosmopolitischer Nationalismus. Und diese Verbindung von Patriotismus und Kosmopolitismus, von Nationalismus und Weltoffenheit ist die in Vergessenheit geratene, verdrängte Tradition in Deutschland, die mit den Namen, die unsere Straßen und Gymnasien tragen, verbunden ist: Schiller, Goethe, Herder, Nietzsche, Heine, Georg Simmel, natürlich vor allem Immanuel Kant. Auch diese Tradition ist in den Institutionen der viel gescholtenen Europäischen Union verkörpert, die ja das vollbracht hat, was den großen europäischen Geistern im 19. und in der ersten Hälfte des blutigen 20. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Weltkriege, der Genozide und des Holocaust völlig undenkbar erschien, nämlich das Wunder, wie aus Feinden Nachbarn werden.

Was das konkret heißt, kann beispielsweise an aktuellen Geschichtsbüchern in Europa über die nationale und europäische Geschichte studiert werden. Die nationalen Kriege und Revolutionen können nicht länger national, sondern müssen im sich neu öffnenden Erinnerungsraum Europa – die Bornierungen des methodologischen Nationalismus brechend – systematisch im Perspektivwechsel, das heißt in der Europäisierung der Perspektiven erforscht werden. Wie Susanne Popp zeigt, findet dies bereits in den aktuellen Geschichtsbüchern Europas statt. Diese bedienen sich eines gemeinsamen Kanons von etwa 15 historischen Bildern, Fotografien, Gemälden, Lithographien, die zweierlei zugleich ermöglichen: die Einübung eines gemeinsamen europäischen Geschichtsbildes, Geschichtsblicks. Dieser löst nicht nur den „Kampf um die Vergangenheit“ der Nationalgeschichtsschreibung auf. Zugleich wird die europäische Geschichte nicht zusätzlich, sondern integriert dargestellt in nationale und regionale Identitäten und Geschichten.

Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden schon bald alle europäischen Geschichtslehrer und Geschichtslehrerinnen von Finnland bis Griechenland und von Irland bis Weißrussland über einen gemeinsamen Fundus von ebenso populären wie historisch aussagekräftigen Bildquellen zur modernen europäischen Geschichte verfügen, der den ikonischen Kernbestand eines transnationalen historischen Bildgedächtnisses begründen könnte. Im Unterschied etwa zum europäischen Geschichtsbuch, das neben den nationalhistorischen Geschichtsbüchern steht und eine transnational-europäische Perspektive anstrebt, geht das neue Bildinventar aus den nationalen Schulbüchern selbst hervor. Gegründet auf ein Fundament nationaler Akzeptanz, lädt es ein, europäische Brücken zwischen den heterogenen regionalen und nationalen Geschichtskulturen zu schlagen.

In dieser Praxis spiegelt sich ein Stück weltoffenes, zugleich kosmopolitisches und nationales Deutschland, das seine nationale Identität nicht preisgibt und verliert, gleichsam „weg globalisiert“, wie viele befürchten, sondern sich für die Perspektive der anderen öffnet und damit reicher – im doppelten Sinne von kulturell und wirtschaftlich – und wirklichkeitsoffener, wirklichkeitstüchtiger wird. Ich mache mir und anderen das immer an einer Metapher klar: Es geht darum, beides, bayerische Wurzeln und kosmopolitische Flügel, zu haben und sich nicht etwa einzuigeln in einer „Mir-san-mir-Gesellschaft“, die die Stacheln gegen die kulturell anderen ausfährt. Daran zu erinnern, ist gerade heute notwendig, wo wieder einmal – wie Heinrich Heine spottete - den Deutschen die „Hühneraugen jücken“ – ich zitiere:

„Deine langen Fortschrittsbeine,

Heb’ sie auf zu neuem Lauf – (…)

Jener aber seufzt, und seine Hände ringend er versetzt:

Meine langen Fortschrittsbeine

Sind europamüde jetzt.

Meine Hühneraugen jücken,

Habe deutsche enge Schuh,

Und wo mich die Schuhe drücken,

Weiß ich wohl – lass mich in Ruh!“

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Auszüge aus der Diskussion

(Redigierte Abschrift eines Tonbandmitschnittes. Von den Rednern nicht autorisiert.)

Präsident Alois Glück: Herr Professor Beck, herzlichen Dank! Sie haben darauf aufmerksam gemacht, dass bei aller notwendigen Weltoffenheit auch eigene Identität gut ist. Identität ist zum Beispiel auch eine der großen Fragen im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt der Türkei, neben arbeitsmarktpolitischen Fragen und anderen. Inwieweit erwarten Sie für Bayern Spannungen, Konflikte, Konfliktlinien wegen unterschiedlicher Wertvorstellungen und kultureller Verschiedenheiten?

Prof. Dr. Ulrich Beck (Ludwig-Maximilians-Universität München): Vielen Dank für die Frage. Ich will sie ein bisschen auf mich selbst beziehen. Ich liebe Bayern. Ich bin einfach gerne in diesem Land. Ich habe das gewählt, und ich liebe auch die Tradition, ich liebe die Berge, ich liebe dieses München. Das alles ist Teil meiner Identität. Ich möchte das nicht missen. Insofern verstehe ich die Identitätsfrage sehr wohl. Es kann nicht darum gehen, die eigene Identität preiszugeben. Das kann nicht der Punkt sein. Ich glaube, dass die europäische Situation gerade eine Situation ist, die von dieser Vielfalt lebt. Die Globalisierung hat für viele zunächst mal die Funktion eines Schreckgespenstes. Man denkt, alle werden es bereuen, alle werden gleich gemacht, es wird sozusagen wie auf einem Flughafen sein, wo alles ähnlich ist. Alle Orte verlieren Identität, wir leben in einem Nirgendwo. Interessanterweise zeigen empirische Untersuchungen, dass diese Reaktion überall der Fall ist. Selbst in Amerika, wo man denkt, da müsste eigentlich die Globalisierung herkommen, fühlt man sich in seiner Identität durch Globalisierung bedroht. Ich habe versucht, in meinem Vortrag darzustellen, dass es darauf keine Patentantwort gibt, aber schon die Möglichkeit, die vielfältigen Unterschiede hervorzuheben, anstatt sie aufzuheben; dass mit der Hervorhebung dieser Vielfalt nicht notwendigerweise verbunden sein muss, das, was wir normalerweise unterstellen, nämlich die Abgrenzung gegen andere, sondern dass gerade das Zugehen auf die anderen, das Aufnehmen der anderen, sich selbst vom Standpunkt der anderen sehen, eigentlich ein wesentliches Merkmal dieser Identität sein könnte, sein müsste. Die Vorstellung von Deutsch-Türken, Deutsch-Griechen und Deutsch-Japanern geht uns nicht leicht über die Lippen, und das ist ja das Problem, das beispielsweise Türken in Deutschland empfinden, selbst wenn sie erfolgreich sind, wenn sie sich durchsetzen, wenn sie vielleicht alles das erfüllen, was wir von ihnen fordern - dann sind sie immer noch Türken. Wir versuchen irgendwann wieder herauszufinden, wie ich am Anfang des Herkunftsdialogs gesagt habe: Ihr seid die anderen, ihr gehört nicht dazu. Diese Vorstellung von Homogenität ist die eigentliche, wirkliche Gefahr in dem Selbstbild und in der Identität der Menschen, dass sie sich nicht wirklich öffnen können dafür, dass andere Identitäten sie bereichern und nicht gefährden. Ich glaube, dass wir gerade dafür in der deutschen Tradition sehr viele Wurzeln haben, um das besser zu verstehen.

Fragesteller: Ich möchte mit einer Frage an Ihre Ausführungen anschließen, die Sie vorher gemacht haben. Würden Sie mir zustimmen, dass die Entwicklung hin zu dem nationalistischen Klischee, das man sich von Deutschland macht, eigentlich eine Entwicklung des 19. Jahrhunderts ist? Denn wenn wir das Mittelalter oder die Frühe Neuzeit anschauen, lässt sich in diesen Epochen doch ein wesentlich höherer Grad an Internationalität bei den Eliten feststellen als im 19. und 20. Jahrhundert.

Prof. Dr. Ulrich Beck (Ludwig-Maximilians-Universität München): Ja, die Beobachtung ist richtig. In der Tat hatten wir im Nationalismus diese Homogenisierung geschafft; auch die Ideale der Homogenisierung, die Vielfalt, die Vernetzung waren zum Teil in der frühnationalen Phase sehr viel größer – sie hatte natürlich auch ihre Probleme, man sollte das nicht idealisieren. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Intellektuelle sich miteinander unterhalten haben, war möglicherweise bei Kant und Schiller und Goethe sehr viel größer, als es heute in Europa der Fall ist. Sie haben ganz Recht, das Interessante ist ja auch, dass der Kosmopolitismus, wenn man ihn zurückverfolgt als Idee, in der griechischen Philosophie geprägt wurde. Er geht also weit zurück, ist sozusagen mit dem Ursprung der europäischen Identität verbunden und meint eine Identität, die sich sowohl auf den Kosmos wie auf die Polis richtet. Kosmos meint, wir haben eine gemeinsame Identität, wir sind Gleiche, wir sind Angehörige einer Welt, und Polis heißt, wir sind zugleich verschieden in dem Sinne, dass wir unterschiedlichen Städten, unterschiedlichen Religionen, unterschiedlichen Ethnien angehören. Diese Vorstellung, gleich und doch verschieden zu sein, ist eine sehr weit zurückgehende europäische Tradition, die durch den Nationalismus im 18. und 19. Jahrhundert unterbrochen wurde und die – das finde ich auch sehr interessant – eben insbesondere in Deutschland einen solchen Reichtum hatte, den wir offenbar verdrängt haben und den wir jetzt, angesichts dieser Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, dringend wieder benötigen.

Fragesteller: Herr Professor Dr. Beck, die deutsche Tradition zu homogenisieren und auszusortieren, ist keine Frage der Nationalität oder keine Frage, die sich auf die Herkunft bezieht – Herr Präsident Glück hat ja vorher schon aufs Dorf hingewiesen auf die deutsche Kleinstadt, wo man auch gerne homogenisiert und aussortiert. Die Frage ist, wenn die Deutschen bei sich selber die Vielfalt schon nicht mehr aushalten, wie soll es ihnen dann bei anderen gelingen? Ich glaube nicht, dass sie darin keine Übung haben, weil sie die Fremden nicht tolerieren, sondern weil sie das andere schon bei sich selber nicht aushalten.

Prof. Dr. Ulrich Beck (Ludwig-Maximilians-Universität München): Ich meine den Selbsthass der Deutschen - die Störung der Deutschen, mit Deutschen umzugehen -, den kennen wir alle. Im Urlaub will man möglichst keinem Deutschen begegnen, sondern gerade dem anderen, und in der Tat haben wir eine gewisse Schwierigkeit im Umgang auch mit uns selbst. Ich finde auch die Forderung, dass wir die neuen Bundesländer als Tradition einfach angleichen, eine merkwürdige Vorstellung, die wiederum an diese Homogenität anknüpft. Warum soll es in Deutschland nicht verschiedene Erfahrungshintergründe geben, die man anerkennen muss, die einen eigenen Wert haben; nicht nur die Bayern, die erkennen wir ja sowieso an, sondern auch die Sachsen oder den Umgang mit dem Kommunismus als Erfahrungshintergrund, der uns in gewisser Weise auch bereichert, von dem man nicht abstrahieren muss. Sie haben Recht: Auch im inneren Verhältnis taucht ein ähnliches Problem auf.

Fragesteller: Das Konzept der kosmopolitischen Gesellschaft, das Sie dargestellt haben, erfordert letztlich eine Öffnung aller kulturellen Herkünfte und Identitäten für dieses Konzept. Welche Maßnahmen halten Sie für notwendig, dass in dem Bereich anderer kultureller Identitäten auch tatsächlich diese Bereitschaft zur Öffnung vorhanden ist, weil dies aus meiner Sicht eine echte Voraussetzung dafür ist, dass dieses System überhaupt funktionieren kann?

Prof. Dr. Ulrich Beck (Ludwig-Maximilians-Universität München): Ich finde, das ist eine sehr wichtige Frage, in der Tat. Es ist zum ersten Mal eindringlich geworden in einer Darstellung bei Karl Raimund Popper. Das ist jetzt ein ganz anderer Zusammenhang, aber trotzdem wichtig. Er sagt in seiner Biographie, er hätte sich eigentlich als kosmopolitischer Bürger gefühlt und wäre von den Nazis dann zum Juden gemacht worden. Also die anderen, die nicht mitspielen, zwingen einen dazu, in eine völlig andere Lage zu kommen. Das ist sicherlich etwas überzogen, aber dennoch muss es eine Wechselseitigkeit der Öffnung geben. Die Frage, wie diese Wechselseitigkeit hergestellt wird, ist nicht leicht. Wenn man das empirisch genauer betrachtet, dann ist es allerdings so, dass jeder denkt, die Wechselseitigkeit werde gerade von dem anderen gestört. Es ist immer der andere, der einen daran hindert, dass man sich selbst für den anderen öffnet. Und das geht permanent hin und her. Interessanterweise ist es aber so, dass ich schon glaube, dass etwa im Vergleich von Großbritannien und Deutschland die Fähigkeit, sich selbst auch vom Standpunkt der anderen aus zu sehen, unterschiedlich ausgeprägt ist, weil wir uns in demselben Maße bisher dieser Notwendigkeit nicht ausgesetzt sahen. Ich glaube, dass es gute Gründe dafür gibt, dass die Abgeschlossenheit, die Kriterien, die wir anlegen, damit die anderen sich an uns anpassen, den anderen in einer Weise vermittelt werden, so dass sie sich immer wieder ausgestoßen fühlen, sozusagen überhaupt nicht integriert werden. Die Vorstellung, dass Türken Interessen haben, die unseren ganz ähnlich sind – sie gehen z. B. in die Oper -, das passt nicht in unsere Stereotypie rein, also die Vorstellung, dass sich die anderen gerade nicht wie andere verhalten, sondern sehr viel ähnlicher wie wir leben, und dass die Grenzen, die wir ziehen, immer wieder die Grenzen unseres Weltbildes sind. Es gibt bei uns ein Bedürfnis, Integration zum Hauptkriterium zu machen, möglicherweise auch auf Assimilation zu drängen, während es realistischer ist zu sehen, dass wir bisher auch mit mehreren Identitäten leben und dass auch diejenigen, die wir als Fremde oder Ausländer oder andere empfinden, ebenfalls mit mehreren Identitäten leben und sich nicht nur an eine, die deutsche, anpassen.

Präsident Alois Glück: Jetzt muss ich auch eine Frage stellen: Haben Sie denn den Eindruck, dass zum Beispiel in England, das ja eine ganz andere internationale Geschichte und Erfahrung hat, die Integration und die Akzeptanz der anderen besser gelingt als bei uns?

Prof. Dr. Ulrich Beck (Ludwig-Maximilians-Universität München): Es ist in der Tat so, obwohl ich das nicht idealisieren möchte. Ich möchte ein Beispiel geben, das mich sehr beeindruckt hat. In Großbritannien ist ein Verbrechen passiert, wobei zwei Schwarze an einer Bushaltestelle überfallen wurden und einer von ihnen ermordet wurde. Der andere hat die Polizei gerufen, und die Polizei hat ihn festgenommen, gegen alle Beteuerungen, dass er nichts damit zu tun habe. Das war klarer Rassismus der Polizei. Ich will damit nur sagen: Rassismus findet überall statt, das ist keine Entschuldigung, aber er fand auch in Großbritannien statt. Der Fall hat sich dann durch alle Instanzen hingezogen. Es hat lange gedauert, bis dieser Rechtsfall umgedreht wurde und klar wurde, dass es tatsächlich institutionalisierter Rassismus in Großbritannien war. Aber dann gab es einige Jahre später in der Hauptsendezeit des britischen Fernsehens eine ausführliche Dokumentation über diesen Fall. Es gibt auch institutionalisierten Rassismus in anderen Ländern. Bei uns aber sind wir noch nicht mal in dem Stadium, wo wir das wirklich registrieren und öffentlich reflektieren.

Fragesteller: Herr Prof. Beck, ich will versuchen, aus ihrem spannenden Vortrag vielleicht auch Ableitungen für das politische Alltagsleben zu gewinnen. Keine Frage: Wer Ihre drei Alternativen betrachtet, die Sie am Schluss gestellt haben, würde – zumindest trifft das für mich zu – der kosmopolitischen Alternative sofort zuneigen. Auch deshalb, weil sie die wahrscheinlichste, die Erfolg versprechendste und die für unsere Jugend wahrscheinlich ertragreichste ist. Was mich aber umtreibt ist die Frage, was passiert mit den Menschen, die sich auf absehbare Zeit nicht in dieses kosmopolitische Gefüge einbringen können; die sich zwar herausgefordert, aber nicht in der Lage sehen, das, was alles von der kosmopolitischen, von der globalisierten Welt an sie an Erwartungen herangetragen wird, je erfüllen können – ob das staatliche Kompetenz ist, ob das kultureller Erfahrungshintergrund, ob das soziale Freiheit ist. Meine Frage an Sie wäre, ob das das Konzept ist, hinter das sich wirklich eine Gesellschaft als Ganzes stellen kann, und was wir in der Politik tun können, um diese Vorstellung – ja – fröhlicher zu gestalten, erstrebenswerter für alle und nicht, das befürchte ich auch als eine Gefahr, als eine Gefährdung, eine übertriebene Erwartung.

Prof. Dr. Ulrich Beck (Ludwig-Maximilians-Universität München): Ja, ich sehe das als eine sehr wichtige, eine sehr zentrale Frage an. Wir Soziologen sind ja keine Priester, keine Pfarrer, auch keine Politiker; wir müssen erst einmal die Diagnose liefern. Ich habe zu zeigen versucht, dass in der Tat enorme Gesellschaftskonflikte entstehen können und nicht ohne Weiteres eine einheitliche Gesellschaft, die sich daraus ergibt, vorausgesetzt werden kann Aber ich will trotzdem Ihre Frage aufgreifen. Der erste Punkt ist, dass wir häufig unterschätzen, wie sehr dieser Kosmopolitismus - vielleicht ist das ein zu großes Wort - eigentlich schon im Entstehen begriffen ist, und an welchen Orten er entsteht. Diejenigen, die mehr als eine Sprache, zwei Sprachen, drei Sprachen als existenzielle Voraussetzung zur Bewältigung ihres Lebens benötigen, sind ja nicht nur die hoch Qualifizierten oder die Global Manager; das sind ja auch die Migranten, das sind auch diejenigen, die eigentlich am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchie existieren. Ich will nicht sagen, dass sie Kosmopoliten sind in dem emphatischen Sinne, aber es öffnet sich dort ein Erfahrungsraum, in dem Menschen sehr schnell zwischen verschiedenen Sprachen hin- und herwechseln können, verschiedene Erfahrungsräume miteinander kombinieren können. Ich glaube, das gelingt ihnen zum Teil besser als der gut ausgebildeten Mittelschicht. Also, man muss erst einmal den Blick öffnen für ganz unterschiedliche Orte, an denen das möglich ist und nicht möglich ist. Ich glaube, dass in Europa eine besondere Chance darin liegt und auch eine besondere Notwendigkeit, Vielsprachigkeit zu pflegen. Ich meine aber auch, dass man natürlich auch seine Muttersprache und die eigene Kultur hoch schätzt. Es geht nicht darum, dass jetzt alle nur Englisch sprechen, sondern gerade die Muttersprache ist etwas Wichtiges, vielleicht auch der Dialekt. Hinzu kommt eine gemeinsame Sprache in Europa, wahrscheinlich Englisch. Dann käme noch sozusagen eine Adoptivsprache dazu, etwas, was man wirklich will, was man liebt, eine Kultur, in die man gerne hineinkommen will, in die man sich öffnet. Ich stelle mir vor, dass in einer kosmopolitischen Gesellschaft diese Vielfalt ganz selbstverständlich ist, sozusagen diese Polygamie der Lebensformen, die Polygamie der Essenskulturen, der Literaturen. Wenn Sie sich selbst befragen, habe ich den Eindruck, dass das häufig bei uns schon der Fall ist. Wir wollen diese Vielfalt ja gar nicht missen, in die wir integriert sind. Wenn es uns gelänge, durch Vielsprachigkeit auch die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich in die Situation anderer hineinzubegeben, zu einer selbstverständlichen Norm zu machen, und wenn es umgekehrt so wäre, dass diejenigen, die nur eine Sprache sprechen, vielleicht diejenigen sind, die in Schwierigkeiten geraten, dann könnte das ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Fragesteller: Ich hatte eigentlich gehofft, dass ich von Ihnen ein bisschen mehr über die Frage erfahre, was letztendlich für unsere Gemeinschaft, was für die Politik in dieser Gemeinschaft wichtig ist. Nach meiner Meinung definiert sich eine Gemeinschaft über Werte. Eine Gemeinschaft ist stark, wenn sie sich über Werte definiert. Die christlichen Werte haben letztendlich unser Abendland geprägt, haben auch die nationalistischen Gesellschaftsbilder geprägt. Aber ich meine, die offene Gesellschaft, die Sie uns jetzt vorgestellt haben, klingt rein theoretisch wunderbar, ausgezeichnet. Aber ich frage mich ganz pragmatisch, wie viel Offenheit kann sich denn eine solche Gemeinschaft leisten? Ich frage das deswegen: In den Volks- und Hauptschulen haben Sie in manchen Ballungsgebieten an die 40 bis 50, 60 % Türken und andere Ausländer. Eine enorme Schwierigkeit ist, diese Kinder zu integrieren, weil insbesondere in den Volksgruppen, die dem christlichen Menschenbild fernstehen, diese Integration von den Familien teilweise auch abgelehnt wird. Wir erleben diese Ghettobildung in anderen Bundesländern noch stärker als hier in München, aber auch hier - in Nürnberg haben wir ähnliche Tendenzen. 40 % dieser Ausländer schaffen keinen Schulabschluss. Unsere Arbeitslosen in Deutschland sind im Wesentlichen diejenigen, die keine Ausbildung, keinen Schulabschluss haben. Und da sehe ich eine Gefahr für unsere Demokratie. Eine Gesellschaft ist nicht beliebig integrationsfähig. Sie haben gesagt, unsere Gesellschaft leidet an einer Überintegration. Ich bin da anderer Meinung. Ich bin der Meinung, dass unsere Gesellschaft momentan die Integration der vielen Ausländer, die auch nicht nach einem definierten Einwanderungsmodus ins Land kommen, nicht bewältigt, dass diese Gesellschaft hier zunehmend auch Probleme haben wird. Wir müssen leider feststellen, dass im unteren Drittel der Gesellschaft der größte Teil nicht integrierbare Ausländer sind. Das heißt, wir brauchen auf diese ganz pragmatischen Fragen auch eine Antwort, nicht nur eine gesellschaftliche Antwort. Kann überhaupt eine Gesellschaft ohne gemeinsame Werte existieren, und wenn uns die christlichen Werte abhanden kommen, was kann die Politik leisten, um hier letztendlich eine Werteordnung zu definieren, die es auch schafft, diejenigen, die sich nicht von Haus aus dieser Werteordnung verpflichtet fühlen, zu integrieren? Die Antwort, die wir Bürger eigentlich von der Politik erwarten, ist, dass sie uns Problemlösungen anbietet für die gemeinsamen Werte einer Gesellschaft, für die Ethik einer Gesellschaft, ohne die eine Gemeinschaft letztendlich verloren ist.

Präsident Alois Glück: Diesem Thema werden wir insbesondere in der vierten Veranstaltung nachgehen, was Sie aber jetzt nicht einer Antwort enthebt.

Prof. Dr. Ulrich Beck (Ludwig-Maximilians-Universität München): Es ist zunächst ein Missverständnis und wahrscheinlich die Verkürzung meiner Darstellung, dass die Gesellschaft an Überintegration leidet. Ich meinte mehr die Maßstäbe, nicht die Realität. Wir haben zu starke Vorstellungen von dem, was Integration ist. Aber Sie haben völlig Recht, es sind enorme Probleme. Es gibt keine leichte Lösung. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Das ist nicht nur ein Problem in Deutschland, es ist überall ein Problem. Es ist nicht nur unser Problem, und der Umgang mit anderen ist etwas, was Spannungen erzeugt, was sozusagen unsere Vorstellung von dem, wie es richtig ist und wie es routiniert umgesetzt werden kann, in Frage stellt.

Ich möchte trotzdem Ihrer Darstellung einen Punkt entgegensetzen. Dahinter verbirgt sich auch einfach eine falsche statistische Wahrnehmung, wenn man sagt, ein Großteil der Ausländer seien diejenigen, die arbeitslos sind, seien diejenigen, die exkludiert werden und ähnliches mehr. Wir haben hier wiederum das Problem der Begriffe von Ausländern und Inländern. Es gibt einen grundlegenden Verzerrungseffekt. Alle diejenigen Ausländer, die es schaffen, werden einfach nicht mehr in der Ausländerstatistik erfasst. Gerade diejenigen, die integriert sind, die eine angemessene Biographie haben, nach unseren Vorstellungen von Integration, werden nicht mehr als solche erfasst, sodass sie genau das Problem statistisch erzeugen, über das wir dann wiederum klagen. Ich glaube nicht, dass das die Lösung ist, aber immerhin ist es ein wesentlicher Punkt, der Ihre Perspektive relativiert. Das ist überhaupt eine der Fragen, auf die ich hinweisen will. Es ist zunächst einmal das Geschäft des Soziologen, dass die Unterscheidung von Inländern und Ausländern, mit denen wir operieren, nicht mehr funktioniert, und dass wir eine Fülle von verschiedenen Zwischengraden von Inländern und Ausländern haben, die diese Kategorien unterbrechen. Das ist dann ein exemplarisches Beispiel, das ich in meinen Vorlesungen zur Eröffnung immer bringe: die statistische Darstellung der Ausländerkriminalität. Das ist weitgehend ein Kunstprodukt der Polizeistatistik, die nämlich in der Tat den Verdacht beispielsweise auf eine solche Tätigkeit schon mit der tatsächlichen Verurteilung gleichsetzt usw. Da geht eine Fülle von Annahmen ein, die dann immer diese Stereotype reproduziert. Das ist keine wirkliche Antwort auf Ihre Frage. Ich nehme Ihre Frage auch ernst in dem Sinne, dass es in der Tat Schwierigkeiten gibt. Aber diese Schwierigkeiten liegen nicht nur bei den Ausländern, mit denen wir zu tun haben, sondern auch in den Institutionen, die mit diesen Ausländern umgehen müssen. Wir brauchen beispielsweise andere Schulbücher, andere Lehrpläne. Es ist ja nicht die Vielfalt, die das Problem eigentlich darstellt, sondern die Art, wie wir die Vielfalt in unseren Bildungsplänen und Bildungsinstitutionen verarbeiten. Im Grunde genommen braucht Europa die Vielfalt. Die europäische Identität ist die Vielfalt. Wir müssen also unsere Institutionen auch damit zu öffnen versuchen. Ich bin sehr wohl mit diesem Problem auch konkret konfrontiert und habe umgekehrt auch die Freude, hin und wieder mit Lehrern zusammen zu sein, die sagen: Das ist einfach toll, mit so vielen unterschiedlichen Kindern umzugehen. Das bedeutet nicht etwa dauernd Belastung, sondern das bedeutet auch Freude. Wir haben zwar erhebliche Schwierigkeiten, aber das ist eine Bereicherung für uns. Mein Punkt ist nicht zu sagen, das ist alles leicht aufzulösen. Mein Punkt ist auch nicht, unrealistisch einen kosmopolitischen Idealismus zu teilen, wie Sie mir, das glaube ich, zum Teil unterstellen. Mir kommt es nur darauf an, welche Zielpunkte wir brauchen. Unser Zielpunkt kann nicht sein, zu sagen, wir bleiben bei unseren nationalorientierten Institutionen, die auf eine christliche Kultur setzen und die eine Dominanz bestimmter anderer kultureller Elemente voraussetzen, sondern wir müssen die Grenzen öffnen für diese Vielfalt. Denn nur ein Deutschland, das offen ist für Vielfalt, wird auch in der Lage sein, seine Prosperität zu sichern. Das ist eine soziologisch-ökonomische Grunderfahrung, über die leider bei uns viel zu wenig diskutiert wird. Die Länder mit Wirtschaftswachstum sind offen für kulturelle Vielfalt, sind sehr viel offener als wir. Gerade da liegt der entscheidende Punkt. Deswegen ist das die Zielsetzung, auf die es mir ankommt, die dann in der konkreten Beurteilung der Situation schon eine wichtige Rolle spielt.

Fragestellerin: Eine Frage richte ich an Sie, Herr. Glück. Ich möchte gerne wissen, wie unsere bayerische Regierung diese Leitkultur den Ausländern vermitteln will. Da hätte ich gerne eine Antwort von Ihnen.

Präsident Alois Glück: Ich spreche zwar nicht für die Regierung, aber - und da schlüpfe ich in meine frühere Rolle zurück als Fraktionsvorsitzender der CSU - wir haben 1999, nach einer Veranstaltung, bei der wir erstmals bei einer Fraktionsklausur einen Muslimen als Referenten hatten, diese Fragen der Integration, der Zuwanderung und der notwendigen Gemeinsamkeiten erörtert und dabei genau diesen Begriff der Leitkultur aufgegriffen. Und zwar Leitkultur im Sinne gemeinsamer Werte, die für alle verbindlich sein müssen, die in unserem Land leben, und das heißt nicht, eine Angleichung kultureller Bereiche. Es heißt auch nicht Assimilation, sondern Regeln, die jeder akzeptieren muss, bei aller Individualität, im Hinblick auf das Gemeinschaftsleben. Seine persönlichen Überzeugungen sind davon nicht berührt. Später wurde diese Diskussion etwas belastet, als Friedrich Merz den Begriff der „deutschen Leitkultur“ aufgegriffen hat. Hier wurden dann auch Unsicherheiten sichtbar, im Hinblick auf unsere eigene Identität, wobei auch wieder der Selbsthass der Deutschen ein wenig mitspielt. Unsicherheiten - wie verstehen wir uns selbst? Ich sehe eine der großen Herausforderungen in der Suche nach der Antwort und der Reaktion auf solche Entwicklungen.

Fragesteller: Herr Prof. Beck, welche Rolle weisen Sie den Kirchen zu in der kosmopolitischen Entwicklung, oder ist das mehr eine Sache der Vergangenheit?

Prof. Dr. Ulrich Beck (Ludwig-Maximilians-Universität): Die Kirchen, insbesondere die katholischen Kirche, ist ja, wenn man das so sagen darf, der erste Global Player gewesen. Die Kirchen sind sehr wohl in der Lage, eigentlich über verschiedene Grenzen hinweg, eine Institution zu entwickeln, die den Menschen Halt gibt. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Kirchen in einer nachnationalen Phase durchaus eine wichtige Rolle spielen könnten und spielen müssen, weil sie es gerade sind, die jenseits des Nationalstaates auch wo etwas wie Gemeinschaft definieren können, über Grenzen hinweg. Das ist nicht zu verwechseln mit der Diskussion, die wir vielleicht vorhin etwas missverständlich geführt haben. Der Staat dürfte nicht und auch Europa dürfte nicht christlich oder religiös geprägt werden. Das ist ja gerade der Fortschritt, den die Moderne gebracht hat, dass es die Vielfalt der verschiedenen Religionen mit einem Staatsverständnis vereint. Aber ich glaube nicht, dass die Kirchen sozusagen mit der nationalen Epoche an Bedeutung verlieren. Ganz im Gegenteil!

Präsident Alois Glück: Dieser Situation, diesem Thema werden wir am zweiten Abend nachgehen: die Rolle der Kirche, des Christentums in einer offenen Gesellschaft.

Fragesteller: Herr Prof. Beck, Sie haben in der Diskussion jetzt angesprochen, dass eine weltoffene Gesellschaft wichtig ist, für Wachstum und Prosperität. Ich denke, dem kann man sich uneingeschränkt anschließen. Aber in Ihren Ausführungen haben Sie angesprochen, der Arbeitsmarkt sei dann nicht mehr national abgeschlossen. Ich denke, jeder der im Berufsleben steht, wird diese Erfahrung machen. Ich denke aber, das Gemeinwohl ist doch etwas stärker regional, lokal, vielleicht auch national fundiert, und meine Frage ist: Gibt es soziologische Studien, Erkenntnisse, die Unternehmer veranlassen könnten, eine Balance zu finden zwischen Gewinnmaximierung und Gewinnoptimierung?

Prof. Dr. Ulrich Beck (Ludwig-Maximilians-Universität): Wir sind wieder bei demselben Problem, nämlich wie man das Gemeinwohl oder die Gemeinsamkeit definiert. Ich kann sehr gut nachempfinden und habe das in meinen Büchern immer wieder betont, dass da ein gewisser Widerspruch herrscht, wenn ein transnationaler Unternehmer dort investiert, wo er die geringsten Kosten und die größten Gewinne hat, er aber gleichzeitig dort lebt, wo er seine Kinder auf die besten Schulen schickt und auch die besten Wohnbedingungen hat. Insofern kann man auch appellieren, dass Unternehmer über diesen Widerspruch nachdenken. Ich meine, gerade ein katholisches Land müsste auch die Perspektive der anderen in den Bezugsrahmen stellen. Es geht doch nicht nur darum, dass das Gemeinwohl so definiert ist, dass es die eigene Region, die eigene Nation betrifft, sondern man muss doch klar fragen: Was bedeutet das eigentlich für die anderen? Diese Perspektive muss man früher oder später auch einnehmen. Man muss sie übrigens auch in Europa einnehmen. Wenn wir jetzt osteuropäische Länder dazunehmen, haben wir auch hier natürlich entsprechende Verschiebungen von Arbeitsplätzen zu beobachten. Da muss man doch fragen: Was heißt das für die anderen? Ich meine nicht, dass das schon eine automatische Antwort bedeutet. Aber es ist ein Fragezeichen dahinter, wie definieren wir das Gemeinwohl, von dem Sie sprechen? Was ist das? Gibt es nicht auch so etwas wie ein Gemeinwohl, das Ungleichheiten eben nicht nur im nationalen Rahmen, sondern auch in einem transnationalen Rahmen zum Thema macht? Ich frage mich immer, warum sind wir absolut solidarisch im Hinblick auf Arbeitslose und Obdachlose innerhalb unseres Landes? Ich finde das richtig und wichtig. Aber wie können wir gleichzeitig davon abstrahieren, dass ein Großteil der Welt verhungert und das als selbstverständlich hinnehmen? Ich habe auch keine Antwort darauf. Aber ich will nur sagen, die Vorstellung, dass die Unternehmen, die transnational investieren und Arbeitsplätze schaffen, automatisch das Gemeinwohl missachten, kann so nicht ungebrochen beantwortet werden, weil offen ist, was wirklich das Gemeinwohl in einer Welt ist, die sich nicht mehr nur national und regional abgrenzen lässt?

Fragesteller: Ich habe nur eine knappe Frage. Woher nehmen wir den Mut, die Furcht vor dem Fremden zu überwinden und uns letztlich zu öffnen?

Prof. Dr. Ulrich Beck (Ludwig-Maximilians-Universität): Mir fällt die Antwort darauf nicht so schwer, wie auf viele andere Fragen. Ich glaube, dass wir sehr viel mehr Fremdheit in uns selbst haben. Dass wir gar nicht diese homogene Identität haben, die wir uns vorspiegeln oder vorstellen. Überlegen Sie selbst, wie viel verschiedene Identitäten Sie eigentlich beheimaten. Ich meine, man muss sich manchmal fragen, ob man noch eine Person ist. Damit meine ich nicht, dass wir sozusagen eine verallgemeinerte Schizophrenie hätten, aber dennoch ist doch die Vielfalt der Identitäten, die wir inzwischen ganz selbstverständlich zu spielen bereit sind, überraschend groß. Denken Sie daran, wie auch in ganz normalen bayerischen Familien plötzlich die Selbstverständlichkeit, dass ein muslimischer Schwiegersohn oder ein afrikanisches Enkelkind da ist, um sich greift. Wie feiert man da Weihnachten? Das ist ein ganz offenes Problem. An solchen Fragen macht sich das fest. Feiern die vielleicht dreimal Weihnachten in unterschiedlichen Formen, oder wie macht man das? Das sind ja Fragen, mit denen wir überall konfrontiert sind. Das heißt, der Fremde ist eigentlich schon in uns. Wir sind mit ihm schon viel mehr in unserem eigenen Erfahrungsraum konfrontiert, und ich glaube, dass das auch eine Hilfe sein kann bei den vielen Schwierigkeiten, die wir haben, wenn wir uns vorstellen, wie wir dem Fremden begegnen sollen: uns selbst begegnen, wenn man dem Fremden begegnet.

Präsident Alois Glück: Meine Damen und Herren, ich darf den Abend zum Abschluss bringen. Aus der Warte der Politik ist es nach diesem Abend bestimmt nicht einfach. Neben all den Verdrängungswettbewerben im sozialen Bereich, die ja auch schnell Ängste auslösen, kommen hinzu unterschiedliche kulturelle Vorstellungen, Wertvorstellungen, eine wahrscheinlich noch größere Spannung, die eigene Identität zu halten, den Menschen heimatlichen Raum zu ermöglichen und gleichzeitig entsprechend offen zu sein. Wir haben Bayern gerne charakterisiert als ein Land, das heimatverbunden und weltoffen ist, im Sinne einer allgemeinen Liberalität des Offenseins, aber wenn man diese Perspektiven sich vergegenwärtigt, die Sie als mögliche, wahrscheinliche Entwicklung, beschrieben haben, dann bekommt es noch eine andere Dimension in der Vergangenheit, und vor allen Dingen ist es wohl mit einer erheblichen Geschwindigkeit verbunden, sodass die kulturellen Anpassungsprozesse - früher über Jahrzehnte oder gar über Generationen hinweg - so nicht mehr stattfinden. Es stellt sich für die Politik vor allen Dingen auch die schwierige Frage, inwieweit man einen solchen Wandel mitgestalten kann, damit es nicht zu fundamentalistischen Verhärtungen und Abwehrreaktionen kommt, zu Protestbewegungen, zu fundamentalistischen Reaktionen, die erst recht Spannungen bringen. Auf der anderen Seite wird der Gestaltungsraum der Politik immer begrenzter in Zeiten der Internationalisierung. So gesehen, kann sie auch die Politik nicht allein gestalten, und um so mehr sehe ich mich bestätigt, dass wir solche Debatten nicht nur in der Politik führen müssen, sondern Sie alle mitwirken müssen, wir alle mitwirken müssen, dass es ein gesellschaftlicher Dialog sein muss. Gelingen kann es ohnehin nur, wenn wir rechtzeitig einen Prozess auslösen, bei dem wir in solche Veränderungen hineinwachsen.

Ich danke Ihnen, sehr verehrter Herr Prof. Beck, herzlich für diesen Abend, für die Impulse, die Sie gegeben haben.

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