Bayerischer Landtag

Der Lesesaal

Der Raum im Südrisalit des Maximilianeums, der den Abgeordneten als Lesesaal dient, ist in Lage, Gestalt und Bildprogramm das Gegenstück zum Konferenzzimmer, besitzt aber im Gegensatz dazu eine vornehmere Farbfassung (goldschimmernde Felderrahmen, schwarzmarmorierte Säulenschäfte) und Spitzbögen.

Der Lesesaal | © Bildarchiv Bayerischer Landtag | Foto Rolf Poss
Der Lesesaal
Foto Rolf Poss | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Die ursprünglich die Ostseite des Lesesaals schmückenden Wandgemälde von Engelbert Seibertz (1813-1905) wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört:

- Im Zentrum eine Versammlung bedeutender Staatsmänner zur Zeit des Wiener Kongresses: Fürst Talleyrand/Frankreich, Graf Montgelas/Bayern, Fürst Hardenberg/Preußen, Fürst Metternich/Österreich und als Protokollführer im Hintergrund Hofrat von Gentz; links um die Büste von König Max I. der Verfasser der bayerischen Gesetzgebung Freiherr Wiguläus von Kreittmayr und der Staatsminister Ludwig von der Pfordten. Und rechts in der Abseite zwei nicht am Wiener Kongress Beteiligte: William Pitt, Earl of Chatham, britischer Staatsmann, der während des Siebenjährigen Krieges Friedrich d. Gr. unterstützte und die Kolonialmacht Frankreichs zerschlug, und Adam Smith, ein Wirtschaftstheoretiker und Nationalökonom, dessen Hauptthese darauf aufbaut, dass es vor allem durch die Faktoren Arbeit und freien Wettbewerb gelingt, den Volkswohlstand zu sichern.

Thema des Bildes ist die politisch-wirtschaftlich-geographische Situation zur Zeit von Max II. von Bayern. Bayern war an der Seite Napoleons zum Königreich aufgestiegen, hatte in den Befreiungskriegen ab Oktober 1813 aber gegen Napoleon gekämpft und musste auf dem Wiener Kongress das erst 1805 als Kriegsbeute angegliederte Tirol sowie Vorarlberg, Salzburg und andere Gebiete an Österreich zurückgeben bzw. abtreten. Dafür bekam es als Entschädigung die Rheinpfalz zugesprochen. In diesen Grenzen gehörte Bayern bis 1866, also über den 1864 erfolgten Tod Max II. hinaus, dem Deutschen Bund an. Das Hoheitsgebiet des Königreiches Bayern, wie es Max II. übernommen hatte, war also maßgeblich ein Ergebnis der Verhandlungen und geographischen Grenzsetzungen auf dem Wiener Kongress 1814/1815. Darauf gründete Max II. seine Herrschaft nach außen. Im Inneren beruhte sie auf der von Kreittmayr verfassten Gesetzgebung mit von der Pfordten als Staatsminister bzw. zeitweise sogar Ministerpräsident.

Alle auf dem Bild vertretenen Personen haben entweder praktisch oder theoretisch zu diesem Staatsgebilde beigetragen. Ihre Anwesenheit hatte Max II. im Künstlervertrag als programmatischen Bildbestandteil festgeschrieben. Nun hat es aber kein datierbares, historisches Zusammentreffen aller geben können, was Seibertz sehr geschickt durch die Dreiteilung des Bildraumes in drei unterschiedliche Zeiträume umsetzt: In der Mitte die Politikmacher des Wiener Kongresses, die über das Schicksal Bayerns verhandeln, links drei Politiker aus Bayern, die Wesentliches zum damaligen Status quo beigetragen haben, und rechts zwei Herren, die historische Voraussetzungen in Theorie und Praxis geschaffen haben, damit Bayern das werden konnte, was es unter Max II. war. Der Maler Seibertz schafft mit seiner Darstellung ein feines Beziehungsgeflecht, dessen Interpretation zu einer Unterrichtsstunde über bayerische Geschichte bis in die Gegenwart gerät, was der Absicht des Königs sicher sehr entgegenkam.

- Die weitere Raumausstattung unterstrich diese Gedanken: in den Bogenfeldern die Friedensgöttin, die Geschichte mit den Hilfswissenschaften Geographie und Altertumskunde sowie die Kriegsfurie.

Der Sängerwettstreit auf der Wartburg in Ölskizze von Karl Theodor von Piloty | © Bildarchiv Bayerischer Landtag | Foto Rolf Poss
Der Sängerwettstreit auf der Wartburg in Ölskizze von Karl Theodor von Piloty
Foto Rolf Poss | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Anstelle des zerstörten Wandgemäldes von Engelbert Seibertz ist heute über dem Zugang zum Plenarsaal des Landtags die Ölskizze Karl Theodor von Pilotys (1826-1886) zum Mosaik Sängerwettstreit auf der Wartburg an der Westfassade zu sehen. Das Bild vergegenwärtigt vor dem Thron des Landgrafen Hermann I. von Thüringen und seiner Gemahlin Sophie, einer Wittelsbacherin, den Wettstreit zwischen dem gelassenen, alle überragenden Epiker Wolfram von Eschenbach mit der Leier sowie einem weiteren Minnesänger (Walther von der Vogelweide?) rechts und dem erregten Gegenspieler Heinrich von Ofterdingen mit drei Zuhörern (Heinrich von Rispach, Reinmar von Zweter und Biterolf aus Stille?) links.

Kaiser Napoleon und Preußenkönig Friedrich II. den Großen | © Bildarchiv Bayerischer Landtag | Foto Rolf Poss
Kaiser Napoleon und Preußenkönig Friedrich II. den Großen
Foto Rolf Poss | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Die Standbilder des Malers Friedrich Pecht (1814-1903) von 1868 repräsentieren sechs historische Heerführer (beginnend im Nordwesten: den russischen Feldherrn Alexander v. Suwarow, den österreichischen Feldmarschall Erzherzog Karl, den preußischen Feldmarschall Gebhard von Blücher und den britischen Feldmarschall Arthur Wellesly von Wellington, die alle während der napoleonischen Zeit Siege über Frankreich errungen haben; sowie ihren Gegenspieler Kaiser Napoleon und Preußenkönig Friedrich II. den Großen). Gegenüber sind die Standbilder von sechs Staatenlenkern zu sehen (von Wilhelm III. v. Oranien; Schwedenkönig Gustav I. Wasa; den beiden französischen Ministern Richelieu und Sully; von König Alfred von England und von seinem kontinentalen Pendant, Kaiser Karl dem Großen).

Wirft der Besucher einen Blick aus dem Fenster, wird für ihn etwas von der Vision wirklich, die Ministerpräsident Ludwig v. d. Pfordten anlässlich der Grundsteinlegung des Gebäudes 1857 aussprach: So werden dessen Bewohner unberührt von dem Lärm der Straßen sich doch in naher Verbindung mit der Hauptstadt finden. Ihr Auge wird täglich auf dem Schauplatz der glorreichen Geschichte des Vaterlandes ruhen, so wie die inneren Hallen des Maximilianeums die wichtigsten Taten der Weltgeschichte in großen Bildern vor die Seele führen sollen.

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