Bayerischer Landtag

31.07.2016 - Ansprache beim Trauerakt zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufs vom 22. Juli 2016 in München

Verehrte Angehörige!
Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Herr Bundesratspräsident!
Herr Bundestags-Vizepräsident!
Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts!
Herr Ministerpräsident!
Herr Oberbürgermeister der Landeshauptstadt!
Hochverehrte Trauerversammlung!

Nach dem Gedenkgottesdienst im Dom, bei dem Sie, Herr Kardinal, und Sie, Herr Landesbischof, bewegende Worte gefunden haben, danke ich Ihnen, dass Sie alle in diesen schweren Stunden nun auch hier sind.

Wir sind heute vereint, um gemeinsam innezuhalten.
Man mag sich keinen schlimmeren Anlass vorstellen, um zusammenzutreffen. Und dennoch tut es gut, dass Sie alle gekommen sind. Ich begrüße Sie zu dieser Gedenkstunde hier im Bayerischen Landtag.

Nach der Schreckensnacht des 22. Juli waren sich der Ministerpräsident des Freistaats Bayern, der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München und wir hier im Bayerischen Landtag schnell einig:
Wir wollen und wir müssen miteinander ein Zeichen setzen! Ein Zeichen der Trauer und des Gedenkens. Ein Zeichen gegen menschenverachtende Gewalt. Und, ja, auch ein Zeichen des Dankes und – trotz allem – ein Zeichen der Hoffnung.

Wir trauern mit den Eltern, den Geschwistern und allen Angehörigen, die ihr Liebstes verloren haben.
Wir trauern um die, die nie mehr zu ihren Familien und Freunden zurückkehren werden.
Wir wollen Ihnen heute sagen: Sie sind nicht allein.
Wir sind bei Ihnen, und wir sind mit Ihnen.

Ich weiß: Niemand kann den Schmerz lindern, den Sie empfinden. Aber unsere Gedanken und Gebete sind bei Ihnen. Dabei spreche ich für viele, viele Menschen in Bayern, Deutschland und weit darüber hinaus. Wir fühlen mit Ihnen. Wir alle wollen die Schwere der Last mit Ihnen gemeinsam tragen.

Wir denken auch an die Menschen, die die schreckliche Gewalttat mit zum Teil schwersten Verletzungen überlebt haben.
Wir hoffen, dass Sie nach Ihrer Genesung möglichst bald wieder in ihr bisheriges Leben zurückkehren können.

Was an jenem Freitagabend geschehen ist, lässt uns sprachlos zurück.
Ein junger Mann verübt ein entsetzliches Verbrechen. Er reißt durch seine Tat neun Menschen aus ihrem Leben. Vor allem junge Menschen, die doch noch so viel vor sich hatten: Träume, Hoffnungen, die ganze Zukunft.

Die quälende Frage nach dem „Warum?“ wird uns noch lange beschäftigen. Und sie wird kaum zu beantworten sein.
Es ist für uns alle einfach unbegreiflich.
Das ist ein Teil des Schmerzes, den wir empfinden – auch im Blick auf das, was in Würzburg und Ansbach Unvorstellbares geschehen ist. Und auch mit Blick auf all die schrecklichen Meldungen, die uns beinahe täglich erreichen.

Die Gründe für diese entsetzlichen Gewalttaten mögen unterschiedlich sein. Aber sie alle führen uns schmerzhaft vor Augen, wie verletzlich, wie zerbrechlich und wie kostbar unser Leben ist.
Das Gefühl von Sicherheit, mit dem wir jeden Tag zur Arbeit, in die Schule oder zum Einkaufen gehen – dieses Gefühl wurde in den vergangenen Tagen und Wochen bis ins Innerste erschüttert.

Aber wir haben auch erlebt, wie eng das Miteinander und wie groß die Hilfsbereitschaft der Menschen in dieser Stadt und in unserem Land sind.

Zahlreiche Münchnerinnen und Münchner haben – einmal mehr! – nicht nur ihre Türen, sondern auch ihre Herzen geöffnet: Ihre Herzen geöffnet für andere, unbekannte Menschen, die mitten in der Stadt gestrandet waren und nicht mehr weiter konnten.
In einer Nacht, in der viele verstörende, ja beängstigende Meldungen die Runde machten, waren diese Gesten der reinen Menschlichkeit und des Vertrauens, ja des Gottvertrauens, umso wertvoller.

München hat Herz gezeigt. Die Bürgergesellschaft hat Bestand und sie gibt Halt.

Wir müssen, und wir werden weiter zusammenstehen. Unsere Werte sind unverrückbar. Es wird niemandem gelingen, Frieden, Freiheit, Toleranz und Menschenwürde als die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens zu erschüttern. Gegen alle, die diese Werte mit Füßen treten, werden wir uns mit allen Mitteln des Rechtsstaats entschieden zur Wehr setzen. Wir brauchen einen starken Staat – einen starken Staat, der unsere Freiheit schützt. Darin sind wir uns über alle Parteien, über alle Religionen und über alle Nationalitäten hinweg einig.

Dabei müssen wir uns auch kritische Fragen stellen:
Wo müssen wir als Gesellschaft mehr Verantwortung übernehmen?
Wie können wir verhindern, dass junge Menschen empfänglich werden für Hass und Gewalt? Für entsetzliche Ideologien, die Ausgrenzung und Menschenverachtung predigen?
Ich glaube, es ist unsere gemeinsame Verpflichtung, darauf Antworten zu finden und auch entsprechend zu handeln. Denn unabhängig davon, welche perfiden Motive hinter diesen so entsetzlichen Gewalttaten stehen: Klar ist, dass wir alle gemeinsam als Gesellschaft getroffen wurden – und dass wir nun zusammenstehen müssen.

Vertrauen wir darauf, dass uns dies auch in Zukunft gelingt.
Jede freiheitliche Gesellschaft ist verwundbar. Aber unsere Stärke ist der Zusammenhalt. Der Zusammenhalt in einer Gemeinschaft, aus der niemand ausgeschlossen werden darf.
Wenn wir zusammenhalten, stärken wir uns gegenseitig.
Wenn wir zusammenhalten, dann schaffen wir auch Sicherheit. Ohne Sicherheit kann es keine Freiheit geben.
Deshalb müssen wir, die wir in der politischen Verantwortung stehen, alles dafür tun, damit sich die Menschen in unserem Land wieder sicher fühlen und ihr Leben ohne Angst gestalten können.

Vertrauen können wir dabei auf unsere Sicherheitskräfte. Sie haben in der Nacht des Amoklaufs und darüber hinaus Großartiges geleistet: Die Polizei und alle vor Ort tätigen Einsatzkräfte, die Notfall-Seelsorger und Krisen-Interventions-Teams, die Rettungskräfte, die Notärzte und die vielen Helferinnen und Helfer, die sich in den Kliniken bereithielten.

Unser Dank und unser größter Respekt gilt vor allem den Frauen und Männern der Polizei. Viele von Ihnen mussten sich selbst in höchste Gefahr begeben, um anderen zu helfen. Gerade durch Ihren Mut und Ihren hochprofessionellen Einsatz haben Sie Ruhe verbreitet und noch Schlimmeres verhindert.
Sie alle taten sachkundig und besonnen genau das, was sie zuvor schon oft erprobt hatten – immer in der Hoffnung, dass der Ernstfall niemals eintreten möge.
Für dieses vorbildliche und aufopferungsvolle Handeln im Dienste der Gemeinschaft sprechen wir allen Einsatzkräften unsere Anerkennung und unseren herzlichen Dank aus – unseren herzlichen Dank für den Einsatz in einer Nacht, in der so Vieles ins Wanken geraten war.


Ein amerikanischer Schriftsteller hat einmal geschrieben:

„Da ist ein Land der Lebenden
und ein Land der Toten.
Und die Brücke zwischen Ihnen ist die Liebe
– das einzig Bleibende,
der einzige Sinn“.


Liebe Angehörige,
heute ist die Trauer zu dunkel, um das Licht der Hoffnung am Horizont zu sehen.
Vor Ihnen liegt ein langer und schwieriger Weg.
Aber Sie sind auf diesem Weg nicht allein.
Wir sind an Ihrer Seite und wünschen Ihnen von ganzem Herzen Kraft, Zuversicht und Gottes Hilfe.


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