Bayerischer Landtag

17.11.2013 - Barbara Stamm: 50 Jahre Wiedereröffnung Nationaltheater München

Sehr geehrter Herr Staatsintendant,
sehr geehrter Herr Staatsminister,
sehr geehrte Gäste!

Wir neigen wohl alle ein wenig dazu, was gegeben ist, für selbstverständlich zu halten. Das ist es aber nicht. Dieses Haus ist es auch nicht. Zwei Mal musste es wieder aufgebaut werden. Der zweite Schlag war wohl der schwerere: die Bombardierung am 3. Oktober 1943. An einem Tag also, der heute der Deutschen Einheit gewidmet ist. Das ist Zufall. Genauso wie es Zufall ist, dass dieser Festakt auf den Volkstrauertag fällt, an dem wir der Opfer von Krieg und Gewalt gedenken.

Krieg und Gewalt haben auch dieses Opernhaus zerstört. Das sollte uns selbst 70 Jahre danach noch eine Mahnung sein.

Vor 50 Jahren herrschte hier aber vor allem eines: gespannte Erwartung und Freude. Freude darüber, dass das Nationaltheater wieder auferstanden war.

Auf dem Programm der ersten und zweiten Festvorstellung standen Werke von Strauss und Wagner. Das tun sie bei diesem Festakt auch. Nur werden die beiden heute von Mozart eingerahmt, der für München seinerzeit bekanntlich nicht verpflichtet werden konnte, weil - wie man heute sagen würde - keine Planstelle frei war.

Nun, die Mittel für den Wiederaufbau dieses Hauses waren zunächst auch nicht eingeplant; sie wurden in Reserve gehalten. Doch eine frühe Bürgerinitiative hat mit dafür gesorgt, dass sie eingeplant werden mussten. Der Bayerische Landtag hat sie schließlich bewilligt. Und als seine derzeitige Präsidentin und Opernliebhaberin schätze ich mich glücklich, dass er es getan hat.

Der Landtag war sich bewusst, dass Bayern ein Kulturstaat ist. Bayern ist aber auch ein Sozialstaat. Beides gehört zusammen. Beides sind Prinzipien. Denn nur wenn alle an der Kultur teilhaben können, wird sie auch von allen, also von der gesamten Gesellschaft, getragen.

Mit der Reihe „Oper für alle“ tut dieses Haus dafür sehr viel. Und ich verhehle nicht, dass mir jedes Mal das Herz aufgeht, wenn ich den Max-Joseph-Platz an einem schönen warmen Sommerabend voll von opernbegeisterten Menschen sehe. Dann spüre ich, dass die Oper nicht nur die Stadt München, sondern auch die Augen der Menschen zum Leuchten bringt.

Den glanzvolleren Rahmen dafür bietet natürlich das Nationaltheater selbst: mit seiner großartigen Tradition, mit seiner Pracht und seiner Präsentation erlesenen Geschmacks. Durch ihn wird Oper auch atmosphärisch zu einen Fest der Kunst, das sich einprägt und das lange nachwirkt:

• Hier haben bahnbrechende Inszenierungen und Uraufführungen stattgefunden
• hier haben große Künstlerinnen und Künstler ihr Bestes gegeben
• hier haben Karrieren, haben Weltkarrieren ihren Anfang genommen
• hier haben Bühnenbildner, Kostümbildner, Dramaturgen und Regisseure mit Kreativität überzeugt.

Dieses Haus hat Strahlkraft: auf Deutschland, auf Europa und auf die Welt. Und in der Welt der Oper ist es eine Institution.

Unter seinem Dach findet sich aber noch etwas anderes Strahlkräftiges: das Staatsballett. Im Lauf der Jahre ist es zur führenden Tanz-Formation in Deutschland geworden. Ob moderner Tanz oder klassisches Handlungsballett: Es zeigt Bewegungskunst auf höchstem Niveau. Und seine tänzerische Qualität ist einfach hinreißend.

Beide, die Oper und das Ballett, geben uns einen Mehrwert an Lebensqualität, den wir als Live-Erlebnis umso dringender brauchen, je mehr uns der Alltag den Traum vom großen Gefühl verwehrt.

„Der Mensch, wenn er wahr singt, singt vom Elementaren, von dem, was er fürchtet, von dem, worum er am meisten bangt.“

So hat es der Musikwissenschaftler Holger Noltze in seinem Buch „Liebestod. Wagner. Verdi. Wir“ formuliert. Und ich denke, er hat Recht.

Ich selbst habe den Zugang zur Oper leider erst im Erwachsenenalter gefunden. Deshalb finde ich es ganz großartig, dass dieses Haus im Rahmen von Familienvorstellungen Spiel-Opern und Spiel-Ballette anbietet.

Kinder sind ja besonders sensibel und aufnahmefähig - gerade für Musik und Schau-Spiel. Man muss sie nur mit Geschick und Geduld heranführen. Meistens gelingt das auch. Denn die Oper hat ja etwas, was Kinder fasziniert. Sie ist märchenhaft; sie ist geheimnisvoll. Und sie ist interessant - auch für ein junges Publikum, das den elementaren Fragen des Lebens nicht ausweicht.

Es gibt ja das gleichnamige Programm. Und es gibt die Möglichkeit, für einen Monat jeden Abend zu äußerst günstigen Konditionen ins Nationaltheater zu gehen.

Dort können junge Menschen dann Räume öffnen für Fantasie, für Utopie, für Träume und für Sehnsucht. Und sie können erleben, dass Glück und Freude beim Schauen und Hören sehr viel mehr bedeuten als Unterhaltung und Spaß.

Die Bayerische Staatsoper bietet dieses außergewöhnliche Erlebnis. Sie hat hier in den vergangenen 50 Jahren Erfolgsgeschichte geschrieben. Einmalige 40 Prozent des Budgets werden an der Kasse eingespielt - von all jenen also, denen die Oper ans Herz gewachsen ist.

Oder um es mit Ihren Worten, sehr geehrter Herr Staatsintendant, zu sagen: „Das Publikum ist fantastisch. Es ist dafür, es ist dagegen, es diskutiert - und es kommt wieder.“

Allen, die zu dieser so erfreulichen Bilanz beigetragen haben, danke ich von ganzem Herzen. Und dem Haus wünsche ich auch in Zukunft den Erfolg, der es zu einer der ersten Adressen in Europa und der Welt gemacht hat.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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