Bayerischer Landtag

25.01.2016 - Barbara Stamm: Gedenkwort zum Holocaustgedenktag 2016

Sehr verehrte Überlebende,
meine sehr geehrten Damen und Herren.

Der frühere Bundespräsident Roman Herzog erklärte den 27. Januar zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Das ist heuer genau 20 Jahre her. Schon damals wurde eine kritische Frage gestellt, die uns auch heute immer wieder begegnet: Kann ein offizielles Gedenken, kann ein Gedenk-Akt tatsächlich mehr sein als ein leeres Ritual?

Anrede
Ich denke, wir spüren heute, dass das sehr wohl möglich ist.

Wir spüren das, wenn wir den Schülerinnen und Schülern zuhören, die uns ihre Projekte vorstellen. Projekte, die mit großem Einfühlungsvermögen zurückschauen und die in die Zukunft wirken. Herzlichen Dank dafür, auch dafür, dass wir heute hier bei Ihnen im Kinderkompetenz-Zentrum Hersbruck sein dürfen.
Und wir spüren das ganz besonders, wenn wir im Gespräch sein können mit Zeitzeugen.

Lieber Herr Bocchetta [Ausspr.: Bo-Ketta], ich darf Sie heute stellvertretend für alle sehr herzlich begrüßen. Ich weiß, dass der Blick zurück für Sie alle immer mit viel Schmerz verbunden ist. Es kostet Kraft, dahin zurückzukehren, wo man so sehr gelitten hat. Umso dankbarer sind wir dafür, Ihnen zuhören zu dürfen.

Anrede
Auschwitz steht als Symbol für ein unfassbares Verbrechen. Der Massenmord der Nationalsozialisten war etwas so „Einmaliges, dass es menschliches Vorstellungsvermögen übersteigt“ – so formulierte es Ernst Cramer, der das KZ Buchenwald überlebte.

Und doch ist das Unvorstellbare geschehen.

Nicht nur in Auschwitz, Buchenwald oder Dachau. Das Konzentrationslager Flossenbürg etwa hatte 83 Außenlager, eines davon hier in Hersbruck und Happurg. Alleine hier sind zwischen 4.000 und 5.000 Menschen zu Tode gekommen.
Vieles geschah damals auf offener Straße. Man konnte davon im Radio hören und in der Zeitung lesen. In kleinen Schritten erst wurden Menschen gedemütigt, entrechtet, gequält – und am Ende in unvorstellbar großer Zahl gefoltert und ermordet.

Ihrer gedenken wir heute:
•    Der jüdischen Männer, Frauen und Kinder
•    Der Sinti und der Roma,
•    Der Menschen mit Behinderungen.
•    Wir gedenken der aus politischen oder religiösen Motiven Verfolgten,
•    Der Homosexuellen,
•    Und all der Männer, Frauen und Kinder, die Opfer des NS-Regimes und des von Deutschland ausgegangenen Vernichtungskriegs wurden.


Wir Deutsche sind verbunden mit dieser unserer Geschichte, und wir tragen mitunter schwer an ihr – an Tagen wie diesem spüren wir das besonders.
Als Nachgeborene sind wir nicht verantwortlich für das, was geschehen ist.
Aber wir sind sehr wohl verantwortlich dafür, die Erinnerung zu bewahren. Dies schulden wir den Opfern – wenigstens das.

Und wir schulden es unserer gemeinsamen Verantwortung für die Gegenwart und für die Zukunft.

Jack Terry – auch er Überlebender des Konzentrationslagers Flossenbürg – hat einmal die Frage gestellt, ob es denn überhaupt möglich sei, die schrecklichen Erlebnisse weiterzugeben, die die Häftlinge erleiden mussten.

Jack Terry verneint diese Frage. Aber er sagt auch – Zitat: „Was vermittelt werden kann, ist das, was wir aus unseren Erfahrungen gefolgert haben: Wie kostbar die Freiheit ist.“

Anrede
Lassen Sie uns diese Freiheit gemeinsam bewahren und verteidigen.

Auf den so bitteren Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs ist ein Europa entstanden, in dem Frieden, Freundschaft und gegenseitiger Respekt die Beziehungen prägen. Wie wertvoll dies ist, sollten wir uns gerade in diesen schwierigen Zeiten wieder mehr bewusst machen.

Aus den so bitteren Erfahrungen der Shoa haben wir gelernt und wichtige Schlüsse gezogen. Es ist ein Grundgesetz entstanden, das Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte hochhält. Ein Grundgesetz mit dem alles entscheidenden Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Wir müssen dafür Sorge tragen, dass diese Errungenschaften erhalten bleiben. Dafür brauchen wir ganz besonders das Engagement der jungen Generation. Liebe Schülerinnen und Schüler: Auf Euch kommt es an.

Wie wichtig es ist, an all das zu erinnern, das sehen wir gerade in diesen Tagen. Ideologische Verblendung, Intoleranz, die Verweigerung von elementaren Menschenrechten können und wollen wir nach den furchtbaren Erfahrungen unserer Geschichte nicht dulden.

Menschenrechte sind nicht teil- oder verhandelbar.
Auch daran soll uns der heutige Gedenkakt erinnern.

Ich danke Ihnen.

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