Bayerischer Landtag

20.11.2016 - Barbara Stamm: Rede beim 29. Landvolktag der Katholischen Landvolkbewegung Friedberg


Sehr geehrte Frau Mahl,
sehr geehrte Mitglieder des Landvolks Friedberg,
lieber Kollege Peter Tomaschko,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich ganz besonders, heute hier zu sein, um gemeinsam mit Ihnen diesen festlichen Tag zu feiern und über ein Thema zu sprechen, das nicht nur Ihnen, sondern auch mir sehr am Herzen liegt: Die Wertschätzung des Menschen in der Arbeitswelt.

Seit vielen Jahren engagieren Sie sich dafür, christliche Werte nicht nur im privaten Bereich, sondern auch in der Arbeitswelt zu leben. Glaube bedeutet für Sie, Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für Ihr Umfeld zu übernehmen. Sie alle sind Mitglied in einer Organisation, die sich dem Menschen zuwendet, die sich Gedanken macht über das soziale Miteinander in unserer Gesellschaft und die sich mit drängenden Fragen unserer Gegenwart beschäftigt. Mutig, engagiert und mit Herzblut setzen Sie sich als Sprecher für religiöse, kulturelle, soziale und berufliche Anliegen der Menschen auf dem Land ein. Die Kraft hierfür schöpfen Sie aus Ihrem Glauben. Er ist ihre gemeinsame Basis und er bietet Ihnen Orientierung für Ihr beeindruckendes Engagement.

Anrede
Wer gesellschaftliche Veränderungen erreichen will, braucht aber nicht nur ethische Maßstäbe, er braucht auch Kenntnisse und Einblicke in sozialpolitische und gesellschaftliche Vorgänge. Darum legen Sie in Ihrer Gruppe so großen Wert auf Bildungsarbeit. In zahlreichen Seminaren, Vorträgen und Diskussionen setzen Sie sich mit den aktuellen Fragen und Entwicklungen unserer Gesellschaft auseinander. Oftmals legen Sie den Finger in die Wunde und machen immer wieder auf die Bedeutung von Gerechtigkeit, Solidarität und einer nachhaltigen Entwicklung aufmerksam. Und Sie geben entscheidende Impulse, dass anstelle eines entfesselten Marktes die Grundsätze der katholischen Soziallehre gehört, verstanden und befolgt werden.

Einer der Wortführer der Arbeiterbewegung, Ferdinand Lassalle, sagte im 19. Jahrhundert einmal:
„Die Arbeiter sind der Fels, auf dem die Kirche der Zukunft aufgebaut wird.“

Neben dem Glauben ist sicherlich die Demokratie unser Fundament, auf das wir bauen. Und tatsächlich ist mit der Geschichte der Arbeiterbewegung auch die Geschichte der deutschen Demokratie verknüpft: Die Organisation der Arbeiterbewegung war ein wichtiger Faktor auf dem Weg zu Mitbestimmung und Mitregierung der Arbeiterklasse und benachteiligter Schichten insgesamt.

Und in den zurückliegenden Jahrzehnten wurde für die Interessen der Arbeitnehmerschaft viel erreicht: von kürzeren Arbeitszeiten über die soziale Absicherung bis hin zu besseren Arbeitsbedingungen. Vollkommen gleich und gerecht sind die Bedingungen sicher noch lange nicht, aber wir sind auf einem guten Weg. Doch auch die Herausforderungen ändern sich mit der Zeit: Heute haben wir mit der Digitalisierung oder der Industrie 4.0 neue Aufgabenstellungen, die es zu bewältigen gibt – ich werde später noch einmal darauf eingehen.

Anrede
Gut ist, dass vielerorts der soziale Dialog geführt wird und dass in vielen Städten und Gemeinden für ein familienfreundliches Klima gesorgt wird. Denn die Familien sind es, die unserem Land eine Zukunft garantieren. Hierfür brauchen wir entsprechend gestaltete Wohn- und Lebensverhältnisse, aber auch Arbeitsverhältnisse, die sich familienfreundlich gestalten lassen. Denn nur so können wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter voranbringen.

Gut ist auch, dass viele Arbeitgeber mittlerweile eine flexible Berufsausübung ermöglichen. Wir brauchen aber im Gegenzug noch mehr Wertschätzung auch für die Leistung derjenigen, die zu Hause bleiben und hier ihren Teil zum Gelingen unserer Gesellschaft beitragen. Ich denke dabei zum Beispiel an die Erziehung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen. Das ist ebenso Arbeit – und in den meisten Fällen unbezahlt.  
Hier müssen wir uns bewusst machen: Ob geistige Arbeit oder körperliche Arbeit – neben dem Beruf, der unseren Lebensunterhalt sicherstellt, gibt es noch diejenige Arbeit, die nicht für Lohn und Brot sorgt, aber ohne die es auch nicht geht. Denken Sie an die unzähligen Ehrenamtlichen, die so vieles leisten, ohne dafür bezahlt zu werden. Ich finde: Wir brauchen Wertschätzung für Menschen in der Arbeitswelt, für all diejenigen, die arbeiten – ebenso wie für diejenigen, die Arbeitsplätze schaffen, die etwas unternehmen.

Wir brauchen aber auch Wertschätzung für all diejenigen, die auf andere Art und Weise eine Leistung für unsere Gesellschaft erbringen und so die Zukunft unseres Landes mitgestalten. Und es ist unser aller Aufgabe, uns für eine gerechtere Arbeitswelt, für eine solidarische Gesellschaft und für soziales Denken in der Wirtschaft einzusetzen.

Anrede
Arbeit ist etwas, das den Menschen als Menschen auszeichnet. Der Mensch ist ein tätiges Wesen; seine Arbeit ist dabei aber nicht nur Broterwerb, sondern sie bietet dem Menschen eine Möglichkeit zur Teilhabe und zur Selbstverwirklichung, er findet in ihr Anerkennung und Selbstbestätigung.

Henry Ford hat einmal gesagt:
„Arbeit gibt uns mehr als den Lebensunterhalt. Sie gibt uns das Leben.“

Und er hat Recht! Deshalb ist auch entscheidend, wie die Arbeitswelt beschaffen ist und welche Chancen sie den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern einräumt. Nicht von ungefähr sind die katholischen und die anderen Arbeitervereine um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Denn diese Zeit der beginnenden Industrialisierung war von großen wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen geprägt.

Ein Lösungsansatz dafür fand sich in der katholischen Soziallehre, die unter anderem von den Arbeitervereinen verbreitet wurde. Es sprach und spricht die Menschen an, dass die katholische Soziallehre sowohl die Würde des Einzelnen als auch Solidarität und soziale Gerechtigkeit betont. Und es sprach und spricht die Menschen an, dass sie sowohl den Schutz der Familie als auch einen Interessenausgleich zwischen Kapital und Arbeit fordert.

Zu einem Kernpunkt der Lehre gehört die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, also das Prinzip, dass zunächst die kleinen gesellschaftlichen Einheiten Verantwortungen übernehmen und Lösungen entwickeln. So eine Einheit ist auch Ihre Gruppe, liebe Mitglieder. Sie wissen um Ihre gemeinsamen Überzeugungen und engagieren sich zum Wohle Ihrer Mitmenschen. Unsere Demokratie lebt von solchem Einsatz. Alle Bereiche der Gesellschaft sind darauf angewiesen, dass die Menschen selbst aktiv werden. Der Staat kann und will nicht alles regeln. Es kommt auf das Handeln jedes Einzelnen an. Und je mehr Menschen Verantwortung für ihr Umfeld übernehmen – wie Sie es seit Jahren tun – desto besser funktioniert unser Gemeinwesen, desto besser funktioniert unsere Demokratie.

Anrede
Seit der frühen Phase der Industrialisierung hat sich viel getan: Die katastrophalen Umstände sind inzwischen behoben. Die Arbeiterinnen und Arbeiter haben sich bessere Arbeits- und Lebensbedingungen sowie gesellschaftliche Mitwirkungsmöglichkeiten erkämpft.

Aber auch unsere Zeit steht vor großen Herausforderungen, auch wir erleben einen Umbruch: Arbeit vollzieht sich mittlerweile im globalen Rahmen, Arbeitsleistungen werden weltweit vernetzt. Unser Land hat davon in den letzten Jahren profitiert. Das ist das eine. Die Kehrseite der Medaille ist aber: Der Aufschwung kommt nicht bei allen an. Und: Er wird zum Teil unter prekären Bedingungen erwirtschaftet. Wenn wir uns für Solidarität und Gerechtigkeit einsetzen, dann dürfen wir uns aber nicht nur bei uns einsetzen gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Soziale Mindeststandards müssen überall gelten: bei uns, in Europa, weltweit. Egal, ob es sich um handwerkliche oder industrielle Produktion handelt, egal ob Dienstleistung oder Landwirtschaft.

Anrede
Ein weiterer Punkt, in dem wir den Umbruch spüren, ist die Digitalisierung der Arbeitswelt. Wann und wo heute Arbeit geleistet wird, ist flexibel gestaltbar. Das vereinfacht Vieles: Stichwort Homeoffice oder Telearbeit. Gleichzeitig kann das aber auch unter Druck setzen, wenn man ständig erreichbar ist und sich die Arbeit und das Privatleben vermischen. Gerade in unserer Gesellschaft, die in hohem Maße von raschen Veränderungen geprägt ist, brauchen wir Zeit zum Innehalten. Wir benötigen mehr denn je Zeit für uns und Zeit für unsere Familie. Und hier denke ich unter anderem an die wichtige Kampagne „Sonntag muss Sonntag bleiben“.

Natürlich gibt es Arbeitsleistungen, auf die wir auch am Wochenende nicht verzichten können – in der medizinischen Versorgung zum Beispiel oder bei der Feuerwehr. Aber auch diese Arbeitnehmer haben ein Recht auf ein freies Wochenende. Eltern haben ein Recht, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen.
Gleichzeitig ist es natürlich sehr schön, abends länger einkaufen zu können und auch an Sonntagen immer frisches Brot kaufen zu können. Aber all diese Annehmlichkeiten werden von Menschen aufrechterhalten. Von Menschen, auf die zu Hause auch jemand wartet und der sich wünscht, mit ihnen Zeit zu verbringen.

Helmut Kohl hat einmal gesagt:
„Nur wenn wir Freiheit auch als Freiheit des anderen verstehen, sind wir in der Lage, Solidarität als politische Konsequenz des christlichen Gebots der Nächstenliebe auszuüben.“

Wir müssen also unseren Nächsten zuliebe abwägen, und auch unseren Mitmenschen die Gelegenheit geben, innezuhalten. Wie wichtig das ist, das zeigen die Entwicklungen in den letzten Jahren: Die Anzahl der Krankmeldungen von Arbeitnehmern, die sich ausgebrannt fühlen, die nicht mehr können, steigt stetig. Eine aktuelle Umfrage zeigt (ich zitiere)
„Nur 16 Prozent der Arbeitnehmer sind mit Herz, Hand und Verstand bei der Arbeit, 68 Prozent leisten lediglich Dienst nach Vorschrift und 16 Prozent der Werktätigen sind emotional ungebunden und haben innerlich schon gekündigt.“ (Ende Zitat)

Diese Zahlen sind erschreckend. Hier müssen wir überlegen: Woher kommt diese Entwicklung?
Haben tatsächlich so viele den falschen Beruf gewählt? Liegt es am eigenen Perfektionismus und an der Enttäuschung, dass man am Ende doch nicht das für seine Leistung bekommt, was man erwartet hatte? Sind die Bedingungen, unter denen heute gearbeitet wird, so schwer? Antworten hierauf können uns helfen, zu verstehen, warum immer mehr Menschen in ihrem Beruf keine Erfüllung finden.
Vielmehr aber müssen wir uns fragen: Was können wir dagegen tun? Als Politiker, als Arbeitgeber, aber auch als Einzelne.

Anrede
Natürlich gibt es kein Patentrezept gegen die Unzufriedenheit im Beruf oder dagegen, dass ich mich in meiner Arbeit ausgebrannt fühle; dagegen, dass ich unterfordert oder überfordert bin.

Aber ich finde zwei Dinge doch sehr hilfreich:
Vieles, über das ich mich in der Arbeit ärgere, kann ich kompensieren, kann ich aushalten oder drüber hinwegsehen, wenn es mir privat gelingt, abzuschalten und aufzutanken. Innehalten und zur Ruhe zu kommen, ist das Eine.

Noch mehr wird aber erreicht durch gegenseitigen Respekt, durch Anerkennung und Wertschätzung. Die Effektivität eines Unternehmens lässt sich vielleicht in erster Linie tatsächlich über den Umsatz, über Produktionszahlen und Ähnliches bemessen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass diese harten Fakten und Zahlen auch von Menschen gemacht werden.
Ich habe vorhin eine Umfrage zitiert, nach der 16 Prozent der Arbeitnehmer ihren Beruf mit Herz, Hand und Verstand ausüben. Die Umfrage zeigt auch, dass beim Anteil der zufriedenen Berufstätigen einige Faktoren besonders gut erfüllt sind:
•    das Bedürfnis, als Mensch gesehen zu werden
•    das Gefühl, dass die eigene Meinung etwas zählt
•    und das Bedürfnis, Anerkennung und Wertschätzung für seine Arbeit zu erfahren.

Wenn ich weiß, warum auch mein eigener, kleiner Beitrag entscheidend für das Ergebnis ist, dann fühle ich mich eher dazu verpflichtet, Verantwortung zu übernehmen. Wenn ich in meiner Tätigkeit Wertschätzung und Anerkennung erfahre, dann ist dies ein Antriebsfaktor, meine Aufgaben gut zu erfüllen. Wenn mir meine Umgebung das Gefühl gibt, respektvoll und gerecht behandelt zu werden, dann sehe ich das als Ansporn, mich für auch für andere einzusetzen.

Und hier können wir alle unseren Beitrag leisten:
Das gilt zum Beispiel beim Thema „Verteilungsgerechtigkeit“. Es ist nach meiner Einschätzung nicht Aufgabe des Staates, für Gleichverteilung von Gütern zu sorgen – die Idee des Sozialismus ist vielleicht in der Theorie eine schöne Vorstellung, aber praktisch kann sie nicht funktionieren. Das haben die Menschen dort, wo der Sozialismus versucht wurde, schmerzhaft erfahren müssen.
Die Politik kann und muss aber dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Deshalb ist es zum Beispiel richtig, dass wir ein Steuersystem haben, bei dem die starken Schultern mehr tragen müssen als die schwachen. Und deshalb ist es richtig, dass bei uns im Sozialstaat das Subsidiaritäts-Prinzip gilt: Zunächst ist jeder dazu verpflichtet, im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst einen Beitrag zur Gesellschaft und für sein eigenes Leben zu leisten – aber wenn oder soweit er dazu nicht in der Lage ist, greift die Gemeinschaft ein, und zwar selbstverständlich. Dabei geht es nicht um Almosen, sondern darum, dass wir in unserer Gesellschaft aufeinander angewiesen sind und es eine Frage nicht nur der Gerechtigkeit, sondern der Anständigkeit ist, auch die Schwächeren mitzunehmen und ihnen Teilhabe zu ermöglichen.



Anrede
Ein gelungenes gesellschaftliches Miteinander ist nur dann möglich, wenn alle bereit sind, ihren Teil dazu beizutragen. Wenn wir eine solidarische Gesellschaft bewahren wollen, dann brauchen wir einen Konsens darüber, und dann brauchen wir eine gemeinsame Anstrengung: Wir brauchen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter zu ordentlichen Bedingungen beschäftigen – und zwar nicht deshalb, weil die Politik sie dazu zwingt, sondern weil sie davon überzeugt sind, dass das richtig ist. Wir brauchen Gewerkschaften, die sich nicht nur für die eigenen Mitglieder stark machen, sondern immer auch z.B. die Arbeit-Suchenden im Blick haben. Wir brauchen Vermieterinnen und Vermieter, die ihre Wohnungen zu fairen Konditionen vermieten und nicht zu Höchstpreisen, nur weil das „der Markt“ hergibt.

Wir brauchen tatsächlich jeden Einzelnen.
Und: Wir brauchen Verbände wie das Katholische Landvolk, die sich immer wieder und nachhaltig für die soziale Gerechtigkeit einsetzen.

In der Rückschau sehen wir, dass durch tatkräftiges und gemeinwohl-orientiertes Handeln auch schwierigste Situationen gemeistert werden können! Ich bin fest davon überzeugt: Das Katholische Landvolk wird zur Lösung der vielen zweifellos schwierigen Probleme einen wichtigen Beitrag leisten, weil Sie von den entscheidenden christlichen Prinzipien geleitet werden.

In diesem Sinne wünsche Ihnen für die kommende Zeit alles Gute, viel Kraft für Ihr großartiges Engagement und Gottes reichen Segen.

Seitenanfang