Bayerischer Landtag

Barbara Stamm: Rede zum Volkstrauertag – Gedenkstunde des Landkreises Kitzingen

Sehr geehrte Frau Landrätin, [Tamara Bischof]
sehr geehrter Herr Bürgermeister, [Erich Hegwein]
sehr geehrte Damen und Herren,

100 Jahre sind seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges vergangen und 75 Jahre seit Beginn des Zweiten Weltkrieges. Beide Kriege haben unermessliches Leid über die Menschen gebracht. Wenn wir uns heute daran erinnern, dann auch, weil wir aus unserer Vergangenheit lernen wollen. Geschichte liefert uns keine eindeutige Anleitung, wie wir es besser machen können. Aber sie ist die Grundlage unseres historischen Bewusstseins. Wir wissen, was geschehen ist. Wir können mit diesem Wissen den Ursachen auf den Grund gehen und verstehen, warum es zu all dem Leid kam. Nur so werden wir begreifen, welche Auswirkungen das Geschehene auf unsere Gegenwart hat. Unsere Vergangenheit mit all ihren Schatten begegnet uns bis heute – in Form von Trauer. Trauer ist ein wesentlicher Bestandteil des Erinnerns.

Sie ist in erster Linie eine äußerst persönliche Angelegenheit. Die Älteren von Ihnen mussten den Weltkrieg selbst miterleben. Sie waren konfrontiert mit dem ungewissen Schicksal des Vaters, Bruders, Sohns oder Onkels. Viel zu oft musste man schließlich doch der traurigen Wahrheit ins Gesicht sehen und erfahren, was es heißt, einen geliebten Menschen im Krieg zu verlieren.

Jeder versucht auf seine Weise, solche traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Trauer ist ein langer und schmerzlicher Vorgang, den jeder Betroffene auf andere Weise erlebt. Dabei geht es immer auch um Lern- und Gewöhnungsprozesse, um mit dem erlittenen Leid und dem Schmerz zurechtzukommen. Letztlich kann uns dabei nur der Blick nach vorne, in die Zukunft, wieder Perspektiven bieten.

Seit inzwischen fast einhundert Jahren begehen wir den Volkstrauertag. Er wurde vom „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges vorgeschlagen. Die Idee des Volkstrauertages geht über unsere persönlichen Erfahrungen hinaus. Wir blicken auch und gerade auf die Gefallenen der beiden Weltkriege. Denn sie haben unsere Geschichte und damit unser heutiges Dasein geprägt. Ihr Opfer bedeutet für uns eine große Verpflichtung. Wir sind es ihnen schuldig, ihr Gedächtnis in uns wach zu halten. Vergessen wäre Verleugnung unserer Geschichte und unserer Wurzeln. Das Leid und das Schicksal der Soldaten sind für unsere Gegenwart von großer Bedeutung. Darum haben wir uns heute hier versammelt.

-    Wir gedenken der unzähligen Gefallenen zweier Weltkriege,
-    wir gedenken der Menschen, die durch den Krieg aus ihren Familien gerissen wurden und eine Lücke hinterlassen bis in unsere Zeit,
-    wir gedenken der zivilen Kriegsopfer,
-    wir gedenken der millionenfach Ermordeten, die wegen ideologischer Verblendung sinnlos ihr Leben verloren,
-    und wir gedenken der Opfer von Vertreibung, Hass und Terror.
-    In unser Gedenken schließen wir auch die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ein, die bei Einsätzen für den Frieden in den vergangenen Jahren gefallen sind. Wir fühlen mit ihren Familien, mit ihren Kameradinnen und Kameraden und mit ihren Freunden.

Die Kriegserfahrungen unseres Landes liegen mittlerweile fast sieben Jahrzehnte zurück. Deutschland hat sich in dieser Zeit verändert. Es gab ermutigende Entwicklungen im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts. Die Menschen haben aus den katastrophalen Geschehnissen gelernt und Strukturen geschaffen zur gewaltlosen Lösung von Konflikten. Die Gründung der Vereinten Nationen und der Prozess der Europäischen Integration waren und sind wichtige Schritte in eine friedliche Zukunft. Vor ziemlich genau 25 Jahren, am 9. November 1989, beendeten die Menschen in der ehemaligen DDR auf friedlichem Wege die deutsche Teilung. Das wiedervereinigte Deutschland ist seither eine verlässliche Größe im Zentrum Europas und international geachtet als zuverlässiger Partner.

Nach dieser langen positiven Entwicklung können wir uns heute zu Recht die Frage nach der Bedeutung des Volkstrauertages stellen.
Aus unserem Erinnern und aus unserer Trauer ergibt sich Verantwortung. Und diese Verantwortung ist immer in die Zukunft gerichtet. Das Erinnern und das Wissen um die Vergangenheit prägt unsere eigene Haltung und wird dadurch zwangsläufig unser gegenwärtiges und zukünftiges Handeln bestimmen. Wir müssen uns immer wieder aufs Neue bewusst machen, welch hohes Gut unsere Demokratie für uns darstellt. Deshalb müssen wir unsere freiheitliche Gesellschaft gegen Angriffe verteidigen und – wo immer es nötig ist – für Toleranz und gegenseitige Achtung einstehen.

Heute können wir in Deutschland auf eine lange Zeit des Friedens zurückblicken. Wir leben in Wohlstand und Sicherheit. Die damalige Opferbereitschaft der Soldaten ist für die meisten Menschen heute weit entfernt. Aber auch wir sind darauf angewiesen, dass Mitbürgerinnen und Mitbürger bereit sind, unser Land und unsere Werte im Ernstfall zu verteidigen. Unsere Soldatinnen und Soldaten, die in der Bundeswehr ihren Dienst tun, haben diese Aufgabe für uns alle übernommen. Darum ist heute auch ein Tag des Dankes. Dank dafür, dass sie sich für unser aller Wohl engagieren, und dafür, dass sie dies – wie wir in den aktuellen Missionen immer wieder erleben müssen – unter Einsatz ihres Lebens tun.

Aus dem Gedenken des heutigen Tages ergibt sich für uns alle die Pflicht zur Verantwortung für den Erhalt des Friedens. Gerade die letzten Wochen und Monate haben uns regelmäßig daran erinnert, wie zerbrechlich der Frieden ist, in Europa und in anderen Kontinenten. Unsere Gesellschaft muss das Bewusstsein für diese  Verantwortung an künftige Generationen weitertragen. Dafür brauchen wir historische Bildungs- und Erinnerungsarbeit, damit junge Menschen Geschichtsbewusstsein entwickeln. Das kann nur geschehen über eine lebendige Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit. Wir müssen dafür sorgen, dass Geschichte und Erinnerung in unserer Gesellschaft und speziell in unseren Schulen immer den Stellenwert haben, der sich aus unserer schwierigen Vergangenheit ergibt.

Aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen wertvolle Beiträge und Anregungen für die Bewahrung und die Auseinandersetzung mit unserem historischen Erbe. Dem Bayerischen Landtag und mir ganz persönlich ist es ein Herzensanliegen, diese aufzugreifen und ihnen die größtmögliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Darum war es mir eine Selbstverständlichkeit und auch ein ganz persönliches Bedürfnis, heute hier bei Ihnen zu sein und mit Ihnen gemeinsam diesen Gedenktag zu begehen. Er leistet einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen.

Mein besonderer Dank gilt der Reservistenkameradschaft Kitzingen für die Vorbereitung der heutigen Gedenkveranstaltung. Sehr geehrter Herr Bauer, stellvertretend für alle, die bei der Organisation mitgewirkt haben, sage ich Ihnen herzlichen Dank. Mit der heutigen Gedenkfeier halten Sie die Erinnerung an unsere gefallenen Soldatinnen und Soldaten wach.

Der Dichter Friedrich Hölderlin hat einmal geschrieben:

Und so ist's mein gewisser Glaube, dass am Ende alles gut ist,
und alle Trauer nur der Weg zu wahrer heiliger Freude ist.

Für uns heute kann das nur bedeuten:
Trauer geht weit über Vergangenheitsbewältigung hinaus.
Aus ihr heraus erwächst ein hoffnungsfroher Blick in die Zukunft und es ergeben sich neue Perspektiven für die Gestaltung unseres Lebens.

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