Bayerischer Landtag

23.06.2004 - Dialog der Kulturen (3): Rolle und Anspruch des Islam in Deutschland

Das Verhältnis zwischen dem Islam und der westlichen Zivilisation wird für die weitere Entwicklung in der Welt von überragender Bedeutung sein. In Deutschland sind die Muslime mittlerweile die drittgrößte Religionsgemeinschaft. Sind die Prinzipien des Islam mit den Werten unserer Verfassung vereinbar? Wie sehen Vertreter des Islam in Deutschland die Situation, die Rolle und den Anspruch des Islam in unserem Land? Wie ist aus der Sicht unserer Werte die Situation zu bewerten? All diesen Fragestellungen dient dieser Abend.

Begrüßung und Einführung
Landtagspräsident Alois Glück

Ich begrüße Sie herzlich zu unserer dritten Veranstaltung in der Reihe „Dialog der Kulturen“. Wir stehen heute in besonderer Konkurrenz zu einer anderen Veranstaltung, aber wer hier ist, schont wahrscheinlich seine Nerven. Wie auch immer, es gibt auch noch andere Themen als den Fußball.

„Dialog der Kulturen“ - der Ausgangspunkt dieses Themas war, dass es für unser Zusammenleben ganz entscheidend ist, wie wir trotz unterschiedlicher Wertvorstellungen unser Zusammenleben und unser Staatswesen gestalten. Das gilt einmal im Hinblick auf die innere Pluralität unserer Gesellschaft, es gilt natürlich in besonderer Weise auch in der Beziehung der Religionen untereinander, und deswegen ist es sehr nahe liegend, dass wir auch das Thema gewählt haben: „Die Rolle und der Anspruch des Islam in Deutschland“. Das ist das Thema des heutigen Abends. Wir müssen überall feststellen, dass das Gespräch zwischen Christen und Muslimen nur langsam vorankommt und zum Teil von vielen Vorurteilen geprägt ist. Ängste bestehen, nicht zuletzt aufgrund von Entwicklungen wie etwa dem internationalen Terror. Auf der anderen Seite ergeben sich hier viele praktische Fragen des Zusammenlebens, die für uns ganz wichtig sind. Ja, ich gehe soweit, dass ich sage, für die weitere globale Entwicklung wird das Verhältnis zwischen der westlich geprägten Welt mit ihren Wertvorstellungen und der vom Islam geprägten Welt von ganz außerordentlicher Bedeutung sein. Und es ist auch innenpolitisch von enormer Bedeutung. Die Muslime sind mittlerweile die drittgrößte Religionsgemeinschaft in Deutschland. Wir spüren alle, dass diese Thematik immer bedeutsamer wird, aber gleichzeitig wächst auch die Unsicherheit. Umso wichtiger ist es, dass wir das Gespräch miteinander suchen, dass wir ehrlich, offen, nicht in einem Scheindialog der gegenseitigen Freundlichkeit, sondern im präzisen Gespräch miteinander ausloten: Wo sind die Gemeinsamkeiten, wo die Schwierigkeiten, wo das Trennende? Wie gehen wir mit der Situation um, und welche Maßstäbe setzen wir für das Zusammenleben in unserem Land? Ich heiße Sie dazu herzlich willkommen!

Ich darf besonders die Referentin und den Referenten des heutigen Abends begrüßen und vorstellen. Frau Prof. Dr. Rotraud Wielandt ist in Tübingen geboren, studierte Islamkunde / Arabistik, Turkologie, Vergleichende Religionswissenschaft und Philosophie in Tübingen und Istanbul, 1970 promoviert und seitdem in vielfältiger Weise wissenschaftlich in diesen Themenkreisen tätig. 1982 wurde sie an der Universität Bonn habilitiert; seit 1985 Professorin für Islamkunde und Arabistik an der Universität Bamberg. Sie betreibt gegenwartsbezogene Orientforschung, zum Beispiel zu aktuellen Entwicklungen in der islamischen Theologie und Literatur; Mitarbeit an DFG-Forschungsprojekten und ähnlichem. Ich hatte Frau Prof. Wielandt schon einmal zu dem Thema „Islam in Deutschland“ zu Gast in einer kleineren abendlichen Runde mit Vertretern muslimischer Organisationen in Deutschland und Sachverständigen aus Deutschland. Ich habe sie damals als besonders sachkundig, differenziert argumentierend erlebt. Deswegen danke ich Ihnen sehr, dass Sie die Einladung angenommen haben, und ich begrüße Sie hier sehr herzlich.

Herr Prof. Dr. Faruk Şen ist 1948 in Ankara geboren, lebt seit 1970 in Deutschland, 1979 Promotion und seit 1985 Direktor des renommierten Zentrums für Türkeistudien an der Universität in Essen. Er wurde 1997 für seine besonderen Verdienste um die deutsch-türkischen Beziehungen mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet, erhielt im vergangenen Jahr das große Bundesverdienstkreuz und wurde als Mitglied in die EU-Mittelmeerländerstiftung berufen. Viele Veröffentlichungen, vor allem zum Themenkreis „Deutsche Türken – türkische Deutsche“ in der Diskussion um die doppelte Staatsangehörigkeit haben Sie sich mit vielen Veröffentlichungen eingeschaltet. Herr Prof. Şen ist bekannt dafür, dass er sehr faktenorientiert argumentiert, ein offener Gesprächspartner ist, und ich danke Ihnen sehr, dass auch Sie die Einladung angenommen haben. Herzlich willkommen!

Ich will keine längere Hinführung und Einführung machen, weil es – denke ich - nicht notwendig ist. Wir haben uns gerade so besprochen, dass Herr Prof. Şen zunächst die Entwicklung der letzten Jahrzehnte darstellen wird in der Zuwanderung, in den Strukturen, die sich dabei entwickelt haben für Muslime in Deutschland, insbesondere natürlich auch für Türken, die ja die weit überwiegende Zahl stellen. Wir haben dazu auch Unterlagen verteilt, die von Herrn Prof. Şen stammen; darin kommt sehr konkret zum Ausdruck, was Realität ist in Deutschland, was sich entwickelt hat. Anschließend wird Frau Prof. Wielandt ebenfalls in einem Kurzreferat die grundsätzlichen Fragen ansprechen: Welche Themenstellungen gibt es im Hinblick auf die Wertorientierung des Islam und die Wertorientierung unserer Gesellschaft? Wo sind die offenen Fragen und die zu klärenden Fragen? Welche Beziehungen haben Muslime zu unserer Wertordnung, zu unserer Staatsordnung? Anschließend werden wir miteinander ins Gespräch eintreten. Damit genug der Vorbemerkungen! Herr Prof. Dr. Şen, ich darf Ihnen das Wort geben.

Vortrag
Professor Dr. Faruk Şen
(Zentrum für Türkeistudien – Essen)

Verehrter Herr Präsident, verehrte Frau Ministerin, sehr geehrte Landtagsabgeordnete! Verehrter Herr Generalkonsul, meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich freue mich wirklich sehr, dass ich heute vor Ihnen über die Rolle und Anspruch des Islams in Deutschland etwas sagen kann. Aber zuvor sei es gestattet, dass ich eine Bemerkung mache. Ich habe gedacht, dass ich heute sehr wenig deutsche Teilnehmer in dem Kreis begrüßen könnte und dass sehr viele türkischstämmige Migranten hierher kommen würden, um mich zu hören. Ich habe mich geirrt, und ich freue mich sehr, dass Sie den Fußballabend geopfert haben und meine Äußerungen über den Islam hören möchten.

Eigentlich ist der Islam heutzutage ein zentrales Thema in den aktuellen politischen Diskussionen in unserem Lande geworden. Dafür gibt es drei Ursachen: Einmal deutschlandinterne Ursachen. Wir wissen, dass es Probleme und Herausforderungen beim Zusammenleben mit Migranten gibt. Wir merken, dass das in verschiedenen Bereichen heutzutage in unserem täglichen Leben eine Rolle spielt. Wir diskutieren heute sehr intensiv über Kopftuch, über Moscheenbau, EU-Mitgliedschaft der Türkei und ob ein islamisch geprägter Staat ein Bestandteil der Europäischen Union sein kann. Zum anderen gibt es auch im Bereich Sicherheitsfragen Diskussionen über die Rolle, die die Muslime spielen können. Dann haben wir natürlich deutschlandexterne Ursachen. Dabei spielt es auch innerhalb der islamischen Welt in einigen wenigen Staaten eine Rolle, dass sich extremistische Organisationen in der Terrorszene bemerkbar machen. Drittens gibt es islamimmanente Ursachen. Die Anziehungskraft des Islam in einer zunehmend säkularen Welt spielt heute eine besondere Rolle. Wenn wir das Erscheinungsbild des Islam einmal in unserem Lande analysieren, stellen wir fest, dass wir über theologische Quellen oder über theologische Probleme nicht sehr heftig diskutieren. Wir diskutieren mehr darüber, wie wir mit den Muslimen zusammenleben und wie streng sie gläubig sind und wie wir mit ihnen umgehen können. Wir haben eine starke Bandbreite bei den Muslimen. Ich möchte Ihnen eine Untersuchung von uns zitieren, die wir im Auftrag des Bundesinnenministeriums Ende 2001 durchgeführt haben. Wir haben unter den türkischstämmigen Muslimen eine repräsentative Befragung durchgeführt. Man muss davon ausgehen, dass wir 3.630.000 Muslime hier haben – das ist die drittgrößte Religionsgemeinschaft, und über 2.650.000 stammen aus der Türkei. 1.912.000 haben noch die türkische Staatsangehörigkeit, aber knapp 750.000 haben die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Bei unserer Befragung kam heraus, dass 7 % der türkischstämmigen Muslime sich als sehr religiöse Menschen angegeben haben, 64,6 % als eher religiös, knapp ein Viertel, 24,5 %, haben sich als eher nichtreligiös bezeichnet, und 3,3 % haben sich als nichtreligiös dargestellt.

Es gibt natürlich keine Lesart des Islam, die eine allgemeine Gültigkeit hat auf der Welt. Vorige Woche war in Istanbul die Islamische Weltkonferenz, die jedes Jahr in einem islamischen Staat stattfindet. Es gibt 56 islamisch geprägte Staaten mit 1,2 Milliarden Menschen auf der Welt, und es gibt gewiss 56 verschiedene Interpretationen des Islams, das heißt, der türkische Islam hat mit dem persischen Islam wenig zu tun und saudi-arabischer Islam hat auch mit malaysischem Islam wenig zu tun. Das heißt, je nach den geographischen Gegebenheiten stellen wir verschiedene Formen des Islams fest, und innerhalb der Europäischen Union stellen wir fest, dass sich ein neuer Islam artikuliert.

Sie wissen, dass es im Islam in Westeuropa zweierlei relevante Glaubensrichtungen gibt – Frau Prof. Wielandt wird Ihnen das etwas ausführlicher vorstellen – nämlich sunnitischen Islam und alevitischen Islam. Nach unserer Befragung haben sich 88 % der Muslime in Deutschland als Anhänger des sunnitischen Islams bekannt und 12 % als alevitische Muslime. Wenn wir allgemein die Muslime in unserem Lande analysieren, stellen wir fest, dass Muslime aus 16 Staaten seit 40 Jahren bei uns leben, angefangen bei den Türken als größte Gruppe – 1.912.000 –, als zweitgrößte Gruppe die aus Bosnien und dann die Gruppen aus dem Iran, Irak, Marokko und Afghanistan. Eine der kleinsten Gruppe der Muslime kommt aus Ägypten – 13.000 bis 14.000 leben hier.

Wenn wir uns mit dem Islam befassen, setzen wir uns natürlich mit den religiösen Einrichtungen auseinander. In der Bundesrepublik Deutschland haben wir am Anfang der Migrationsprozesse den Islam nicht so stark zur Kenntnis genommen, weil die Räumlichkeiten wenig kenntlich waren. Man hat verschiedene Räumlichkeiten umfunktioniert, etwa alte Bahnhöfe oder alte Fabrikgebäude - und die waren mehr in Hinterhöfen. Deswegen war für die Mehrheit der Gesellschaft der Islam bis vor kurzer Zeit nicht besonders sichtbar. Nachdem die Migranten, besonders die türkischstämmigen Muslime, sich mehr und mehr entschlossen hatten, für alle Zeit hier zu bleiben, haben sie dafür Sorge getragen, dass sie Moscheen mit Minaretten erbauen. Das heißt, wenn wir heutzutage die islamischen Einrichtungen von der Struktur her analysieren, ist es eine Tatsache, dass wir bundesweit 2.200 so genannte Moschee-Vereine haben, aber lediglich 81 Moscheen mit Minaretten. Wenn ich vom Zentrum für Türkeistudien Gespräche mit den türkischen Migranten-Dachvereinen führe, dann ist das erste Problem, dass sie gerne Moscheen mit Minaretten bauen möchten. Auch die kleinste Gemeinde, die ärmste Gemeinde, würde gerne eine „echte“ Moschee bauen. Außerdem haben sich die Probleme verlagert. Schon während der Achtziger- und Neunzigerjahre hatten sie mit mir darüber diskutiert, dass sie Probleme hätten mit Kindergärten, die der katholischen oder der evangelischen Kirche gehörten. Auch im Bereich Sonderschule hatten sie Probleme, danach richteten sich die Probleme auf den Bereich Übergangsschule und Beruf. Wenn ich heutzutage Gespräche führe, dann möchten sie nicht konfessionsgebundene Altersheime haben. Die Zeiten sind vorbei, dass die Muslime, die hier gestorben sind, in der Türkei oder ihrem Heimatland beerdigt werden. Sie werden jetzt hier beerdigt, weil ihre Kinder die Gräber besuchen möchten. Auch die Solidarität unter den Generationen geht rapide zurück; das heißt, die jungen Türken möchten, dass ihre Eltern in ein Altersheim gehen. Aber natürlich machen die Altersheime, die der katholischen oder evangelischen Kirche gehören, den 70- oder 75-jährigen türkischen Muslimen Probleme, sie wollen nicht ihren Lebensabend in solchen Häusern verbringen.

Auch die Organisationsstrukturen sind unterschiedlich. Es wäre schön, wenn wir einen Sprecher der islamischen Glaubensrichtung hätten, mit dem man über Probleme diskutiert. Aber der Islam kennt so eine Institution nicht. Nachdem die neue türkische Republik 1922 der Kalifenzeit ein Ende gemacht hatte, hat keiner mehr dieses Amt übernommen. Das ist interessant, denn eigentlich gab es 55 andere islamische Staaten, die diese Funktion oder diese Persönlichkeit gerne für sich in Anspruch genommen hätten. Das haben sie aber nicht gemacht, deshalb gibt es im Islam keine Vertreter, die im Auftrag des Islam sprechen. Dieses Problem kennen wir auch innerhalb der Bundesrepublik Deutschland. In der Bundesrepublik Deutschland haben wir elf islamische Dachvereine. Von denen sind neun in türkischer Hand. Dann haben wir zwei nicht herkunftshomogene Verbände, den Zentralen Muslimrat und den Islamrat, die innerhalb Deutschlands in der Öffentlichkeit Aufsehen erregen. Aber wenn wir prozentual ihre Mitgliederzahlen analysieren, können wir feststellen, dass die beiden Dachverbände in keinem Falle im Auftrage des Islam sprechen können, denn dem Zentralrat gehören knapp 220.000 von 3,6 Millionen Muslimen an, und der Islamrat hat auch nur 20.000 Mitglieder. Das zeigt auch ganz eindeutig, dass der Islam hier keine Vertretung hat und auch keine Vertretung haben wird. Das hat natürlich Vor- und Nachteile. Gegenwärtig wird die Diskussion um den Islam besonders durch die Kopftuch-Diskussion stark zunehmen. In dieser Hinsicht möchte ich die Meinung des Zentrums für Türkeistudien darstellen. Ich bin absolut dafür, dass bei staatlichen Einrichtungen, das heißt in Schulen, im Gericht und bei der Polizei, Musliminnen in keinem Falle ein Kopftuch tragen können. Es ist etwas anderes, wenn eine Schülerin oder Studentin mit dem Kopftuch kommt, das ist ihre Freiheit. Aber wenn man als Beamtin auch eine Vorbildfunktion hat, darf man das nicht. Zweitens werden wir dazu eine weitere Diskussion im Zusammenhang mit dem islamischen Religionsunterricht haben, denn es leben über 940.000 muslimische Kinder hier, die die Schulen besuchen. Es ist höchste Zeit, dass islamischer Religionsunterricht nicht mehr im muttersprachlichen Ergänzungsunterricht erteilt wird. Deswegen gehe ich von einem Modell aus, dass der islamische Religionsunterricht in jedem Fall in deutscher Sprache stattfindet, damit alle 16 Nationalitäten gleichzeitig davon partizipieren. Zweitens soll er während der Regelunterrichtszeit stattfinden, damit die muslimischen Kinder auch nachmittags frei haben; das heißt, während die katholischen oder evangelischen Kinder ihren Religionsunterricht haben, sollen auch die muslimischen Kinder an ihrem Islamunterricht teilnehmen. Drittens soll man bei der Curriculums-Entwicklung nicht das Modell der katholischen oder evangelischen Kirche nehmen – es soll keine einzelne islamische Einrichtung den Auftrag erteilt bekommen, denn keine spricht für alle Muslime. Sehr wichtig wäre eine Dreieckskonstruktion, dass die jeweiligen Landesregierungen von ihren Kultusministerien oder Schulministerien her ihre Experten ernennen und dass dann Vertreter der gewählten islamischen Organisationen ihre kompetenten Leute ernennen. Dann sollte man je nach Proportion aus den Herkunftsländern Wissenschaftler holen, damit sie ein Curriculum entwickeln, und nach diesem Curriculum soll islamischer Religionsunterricht erteilt werden. Es ist höchste Zeit. Wir haben allein 33.000 junge Türkinnen und Türken, die in Deutschland studieren. Man sollte hier auch islamische theologische Fakultäten und Lehrstühle einrichten, damit man unsere Lehrer hier ausbilden kann.

Abschließend möchte ich Sie auf eine neue Entwicklung aufmerksam machen: Innerhalb der alten Europäischen Union lebten 376 Millionen Menschen, davon 14 Millionen Muslime. Bis 1961, als die EWG noch in der Entwicklungsphase war, hatten wir nur 140.000 türkischstämmige Muslime in Griechenland. In den anderen Staaten waren es nur wenige Muslime, höchstens vielleicht in Österreich. Heutzutage sind es 14 Millionen. Wir haben in Deutschland einen türkisch geprägten Islam – 2,6 Millionen türkischstämmige Muslime und über 200 000 Bosniaken -, aber in Frankreich einen maghrebinisch ausgeprägten Islam. In England ist es ein mehr indisch-pakistanisch geprägter Islam und in Spanien mehr sudanisch-indonesischer Islam, in Österreich mehr arabisch und türkisch geprägter Islam. Aber wir sehen, dass der Islam innerhalb der Europäischen Union ganz andere Strukturen hat. In erster Linie leben die Muslime innerhalb der Europäischen Union nach den Normen der Indus-triegesellschaft, das heißt, junge Türkinnen und Türken – wir stellen das bei unseren Untersuchungen fest -, gehen während der Ramadan-Zeit in türkische Discos und tanzen dort, aber am nächsten Morgen nehmen sie die Fastenmahlzeit und am nächsten Tag fasten sie hier. So etwas würden sie in anderen islamischen Staaten nie erleben, nicht einmal in der Türkei. Das heißt, diejenigen, die in die Disco gehen, würden am nächsten Tag nicht fasten, und diejenigen, die fasten, würden nicht in eine Disco gehen. Wir haben drei Migrantengruppen vergleichend analysiert, Türken, Griechen und Italiener, drei Religionsrichtungen. Wir haben die Frage gestellt, ob sie im Notfall einverstanden wären, in ein Altersheim zu gehen. 47 % der Italiener haben gesagt, im Notfall würde ich auch in ein Altersheim gehen; bei den Türken betrug das nur 7 %. Wir haben die gleiche Frage türkischen Jugendlichen gestellt: 28 % der türkischen Kinder hätten gar nichts dagegen, dass ihre Eltern in ein Altersheim gehen. Die so genannte Generationensolidarität im Islam ist in unserer Gesellschaft nicht sehr ausgeprägt. Zweitens, die Muslime innerhalb der Europäischen Union akzeptieren die Verfassungen des jeweiligen Staates in dem sie leben. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Wir haben den demokratischen Pluralismus voll akzeptiert. Wir sind Anhänger des säkularen Islams, und wir wollen nicht unbedingt nach Scharia hier leben. Das heißt, innerhalb der Europäischen Union haben wir einen neuen Charakter des Islam, der sich auch an die Normen angepasst hat.

Eine Tatsache möchte ich als Letztes aussprechen. Die Muslime werden zahlenmäßig jedes Jahr um 100.000 zunehmen durch Migrationsprozesse, durch Heiratsmigration, durch Neugeburten. Deswegen ist es sehr wünschenswert, dass ein friedliches Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen zustande kommt. Deshalb sollten solche Figuren wie Metin Kaplan, der ein absolut schlechtes Bild des Islams zeigt, möglichst nicht mehr in unserem Lande sein, sondern an die Türkei ausgeliefert werden, damit hier solche Gallionsfiguren den Frieden zwischen Muslimen und Deutschen nicht stören.

Vielen Dank für Ihr Zuhören.

Präsident Alois Glück:

Danke schön. Wir werden anschließend noch über eine Gruppe reden müssen, die in der Vielfalt dieser Gruppen nur am Rande gestreift wurde. Das sind die aktiven Minderheiten, die wir als Islamisten bezeichnen, die fundamentalistische Strömungen haben, die diesen Veränderungsprozess in einer Industriegesellschaft nicht mitmachen, die das Bild der Muslime in Deutschland auch verdunkeln und die uns ganz große Sorgen machen. Spontan sage ich auch als Politiker: Mich überkommt ein bisschen ein Gefühl der Ratlosigkeit ob der Vielfalt dieser Strukturen. Wir sollten das anschließend etwas vertiefen, wo denn die Gemeinsamkeiten und wo die großen Unterschiede liegen. Aber nun zunächst Frau Prof. Dr. Wielandt!

Vortrag
Professor Dr. Rotraud Wielandt
Leitung der Professur für Islamkunde und Arabistik, Universität Bamberg

Sehr verehrte Anwesende, ich freue mich sehr, dass ich heute Abend bei Ihnen zu Gast sein darf. Herr Kollege Şen hat ja schon sehr deutlich gemacht, dass wir es in der Bundesrepublik Deutschland nicht einfach mit dem Islam zu tun haben, der eine Rolle spielen und einen bestimmten Anspruch erheben würde, sondern mit einer großen Zahl von Muslimen, die einer ganzen Reihe unterschiedlicher Gruppierungen, teilweise auch Verbände angehören und entsprechend unterschiedliche Verständnisse der islamischen Religion vertreten. Nun wird die öffentliche Wahrnehmung der islamischen Präsenz in Deutschland ja sehr stark von dieser zahlenmäßig kleinen Minderheit gewaltbereiter und ganz offen demokratiefeindlicher Muslime bestimmt, die zumeist Angehörige von Organisationen wie etwa dem Kölner Kalifatsstaat oder anderen, arabisch basierten sind und auch für innerislamische Begriffe Extremisten sind. Die Aufmerksamkeit, die solchen Phänomenen zuteil wird, ist geeignet, überkommene Vorurteile gegen den Islam als Ganzen zu bestärken und zu verfestigen, weil uns hier in erster Linie ein Bild der Aggressivität entgegen tritt. Dagegen ist sicherlich nach Kräften vorzugehen, durch Aufklärung darüber, dass dieses eben nicht der Islam im Ganzen ist. Andererseits darf mit dem berechtigten Hinweis auf die große Mehrheit der friedlichen Muslime, die auf ein gedeihliches Zusammenleben mit nichtmuslimischen Deutschen bedacht sind, auch nicht die Tatsache verdrängt oder bagatellisiert werden, dass die kleine Minderheit der Gewaltbereiten und offen Demokratiefeindlichen ein ernstzunehmendes Gefahrenpotenzial darstellt. Man würde es auch begrüßen, wenn die Mehrheit der friedenswilligen und zu gedeihlichem Zusammenleben mit nichtmuslimischen Deutschen Entschlossenen sich etwas stärker beteiligen würde an der öffentlichen Diskussion über die Problematik solcher Gruppen und an der Reflexion darüber, welche korrekturbedürftigen Anschauungen auch religiöser Art, die unter einem Teil der Muslime verbreitet sind oder im islamischen Schrifttum kursieren, Attentäter und ähnliche Personenkreise in ihren Irrwegen bestärkt haben könnten. Da gibt es einen Bedarf an kritischer und selbstkritischer Aufarbeitung. Nun ist auch ein Teil der nicht offen demokratiefeindlichen Muslime Deutschlands bisher noch nicht zu einem hinreichend positiven oder hinreichend geklärten Verhältnis zum säkularen und demokratischen Staat gelangt. Das gibt natürlich insbesondere im Hinblick auf die von Herrn Kollegen Şen bereits genannte relativ große Zahl von schon eingebürgerten Muslimen zu denken. Die mehrheitlich nichtmuslimische Öffentlichkeit Deutschlands hat ein legitimes Interesse daran, dass muslimische Mitbürger den gemeinsamen Lebensrahmen des demokratischen und säkularen Staates bejahen, und zwar aus innerer Überzeugung. Es kann diese Mehrheit nicht beruhigen, wenn Muslime diesen Staat lediglich als zweitbeste Lösung akzeptieren, solange sie selbst in der Minderheit sind und daher ein andersgeartetes Staatsmodell bis auf Weiteres nicht durchsetzen können, oder wenn sie, wie das entsprechende Minderheitsgruppen tun, die gesicherten Freiräume, die dieser Staat hier Anhängern der verschiedensten Religionen und Weltanschauungen bietet, dazu benutzen, von Deutschland aus die Wiedererrichtung eines so genannten islamischen Staates beispielsweise „nur“ in der Türkei zu betreiben. Nur, wenn Muslime zweifelsfrei erkennen lassen, dass sie die säkulare Demokratie ungeachtet alles dessen, was auch an ihr noch zu verbessern ist, für sich selbst und andere als auf Dauer wünschenswerte Staatsform betrachten, werden sie der Befürchtung wirksam entgegen treten können, es sei ihrer Religionsgemeinschaft in Deutschland letztlich doch um eine Unterwanderung oder schließlich Überwindung unserer derzeitigen politischen Ordnung zu tun. Die bekannte, viel beachtete islamische Charta des Zentralrats der Muslime, die im Februar 2002 publiziert wurde, ist, wie mir scheint, in diesem Punkt noch nicht hinreichend klar gewesen. In ihr hat kein inhaltliches Bekenntnis zu den Prinzipien der Demokratie stattgefunden, sondern lediglich eine Erklärung dessen, dass, weil die Scharia Muslime in nicht muslimisch regierten Staaten an die örtliche Rechtsordnung bindet, eben auch die Rechtsordnung der Bundesrepublik, die Verfassung der Bundesrepublik, geachtet werden müsse. Mir scheint, das ist noch nicht inhaltliche Demokratiebejahung. Eine von innerer Überzeugung getragene Bejahung von Demokratie und säkularem Staat ist nun aber nicht auf der Grundlage jedes beliebigen Islamverständnisses, das in Deutschland und anderwärts anzutreffen ist, möglich. Nicht nur ein im engeren Sinne fundamentalistisches, sondern auch schon ein nur strikt traditionsgebundenes Islamverständnis schließt eine volle Bejahung von Demokratie und säkularem Staat aus. Denn schon ein traditionelles Islamverständnis geht von der Auffassung aus, dass die Scharia dort, wo Muslime die Regierung stellen, geltendes Recht zu sein hat. Eine solche Vorstellung ist aber weder mit dem Prinzip der Volkssouveränität vereinbar, das Basis jeder Demokratie ist, noch mit der Anerkennung des Menschenrechts auf Religionsfreiheit einschließlich der negativen Bekenntnisfreiheit, die nur im säkularen Staat gewährleistet werden kann. Außerdem widersprechen wichtige Normen der Scharia einigen weiteren menschenrechtlichen Prinzipien unserer Verfassungsordnung, etwa der Anerkennung der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Damit signalisiert jedes Festhalten am traditionellen Geltungsanspruch der Scharia einen Dissens bezüglich der tragenden Werte von Staat und Gesellschaft, der die strukturelle und soziale Integrierbarkeit entsprechend gesonnener Muslime, die allerdings nur einen Teil der Einwanderer darstellen, ernsthaft beeinträchtigt. Nun sind die Scharia-Vorschriften, die den genannten Grundsätzen unserer säkularen Demokratie entgegenstehen, im Wesentlichen bereits im Text des Korans selbst verankert. Darum können Muslime ihre Verbindlichkeit nur um den Preis einer neuen Art von hermeneutischem Zugang zur Koraninterpretation verneinen, nämlich aufgrund eines Zugangs, der ihnen die Annahme erlaubt, dass ganz bestimmte koranische Aussagen nicht mehr wörtlich verpflichtend sind, weil sie durch die Gegebenheiten der längst vergangenen Zeit des Propheten bedingt waren. Eine solche neuartige, in Grenzen historisch-kritische Koraninterpretation war unter Theologen der meisten islamischen Länder bisher aufs Ganze gesehen eine Sache einer kleinen Minderheit, meist einer Minderheit von einzelnen mutigen Außenseitern, die in ihren islamischen Heimatländern rasch mundtot gemacht worden sind. Allerdings ist an einer Hochschule, nämlich der Universität Ankara in der Türkei, erstmals eine entsprechende Neuorientierung der Koranexegese wirklich schulbildend geworden. Das heißt, es gibt die Möglichkeit einer solchen Erneuerung, wie man dort beobachten kann. Außerdem gibt es in der Realität auch eine Vielzahl von säkular gesonnenen türkischen und anderen Muslimen, die, ohne Theologen zu sein, eine tragfähige persönliche Synthese von demokratischer Gesinnung, lebendiger Gottesbeziehung, praktischer Frömmigkeit und Orientierung an den ethischen Leitwerten des Koran zustande gebracht haben. Durch alles dies ist bewiesen, dass ein solches mit dem Ja zur säkularen Demokratie verträgliches neues Koranverständnis tatsächlich möglich ist, ohne Verlust des islamischen Glaubens, wenn man mutig genug ist, den Schritt zu einer solchen Neuinterpretation zu vollziehen. Nun können natürlich Nichtmuslime die weitere Entwicklung islamischer Koranexegese nicht ihrerseits bestimmen, das sollen sie auch nicht, denn das wäre ein Akt der Fremdbestimmung. Allerdings dürfen sie sich auch keine Illusionen darüber machen, dass eine traditionsgebundene islamische Theologie und Glaubensweise, die sich einer solchen neuen Form des Koranverständnisses kategorisch verweigert, eine überzeugte Bejahung von Demokratie und säkularem Staat nur erschweren kann oder regelrecht ausschließt. Deshalb denke ich, dass wir solchen muslimischen Gesprächspartnern, die unter dem von ihnen reklamierten Recht auf Wahrung der eigenen religiösen Identität nichts als den Anspruch auf ein uneingeschränktes Festhalten an der islamischen Tradition genau in deren althergebrachter Gestalt verstehen, durchaus sagen müssen, dass wir Entwicklungsnotwendigkeiten auf ihrer Seite erblicken, denen sie sich stellen müssen, wenn sie sich wirklich in unsere säkulare Demokratie integrieren möchten. Lebendige Identität, islamische wie christliche, kann nie einfach statisch affirmiert werden. Sie muss immer bereit sein, sich in der Auseinandersetzung mit neuen historischen Situationen und in offener Begegnung mit fremden Identitäten Neues anzuverwandeln und dadurch ihrerseits zu wachsen. Nun muss man natürlich sagen, im traditionell christlich geprägten Europa und nicht zuletzt in Deutschland hat es einen jahrhundertlangen, an Konflikten und Rückschlägen keineswegs armen Entwicklungsprozess gebraucht, bis Bejahung der Demokratie, des säkularen Staates, menschenrechtlicher Prinzipien wie etwa der Religionsfreiheit oder Bejahung eines hohen Maßes an gesellschaftlicher Pluralität auch nur annähernd zum Gemeingut geworden waren. Deshalb muss fairerweise auch muslimischen Zuwanderern aus solchen Ländern, in denen ein entsprechender Prozess deutlich später eingesetzt und bisher Teile der Bevölkerung noch wenig erfasst hat, eine Entwicklungszeit zugestanden werden. Allerdings können unter heutigen Bedingungen auch von relativ kleinen anhaltend demokratie- und säkularitätsfeindlichen Minderheiten erhebliche Sicherheitsrisiken für einen Staat wie den unseren ausgehen, vor allem, wenn entsprechende Gruppen international gut vernetzt sind. Deshalb ist zu hoffen und unter anderem mit besonderen Bemühen um die staatsbürgerliche Bildung der Emigranten daran zu arbeiten, dass sich diese Entwicklungszeit hin auf eine Demokratie- und Pluralitätsbejahung auf vielleicht zwei Generationen beschränkt. Wir können hier sicherlich nicht mehr mit Jahrhunderten rechnen innerhalb unseres jetzigen Kontextes. Die in Teilen der deutschen Mehrheitsbevölkerung und mitunter auch in den deutschen Medien noch immer vorhandenen Vorurteile hinsichtlich einer angeblich generellen Gewaltbereitschaft oder Demokratiefeindlichkeit des Islam müssen, das sagte ich schon, durch Aufklärung systematisch bekämpft werden. Ebenso müssen wir auch von verantwortungsbewussten Angehörigen der muslimischen Minderheit erwarten, dass sie dem heutzutage nicht nur in weiten Teilen der Literatur und der Medien islamischer Länder - hier ist der arabische Raum besonders betroffen - immer wieder mit größter Selbstverständlichkeit und Unbekümmertheit ausgebreiteten, sondern auch in Teilen der in Deutschland lebenden muslimischen Minderheit vielfach kultivierten Vorurteil widersprechen, Gesellschaften des Westens, wie zum Beispiel die unsrige, seien restlos ungläubig, bar jeglicher ethischer Werte und moralisch im öffentlichen wie im privaten Bereich durch und durch verrottet. Hier bestehen auf beiden Seiten Feindbilder, die zur Abgrenzung motivieren und nicht zum friedlichen Zusammenleben. Diese müssen beiderseits abgebaut werden. Ein konstruktives, von wechselseitiger Achtung getragenes Zusammenleben in einer Situation religiöser und gesellschaftlicher Pluralität wird nur möglich sein, wenn alle Beteiligten von Feindbildern Abschied nehmen, die Andersgläubige und Andersdenkende pauschal verteufeln und ihnen damit tendenziell den Anspruch auf eine gleichberechtigte Existenz bestreiten. Ich denke, vor diesem Hintergrund ist es aber auch gut, wenn wir unsererseits muslimischen Gesprächspartnern gegenüber offen bekunden, was unsere Religion uns bedeutet, soweit wir ihr noch anhängen, und wenn wir die uns wichtigen Werte selbstbewusst vertreten. In diesem Zusammenhang ist es auch nicht förderlich, wenn Christen und Europäer, zumal Inhaber höherer öffentlicher Ämter, seien sie nun kirchlicher oder staatlicher Art, pauschal über allgemeinen Glaubensverlust oder Werteverfall klagen. Solche Klagen werden meiner Beobachtung nach seitens abgrenzungswilliger muslimischer Traditionalisten und Fundamentalisten prompt als Bestätigung der eigenen ablehnenden Haltung gegenüber Demokratie und säkularem Staat vereinnahmt.

Lassen Sie mich noch ein Letztes sagen: Ein wichtiger Gradmesser dafür, wieweit Angehörige der muslimischen Minderheit bereit sind, den säkularen Staat als Basis eines friedlichen und gedeihlichen Miteinanders in einer religiös und weltanschaulich plural verfassten Gesellschaft zu bejahen, ist auch die Bereitschaft von Angehörigen islamischer Verbände, etwa die Existenz einer Pluralität von religiösen Selbstverständnissen und religiösen wie säkularen Lebensstilen unter Deutschlands Muslimen anzuerkennen und sich für den Schutz des Gewissens von Glaubensgenossen und Glaubensgenossinnen mit abweichenden Überzeugungen ebenso intensiv einzusetzen wie für die eigenen Freiräume. Diesbezüglich sehe ich bei manchen muslimischen Verbänden noch ein erhebliches Defizit; wenn man etwa betrachtet, dass führende Vertreter des Zentralrats der Muslime die Respektierung „der“ islamischen Bekleidungsvorschriften einfordern – gedacht ist hier natürlich insbesondere an das Kopftuch –, dann fehlt mir dabei ein Hinweis darauf, dass es unter Muslimen mitnichten einen Konsens darüber gibt, ob es solche islamischen Bekleidungsvorschriften gibt und wie die aussehen. Mir fehlt auch ein Hinweis darauf, dass das Gewissen derer, die kein Kopftuch tragen möchten, genauso schützenswert ist wie dasjenige derer, die eines tragen möchten, zum Beispiel als Schülerinnen. Es erfüllt mich auch mit Sorge, wenn, wie geschehen, ich den Vorsitzenden von DITIB vor wenigen Wochen habe sagen hören, Aleviten seien eigentlich gar keine Glaubensgemeinschaft. Unter ihnen selbst gebe es vielleicht nur 700 Personen, die meinten, sie glaubten etwas anderes als der Rest der Muslime in der Türkei oder hier in Deutschland. Ich denke, so kann man mit dem Problem der eigenen internen Pluralität nicht umgehen, und Pluralitätsbejahung auch im Rahmen des Staates, der einen umgibt mit seinen Nichtmuslimen verschiedener Observanz, kann einem nur abgenommen werden, wenn man sie auch in den eigenen Reihen entsprechend praktiziert, das heißt sich unter Muslimen gegenseitig gelten lässt und im jeweiligen Gewissen schützt.

Auszüge aus der Diskussion

(Redigierte Abschrift eines Tonbandmitschnittes. Von den Rednern nicht autorisiert.)

Präsident Alois Glück: Meine Damen und Herren, Herr Prof. Şen, eine erste Frage an Sie. Worauf führen Sie es zurück, dass wir in den vergangen Jahren eine stark wachsende Strömung der Radikalisierung von Muslimen haben, Islamisten und fundamentalistische Ausprägungen? Was ist aus Ihrer Sicht der Hintergrund, und ist dieses besonders verbunden mit bestimmten Nationalitäten oder mit bestimmten Strömungen im Islam?

Prof. Faruk Şen: Ich glaube, ich habe während meines Referates kurz angedeutet, dass wir 56 islamisch geprägte Staaten haben, und wenn wir einige Staaten oder Bewegungen analysieren, dann stellen wir fest, dass der Islam mehr zu Radikalität oder Terror tendiert. Wenn wir die FIS-Bewegung in Algerien einmal analysieren, oder die Moslembrüder in Ägypten mit ihren Angriffen auf Touristen, dann Taliban in Afghanistan, Chomeini im Iran oder islamische Fundamentalisten auch in der Türkei, dann stellen wir fest: Das sind immer gegen den Staat gerichtete Aktivitäten. Oder wenn wir bei unseren Islamisten bleiben, Metin Kaplan! Ich war sehr erstaunt: Bis zum 11. September 2001 haben wir in der Bundesrepublik Deutschland diese gefährliche Gruppe mit damals 2000 Anhängern frei laufen lassen. Natürlich, sie haben keinen Terror hier praktiziert, aber sie haben immer Gewalt propagiert. Gleich nach dem 11. September 2001 hat die Landesrundfunkanstalt in Nordrhein-Westfalen uns gebeten, die Fernsehsendungen von Metin Kaplans Gruppe einmal zu analysieren. Sie haben sieben Jahre lang aus Köln jeden Sonntag eine Stunde lang eine Sendung in die Türkei ausgestrahlt und dazu aufgerufen, dass man den laizistischen türkischen Staat stören sollte, dass sich der Islam ausprägen sollte. Sieben Jahre lang haben wir das geduldet, nichts dagegen unternommen, bis in New York diese Vorfälle waren, und dann haben wir angefangen, gegen den radikalen Islam vorzugehen.

Präsident Alois Glück: Würden Sie sagen, Herr Prof. Şen, dass Deutschland lange Zeit zu naiv war gegenüber diesen radikalen Strömungen?

Prof. Faruk Şen: Absolut, ich würde sagen, wir haben wegen der Religionsfreiheit nicht nur die Metin Kaplan Gruppe geduldet, auch andere Gruppen, arabische Gruppierungen, die jetzt in Hamburg in Moscheen usw. sehr aktiv sind, oder wir haben sie nicht so ernst genommen, auch andere Gruppierungen, die beim Bundesverfassungsschutz erwähnt sind. Seit drei Jahren nehmen wir diese Problematik ernst. Jetzt geht man mit Metin Kaplans Gruppe sehr hart um, und das ist berechtigt. Aber diese Gruppe verliert auch an Bedeutung, nachdem Metin Kaplan wirklich gar nichts zu sagen hat. Aber eine Tendenz muss ich feststellen: Sehr viele junge Leute, in Staaten - angefangen von Algerien bis zur Türkei -, die an der Armutsgrenze leben, die keine Hoffnung haben, die früher zu politischer Radikalität tendierten, tendieren jetzt zur islamischen Radikalität und gehen davon aus, dass der Islam gegenüber Ungerechtigkeit eine Schutzmacht darstelle. Das ist die größte Gefahr. Ich hoffe nicht, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland einmal solche Fälle haben werden, aber wenn wir die Arbeitslosigkeit in unserer muslimischen Jugend einmal analysieren, stellen wir fest: Wir haben bundesweit 10 % Arbeitslosigkeit, bei den Migranten 19 %, aber bei türkischstämmigen Migranten 24 %. Diejenigen, die keine Hoffnung haben, tendieren entweder zur Kriminalität oder können Nährboden für islamische Extremisten sein. Das sind die Gefahren, wogegen wir Schritte unternehmen müssen.

Präsident Alois Glück: Wäre es dann so zu verstehen, dass die Radikalisierung in diesen Ländern mehr eine soziale Bewegung ist, oder ist sie doch mehr auch eine religiöse Bewegung im Sinne einer Auseinandersetzung von Werten?

Prof. Faruk Şen: Eins schließt das andere nicht aus, aber diese islamischen Extremisten in Staaten wie Algerien, das sind hauptsächlich Leute, die wirklich aus der unteren Schicht kommen und die keine Hoffnungen haben. Natürlich können Sie zu Recht sagen, diejenigen islamischen Terroristen, die von Hamburg aus das in New York praktiziert haben, kamen aus arabischen Staaten und aus reicheren Familien. Aber allgemein können wir sagen, islamische radikale Muslime, die auch zum Beispiel im November in der Türkei die beiden Terroraktionen durchgeführt haben, kamen aus der untersten Schicht und haben keine Hoffnungen mehr für sich gesehen.

Präsident Alois Glück: Aber ein Teil der Anführer dieser radikalen Gruppen hat im Westen studiert. Sie haben zum Teil hervorragende Studien absolviert, gehen zurück und gleiten in eine Radikalität und in eine Ablehnung unserer Werte, unserer Kultur. Was passiert hier? Haben sie hier einen Kulturschock erlebt, oder was ist der Hintergrund?

Prof. Faruk Şen: Die haben sich vielleicht schlecht behandelt gefühlt, aber in ihrem eigenen Lande wollen sie eine Märtyrerrolle spielen, und davon machen sie Gebrauch. Aber für ihre Anhänger können wir feststellen, die kommen wirklich aus ganz armen Verhältnissen. Früher wären sie Marxisten oder Sozialisten geworden, jetzt werden sie Islamisten.

Präsident Alois Glück: Frau Prof. Wielandt, wie sehen Sie die Gründe für diese ja doch teilweise sehr zunehmende Radikalisierung und für den Zulauf zu den Islamisten?

Prof. Rotraud Wielandt: Ich denke, es kommt eine ganze Reihe unterschiedlicher Faktoren zusammen. Herr Kollege Şen hat einige davon schon genannt, die sicherlich eine Rolle spielen in einem Teil der Fälle, also etwa Probleme sozialer Art im Herkunftsmilieu der so in Erscheinung tretenden jungen Leute. Ich denke, einige andere kommen noch dazu. Ein Faktor, der mir auch wichtig zu sein scheint, ist die Verinnerlichung der Vorstellung einer permanenten eigenen Opferrolle, etwa im Zusammenhang mit dem Palästinaproblem, angesichts dessen junge Araber sehr leicht vor sich selbst den Gedanken aufrecht erhalten können, ihnen werde als Volk, als Glaubensgemeinschaft, permanent Unrecht getan; und das Gefühl, permanent Unrecht zu leiden, senkt die Schwelle zur Gewaltbereitschaft. Es bedeutet aus der Sicht derer, die sich betroffen fühlen von diesem Geschehen, dass sie sich dann selbst einen ständigen Unschuldsbonus ganz unabhängig von ihren Taten zubilligen. Schließlich reagieren sie ja nur auf Dinge, die ihnen angetan worden sind. Es steht aber, glaube ich, die Frage im Raum: Warum kleidet sich das alles in einen islamischen Code und nicht, wie wir gesagt haben, etwa in marxistische Kategorien oder in irgendwelche andere, mit deren Verwendung man auch in Aktion treten könnte? Die Verwendung eines spezifisch islamischen Codes hängt, denke ich, zum einen damit zusammen, dass entsprechende Gruppen voraussetzen können, dass ihnen das Argumentieren in islamischen Kategorien ohnehin in weiten Teilen der Bevölkerung islamischer Länder abgenommen wird. Das ist trotz aller politischen Umbrüche, die man seit dem 19. Jahrhundert in diesem Teil der Welt erlebt hat, nach wie vor der verbindende Kulturcode, durch die Schichten hindurch, insbesondere aber in den eher unterprivilegierten Bevölkerungsschichten, und man kann, wenn man sich islamisch legitimiert, sehr viel eher als bei Christen prinzipiell mit Beifall rechnen für das, was man tut. Das hat sich auch leider gezeigt nach dem 11. September 2001. Ungeachtet offizieller Distanzierungen vieler Prominenter in islamischen Länern hat es im Grunde eine Welle des Beifalls gegeben für das, was da geschehen ist, leider sogar in erheblicher Breite. Dazu kommen weitere Faktoren, wie etwa die Märtyrerideologie, die nun tatsächlich bis zu einem gewissen Grade aus der islamischen Tradition begründet werden kann und die den Tätern bei solchen Vorgängen immerhin noch die Perspektive einer glücklicheren Zukunft über das einkalkulierte Ende des eigenen Lebens hinaus zu bieten scheint. Ich denke, es wäre im Übrigen auch eine Aufgabe des islamischen Religionsunterrichtes in den Herkunftsstaaten entsprechender Täter, einmal etwas kritisch hineinzuleuchten in die habituellen Verwendungen von Begriffen wie „Ungläubige“ oder „Dschihad“. Da ist es einfach noch zu leicht, bestimmte Emotionen zu mobilisieren, indem man zu entsprechenden Schlagwörtern greift, wenn man gegen den wirklichen oder vermeintlichen äußeren Feind tätig werden will.

Präsident Alois Glück: Wenn ich mir vor Augen halte, wie Sie die Entwicklungen im Islam beschrieben haben, dann sage ich jetzt holzschnittartig, wenn ich es nicht ganz falsch verstanden habe: Der traditionsgebundene Islam ist mit den Werten einer Demokratie, mit unseren Wertvorstellungen von Menschenrechten, von Menschenwürde, von Gleichberechtigung von Mann und Frau usw. nicht vereinbar. Es gibt Entwicklungen, die den Weg öffnen können. Sie haben die Universität in Ankara erwähnt, aber es ist ja wohl vorherrschende Lehre im Islam, dass der Koran die wörtliche Botschaft Gottes ist, die einer Auslegung nicht zugänglich ist, und daraus erwächst natürlich sehr schnell ein Konflikt mit der modernen Welt. Der Regelfall ist doch bei denen, die religiös gebunden sind, die traditionelle Sicht des Islam. Die neuen Entwicklungen sind eigentlich immer wieder abgetötet wurden, früher in Spanien, wohl auch an Universitäten in Ägypten, und jetzt gibt es diese Entwicklungen in Ankara. Andererseits haben Sie geschildert, dass sich bei vielen Türken hier im Lande, in dieser modernen Gesellschaft, gewissermaßen eine andere kulturelle und religiöse Praxis entwickelt, die beides miteinander verbindet. Ein Freund aus der Politik, der viele Kontakte zu türkischstämmigen Deutschen hat oder auch zu Türken in Deutschland, die zum Teil deutsche Staatsbürger sind, hat mir erzählt, dass er bei ihnen gegenwärtig so etwas wie eine Reislamisierung feststellt, in dem Sinn, dass sie sagen: Ja, aber einmal im Leben will ich nach Mekka. Also, sie halten zwar keinen Fastenmonat mehr wie früher, sie geben ihren übrigen Lebensstil nicht völlig auf, aber auf der anderen Seite doch eine stärkere Rückkoppelung in diese kulturellen religiösen Prägungen. Aber wenn es ungefähr so ist, wie ich es hier vereinfacht beschrieben habe, dann haben wir doch eine sehr schwierige Realität mit Blick auf Perspektiven für Demokratie, nicht nur bei uns, sondern weltweit; wobei es mir persönlich im Kern nie so sehr darum geht, dass unser parlamentarisch-demokratisches System genau abgebildet wird, aber dass Fragen oder Maßstäbe, die uns ganz wichtig sind, wie Menschenrechte, entsprechend akzeptiert werden.

Prof. Rotraud Wielandt: Zunächst einmal, es ist nicht so, dass der Koran nach traditioneller islamischer Vorstellung nicht auslegbar ist. Es hat auch schon in der älteren islamischen Geschichte eine Vielzahl unterschiedlicher Auslegungsrichtungen gegeben, im Übrigen muss ein historisch begrenzt die Geltung von im Koran verankerten Rechtsvorschriften relativierendes Koranverständnis, wie sich gezeigt hat, nicht unbedingt den Glauben daran in Frage stellen, dass dieses heilige Buch wirklich die Botschaft Gottes ist. Es erfordert nur einen entsprechend differenzierten Zugang zum Text, wenn man das so sehen will. Ich würde Ihnen unbedingt beipflichten, dass es in der Tat eine schwierige Situation ist, mit der wir da konfrontiert sind. Tatsächlich gibt es einen erheblichen Prozentsatz von Muslimen auch in Deutschland, die ganz einfach einen traditionsgebundenen Islam weiter praktizieren, und der ist, wenn man ihn strikt nimmt, wenn man weiß, was damit alles zusammenhängt, in der Tat etwa mit einem menschenrechtlichen Prinzip wie dem der Gleichberechtigung von Mann und Frau so nicht vereinbar. Allerdings geschieht das Fortsetzen dieses traditionsgebundenen Islam auf sehr unterschiedlichen Reflektiertheitsebenen, und das hat wiederum zur Folge, dass viele auch relativ traditionsgebundene muslimische Gläubige pragmatische Arrangements treffen, von denen wohlinformierte Theologen, die die Implikationen von Sharia genau kennen, dann höchstwahrscheinlich sagen würden, ja das geht ja gar nicht, das passt ja gar nicht zusammen. Den Betreffenden ist das aber dann gar nicht in dieser Weise bewusst, und sie legen sich dann unter Umständen etwas zu, was man mit dem schönen Wort „Patchwork-Identität“ bezeichnet hat. Sie suchen sich bestimmte Elemente aus diesem Traditionsstrom heraus, aber auch von anderswo her, aus einem stärker modernisierten Weltbild und Lebensstil, und leben soweit ganz gut mit dieser Kombination. Die Frage ist natürlich, wie weit die Gespaltenheit der eigenen Existenz, die das letztendlich bedeutet, wenn sie einem bewusst wird, wirklich längerfristig aushaltbar ist, und wie tragfähig solche pragmatischen Arrangements auf Dauer sind. Aber ich möchte daran erinnern, dass sich auch das traditionsgebundene Christentum über längere Zeit etwa mit den Menschenrechten unglaublich schwer getan hat. Trotzdem ist es möglich gewesen, das Menschenrechtsdenken inzwischen sehr intensiv in den christlichen Kirchen zu beheimaten, auch wenn die Selbstdarstellung, die man manchmal hört, der zufolge man immer schon derjenige war, der das so vertreten hat, nicht ganz berechtigt ist. Aber immerhin ist es gelungen, sich daran anzuschließen, und ich denke, grundsätzlich sollte man vor diesem Hintergrund auch nicht negieren, dass Muslimen im Verlauf eines Entwicklungsprozesses etwas Ähnliches möglich sein könnte. Ich denke, eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielt auch, welche praktischen Erfahrungen man mit den Lebensmöglichkeiten in einem Rahmen macht, der von Leitwerten bestimmt ist, die dieses modernen Typs sind. Wenn die Erfahrungen positiv sind, kann das auch förderlich wirken für die Akzeptanz einer entsprechenden modernisierten Orientierung.

Präsident Alois Glück: Ich stimme Ihnen gerne zu, dass die Christen nicht überheblich sein dürfen. Man braucht sie nur an ihre eigene Geschichte zu erinnern mit Ketzerprozessen, Scheiterhaufen und mit dem schmerzlichen Prozess von Aufklärung und Humanismus, der das Christentum, beinahe hätte ich gesagt, in eine Entwicklung gekeltert hat, die heute auch von den Kirchen als Fortschritt gepriesen wird. Nur, wir haben nicht so viel Zeit, um nicht in blutige Konflikte zu kommen. Das ist es, was uns auf den Nägeln brennt in einer sehr mobilen Welt.

Prof. Faruk Şen: Ich glaube, wir tun den Muslimen in der Bundesrepublik Deutschland etwas Unrecht. Wenn wir von 3,6 Millionen Muslimen ausgehen, und wenn wir wirklich alle Mitgliederzahlen der islamischen Einrichtungen einmal addieren würden: Höchstens 18% bis 20% sind Mitglieder einer islamischen Organisation oder gehen zu einem Moscheeverein, die anderen sind mehr kulturelle Muslime. Wenn wir die Befragung analysieren: 20% der türkischen Muslime haben sich als eher nicht religiös bezeichnet, nur 4 % sind Atheisten, fast ein Viertel aller Muslime hat sich als sehr religiös bezeichnet. Das Bild ist also differenziert. In einer Hinsicht gibt es allerdings gewisse Befürchtungen, was ein friedliches Zusammenleben betrifft. Nach Mölln und Solingen, nach 1992 und 1993, nachdem die Rechtsradikalen gegenüber türkischen Migrantengruppen diese aggressive Haltung eingenommen hatten, haben sich die türkischen Jugendlichen überlegt, gegen wen diese Aggressionen gerichtet waren. Das ging nicht gegen alle Migranten, das ging gegen die Migranten, die durch ihre Haut- und Haarfarbe auffallen, die zu einem anderen Kulturkreis gehören und Muslime sind, und all diese Eigenschaften treffen auf die türkischen Migranten zu. Danach stellten wir fest, dass man die Infrastruktur sehr stark geändert hat, das heißt, man ist aus Solidarität mehr in Moscheevereine gegangen, man hat eigene Sportvereine gegründet, man hat mehr türkische elektronische und Printmedien konsumiert, man hat sogar von den Jugendzentren bis zu den Diskotheken alles getrennt, und daraus spricht natürlich eine etwas ablehnende Haltung gegenüber der deutschen Gesellschaft. Das heißt, wir leben zurzeit in der Bundesrepublik Deutschland friedlich nebeneinander. Das ist eine Trotzreaktion junger Muslime, die eigentlich mit dem Islam wenig zu tun haben. Einen Tag vorher trinken sie, am nächsten Tag fasten sie. Das hat mit Reislamisierung nichts zu tun. Das ist eine Trotzreaktion gegenüber der Gesellschaft. Damit wollen sie zeigen: „Ich bin anders als du. Du sollst mich so akzeptieren.“ Das würde ich nicht unbedingt als Reislamisierung sehen. Die größte islamistische Organisation hier in der Bundesrepublik Deutschland ist Milli Görüs, deren Mitgliederzahl rapide zurückgeht, auch nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil, und das heißt, islamische Organisationen, ausgenommen extreme, über die wir wirklich wenig wissen, gewinnen nicht mehr groß an Bedeutung.

Präsident Alois Glück: Noch eine Frage: Wie stark sind die türkischen Organisationen in Deutschland aus der Türkei herausgesteuert, oder inwieweit bestimmen sie in eigener Autonomie ihren Kurs?

Prof. Faruk Şen: Es gibt neun türkisch geprägte islamische Organisationen. Acht davon haben mit der Türkei offiziell gesehen keine Bindung. Milli Görüs ist ein Handlanger von der früheren Partei des türkischen stellvertretenden Ministerpräsidenten. Dann gibt es diese islamischen Kulturzentren, die von einer türkischen Sekte Unterstützung bekommen. Aber die größte Organisation mit 730 Moscheevereinen ist DITIB, die eigentlich einen säkularen Islam hier vertritt. Diese Vereine sind von der Türkei insofern abhängig, als dass der Vorstandsvorsitzende von DITIB immer der religiöse Attaché aus der Türkei ist, aber die anderen Organisationen haben natürlich Bezugspunkte in der Türkei, aber sie sind nicht aus der Türkei gesteuert.

Fragesteller: Ich bin Gründer und Vorsitzender der islamischen Religionsgemeinschaft Erlangen. Also, kein Mensch kann mir sagen, dass ich mich als Muslime mit der deutschen Verfassung und Demokratie nicht identifizieren kann. Ich kann das sehr wohl, und das können auch 80 bis 90 Prozent aller Muslime. Auch zu Ihrer Frage, Herr Glück, ob die Muslime, die nach Deutschland kommen und hier studieren und wieder zurückgehen, einen Kulturschock bekommen, sage ich: Nein. Das hat andere Gründe. Als ich nach Deutschland kam, vor 30 Jahren, hatte ich nicht diese Ideen, diese Meinungen, die ich heute habe, von Deutschen oder Europäern. Das hat sich stark geändert. Natürlich liegt das an der Erziehung in meinem Heimatstaat, der Türkei. Ich habe auch in Deutschland in Religionsbüchern gesehen, wie ein Türke auf dem Pferd ein Baby auf sein Schwert gespießt hat und die Eltern erschlägt. Die Erziehung war bis vor 10 Jahren, sage ich mal, falsch, und dadurch haben die Menschen Vorurteile bekommen. Dass die Leute zurückgehen, ohne vom Westen die Kultur mitzunehmen, liegt daran, dass sie sich hier nicht integrieren können. Daran sind natürlich die islamischen Vereine schuld, die hier tätig sind. Ich kann ein sehr gutes Beispiel nennen. Als das Kultusministerium am 12. März 2001, glaube ich, einen runden Tisch organisiert hatte, da hat DITIB sich nicht beteiligt. Obwohl ich auch persönlich denen die Einladung geschickt habe, haben sie sich nicht sehen lassen und sind immer noch nicht dabei. Wie Prof. Şen gesagt hat, der islamische Religionsunterricht gehört unbedingt in die Schule, und darum ging es, und DITIB hat sich nicht daran beteiligt und beteiligt sich immer noch nicht und kämpft immer noch dagegen. Die gehen soweit, tut mir leid, wenn das auch hart ist, wenn die einen oder anderen DITIB-Vereine islamischen Unterricht unterstützen, dann werden sie bedroht, dass der Vorbeter zurückgezogen wird. Die islamischen Vereine haben ihre Integrationsarbeit nicht anständig gemacht. Wenn sie das gemacht hätten, hätten sich die Muslime integriert und Frau Prof. Wielandt könnte nicht so negativ darüber sprechen.

Präsident Alois Glück: Wenn ich es recht verstehe, dann sagen Sie, dass zumindest ein Teil der islamischen Organisationen bewusst Abgrenzung fördert und Integration verhindert.

Fragesteller: Von DITIB bis ganz nach unten, ohne Ausnahme, das erlebe ich mit eigenem Fleisch und Blut. Natürlich sind daran nicht nur die Vereine schuld, der Staat ist auch schuld daran. Der Staat hat bis vor kurzem überhaupt nichts in diese Richtung unternommen. Alles wurde von den Vereinen, von Einzelpersonen wie mir, und anderen, Ausländerbeiräten und Kommunen, unterstützt. Und das war etwas zu wenig. Der Staat soll sich auch die richtigen Berater suchen, das habe ich schon vor zwei Jahren gesagt, und mit Muslimen in Kontakt treten und richtig mit ihnen arbeiten. Sie werden sehen, die Muslime sind Bürger dieser Gesellschaft, die möchten gerne in dieser deutschen Demokratie leben.

Präsident Alois Glück: Dankeschön. Wir tun uns immer unendlich schwer, Gesprächspartner zu finden, die nicht nur für sich allein stehen, sondern irgendwo etwas bewegen.

Prof. Rotraud Wielandt: Der Sinn meiner Aussage war nicht, dass Muslime sich nicht mit der Demokratie identifizieren können, sondern dass das Bekenntnis zur Sharia als geltendem Recht eine solche Identifikation ausschließt. Also, wenn ein Muslim nicht der Ansicht ist, dass Sharia nach wie vor geltendes Recht sein muss, dann steht dieser Identifikation nichts im Wege, auch aus meiner Sicht nicht, und selbstverständlich ist es unbestritten, dass es unter diesen Prämissen dann möglich ist, Demokratie zu bejahen. Das nur der Klarheit halber.

Fragestellerin: Ich habe eine Frage zu den vielen verschiedenen Glaubensrichtungen der Muslime hier in Deutschland. Also, allgemein verbindlich ist ja wohl der Koran. Und der Koran enthält sehr verschiedene gefährliche Suren. Und wenn Herr Prof. Şen dafür plädiert, dass Theologie bzw. der Religionsunterricht an den Schulen erteilt wird, ist die Frage, wie wird der Koran dort ausgelegt?

Präsident Alois Glück: Und wer definiert das? Ich war immer der Meinung, Deutsche können nicht definieren, welche Art oder Ausprägung von Islam unterrichtet werden soll. Ich fürchte auch, dass viele Eltern, um deren Kinder es geht, dies nicht akzeptieren würden und sie dann die Kinder lieber in die Koranschule schicken als in die staatliche Schule.

Prof. Faruk Şen: Es gibt einen Koran und eine Interpretation des Korans, wenn wir über islamischen Religionsunterricht sprechen. Deswegen habe ich auch dieses Dreiecksverhältnis vorgeschlagen, dass der jeweilige Vertreter des Schulministeriums eines Bundeslandes an der Curriculumsitzung teilnehmen soll, wir haben das teilweise im Land Nordrhein-Westfalen praktiziert, dann wissenschaftliche Vertreter aus den Entsenderländern, und dann Vertreter der Migrantenorganisationen hier. Im islamischen Religionsunterricht wird nicht der Koran gelehrt, sondern die Strukturen des Islams, die islamische Geschichte und die Regelungen des Islams. Deswegen ist eigentlich die Interpretation des Korans nicht so primär wichtig. Sehr viele Wissenschaftler sagen, dass es im Koran gewiss Paragraphen gibt, mit denen wir in der westlichen Welt vielleicht Schwierigkeiten haben, aber das ist eine Religion von 1,2 Milliarden Menschen, und sie ist auch reformbedürftig. Alle Suren, die im Koran sind, wie etwa zur Stellung der Frau, sollen nicht nach dem Koran interpretiert werden. Auch in den Staaten, aus denen die Migranten hierher kommen (aus Bosnien und aus der Türkei), leben die Leute nicht nach den Regelungen des Korans, sie leben nach den Normen des säkularen Staates.

Prof. Rotraud Wielandt: Ja, ich denke, es ist sicherlich berechtigt, wenn Sie darauf hinweisen, dass der Islam nicht die einzige Quelle ethischer Orientierungen bei Migranten muslimischen Glaubens ist. Ich möchte noch mal kurz auf die Problematik des Religionsunterrichtes und die Art von Islamverständnis im weiteren Sinne, abgesehen vom Koranverständnis, das da zu Grunde gelegt wird, zurückkommen. Wer definiert diese Basis? Allein von der rechtlichen Situation des Religionsunterrichtes nach dem Grundgesetz her kann das keine staatliche Instanz tun. Das muss eine Vertretung der sich selbst repräsentierenden Glaubensgemeinschaft tun, und in diesem Zusammenhang scheint es mir sehr wichtig, dass es wirklich in allererster Linie örtliche Muslime sind, die an der Lehrplanentwicklung mitwirken, und zwar deshalb, weil ein Religionsunterricht, wenn er nicht auf den Lebenskontext der Schüler bezogen ist, weitgehend unwirksam sein wird bzw. erhebliche Probleme und Defizite aufweisen wird. Auf der anderen Seite haben wir hier in der Bundesrepublik vorläufig die Situation, dass es eine Präsenz von wirklich qualifizierter islamischer Theologie nur in geringem Umfang gibt. Allein damit könnte man wohl keine entsprechenden Curricula entwickeln. Aber dann stellt sich die Frage: Woher importiert man Kräfte? Da wird es sofort wieder sehr problematisch. Wenn ich jemanden aus Saudi-Arabien heranziehe oder auch aus Ägypten, wo die allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen in einem solchen Ausmaß verschieden sind von den hiesigen, die intellektuellen Orientierungen auf Seiten der Religionsgelehrten sich so von dem Lebenshorizont der hiesigen Muslime unterscheiden, dann wird das eine Art von Import, der im Grunde wieder einer Fremdbestimmung, wohl meistenteils in traditionalistischer Richtung, gleichkommen wird. Das ist leider in der gegenwärtigen Situation bis zu einem gewissen Grad ein Zirkel. Auf verschiedenen Seiten haben wir nicht die Instanzen, die an diesem Prozess beteiligt sein müssen. Ich denke aber, man kann irgendwo anfangen, und in diesem Zusammenhang finde ich etwa die lokale Erlanger Initiative, bei der sich wirklich eine aus ganz verschiedenen Gruppen gespeiste Trägergruppe für einen solchen islamischen Religionsunterricht - nicht im Sinne des Grundgesetzes, sondern im Sinne religiöser Unterweisung islamischen Glaubens - herausgebildet hat, eine Unternehmung, die diesen Kreis mal aufbrechen kann. Dann kann man sich fragen, wie machen wir es, dass wir theologisches Potenzial heranbilden? Ich denke, man muss irgendwo anfangen, und sei es auch zunächst einmal auf unzureichende Art und Weise, um überhaupt eine grundsätzliche Bewegung in die wünschenswerte Richtung einzuleiten.

Präsident Alois Glück: Das Anfangen und dabei gewisse Risiken eingehen und dabei lernen müssen, das ist meiner Meinung nach eine wichtige Adresse in Richtung des Staates, weil wir sonst überhaupt nicht vorwärts kommen. Aber es muss eben auch dann den Charakter des Experiments haben, und wenn wir von vornherein alle rechtsstaatlichen Absicherungen haben wollen, die wir sonst etwa für Religionsunterricht und dessen Ausgestaltung in Deutschland als Voraussetzung sehen, dann kommen wir gar nicht zum Anfangen und zum Lernprozess.

Fragesteller: Ich bin selber Religionslehrer. Ich unterrichte auch Kirchengeschichte, und ich tue dies auch in kritischer Absicht, wobei auch die Ergebnisse berücksichtigt werden der so genannten säkularen Historiker. Jetzt wäre natürlich zu fragen, wenn es Islamkunde oder Islamunterricht gibt, müsste man auch etwas über die Geschichte des Islam erfahren, und es müsste natürlich auch, damit es kompatibel ist mit dem sonstigen Geschichtsunterricht, in kritischer Absicht sein. Und da stellen sich natürlich auch Probleme, denn ich weiß nicht, ob überhaupt genügend Potenzial da ist, um die Geschichte so darzustellen.

Fragesteller: Ich bin islamischer Religionslehrer und gebe in Salzburg seit einigen Jahren islamischen Religionsunterricht. Aus dieser Erfahrung heraus kann ich sagen, dass es sehr positive Ergebnisse gibt, nämlich, dass gerade die muslimischen Jugendlichen, die ja sonst unterprivilegiert sind, dadurch die Möglichkeit haben, zu sehen, dass sie ihren Platz in dieser Gesellschaft haben und dass man gerade in einer schulischen Veranstaltung auch die Möglichkeit hat, diejenigen, die etwas zu den Rändern der Gesellschaft tendieren, wieder zurückzuholen in die Gesellschaft. Ich glaube, das ist ganz wichtig, und deswegen finde ich dieses Erlanger Modell so positiv, weil man da endlich versucht, konkrete Schritte zu unternehmen. Ich hoffe, dass das über den Modellversuch hinausgeht, vor allem auch, weil der Lehrplan, der dort verwendet wird, in meinen Augen das Beste ist, was es auf Deutsch bisher gibt. Das sollte man auch mal sagen. Hier ist Bayern tatsächlich Vorreiter in Deutschland.

Präsident Alois Glück: Das kommt öfter vor.

Fragesteller: Ein zweiter Aspekt liegt mir auch schwer auf dem Herzen, insbesondere wenn ich die Diskussionen in den Lehrerzimmern mitverfolge. Man sieht dort mit Fassungslosigkeit, wie hier auf dem Kopftuch der muslimischen Frauen herumgeritten wird, gerade der Frauen, die sich ja eigentlich emanzipieren von der Rolle, die ihnen traditionell zugeschoben wird. Ich glaube, man sollte sich einmal überlegen, ob das sinnvoll ist oder ob man da nicht vielleicht gerade den Leuten Vorschub bereitet, die man ja gerade nicht unbedingt unterstützen will. Denn was sollen denn die Frauen machen, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen, die sich emanzipieren, berufstätig sind und dann vor den Kopf gestoßen werden? Ich denke, darüber sollte man sich einmal Gedanken machen. In Österreich ist das Kopftuch kein Thema. Jeder darf das tragen, was er will, auch in der Schule - als Lehrerin, als Schülerin. Vielleicht wäre es sinnvoll, mal darüber nachzudenken, ob es da nicht auch andere Wege gibt.

Präsident Alois Glück: Ich möchte Ihnen gerne zwei Fragen stellen. Einmal, wer hat definiert, welche Inhalte Sie in Ihrem Unterricht behandeln, und wo haben Sie Ihre Ausbildung dafür bekommen?

Fragesteller: Ich habe meine pädagogische Ausbildung hier in München an der Ludwig-Maximilians-Universität gemacht, vom Theologischen her in der islamischen religionspädagogischen Akademie in Wien. Und die Definition der Inhalte kommt natürlich von der islamischen Glaubensgemeinschaft in Wien. In Österreich ist das weit organisiert, und es funktioniert sehr gut. Vor allem auch der Dialog mit den anderen Mitgliedern der Gesellschaft, und man hat da einen Konsens gefunden, wo man miteinander reden kann. Ich glaube, das ist ganz wichtig, dass man konkret voranschreitet.

Präsident Alois Glück: Dankeschön. Es fehlt noch eine Wortmeldung zu diesem Themenkreis, dann können wir dieses ganz lebenspraktische Thema abschließen. Wir werden hier nicht die Grundsatzfragen der Theologie lösen. Ich hatte kürzlich ein Gespräch im Vatikan mit dem Erzbischof, der für den inter-religiösen Dialog zuständig ist und damit also auch für das Gespräch mit dem Islam. Er sagt, es ist unglaublich schwer, überhaupt in theologische Gespräche zu kommen. Man redet momentan primär über mehr praktische Fragen des Zusammenlebens, weil ein echter theologischer Dialog fast nicht zu Stande kommt. Aber da muss man in anderen Bereichen des Lebens anfangen, und wir werden ohnehin nicht auf der Ebene der Politik oder hier in Bayern die theologischen Fragen regeln, sondern wir müssen schauen, wie wir anderweitig vorankommen.

Fragesteller: Ich möchte von den beiden Referenten gerne wissen, was der Koran zum Thema Gewalt sagt und ob hier eine differenzierte Aussage vorliegt: Gewalt darf überhaupt nicht angewendet werden, um Auseinandersetzungen auszutragen, oder Gewalt darf gegen diese oder jene Gruppe angewandt werden, und wenn im Koran eine Aussage enthalten wäre, Gewalt dürfe nicht angewandt werden, warum schweigt dann – jedenfalls für uns erkennbar - die islamische Öffentlichkeit zu den ganzen Verbrechen, die in diesem Zusammenhang in allen möglichen Ländern begangen werden?

Prof. Faruk Şen: Herr Glück, ich fange mit der islamischen Geschichte an. Es ist eigentlich langsam wünschenswert, dass wir uns auch im Geschichtsunterricht hier in Deutschland etwas mit dem Islam auseinandersetzen, damit es zu einer Vorbereitung auf den islamischen Religionsunterricht kommt. Es wäre sehr schön, wenn die Schüler über ihre islamischen Mitschüler und deren Religion etwas mehr wissen würden. Das ist in jedem Falle machbar, denn dafür gibt es auch Wissenschaftler, vor allem aus den Entsenderländern, aber auch hier. Das kann man sehr gut einbauen.

Kommen wir zu der Kopftuchdiskussion! Aus Salzburg der Kollege: Sie kommen aus einem Staat, in dem der Islam seit 1912 als Staatsreligion anerkannt wird; d. h. er ist der einzige - Frankreich bemüht sich zwar - es ist der einzige Staat, wo es für den Islam auch eine Organisation gibt, die im Namen des Islam spricht. In Ihrem Land leben knapp 400.000 Muslime, von denen über 60 % aus der Türkei stammen, und Sie wissen, dass sie sich mit Ihrer Organisation sehr gut abgefunden haben. Es gibt gewisse distanzierte Haltungen bei dem mehr arabisch geprägten Islam. In der Kopftuchdiskussion würde ich sagen, ich bin mehr für die deutsche und französische Haltung. Stellen Sie sich vor: Eine Richterin mit Kopftuch will ein Urteil fällen bei einem Streit zwischen einem Deutschen und einem Muslimen. Und vielleicht wird sie das Urteil berechtigterweise zugunsten des Muslims aussprechen. Glauben Sie, dass die Gegenseite das als objektiv akzeptiert? Da gibt es Probleme, in jedem Falle, auch bei Polizistinnen, wenn sie wirklich mit Kopftuch kommen. In allen anderen Räumen, wir sind in einer freien Gesellschaft, darf man dies natürlich tun. Ich bin absolut dagegen, dass man in Bussen usw. Frauen mit Kopftüchern belästigt oder verurteilt. Aber im öffentlichen Dienst ist keiner mit Kopftuch verpflichtet, Richter oder Lehrer zu sein. Man kann auch andere Funktionen ausüben. Wenn man das tun will, soll man auch die Normen dieser Gesellschaft akzeptieren. Auch als Moslem würde ich dafür plädieren.

Für Gewalt im Koran werde ich - ich bin kein Theologe - die Frage Frau Wielandt überlassen, aber ich glaube, auch im Koran wird die Gewalt gegenüber niemanden gut geheißen. Es gibt natürlich gewisse Paragraphen, die man so interpretieren kann. Aber dafür brauchen wir hier eine „Fachfrau“.

Prof. Rotraud Wielandt: Die Aussagen des Koran zur Frage der Gewaltanwendung sind uneinheitlich. Einesteils ist deutlich, dass auch aus koranischer Sicht der Schutz des menschlichen Lebens generell ein hoher Wert ist. Es gibt eine Koranaussage, die - ich paraphrasiere jetzt – besagt: Wer einen Menschen tötet, der ist, als hätte er die ganze Menschheit getötet. Das ist eine sehr hohe Schwelle. Auf der anderen Seite wird Tötung in dem Ausnahmefall, dass jemand auf Erden Ungedeih angerichtet hat, zugelassen, also strafweises Töten. Dann fragt sich natürlich, wie definiere ich die Situation, in der nun der Fall gegeben ist, dass ich zu diesem Mittel greifen darf? Und schließlich muss man auch sagen, dass in der Sure 9, die am Schluss der Verkündigung des Propheten proklamiert worden ist, ein Aufruf zur Tötung der Polytheisten steckt, regelrecht ein Imperativ: Tötet sie, wo immer ihr sie findet!

Nun fragen natürlich auch heutige Muslime, was besagt das jetzt noch? Gilt diese Norm für uns heute noch oder nicht? Da ist der Befund also nicht eindeutig. Fest steht, und das reflektiert auch der Koran an etlichen Stellen, dass bewaffneter Kampf gegen die seinerzeit in Mekka zentrierten so genannten Ungläubigen, das heißt diejenigen, die sich noch nicht der Verkündigung des Propheten angeschlossen hatten, ein regulärer Vorgang in der Biographie des Propheten und zur Zeit seiner ersten Anhänger war. Aber wie gesagt, die Frage ist, was macht man daraus unter den heutigen Verhältnissen?

Nun war die Frage gestellt, warum schweigt die islamische Öffentlichkeit zu Gewalttaten? Man kann nicht sagen, dass sie schweigt; es hat auch Verurteilungen etwa der Geschehnisse des 11. September gegeben. Es ist außerdem völlig zu Recht darauf hingewiesen worden, dass das, was die Attentäter des 11. September getan haben, gerade kein Dschihad im klassischen islamischen Sinne war, weil nach klassischen islamischen Rechtsmaßstäben Dschihad - also der Kampf um des Glaubens willen - nur gegen Menschen geführt werden darf, die selbst Kombattanten sind, aber nicht gegen Zivilisten. Also, das Verfahren, einfach eine möglichst große Zahl von Zivilisten zu töten, um damit einen Staat zu destabilisieren, ist auch nach traditionellen islamischen Maßstäben kein Krieg um des Glaubens willen, wie die Attentäter das dargestellt haben, sondern es ist ein krimineller Akt. Insofern ist der Fall ganz klar. Nun muss ich doch allerdings sagen, dass meine Information darüber, dass es keine führenden islamischen Gelehrten gegeben habe, die Selbstmordattentate gerechtfertigt hätten, etwas anders ist. Scheich Tantawi, der Scheich al-Azhar in Ägypten, hat durchaus die Selbstmordattentate in Palästina als Dschihad bezeichnet. Das ist schon ein kritischer Punkt. Es hat eine, wenn auch begrenzte, Auseinandersetzung um diese Problematik der Gewaltanwendung zum Zweck der Erreichung bestimmter politischer Ziele vonseiten von Attentätern gegeben im innerislamischen Kontext, insbesondere aus Anlass von Attentaten, die in islamischen Ländern selbst geschehen sind und sich zum Beispiel gegen örtliche Spitzenpolitiker gerichtet haben, etwa die Ermordung Sadats. Dieses Ereignis hat eine Diskussion darüber ausgelöst, ob man so etwas tun darf oder nicht. Oder dann das Attentat gegen die Touristengruppe am Hatschepsut-Tempel - Sie erinnern sich. Da ist in Grenzen eine kritische Reflexion über die Erlaubtheit entsprechender Methoden in Gang gekommen, aber meines Erachtens noch keine hinreichend tiefgehende und auch keine hinreichend breit ausgedehnte. Wenn es dann gegen den so genannten äußeren Feind geht, scheint mir das Risiko von vornherein etwas größer, dass man sich eher weniger kritisch verhält, zumindest bis jetzt. Aber, wie gesagt, das ist noch ein offener Prozess; da muss wahrscheinlich ganz einfach noch daran gearbeitet werden.

Präsident Alois Glück: Für unsere Sicherheitsbehörden ist es ein ganz großes Problem und eine schwierige Erfahrung, dass aus dem Kreis der Muslime in Deutschland keinerlei Hinweise kommen im Hinblick auf radikale Kräfte. Es scheint, dass hier ein so hohes Maß an einer Art von Solidarität herrscht, dass, selbst wenn man persönlich damit nichts zu tun haben möchte und es auch ablehnt, die Schwelle, den deutschen Sicherheitsbehörden dafür Hinweise zu geben, offenbar sehr hoch ist.

Fragesteller: Der Islamexperte Raddatz sagt sehr provozierend, je mehr islamisch wir werden, desto islamistischer wird unser Land. Er sagt außerdem, dass die Diskussion über den Islam nicht unter Theologen geführt werden könne, sondern das müsse die Politik machen, und wir führen heute den Dialog im Bayerischen Landtag. Mir fehlt aber der Dialog im bayerischen Land. Oftmals findet die Diskussion ohne Publikum statt, und auch dieses Publikum hier ist es eine gewisse Gemeinde, die sich für das Thema interessiert. Aber das Thema ist, glaube ich, noch nicht bei den Menschen angekommen, und das ist ein Problem, das wir irgendwie lösen müssen, vielleicht auch über die Schule.

Sehr geehrter Herr Professor Şen, ich war bei einer Integrationsveranstaltung. Da war aus dem Konsulat jemand aus Ankara dabei, und die Dame hat ein neues Programm vorgestellt, dass die Türken, die in Deutschland leben, zuerst Türkisch lernen sollen und dann Deutsch. Ich weiß nicht, ob das dem Dialog dient, wenn er sprachlich nicht stattfinden kann. Ich sehe dadurch auch eine gewisse Entwicklung in Parallelgesellschaften, die die Integration immer mehr erschweren. Ich will nicht unbedingt sagen, dass die Sprache alles ist. Es gibt auch in New York China Town, Little Italy, wo teilweise auch italienisch und chinesisch gesprochen wird, aber die haben den Willen, Amerikaner zu sein, und ich sehe manchmal, dass der Wille, Deutscher zu sein oder sich mit dem deutschen System zu vereinbaren, nicht vorhanden ist.

Noch ein Thema: Manchmal hat man das Gefühl, was auch Sie, Frau Prof. Wielandt, gesagt haben, dass man sehr in der Opferrolle ist. Und ich habe die Charta von Herrn Elyas Nadeem, dem Chef des Zentralrats der Muslime, teilweise gelesen. Es gibt hier natürlich Forderungen wie lautsprecherübertragene Muezzinrufe, Beitritt in den Medienrat, Türkeibetritt und ähnliches. Ich weiß nicht, ob es notwendig ist, dass man von vornherein sehr viel fordert, und ob das den Dialog zwischen Christen und Muslimen erleichtert. Und noch ein Thema: der koeducative Unterricht, der manche deutsche Eltern vielleicht auch stört. Wenn Mädchen ausgeschlossen werden von manchen Unterrichtsarten, dann stellt sich für mich als Christen die Frage, warum nicht auch die Jungen dann ausgeschlossen werden.

Prof. Faruk Şen: Sie haben die muslimischen Gemeinden angesprochen. Sie haben Recht, am Anfang nach den Terroranschlägen in Spanien haben wenige muslimische Organisationen protestiert. Wir haben einen Aufruf gemacht und mit türkischstämmigen Migrantenorganisationen bekräftigt, dass die Muslime sich von Terrorakten distanzieren sollten. Danach haben das sehr viele Organisationen getan. Interessant ist, es gibt keine solche Tradition. Solche Akte haben in Europa und in Istanbul stattgefunden. Die islamischen Terroristen haben dafür Sorge getragen, dass bis zu 60 Leute ihr Leben verloren haben, und da ist es in der Türkei für zwei Wochen zum Stillstand gekommen. Das öffentliche Leben hat nicht mehr funktioniert. Trotzdem haben die muslimischen Organisationen weder in der Türkei noch hier protestiert. Das ist eine Tradition, die sich ändern sollte.

Kommen wir zu den Parallelgesellschaften. Dass Parallelgesellschaften existieren, das ist eine Tatsache. Aber zum Beispiel, auch wenn wir hier merken, dass es sie wirklich gibt und dass sie sehr stark abnehmen, haben über 180.000 türkische Familien ihre Häuser gekauft, und sie legen Wert darauf, dass sie die Häuser in den Stadtteilen kaufen, in denen nicht sehr viele Türken wohnen, damit die Integration klappt oder dass sie sich auch etwas von ihrem eigenen Milieu distanzieren. Aber in Schulen haben wir Probleme, ob es nun in Berlin-Kreuzberg, in Duisburg-Huckingen oder in Köln-Nippes ist, dort gibt es Schulklassen mit 70 % Türkenanteil. Das ist natürlich für die Integration und den Spracherwerb nicht förderlich. Dabei spielt natürlich eine Sache bei der dritten Generation eine Rolle. Bei den Kindern ist es eine Feststellung, dass sehr viel Heiratsmigration stattfindet, dass Ehepartner aus der Türkei geholt werden, und die können bis zu einem gewissen Zeitraum von drei bis vier Jahren hier keine Arbeit ausüben, bekommen keine Arbeitserlaubnis, bleiben zu Hause, kümmern sich um die Kindererziehung, und während dieser Zeit kommt auch der Kindergarten. Das sind die Probleme. Ich würde mir auch wünschen, dass die dritte Generation etwas mehr die deutsche Sprache lernt. Aber was die Wissenschaftlerin gesagt hat, dass die Kinder erst die Muttersprache richtig lernen sollen, ist natürlich eine Tatsache. Natürlich muss man zuerst die Muttersprache lernen, damit man dann Deutsch lernen kann. Das ist eine richtige Aussage, aber wir haben leider Gottes die Entwicklung, dass die Kinder der dritten und vierten Generation in beiden Sprachen sprachlos sind, und das soll geändert werden.

Mädchen im Schulunterricht - man hat die Mädchen mit verschiedenen Klagen vom Schwimmunterricht usw. befreit -, das ist nicht im Sinne der Integration und auch nicht im Sinne der Kinder. Ich würde mir wünschen, dass Gerichte in Deutschland nicht auf den Islam Rücksicht nehmen und dass die Kinder auch gemeinsam am Sportunterricht teilnehmen können. Bis zu einem gewissen Grad ist es auch vom Religiösen her meiner Ansicht nach kein Problem.

Fragestellerin: Ich habe nur eine Frage an Herrn Prof. Şen. Ich möchte zurückkommen auf die Frage, die in der Einladung groß herausgestellt worden ist: Sind die Prinzipien des Islam vereinbar mit unserer Verfassung? Mich würde wirklich Ihre Position dazu interessieren, als einer, der sehr lange in diesem Land lebt, der die Verfassung kennt und auch auf dem Hintergrund dessen, was Frau Prof. Wielandt gesagt hat, dass diejenigen, die den Koran traditionell auslegen, naturgemäß Schwierigkeiten haben, sich zur hiesigen Demokratie zu bekennen. Wie ist da Ihre Position?

Prof. Faruk Şen: Es gibt zwischen dem Islam und der deutschen Verfassung überhaupt keine Widersprüche. Ich glaube, wenn wir auf die türkische Verfassung sehen, die seit 1923 besteht, gibt es auch da in einigen Bereichen Probleme, auch in Bosnien. Man kann als Moslem mit unserer Verfassung hier sehr gut leben. Natürlich verurteilen wir die Aussagen von Nadeem Elyas (Zentralrat der Muslimen), der einmal in der Süddeutschen Zeitung gesagt hat, wir würden, solange wir die Minderheit sind, die Regeln der Mehrheit akzeptieren. Aber wenn wir die Mehrheit sind, wollen wir nach unseren Regeln leben. Das kann nur ihn binden, aber nicht die anderen Muslime, die 730.000 türkischstämmigen Deutschen, auch die Bosniaken würde ich dazu zählen, die überhaupt keine Probleme mit der deutschen Verfassung haben.

Präsident Alois Glück: Aber möglicherweise Muslime, die aus anderen Staaten und Prägungen kommen als aus der Türkei, wo es ja nun einen laizistischen Staat - ich weiß nicht, ob das genau richtig ist -, jedenfalls eine offizielle Trennung von Religion und Staat gibt. Ein Moslem etwa aus der arabischen Welt sieht das möglicherweise anders.

Fragesteller: Ich komme aus Erlangen und wollte einer Aussage widersprechen, über die es anscheinend Konsens auf dem Podium gibt. Und zwar etwas überspitzt formuliert: Muslime können nur von der breiten Gesellschaft akzeptiert werden, wenn sie sich von ihrer Tradition verabschieden. Ich finde diese Aussage in der Konsequenz gefährlich. Nicht aus dem Grund, weil es bedeuten würde, dass der Nachbar, der fünfmal am Tag betet, sich nicht integrieren will und dann nicht akzeptiert werden darf. In der islamischen Welt gibt es bestimmt Konsens, dass Reformen notwendig sind. - Überall in der muslimischen Welt, insbesondere in der aktuellen Diskussion um Reformen in der arabischen Welt im mittleren Osten, besteht Konsens darüber, dass Reformen gebraucht werden. Aber die Erfahrungen haben gezeigt, dass diese Reformen, wenn sie von außen diktiert werden oder von Gelehrten kommen, die unter dem Verdacht stehen, dass sie von außen beeinflusst werden, keine Akzeptanz finden. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass Reformen nur von innen akzeptiert werden. Ich möchte hier ein Beispiel aus Marokko bringen. In Marokko hat man jahrelang über Frauenrechte diskutiert. Die Leute, die mehr an die Tradition gebunden sind, waren strikt dagegen, weil sie befürchtet haben, dass sich die Laizisten durchsetzen. Auf der anderen Seite hatten die Frankophonen, also die Leute, die in Frankreich ausgebildet worden sind, auch Angst vor einer Reform, die den Traditionalisten mehr Rechte geben. Jahrelang hat sich nichts bewegt. Erst als man eine Kommission gebildet hatte und versuchte, im Konsens eine Lösung von innen zu finden, ist man vor ein paar Monaten zu einer Lösung gekommen, mit der beide Seiten zufrieden waren. Aber diese Aussage ist nicht nur aus diesem Grund - finde ich - gefährlich, auch nicht, weil ich als Moslem mich nicht damit abfinden kann, sondern weil dies als Vorbedingung verstanden werden kann für einen Dialog, der erst angefangen hat. Wir mögen uns am Ende eines Dialogs an einem Punkt treffen, wo wir sagen, ein Verständnis vom Koran oder vom Islam, der sehr an die Tradition gebunden ist, ist nicht vereinbar mit Demokratie und Verfassung. Wir können darüber einig werden, aber meiner Meinung nach müssen wir im Dialog, im Konsens zu diesem Punkt kommen, weil, solange wir eine islamische Charta als von vornherein nicht genug betrachten, gibt es keinen Raum für einen gegenseitigen Dialog, von dem beide Seiten profitieren, sondern jede Seite behält ihre Position und starrt darauf. Der Zentralrat beispielsweise denkt, wir haben etwas geleistet, wir haben ein gewisses Entgegenkommen gezeigt, und auf der anderen Seite sagt man, das ist nicht genug, wir erwarten mehr. Und in dieser Hinsicht finde ich es sehr wichtig, die Erfahrungen in der Türkei aufzuwerten. Herr Erdogan ist ein Schüler von Herrn Erbakan. Seine Frau trägt im Übrigen ein Kopftuch. Die Frau seines Außenministers trägt auch ein Kopftuch. Aber die Kommission der Europäischen Union, die die Fortschritte in der Türkei beobachtet, hat erst dieser Regierung, die mit einem islamistischen Hintergrund angetreten ist, gute Zeugnisse in Sachen Menschenrechte, Rechte der Kurden, Rechte der Frauen bescheinigt. Das ist gestern passiert, und das zeigt, dass man mit diesen so genannten Islamisten durchaus zusammenarbeiten kann.

Noch ein Kommentar: Herr Şen hat gesagt, es sei eine Tatsache, dass die Kinder erst ihre Muttersprache lernen müssen. Das finde ich richtig, aber diese Muttersprache ist Deutsch und nicht etwas anderes.

Präsident Alois Glück: Ich möchte meinerseits zwei oder drei Bemerkungen machen, und dann bitte ich die beiden Referenten, neben einer Antwort auch zu der Thematik ihrerseits noch etwas zu sagen: Was glauben Sie jeweils, was die nächsten Schritte sein sollten, auch was Politik und Staat in Deutschland tun sollten, um auf dem Weg des Miteinanders voranzukommen?

Ich möchte jetzt, bezogen auf Ihren Beitrag, zunächst vor allen Dingen sagen: Ich meine, wir müssen deutlich unterscheiden zwischen dem Anspruch auf Integration und zwischen der Rede von der Assimilation. Wir haben kein Recht, Assimilation zu verlangen, das gilt auch gegenüber anderen Zuwanderern, das heißt, dass sie ihre eigene Kultur und ihre Identität aufgeben. Das ist auch nicht notwendig. Wichtig ist im Sinne von Integration das Akzeptieren unserer Grundordnung, unserer Regeln des Zusammenlebens. Und dieses, denke ich, müssen wir sauber unterscheiden.

Das Zweite: Dass wir uns nicht missverstehen, ich habe auch das, was hier gesagt worden ist, so interpretiert, dass ein Islam, der in der traditionsgebundenen Auslegung des Koran stehen bleibt, kaum kompatibel ist mit den Ansprüchen auf Menschenrechte und Demokratie. Dass er sich vielleicht weiter entwickeln kann, und Sie haben jetzt auf die Türkei verwiesen, das ist dann eine andere Frage. Dann müssen wir aus meiner Sicht deutlich sagen, der Prüfstein ist, ob diese Weiterentwicklung erfolgt.

Prof. Rotraud Wielandt: Zunächst einmal ist es nicht gefordert, dass sich Muslime hier in Deutschland von ihrer Tradition verabschieden. Es gibt keinerlei vernünftige Einwände dagegen, dass Muslime auch im säkularen Staat zum Beispiel fünfmal täglich beten. Aber Tradition ist nichts Totes, was auf einem einmal gegebenen Status quo ganz einfach nur affirmiert und bewahrt werden müsste, und dann hätte sie ihren Dienst getan, sondern solange der Mensch lebt, definiert er sein Verständnis der eigenen Tradition eigentlich immer neu, und nur dies ist auf einem Teilgebiet dessen, was die islamische Tradition ausmacht, nämlich auf dem Gebiet des Verständnisses der Begründung von Recht - Stichwort Sharia - meines Erachtens unumgänglich, wenn man einen demokratischen und säkularen Staat bewahren möchte. Andere Elemente der islamischen Tradition werfen im Hinblick auf Demokratie keine vergleichbaren Probleme auf, und es spricht nichts dagegen, diese Elemente dann so zu bewahren. Was nun die islamische Charta betrifft: Wer den Vertretern des Zentralrats der Muslime sagt, diese islamische Charta war in diesem oder jenem Punkt nicht genug, der tut nichts anderes, als sie ernst zu nehmen und sie beim Wort zu nehmen. Sie haben nämlich selbst gesagt, sie möchten einen Diskussionsbeitrag leisten. Sie haben nicht gesagt: Dies ist jetzt die Wahrheit darüber, wie der Islam bis zum Jüngsten Tag in der Bundesrepublik Deutschland aussehen soll. Sondern Sie haben gesagt: Wir formulieren jetzt einmal das, was aus unserer Sicht zur Frage der Situation der Muslime in der Bundesrepublik und zu ihrer strukturellen und sozialen Integrierbarkeit zu sagen ist; und insofern hat der Zentralrat der Muslime seinerseits die Arena geöffnet für kritische Kommentare. Dass manche kritischen Kommentare dann weiter gegangen sind, als sich dessen Vertreter gewünscht haben, das ist sicherlich der Fall. Auf der anderen Seite ist das das Gesetz einer offenen Diskussion, wie der Zentralrat der Muslime sie selbst erklärtermaßen anschieben wollte mit diesem Papier. Es geht also nicht um ein Herummäkeln an etwas beachtenswertem Geleistetem, sondern lediglich um ein Ernstnehmen dieses Diskussionsangebots. Ich denke, insofern ist auch eine Verteidigung dessen, was da nun steht, bis in das letzte Detail hinein gar nicht das Wünschenswerte.

Ja, was sollten die nächsten Schritte sein? Ich meine, dass man sich gezielter als bisher in ein offenes Gespräch über Problempunkte begeben sollte. Zwischen verbandsgebundenen und auch nicht verbandsgebundenen Muslimen, die man meines Erachtens unbedingt einbeziehen muss, weil es nur eine Minderheit ist, die in Verbänden gebunden ist, und damit eine nicht repräsentative, und Angehörigen der deutschen Mehrheitsbevölkerung auf der anderen Seite - ich denke an eine Diskussion etwa über das Demokratieverständnis. Das ist bisher nicht ausreichend thematisch und in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert worden, meine ich.

Dann, denke ich, wäre ein sehr wichtiger nächster Schritt tatsächlich, die Erfahrungen mit dem jetzt begonnenen Probelauf etwa im Bereich des islamischen Religionsunterrichts nach dem Erlanger Modell zu evaluieren, daraus die nötigen Konsequenzen zu ziehen, gleichzeitig zu versuchen, unter Berücksichtigung dessen, was man in diesem Versuch schon erkannt hat, eine Ausbildung islamischer Religionslehrer auf den Weg zu bringen in einem etwas größeren Rahmen, und so allmählich eine systematische Erschließung dieses Feldes eines wirklichen islamischen Religionsunterrichtes – wie er später einmal im Sinne des Grundgesetzes vielleicht erteilt werden kann – voranzutreiben. Das halte ich für ganz wichtig.

Einen wichtigen nächsten Schritt würde ich auch noch finden, dass in der Bundesrepublik zwischen den hier lebenden Muslimen eine weitere und offenere Diskussion über die Frage des Verhältnisses von Religion und Gewalt begonnen und geführt wird. Da ist die Auseinandersetzung – scheint mir – noch nicht hinreichend weit gediehen, aber das kann ja noch geschehen, und Sie etwa, Herr Kollege Şen, haben das ja auch schon öffentlich angeregt, dass in dieser Richtung mehr geschehen sollte. Ich denke, auch solche Schritte der Offenheit im Umgang mit eigenen Problemen oder mit Problemen, die nun von Minderheitsgruppen verursacht werden, die die islamische Tradition für sich in Anspruch nehmen und damit in gewisser Weise eben instrumentalisieren, würde der breiteren deutschen Öffentlichkeit Vertrauen vermitteln. Das halte ich für wichtig.

Prof. Faruk Şen: Im Telegrammstil! Wir sollten wirklich nicht unser Islambild von knapp 1 % der Extremisten in Deutschland oder in Europa ableiten, denn wir haben ein Feindbild des Islam durch die Ereignisse in einigen islamischen Staaten, die ich genannt habe, von Algerien bis Afghanistan. Aber wir müssen davon ausge­hen, die meisten Muslimen sind doch kulturelle Muslime, die sich zu ihrer Religion bekennen, aber die Demokratie und Pluralismus in der Gesellschaft voll akzeptieren. Ich würde mir wünschen, dass die türkischen oder andere Organisationen sich ein­fach zur Verfassung bekennen, damit wir solche Fragen hier nicht gestellt bekommen. Ich habe das sehr begrüßt, nach dem 11. September 2001, als es gewisse Aversionen gegen Muslime hier gab, dass Johannes Rau, unser Bundespräsident, gleich ein Freitagsgebet in Moers besucht hat, und unser Parlamentspräsident Wolfgang Thierse hat bei seiner Weihnachtsrede den Islam in Europa, Euro-Islam, besonders erwähnt. Das sind meiner Ansicht nach gute Entwicklungen in der politischen Szene. Es ist auch sehr, sehr schön, dass wir an der Universität Münster jetzt endlich Lehrstühle für islamischen Religionsunterricht haben und einen Stiftungsprofessor in Frankfurt. Das soll sich etablieren, und es ist sehr wichtig, dass im Islam in Europa, Scharia, wie man das vielleicht in einigen islamischen Staaten lehrt und pflegt, keinen Platz hat. Abschließend wollte ich dem vorletzten Redner, dem türkischstämmigen jungen Mann, etwas sagen: 940.000 junge türkische Kinder gibt es, ihre Mütter sind Türkinnen. Die Muttersprache schafft man nicht ab, ihre Muttersprache wird nicht plötzlich Deutsch.

Präsident Alois Glück: Meine Damen, meine Herren, wir haben erstmals fast eine Viertelstunde überzogen, aber ich glaube, die Diskussion hat es verdient. Ich meine, es ist uns gelungen, wirklich in Offenheit einen Dialog zu führen. Dies ist in besonderer Weise unseren beiden Referenten zu verdanken. Ich danke Ihnen, Frau Professor Wielandt, sehr herzlich und Ihnen, Herr Professor Şen. Vielen herzlichen Dank!

Ihnen danke ich herzlichst fürs Hiersein, für die Disziplin bei der Diskussion und für das Interesse.

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