Bayerischer Landtag

Barbara Stamm: Rede beim Landfrauentag Unterallgäu

Sehr geehrte Frau Walser [Kreisbäuerin],
sehr geehrte Frau Egger [stv. Kreisbäuerin],

ich bin mit den Landfrauen ja nun schon seit vielen Jahren verbunden. Die Landfrauentage sind für mich Termine, die mir regelrecht gut tun: Denn hier bei Ihnen ist immer eine Herzlichkeit spürbar, die Sie auch an Ihre Gäste weitergeben. Deshalb freue ich mich sehr, heute bei Ihnen sein zu dürfen.

Wenn ich sage, dass ich den Landfrauen schon seit vielen Jahren verbunden bin, dann heißt das natürlich auch, dass ich Ihre „Jahresthemen“ verfolge. Damit sprechen Sie immer etwas an, was den Menschen auf den Nägeln brennt, worüber es sich wirklich lohnt, einmal jenseits der Alltagshektik nachzudenken.

In diesem Jahr haben Sie, liebe Landfrauen, eine Überschrift, die ganz besonders aktuell ist: „Vielfalt leben“. Wer hätte vor ein paar Monaten gedacht, dass wir heute derart intensiv mit „Vielfalt“ konfrontiert sein würden? Dass diese Vielfalt plötzlich etwas ist, das manchen Menschen Sorgen macht? In diesem Zusammenhang denke ich natürlich an die aktuelle Flüchtlingssituation, und ich werde dazu später auch einige Worte sagen.

Aber zunächst einmal ist „Vielfalt“ etwas, das wir auf ganz unterschiedlichen Ebenen spüren, das in ganz vielen Bereichen für uns eine Rolle spielt. Und wenn wir uns überlegen, was denn das Gegenteil wäre von „Vielfalt“ – nämlich der „Einheitsbrei“! – dann sind wir uns doch auch einig, dass Vielfalt etwas sehr positives ist.

Und sie beginnt schon hier in diesem Raum, an jedem einzelnen Tisch. Bei einem Landfrauentag kommen schließlich ganz unterschiedliche Frauen zusammen, mit unterschiedlichen Geschichten, mit unterschiedlichen Vorstellungen. Natürlich sind Sie alle „Landfrauen“. Für Außenstehende wäre damit jetzt vielleicht klar, dass Sie alle das Gleiche denken und das Gleiche wollen. Landfrauen – könnte man meinen – vertreten schließlich allesamt „die“ Landwirtschaft und „den“ ländlichen Raum.

Aber das ist natürlich nicht so.

Unter Ihnen gibt es Frauen, die einen landwirtschaftlichen Betrieb selbstverantwortlich leiten. Es gibt Frauen, die innerhalb des Familienbetriebs für einen bestimmten Zweig zuständig sind. Es gibt Frauen, die mit anpacken, wo es eben grad sein muss. Und dann gibt es die Landfrauen, die neben der Arbeit im landwirtschaftlichen Betrieb stundenweise oder eben auch vollständig an anderer Stelle erwerbstätig ist.

Es ist also unter Ihnen ein ganz breites Bild, sozusagen ein „bunter Strauß“. Und es ist durchaus eine Leistung, dass dieser „bunte Strauß“ dann trotzdem gut zusammenhält!
Verschiedene Personen, verschiedene Hintergründe, verschiedene Vorstellungen zusammenzubringen: Das ist nicht immer einfach. Ich kann Ihnen das auch aus meiner Erfahrung in Politik und Partei bestätigen: Je vielfältiger die Zusammensetzung, desto mühsamer. Und dass es z.B. auch unter Schwesterparteien manchmal gehörig knirscht, das erleben wir ja derzeit. Wichtig ist, dass man sich immer wieder zusammenrauft, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen.
Wenn man das schafft – so wie die Landfrauen –, und nach außen als Einheit auftritt und auch entsprechend wahrgenommen wird: Dann verdient das Respekt! Und dann hat man auch Erfolge. Denn ob hier im Allgäu, auf Schwaben bezogen oder auch auf ganz Bayern – eines kann ich Ihnen versichern: Die Landfrauen werden in der politischen Diskussion ganz ohne Zweifel als eine starke Stimme angesehen – und als eine Stimme, der man unbedingt zuhören sollte, wenn es um den ländlichen Raum, um unsere Gesellschaft oder natürlich auch um das Thema „Landwirtschaft“ geht!

Gerade bei diesem Thema gibt es aktuell viele Sorgen und Nöte. Das letzte Jahr hat für die Bauern in Bayern Einkommenseinbrüche gebracht, im Durchschnitt 20 bis 35 Prozent. Ich brauche Ihnen die Gründe dafür nicht aufzählen, die kennen Sie besser als ich: Der Witterungsverlauf war alles andere als günstig, wir hatten Preiseinbrüche beim Fleisch, bei der Milch, beim Zucker…

Für die betroffenen Betriebe ist das alles natürlich nicht einfach zu verkraften. Zum einen ist es wirtschaftlich schwierig, wenn jeder vierte Euro fehlt. Und wenn man sich täglich mit der Frage konfrontiert sieht: „Wie geht das alles weiter?“ – dann ist das zum andern natürlich auch eine große emotionale Belastung. Auch für die Familien, die immer mit betroffen sind.

Dass es da gerade der jungen Generation nicht leicht fällt, sich auf ein „Weitermachen“ einzulassen, verstehe ich gut.
Umso bemerkenswerter fand ich übrigens die Meldung von Anfang des Jahres, dass es in den sogenannten „Grünen Berufen“ wieder steigende Lehrlingszahlen gibt! In ganz Deutschland haben sich im letzten Ausbildungsjahr acht Prozent mehr junge Leute dazu entschlossen, den Beruf Landwirt bzw. Landwirtin zu erlernen [Quelle: Deutscher Bauernverband]. Und das in schwierigen Zeiten!

Vielleicht ist das auch ein Zeichen dafür, dass sich Landwirte und Landfrauen nicht so schnell entmutigen lassen.
Wenn man manchmal andere Wirtschaftsbereiche sieht oder die große Nervosität an den Börsen der Welt und im Bankbereich: Da würde etwas mehr bäuerliche Gelassenheit und Ruhe ganz gut tun. Wer einen Hof hat, der weiß aus Erfahrung – und oft genug auch schon seit Generationen –, dass das Leben immer mit Höhen und Tiefen verbunden ist. Dass man über das Wetter zwar schimpfen kann: Aber ändern lässt es sich eben (zumindest kurzfristig) nicht.

Dennoch heißt das natürlich nicht, dass wir uns beim Thema „Landwirtschaft“ dem Schicksal ergeben müssen. Ganz im Gegenteil. Natürlich geht es auch und gerade hier darum, die Weichen immer wieder richtig zu stellen. Die Vielfalt ist da nicht immer einfach; unterschiedliche Ausgangslagen erfordern natürlich auch unterschiedliche Antworten. Aber das ist unsere Aufgabe insbesondere als Politik.

Bei uns im Freistaat dominieren glücklicherweise noch immer die (vergleichsweise) kleineren Höfe, die Familienbetriebe – und nicht die großen Agrar-Fabriken. Und es muss ganz klar unsere Zielsetzung sein, das zu erhalten. Aber auch die Vielfalt der Betriebe in Bayern ist natürlich groß: Es gibt Höfe, die nach wie vor als Haupterwerb dienen, und es gibt Betriebe im Nebenerwerb. Und die Standortbedingungen sind natürlich für einen Bergbauern ganz andere als für einen Hof in der Fläche, ein Betrieb mit Viehhaltung hat andere Sorgen als ein Betrieb ohne. Und die „Bilderbuch-Bauernhöfe“, auf denen es alles nebeneinander gibt, sind zumindest selten geworden.

Deshalb ist es eine gute Nachricht, dass viele Landwirte auch wieder verstärkt daraufsetzen, dass es eine Verbindung gibt zwischen dem Hof und der „Welt drum herum“: Durch Hofläden, durch Ferienwohnungen oder auch durch Aktionen der Landfrauen wie den „Kindertag“. Da geht es nämlich nicht nur darum, sich wirtschaftlich auf zusätzliche Standbeine zu stellen – so wichtig das ist. Und da haben nach meiner Erfahrung ganz besonders die Frauen immer die guten Ideen und werden aktiv.

Aber neben dem wirtschaftlichen Aspekt geht es auch darum, dass Bauern und Landwirtschaft in der Gesellschaft präsent bleiben.
Das funktioniert nicht mit den großen Agrar-Fabriken, wie wir sie aus Amerika kennen. Sondern das geht, wenn die Kinder von klein auf einen Bezug entwickeln können zur Landwirtschaft – auch und gerade dann, wenn es Stadtkinder sind. Wer Lebensmittel nur aus dem Supermarkt kennt, der wird sie nicht so wertschätzen wie jemand, der weiß, wo sie herkommen – und dass hinter jedem Lebensmittel auch viel Arbeit steckt!

Der nächste Schritt ist dann hoffentlich der, dass sich diese Wertschätzung auch tatsächlich „bezahlt macht“, und zwar im Wortsinn: Dass nämlich die Bereitschaft steigt, für Lebensmittel auch einen angemessenen Preis zu bezahlen. Natürlich hat das auch viel mit der Macht der großen Abnehmer im Handel zu tun. Aber wenn wir als Verbraucher da etwas sensibler werden und bewusster einkaufen – dann hat das durchaus Einfluss, das sollten wir nicht unterschätzen.

Anrede
Wenn wir von „Vielfalt“ reden, dann haben wir in Bayern natürlich auch immer ganz besonders den ländlichen Raum im Blick. Manchmal hat man in der Diskussion den Eindruck, es ginge um ein „Gegeneinander“ von ländlichem Raum und Ballungsgebieten. Das kann natürlich nicht der richtige Ansatz sein. Es geht um ein Miteinander. Zentren und Land profitieren voneinander, auch wenn es gelegentlich Reibereien und unterschiedliche Vorstellungen gibt.

Fest steht aber, dass rund 85 Prozent der Fläche in Bayern „ländlicher Raum“ sind, und dass hier mehr als die Hälfte der Menschen im Freistaat leben – das heißt: eine Heimat haben.
Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass diese Heimat weiterhin lebenswert bleibt. Die Herausforderung dabei ist sicherlich, dass es auch innerhalb des ländlichen Raums wieder Unterschiede und eben eine große Vielfalt gibt. In weiten Teilen Bayerns ist die Frage etwa, wie wir mit dem demographischen Wandel und einem Bevölkerungsrückgang umgehen. Auch hier im Unterallgäu ist die Tendenz die, dass es künftig mehr alte und weniger junge Menschen geben wird. Da wehre ich mich immer dagegen, wenn das nur unter dem Aspekt der Belastung betrachtet wird. Natürlich kommen Herausforderungen auf uns zu, wenn die Bevölkerung im Schnitt älter wird. Aber grundsätzlich ist das doch eine sehr positive Entwicklung – nur müssen wir sie eben auch positiv gestalten.

Deshalb bin ich froh, dass es auf politischer Ebene entsprechende Aktivitäten gibt, um ganz gezielt auf die Bedingungen vor Ort einzugehen. Das ist ein wichtiger Baustein. Aber wir brauchen nicht nur die Politik. Sondern wir brauchen ein gemeinsames Anpacken aller Verantwortlichen vor Ort. Denn das gilt ja für alle Herausforderungen: Wenn wir nicht gemeinsam anpacken, dann wird es schwierig.

Und deshalb besorgt mich auch die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung, meine Damen und Herren.

Ich habe vor kurzem in einem Zeitungsartikel eine Feststellung über unsere gesellschaftliche Stimmung gelesen, die mich beschäftigt – Zitat: „Es sieht so aus, als verstehe die eine Hälfte die andere nicht mehr. Viele tun nicht mal so, als wollten sie daran etwas ändern“ – Zitat Ende.

Anrede
Wir stehen derzeit mit der Bewältigung der Flüchtlingssituation vor einer Jahrhundertaufgabe. Ich verstehe gut, wenn das vielen Menschen Angst macht. Die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln haben hier für die einen noch einmal das bestätigt, was sie ohnehin schon immer geglaubt haben. Und für die anderen war „Köln“ ein regelrechter Schock.

Ich denke, in der Einschätzung dieser Ereignisse sind wir uns alle absolut einig. Nichts rechtfertigt oder entschuldigt kriminelles Verhalten. Es muss ganz klar sein, dass jeder, der in diesem Land lebt oder leben will, unsere Regeln anzuerkennen hat. Da dürfen wir Toleranz nicht mit Beliebigkeit verwechseln.
Und ebenso wenig dürfen wir zulassen, dass Menschen sich nicht trauen, über ihre Ängste zu sprechen. Dass Menschen ihre Meinung nur noch unter vier oder sechs Augen kundtun wollen.

Wir brauchen eine kontroverse Diskussion, und wir brauchen auch offene und ehrliche Worte.

Trotzdem verwahre ich mich dagegen, mit welcher Schärfe diese Diskussion zum Teil geführt wird. Da gehen in vielen Bereichen wirklich alle Grenzen verloren. Am augenfälligsten wird das im Internet – aber leider nicht nur dort.

Und da müssen wir uns auch kritische Fragen stellen: Was sagt es aus über unsere Gesellschaft, wenn die Internet-Ausgaben der Zeitungen bei Artikeln zum Thema „Flüchtlinge“ grundsätzlich keine Kommentare mehr zulassen? Bei jedem anderen Artikel ist dies möglich: Unter einem Zeitungsartikel kann jeder seine Meinung äußern. Das ist sozusagen die moderne Form des Leserbriefs.

Aber wenn etwas zum Thema „Flüchtlinge“ veröffentlicht wird, lassen Zeitungen das nicht zu. Und zwar deshalb, weil sie aus Erfahrung wissen, dass es darunter beleidigende, unangemessene und oft auch strafrechtliche Äußerungen nur so hagelt.

Mich besorgt das.

Und wenn Sie sich so manche Demonstration in den vergangenen Monaten ansehen und die Plakate, die dort hochgehalten werden: Dann gibt das auch Anlass zur Sorge. Und was manche Äußerung von Politikern angeht in jüngster Zeit: Da fehlen mir regelrecht die Worte!

Offensichtlich sind wirklich Menschen in diesem Land der Meinung, in einer „Diktatur“ zu leben – weil sie mit politischen Entscheidungen bei einem Thema nicht einverstanden sind.
Offenbar sind Menschen in diesem Land wirklich der Auffassung, unsere Medien würden nur berichten, was der Regierung gefällt. Sie alle kennen den Begriff der „Lügenpresse“.

Lassen Sie mich das ganz klar sagen: Das sind massive Angriffe auf Kernpunkte unserer Gesellschaft. Auf die Demokratie, auf die Pressefreiheit.

Und doch behaupten dieselben Menschen, doch nur unsere Werte und unsere Kultur verteidigen zu wollen.

Anrede
Es geht in der Diskussion um Flüchtlinge um Menschen. Dass wir mit gewaltigen Herausforderungen konfrontiert sind, dass die Meinungen auseinandergehen – das gehört in einer Demokratie dazu.

Aber jede Diskussion muss ihre Grenze dort haben, wo es um Beleidigungen und Schlimmeres geht. Da müssen wir uns einig sein, und da müssen wir als Demokraten auch eng zusammenstehen gegen jeden, der sich anders verhält.
Diese Form der Diskussion darf nicht unsere politische Kultur und unsere gesellschaftliche Auseinandersetzung prägen.

Bei aller Besorgnis hat die momentane Situation – die sicherlich eine Herausforderung ist, in vieler Hinsicht – vielleicht auch etwas Gutes. In jeder Krise liegt bekanntlich auch eine Chance. Und unsere Chance ist es, dass wir als Gesellschaft einmal wieder darüber nachdenken sollten, was uns eigentlich zusammenhält. Und da sind wir dann auch wieder beim Jahresthema der Landfrauen angelangt.

Denn mit „Vielfalt“ sind wir ja nicht erst seit der aktuellen Flüchtlingsbewegung konfrontiert, auch wenn sie das Brennglas noch einmal verstärkt auf das Thema legt.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Wir haben in Deutschland sechzehn Bundesländer. Da gibt es unterschiedliche Regionen mit sehr unterschiedlichen Traditionen. Und es gibt auch Menschen mit sehr verschiedenen Charakteren. Da brauchen wir noch nicht einmal das Rheinland mit Berlin oder Ostfriesland mit dem Schwarzwald vergleichen. Es reicht schon, wenn wir uns innerhalb des Freistaats die Unterschiede anschauen: Da muss man ja schon vorsichtig sein, wenn man die Allgäuer und die Augsburger allesamt gemeinsam in einem Regierungsbezirk zusammenfasst! Und dass Franken nicht das Gleiche ist wie Bayern, darauf lege ich als Unterfränkin höchstpersönlich wert – und das ist auch gut so. Vielfalt ist etwas Bereicherndes.

Aber was hält uns zusammen? Und was wollen wir vermitteln?

Es ist derzeit ja – zu Recht – viel die Rede davon, dass alle, die zu uns kommen, unsere Regeln anerkennen müssen. Das ist gar keine Frage: Unsere rechtlichen Regeln, aber eben auch unsere Werte sind die Basis für das Zusammenleben, und sie gelten ausnahmslos für alle. Da kann es keine Diskussion geben.

Gleichzeitig kann es nicht darum gehen, dass wir unsere Kultur gewissermaßen nur in „Gegnerschaft“ zu etwas formulieren. Stattdessen muss es darum gehen, dass wir uns unsere Werte und unsere Identität wieder bewusster machen.

Was verstehen wir unter unserer „Leitkultur“? Wir können diese schließlich nicht nur einfordern. Wir müssen uns auch überlegen, was genau wir darunter eigentlich verstehen. Die Lektüre von Gesetzestexten allein wird da nicht reichen, auch wenn unser Grundgesetz und die Bayerische Verfassung alles Wesentliche sagen. Aber haben wir unsere Werte nur aufgeschrieben, postulieren wir sie nur? Oder füllen wir sie eigentlich noch mit Leben?

Ich denke, die Antworten werden sich nicht von heute auf morgen geben lassen. Es ist ein Prozess, der auch kritisch sein muss, der sicherlich auch seine Zeit brauchen wird – und den wir als Gesellschaft führen müssen. Wir werden dies auch im Landtag in unterschiedlichen Gesprächsforen diskutieren.

Die Landfrauen sind dabei ein ganz wichtiger Ansprechpartner. Denn viele der Werte, die Sie verkörpern, gehören zu den Grundlagen unseres Zusammenlebens.

Zum Beispiel geht es darum, mitzugestalten. Nicht nur Zuschauen, sondern Anpacken: Im Beruf, natürlich in der Familie, im Ehrenamt. Es geht darum, unser Zusammenleben als gemeinsame Aufgabe zu verstehen. Jeder trägt dort, wo ihn der liebe Gott hingestellt hat, seinen Teil der Verantwortung.

Die Landfrauen haben dieses Prinzip zutiefst verinnerlicht. Dabei passiert das „Machen“ meistens ohne großes Aufheben, quasi „nebenbei“ oder in ehrenamtlichen Strukturen. Oft geht es darum, das weiterzugeben, was man selbst erfahren hat, was man gut kann. Die nächste Generation für das begeistern, was einem wichtig ist – und was im Falle der Landfrauen oft genug die Basis für unser Zusammenleben und für unsere Lebensgrundlagen ist. Das geschieht z.B. bei „Landfrauen machen Schule“, das passiert in Ihren Kochbüchern, das passiert durch die vielen Aktionen und Angebote auf Ihren Höfen und in Ihren Betrieben.
Und viele Landfrauen sind ja auch in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich engagiert. Meine Hoffnung dabei ist immer die: Allein schon durch dieses Miteinander, durch diese menschlichen Begegnungen werden unsere Werte vermittelt. Das reicht natürlich nicht, und wir dürfen die Ehrenamtlichen sicherlich nicht alleine lassen. Aber es ist ein Baustein, der unendlich wichtig ist – und für den wir allen Ehrenamtlichen wirklich dankbar sein müssen.

Dazu muss natürlich die Bildung kommen. Auch Bildung ist sicherlich etwas, das wir zu unseren „Werten“ zählen können. Jeder soll bei uns die Möglichkeit haben, etwas zu lernen. Das muss nicht immer bis zum Abitur und an die Hochschulen gehen. Jedes Talent soll gefördert werden. Gerade unser System in der beruflichen Bildung ist weltweit ein Vorbild.
Und Sie kennen wahrscheinlich den Satz, den ich an dieser Stelle immer sage, weil er einfach richtig ist: Bildungspolitik ist die Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts. Das gilt ganz grundsätzlich – und das gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation. Denn Bildung ist der Schlüssel zur Integration.

Da muss es zum Beispiel auch ganz grundlegend darum gehen, den jungen Männern, die zu uns kommen, die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft zu vermitteln. Denn Gleichberechtigung ist etwas, das für unser Zusammenleben ein ganz wesentlicher Baustein ist – und übrigens auch etwas, das wir uns selbst hart erkämpft haben. Daran muss man vielleicht auch manchmal erinnern. Bis 1980 etwa waren Frauen in Berufen wie Maler oder Elektriker nicht zugelassen. Erst ab 1977 durften Frauen alleine einen Arbeitsvertrag abschließen – allerdings nur dann, wenn der Beruf keine Vernachlässigung der Pflichten im Haushalt mit sich brachte. Wir haben uns die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen also wirklich errungen – und deshalb ist es uns auch umso wichtiger, dass wir das vermitteln und verteidigen.

Anrede
Ich habe vorher von der „nächsten Generation“ gesprochen, die den Landfrauen am Herzen liegt. In erster Linie heißt das natürlich auch: Für die eigene Familie sorgen. Auch das ist etwas, das bei aller Vielfalt in unserer Gesellschaft nicht an Bedeutung verliert. Da hat es in den vergangenen Jahren ja immer wieder einmal Thesen gegeben.
Natürlich ist „Familie“ bunter geworden – da gibt es heute auch so manche „Regenbogen-Konstellation“. Aber die Familie als solche ist kein Auslaufmodell, sondern die Zukunft. Gerade junge Leute sagen nach wie vor in allen Befragungen: Ja, wir wollen eine Familie. Und deshalb muss es übrigens auch unsere Aufgabe sein, diesen Wunsch zu unterstützen. Deshalb müssen wir auch die Rahmenbedingungen schaffen, damit Familie umsetzbar ist.

Im Vergleich zu früher hat sich hier heute einiges verändert: Vieles in sehr positiver Hinsicht, etwa was die Betreuungsmöglichkeiten angeht. Manche Entwicklung sehe ich aber durchaus auch kritisch. Ich denke etwa daran, dass junge Menschen oft nur befristete Arbeitsverträge erhalten. Kann man sich guten Gewissens für eine Familie entscheiden, wenn die eigene Zukunft so wenig planbar ist? Natürlich braucht es auch immer ein bisschen Mut; aber als Politik und Gesellschaft müssen wir uns überlegen, wo wir jungen Menschen die Entscheidung für eine Familie und für Kinder leichter machen können.

Ganz zentral gehört dazu auch das, was die Landfrauen seit jeher tun: Unterstützung für Familien im Alltag und in Krisensituationen.

Auch auf dem Land hat sich ja die Familienzusammensetzung verändert. Die Großfamilie ist nicht mehr überall der Normalfall, und Krisen treffen eine bäuerliche Familie oft besonders stark. Wenn ein Familienmitglied z.B. ausfällt, fehlt die Arbeitskraft an allen Ecken und Enden. Deshalb sind die engmaschigen sozialen Netze auch über die Familie hinaus so wichtig: Die Nachbarschaftshilfe, die Familienhilfe, das ehrenamtliche Engagement in der Kirchengemeinde, das „Hinschauen“.

All das sind Werte, die wir in unserer Gesellschaft sicherlich verankert haben. Aber wir müssen auch dafür Sorge tragen, dass sie weiterhin gelebt werden. Die Landfrauen tun dies ganz ohne Zweifel.
Wir haben einen großen Schatz an Engagement, gerade auch an ehrenamtlichen Strukturen in unserem Land. Diesen Schatz müssen wir pflegen. Das ist eine ganz große Verantwortung.

Und ich würde mir manchmal wünschen, dass sich noch mehr Menschen auch tatsächlich in unserer Gesellschaft einbringen in einer Form, in der es die Landfrauen tun: Nicht motzen, nicht meckern, sondern anpacken. Es ist immer einfacher, von den Zuschauerrängen zu beobachten und zu schimpfen. Das ist wie beim Fußball, wenn 60 Millionen Bundestrainer wissen, wie es eigentlich geht.
In der Demokratie brauchen wir aber keine Zuschauer, sondern Mitspieler: Bürgerinnen und Bürger, die sich aktiv und konstruktiv einbringen. Je weniger das der Fall ist, desto mehr überlassen wir das Feld denjenigen, die nur destruktiv sind. Dann kann Gesellschaft, dann kann Gemeinschaft, dann kann auch Vielfalt nicht gelingen.

Anrede
Ich habe zu Beginn die Jahresthemen der Landfrauen gelobt. 2014 standen die Landfrauentage unter dem Motto „Miteinander auf dem Weg“.
Das passt vielleicht ganz gut für unsere momentane Situation: Wir haben es zweifellos mit Herausforderungen zu tun, die es in sich haben. Wir sind auf einem Weg, und gerade die Unsicherheit darüber, wo dieser hingeht, ist für viele nicht einfach auszuhalten.

Aber wichtig ist bei alledem, dass wir den Weg zusammen gehen. Das Miteinander ist das, was zählt. Wir sind nur gemeinsam stark, und es kommt auf jeden Einzelnen an: Da, wo ihn der liebe Gott hingestellt hat.

Ich bin persönlich davon überzeugt, dass wir es mit einer Herkulesaufgabe zu tun haben.

Aber ich bin auch davon überzeugt, dass wir vor dieser Aufgabe nicht davonlaufen können – und dass es auch keinen Grund gibt, sich ins Bockshorn jagen zu lassen. Denn erstens sind wir in vielerlei Hinsicht gut aufgestellt, etwa, was unsere wirtschaftliche Kraft angeht.
Und zweitens haben wir mittlerweile auch einige Erfahrung beim Thema „Integration“.

Bei allem Respekt vor der Dimension der Schwierigkeiten: Wir sollten uns und unsere Möglichkeiten nicht kleiner reden, als sie sind.
Und wir sollten uns nicht spalten lassen.

Ich zähle dabei insbesondere auf Sie, liebe Landfrauen. In all der Vielfalt, mit der wir es zu tun haben – und die Sie auch selbst prägt – sind die Landfrauen etwas wie ein „ruhender Pol“.

In China gibt es das Sprichwort: „Sind die Wurzeln tief, braucht man den Wind nicht zu fürchten“. Für Sie, liebe Landfrauen, trifft dieser Satz sicherlich zu. Und ich bin davon überzeugt, dass er auch für unsere Gesellschaft gilt.

Ich danke Ihnen.

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