Bayerischer Landtag

10.03.2000 - Johann Böhm: Begrüßung anlässlich der 50-jährigen Wiederkehr der Einsetzung eines Pfalz-Ausschusses im Bayerischen Landtag

Der Anlass, der uns heute zusammenführt, versetzt uns in die Zeit vor 50 Jahren zurück. Lassen Sich mich das mit einem Zitat unterstreichen!

„Seit Jahren geht nun das Spiel um die Pfalz hin und her. Dem Pfälzer Löwen in seiner Zwangsjacke wird das Fell zerzaust, ohne dass er sich dagegen wehren kann. Man sucht ihm einen Zahn nach dem anderen auszubrechen und seine Krallen zu stutzen, wo es eben nur geht. Immer muss er aufpassen, dass ihm sein Recht auf gleiche Behandlung nicht noch mehr geschmälert wird.“

Dieses drastische Bild malte die „Stimme der Pfalz“ im Jahre 1952. Inzwischen sind wir von diesem messianischen Duktus weit entfernt. Der pfälzisch-bayerische Pulverdampf ist längst verraucht. Damals jedoch, als die „politische Chemie“ zwischen Bayern und dem neu gegründeten Bundesland Rheinland-Pfalz noch nicht ungetrübt war, gab die „Stimme der Pfalz“ eine weit verbreitete Meinung wieder. In einer angespannten politischen Situation, in der das Problem der Neugliederung einzelner Länder noch nicht endgültig gelöst war, hat am 10. März 1950 der Bayerische Landtag die Einsetzung eines Pfalz-Ausschusses beschlossen. Er bestand aus 28 Abgeordneten, darunter den Mitgliedern des Ältestenrats, die kraft ihres Amtes dem Ausschuss angehören sollten. Dieses historische Ereignis hat Sie, meine Damen und Herren, heute als Pfälzerinnen und Pfälzer oder als „Sympa¬thisanten" der Pfalz im Maximilianeum zusammengeführt.

Als Hausherr, der nach bewährter Übung auch Erster Vorsitzender des Bundes der Pfalzfreunde in Bayern ist, darf ich Sie herzlich willkommen heißen.

Besonders herzlich begrüße ich den Referenten des heutigen Abends, Herrn Professor Dr. Hans Fenske, willkommen. Er wird über die bayerischen Bemühungen zur Rückgewinnung der Pfalz in den Fünfzigerjahren sprechen, die bisweilen geradezu Formen eines „Ehekrieges“ annahmen. Der Zufall will es, dass dieses Thema am geeigneten Ort behandelt wird, nämlich in unserem so genannten Lesesaal, den Max II. im Bildprogramm thematisch der Staats- und Kriegskunst zugeordnet hat.

„Nix wie hem!“ soll ein Pfälzer Fabrikarbeiter in Frankenthal einem bayerischen Landtagsabgeordneten 1951 auf dessen Frage geantwortet haben, wie er sich die künftige „staatliche Bindung der Pfalz“ vorstelle. Im Lebensgefühl vieler war Bayern noch ein Stück Heimat. Diese Episode soll sich auf einer der ersten Pfalzreisen des Pfalz-Ausschusses im Jahr 1951 zugetragen haben. Diese Besuche sollten nach den Worten des damaligen Landtagspräsidenten Dr. Georg Stang vor allem dazu dienen, „das Gefühl der innigen Verbundenheit mit der Pfalz (zum Ausdruck zu bringen), ein Gefühl, dessen historische Wurzeln bis in das Jahr 1214 zurückreichen und weiterführen bis zum Jahre 1816 und zur jüngsten Gegenwart“. 1214 war ja das Jahr, in dem der bayerische Herzog Ludwig der Kelheimer, ein Sohn des ersten Wittelsbacher Herzogs Otto, durch geschickte Politik mit der „Pfalzgrafschaft bei Rhein“ belehnt wurde. Neben den seither reichen geschichtlichen Beziehungen spielte sicher auch der Pfälzer Wein eine nicht unerhebliche Rolle. So wurden vor 50 Jahren die Pfalzreisen in der Regel zu „weingünstiger“ Zeit durchgeführt, weil wir – ich zitiere den Nachfolger von Dr. Stang als Ersten Vorsitzenden des Bundes der Pfalzfreunde, Dr. Alois Hundhammer – „den Pfälzer Wein nicht bloß herüben im rechtsrheinischen Bayern trinken, sondern ihn gelegentlich auch drüben in der linksrheinischen Pfalz an Ort und Stelle versuchen, wo er wächst“. So weit Dr. Hundhammer! Aus meinen eigenen Besuchen in der Pfalz – auch in der Mission des Bundes der Pfalzfreunde – kann ich nur bestätigen, dass der Wein dort besonders gut schmeckt, wo er wächst.

Zu den Aufgaben des Pfalz-Ausschusses zählten neben anderen – wie bereits erwähnt – die Vorbereitung und Organisation der sogenannten Pfalzfahrten. Diese sorgten allerdings in der rheinland-pfälzischen Regierung mitunter für erhebliche Verstimmung. Ja, es kam seinerzeit gar zu einem „Notenkrieg“ zwischen dem Pfälzer Ministerpräsidenten Altmeier und dem bayerischen Landtagspräsidenten Hundhammer. Das rhetorische Säbelrasseln wird deutlich in der Sitzung des Pfalz-Ausschusses vom 9. Oktober 1953. Damals zitierte Hundhammer aus dem Schreiben des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten folgende Sätze: „Ich darf Sie bitten, angesichts dieser eindeutigen Rechts- und Sachlage zu veranlassen, dass eine solche Reise Ihres Landtagsausschusses nicht stattfindet. Das Land Rheinland-Pfalz ist nicht länger gewillt, solche Übergriffe widerspruchslos und tatenlos hinzunehmen“. Das Protokoll vermerkt an dieser Stelle den Zuruf eines Abgeordneten: „Kriegserklärung!“ Wen wundert es, dass die Wogen in der anschließenden Aussprache hochgingen. Ein Wortbeitrag sei als Beispiel zitiert: „Es ist mit grobem Geschütz geschossen worden...Es ist unmöglich, dass die Regierung von Rheinland-Pfalz uns die Landtagsausweise abnehmen und uns in ein Verließ in Speyer einsperren wird. Damit hätten die Herren drüben in Rheinland-Pfalz, die mit solchen Geschützen auffahren, Gelegenheit, sich ausgiebig zu blamieren.“ So weit der doch recht scharfkantige Wortlaut!
Trotz des „rhetorischen Gefechts“ verlief die Pfalzreise der bayerischen Abgeordneten ausgesprochen friedlich; die Teilnehmer landeten nicht im pfälzischen Kerker; auch ein drohender „Kriegsausbruch“, von dem eine Zeitung damals berichtete, fand nicht statt. Erst mit dem Scheitern des Volksbegehrens in der Pfalz im Jahr 1956 wurde allen „Wiedervereinigungsversuchen“ eine definitive Absage erteilt.

Dennoch: Angesichts der erwähnten historischen Fakten könnte man ins Grübeln kommen und August Becker, einem exzellenten Kenner des pfälzischen Stammes, Recht geben, der schon im 19. Jahrhundert in seiner Landeskunde „Pfalz und Bayern“ feststellte: „Pfälzer und Altbayern vertragen sich so selten wie Wein und Bier.“ (Als Unterfranke, der in einer Region zu Hause ist, in der kein Wein angebaut wird, bin ich mir nicht ganz sicher, ob diese Metapher voll zutrifft.) Ähnlich äußerte sich immerhin der unvergessene bayerische Historiker Benno Hubensteiner, der die Wesensarten der Bayern und der Pfälzer folgendermaßen miteinander verglich: „Da standen die Altbayern: breit, behäbig, biergenährt, zwar in Maßen aufgeklärt, aber insgeheim noch ihrem alten katholischen Kirchenbarock zugetan. Dort waren die Pfälzer: witzig, wendig, weinselig, begabt mit jenem heiteren Rationalismus, der sie alle Gräuel der Franzosenkriege hatte überdauern lassen.“ Bei einem derartigen „Tugendkatalog“ verwundert es nicht, dass es ein Pfälzer Abgeordneter war, der nur kurze Zeit nach der Eröffnung des Landtags von 1819 den ersten Ordnungsruf in der bayerischen Parlamentsgeschichte erhalten hat.

Bei aller unterschiedlicher Wesensart der beiden Stämme gibt es doch eine wesentliche Gemeinsamkeit zwischen der Pfalz und Bayern: das rund 700 Jahre alte dynastische Band und die 130 Jahre dauernde Zugehörigkeit zu einem Staat. 1916 schrieb die „Landauer Zeitung“, die königlich-bayerische Zeit sei „das glücklichste Jahrhundert der pfälzischen Geschichte“ gewesen. Ob der Superlativ angebracht ist, sei dahingestellt; eine „glückliche“ Zeit war es wohl für viele. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Pfälzer Mundartdichterin Lina Sommer; sie meint, man könne den Bayern zu der „Verbindung“ mit der Pfalz nur gratulieren und fährt fort: „Warum – do brauch kä‘ Mensch zu froge, – mit uns ist niemand angeschmiert“. Diese Aussage klingt bei den „organisierten Pfälzern in Bayern“, dem Landesverband der Pfälzer und dem Bund der Pfalzfreunde mit großer Sympathie nach. Sie sind es, die den traditionellen Faden der bayerisch-pfälzischen Freundschaft weiterspinnen – ohne falsche Sentimentalität, aber selbstverständlich auch ohne Revanchegelüste. Um das bildhaft zu illustrieren, haben wir für die Einladung ein historisches Foto ausgewählt, das den damaligen Landtagspräsidenten und 1. Vorsitzenden des Bundes der Pfalzfreunde, Dr. Georg Stang, sowie den Vorsitzenden des Pfalzausschusses, Dr. Wilhelm Hoegner – den späteren Bayerischen Ministerpräsidenten –, bei der Gründungsversammlung des Bundes der Pfalzfreunde am 21. März 1950 im Plenarsaal zeigt.

Auf diese knappen historischen Reminiszenzen, meine Damen und Herren, will ich mich beschränken. Den intensiveren Blick auf das historische Panorama der pfälzisch-bayerischen Beziehungen der Nachkriegsjahre wird uns ein kundiger Historiker bieten, Herr Prof. Dr. Hans Fenske von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Als profunder Kenner der deutschen Verfassungs-, Verwaltungs-, Parteien- und Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hat Herr Prof. Fenske seine wissenschaftliche Laufbahn in der Pfalz, nämlich an der renommierten Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer und am Auslands- und Dolmetscherinstitut der Universität Mainz in Germersheim, begonnen. 1977 wurde er auf den Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg berufen. Ein weiterer Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit liegt in der Erforschung des süddeutschen Raumes, vor allem Badens, Bayerns und der Pfalz.

Diese wenigen ausgewählten Stationen Ihrer beruflichen Laufbahn, Herr Prof. Fenske, machen deutlich, dass auf Sie zutrifft, was ein Klassiker der pfälzischen Volkskunde, Wilhelm Heinrich Riehl, schrieb: dass es Menschen gebe, die in der Lage seien, „sich Fremdes anzueignen, was zum leichten Erfassen aller Bildungsstoffe“ führe. Wenn ich die Liste Ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichungen ansehe, muss ich – auch als Nichtfachmann – zugeben, dass Sie ganz offensichtlich auch zu den Meistern im „Erfassen der Bildungsstoffe“ zählen. Umso mehr sehen wir nun Ihrem Vortrag mit Aufmerksamkeit entgegen. Herr Prof. Fenske, ich darf Sie um Ihre Ausführungen bitten.

Seitenanfang