Bayerischer Landtag

Barbara Stamm: Gedenkworte anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Nationalsozialismus (zu Ehren der im Kampf gefallenen jüdischen Soldaten)

Sehr geehrter Herr Staatsminister Dr. Spaenle,
sehr geehrte Frau Präsidentin Dr. Knobloch,
sehr geehrter Herr Dr. Roth,
sehr geehrte Veteranen,
sehr geehrte Damen und Herren,

am morgigen Freitag jährt sich das Kriegsende in Europa zum 70. Mal. Mit dem 8. Mai 1945 endeten ein fürchterlicher Krieg und die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten, die so viel Unrecht und Leid über die Menschen und Völker gebracht hatten. Vor 70 Jahren schwiegen endlich die Waffen nach einem unerbittlich geführten Krieg, der nicht nur Millionen Soldaten, sondern auch Millionen Zivilisten das Leben gekostet hatte, der zigtausende Kinder zu Waisen und Zahllose durch schwere Verletzungen oder Traumata für ihr Leben gezeichnet hatte.

Eine Diktatur wurde besiegt, deren Untaten das Vertrauen in die Menschlichkeit nachhaltig erschüttert hatte. Mit der Verfolgung und der Ermordung der Juden hatte das NS-Regime einen in der Geschichte nicht dagewesenen Völkermord begangen.

Viele Millionen Soldaten auf Seiten der Alliierten kämpften während des 2. Weltkriegs gegen Faschismus und Nationalsozialismus in Europa. Sie setzten ihr Leben ein für die Wiederherstellung des Friedens und für Freiheit und Demokratie, unter ihnen viele Juden. Allein in der Armee der Sowjetunion und der amerikanischen Armee waren es jeweils über eine halbe Million.

Heute gedenken wir aller jüdischen Soldaten, die bei ihrem Einsatz gegen den Nationalsozialismus ihr Leben verloren.

Viele von ihnen mussten neben dem Grauen des Krieges unfassbares Leid ertragen, wenn sie auf dem Feld erfuhren, dass Familienmitglieder oder Freunde von den Deutschen ermordet wurden. Briefe, die sie von der Front verschickten, sind ein erschütterndes Zeugnis ihrer schrecklichen Lage.

Der jüdische Soldat Peretz Lewin schrieb an seine Freunde:

„Ich hörte die Geschichte eines 19-jährigen Jungen, der die Stimme eines alten Mannes hatte. Er erzählte mir, dass die Nazis meine Familie am 3. Juni 1942 ermordet haben. […] Sie töteten meine Mutter, meinen Bruder, meine Frau und meinen Sohn. […] Es ist mir schwer. Ich muss alles irgendjemandem mitteilen. Ich habe keine einzige nahestehende Seele […].“

Was Peretz Levin an der Front in Sorge und Trauer um seine Angehörigen erlitten haben muss, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Er erlebte das Ende des Krieges nicht. Er fiel am 8. Februar 1945 in Ostpreußen als Soldat der Roten Armee. Ein Schicksal unter Unzähligen.

Anrede
Erinnern bedeutet, sich zu vergegenwärtigen, was einst geschah. Es bedeutet aber auch, sich der Verpflichtung zu stellen, die sich aus dem damaligen Geschehen ergibt. Denn was während des Zweiten Weltkriegs von Deutschen und in deutschem Namen verübt wurde, löst in uns Trauer und Beschämung aus. Es bleibt unfassbar, was Menschen anderen Menschen antun konnten.
Wir müssen uns unserer Verantwortung stellen, uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen und die richtigen Lehren für die Zukunft ziehen. Dabei kommt es besonders auf unsere jungen Menschen an. Sie werden unsere Gesellschaft künftig prägen und in der Zukunft die Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben in gegenseitiger Achtung und Toleranz schaffen. Es ist an uns, die junge Generation dabei nach Kräften zu unterstützen.

Wir müssen stets wachsam und achtsam sein, damit rassistisches und antisemitisches Gedankengut keinen Platz in unserer Gesellschaft hat. Lassen Sie uns eng zusammenstehen, lassen Sie uns gemeinsam unsere Werte verteidigen, lassen Sie uns das „Nie wieder!“ in unserem Alltag leben.
Im Rückblick auf den 8. Mai können wir sehen, wie wertvoll Freiheit und Demokratie, Frieden und die Wahrung der Menschenrechte sind. Wir wissen aber auch, dass sie nicht selbstverständlich sind. Es bleibt unsere Aufgabe, immer aufs Neue für sie einzutreten. Das sind wir den Opfern, das sind wir unseren Kindern und Enkeln schuldig.

Seitenanfang