Bayerischer Landtag

Barbara Stamm: Grußwort zum 70-jähriges Bestehen des jüdischen DP-Lagers Föhrenwald bei Wolfratshausen

Sehr geehrte Frau Präsidentin Dr. Knobloch,
sehr geehrter Herr Dr. Mannheimer,
sehr geehrte Frau Dr. Salamander,
sehr geehrte Frau Dr. Krafft,
sehr geehrte Damen und Herren,

vor rund fünf Monaten jährte sich das Kriegsende in Europa zum 70. Mal. Am 8. Mai 1945 ging ein Krieg zu Ende, durch den Millionen Menschen ihr Leben verloren haben. Deutschland wurde von der nationalsozialistischen Diktatur befreit, unter deren Herrschaft unvorstellbare Verbrechen begangen wurden. Menschen wurden verfolgt und ermordet, nur weil sie nicht den Vorstellungen der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen. Die Täter überschritten in ihrem Rasse- und Größenwahn jegliche Grenzen von Gesetz und Moral und begingen einen Zivilisationsbruch, der uns heute noch fassungslos macht.

Sehr geehrter, lieber Herr Dr. Mannheimer, Sie haben einmal gesagt:
„Nur wer Erinnerung hat, hat auch Zukunft und Hoffnung.“

Das wird uns gerade hier und heute bewusst, wo wir zusammengekommen sind, um uns zu erinnern und in die Zukunft zu blicken. Denn das Wissen um die Vergangenheit prägt unsere eigene Haltung und wird unser künftiges Handeln bestimmen.

In den letzten Jahren beobachten wir, dass sich die Gedenk- und Erinnerungskultur verändert. Über lange Jahre hinweg haben uns Zeitzeugen ganz unmittelbar geschildert, was sie gesehen und erlebt haben. Mit ihren Zeugnissen haben sie zahlreiche Menschen, gerade auch viele Jugendliche, bewegt. Und wir sind ihnen zu großem Dank verpflichtet. Ihre Einzelschicksale haben das namenlose Leid fassbarer gemacht.

Mittlerweile können wir kaum noch Zeitzeugen befragen. Umso wichtiger werden neue Wege, die eine Begegnung mit unserer Vergangenheit auch künftig möglich machen. Wir sind es den Opfern schuldig, alles zu tun, um die Erinnerung wachzuhalten.

Dabei kommt Orten, an denen unsere Geschichte in besonderer Weise präsent ist, große Bedeutung zu. Waldram ist so ein Ort:

In der nationalsozialistischen Mustersiedlung „Föhrenwald“ lebten dienstverpflichtete deutsche Arbeitskräfte und ausländische Zwangsarbeiter vor allem aus den besetzten Gebieten Frankreichs und Osteuropas. Danach wurden hier Überlebende aus den Konzentrationslagern unmittelbar nach ihrer Befreiung untergebracht und versorgt.

Nach Kriegsende wurde die Siedlung zu einem der größten Lager, in dem Juden lebten, die durch ihre Verfolgung heimat- und staatenlos geworden waren. Viele warteten hier auf ihre Ausreise nach Israel oder in ein anderes Land, in dem sie ein neues Leben beginnen konnten. Ende der Fünfzigerjahre verließen die letzten von ihnen das Lager.

1955 kaufte das Katholische Siedlungs- und Wohnungsbauwerk das Areal für heimatvertriebene, meist kinderreiche katholische Familien aus Siebenbürgen, dem Sudetenland, aus Polen oder Ungarn. Viele von ihnen oder ihre Nachfahren leben bis heute hier.

Waldram-Föhrenwald steht damit in vieler Hinsicht für die Geschichte unseres Landes im 20. Jahrhundert und beispielhaft für die Folgen der NS-Verbrechen.

Anrede
Unsere Geschichte hat uns damit ein schweres Erbe auferlegt – ein Erbe, das Verpflichtung und Verantwortung für alle kommenden Generationen bedeutet. Wenn wir dieser Verantwortung gerecht werden wollen, dürfen wir nicht nachlassen, unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat engagiert zu verteidigen. Wir müssen die Rechte jedes einzelnen schützen und jede Art von Menschenrechtsverletzungen konsequent bekämpfen. Der Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz ist für eine demokratische Gesellschaft ein ständiger Auftrag.
Aus dem Gedenken des heutigen Tages ergibt sich aber auch die Verantwortung für den Erhalt des Friedens. Gerade die letzten Wochen und Monate haben uns regelmäßig daran erinnert, wie zerbrechlich der Frieden ist – in Europa und auf anderen Kontinenten. Und die große Zahl an Flüchtlingen, die uns in den letzten Wochen und Monaten erreicht hat, führt uns die Auswirkungen des Krieges in ihrer ganzen Tragik überdeutlich vor Augen.

Unsere Gesellschaft muss das Bewusstsein für unsere besondere Verantwortung an künftige Generationen weitertragen. Dafür brauchen wir historische Bildungs- und Erinnerungsarbeit, damit junge Menschen Geschichtsbewusstsein entwickeln. Das kann nur geschehen über eine lebendige Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit.

Aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen wertvolle Beiträge und Anregungen für die Bewahrung und die Auseinandersetzung mit unserem historischen Erbe. Dem Bayerischen Landtag und mir ganz persönlich ist es ein Herzensanliegen, diese aufzugreifen und ihnen die größtmögliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Darum habe ich gerne zugesagt, die Schirmherrschaft über die heutige Veranstaltung zu übernehmen.

Sehr geehrte Frau Dr. Krafft, ich danke Ihnen und allen, die sich mit Ihnen engagieren, ganz herzlich für Ihre großartige Arbeit. Mit Ihrem Verein „Bürger fürs BADEHAUS Waldram-Föhrenwald“ setzen Sie sich dafür ein, dieses historisch in so vieler Hinsicht bedeutende Gebäude zu erhalten und zu einem Erinnerungsort für kommende Generationen zu machen. Mit Ihrem ehrenamtlichen Engagement leben Sie Geschichtsbewusstsein und bürgerschaftliche Verantwortung. Sie leisten Großartiges für den Erhalt unseres historischen Erbes.

Denn wie Goethe einmal so treffend gesagt hat: „Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist.“

In diesem Sinne kann ich an Ihren Verein nur die Bitte richten: Machen Sie weiter so. Tragen Sie zur Bewahrung dieser wichtigen Zeugnisse unserer jüngeren Geschichte bei. Nur dann wird sich das Geschehene in unserem Bewusstsein verankern und uns dauerhafte Mahnung sein können.



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