USA und Deutschland: „Komplizierte Verhältnisse“

Akademiegespräch im Bayerischen Landtag mit Isabel Heinemann und Karl-Theodor zu Guttenberg

18. März 2026

MÜNCHEN.    Über lange Zeit galten die USA als verlässlicher Freund der deutschen Demokratie. Doch diese Einschätzung hat sich seit Beginn der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps merklich gewandelt. Auch in Deutschland blickt man nicht mehr nur mit Bewunderung über den Atlantik, sondern zunehmend mit Sorge und Skepsis. Beim Akademiegespräch im Bayerischen Landtag diskutierten Isabel Heinemann, Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin und der ehemalige Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg über das Verhältnis der USA zur Demokratie in Deutschland und spürten dessen Veränderungen nach. Eingeladen hatten Ursula Münch und Landtagspräsidentin Ilse Aigner unter dem Titel "Förderer, Freund und Skeptiker: Das Verhältnis der USA zur deutschen Demokratie nach 1945".

„Das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland ist momentan belastet“, erklärt Isabel Heinemann. Deutschland ringe mit der AfD und einer schwächelnden Wirtschaft, während die USA unter anderem mit einem unberechenbaren Präsidenten und innenpolitischen Spannungen zu kämpfen hätten. Zudem, so Heinemann, schienen sich die USA ebenso wie China und Russland zunehmend aus einer regelbasierten internationalen Ordnung zurückzuziehen. Spätestens seit der Rede von Vizepräsident J. D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz im vergangenen Jahr sei deutlich geworden, dass sich die transatlantischen Beziehungen an einem Wendepunkt befänden: Die USA würden nicht mehr in gleicher Weise als Garant für die Verteidigung der Demokratie in Europa auftreten. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich die Situation grundlegend anders dar. Aus der einst verhassten Siegermacht seien Verbündete geworden, aus „Kaugummi, Cola und Schokolade“, wie Landtagspräsidentin Ilse Aigner formuliert, seien Symbole der Befreiung geworden. „Die US-Amerikaner haben uns befreit und uns die Freiheit geschenkt – auf Dauer“, so Aigner. Die sogenannte Re-Education, geprägt von Werten wie Freiheit, Mitmenschlichkeit, Frieden und Respekt, habe das Verhältnis nachhaltig beeinflusst. Heute jedoch habe sich der Blick aufeinander verändert, insbesondere seit der Präsidentschaft Donald Trumps. Laut Aigner hat man sich in den vergangenen Jahren ein Stück weit entfremdet. Doch ist das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland wirklich erst seit Präsident Trump angespannt? Oder haben wir, so fragt Akademiedirektorin Ursula Münch, die USA zuvor idealisiert und auf ein Podest gestellt? Über unter anderem diese Fragen diskutierte sie mit Isabel Heinemann und Karl-Theodor zu Guttenberg beim Akademiegespräch im Bayerischen Landtag. 

Die Beziehung nach 1945

Für Heinemann lässt sich das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland seit 1945 nicht auf den Dreiklang „Freund, Förderer und Skeptiker“ reduzieren; es sei deutlich komplexer. „Es herrschen komplizierte Verhältnisse“, betont sie. In der unmittelbaren Nachkriegszeit sei die Beziehung maßgeblich durch Maßnahmen zur Förderung von Demokratie und Marktwirtschaft geprägt worden, etwa durch die Truman-Doktrin, den Marshall-Plan und die Entnazifizierung. In Deutschland habe man die Verbrechen der Nazis auf schärfste geahndet – während im eigenen Land mit der McCarthy-Ära eine regelrechten „Hexenjagd“ auf vermeintliche Kommunisten stattfand und zugleich rassistische Diskriminierung gesellschaftlich verankert blieb. 

Demokratie sei als Geschenk der Amerikaner gesehen worden, eine „Kultur der Dankbarkeit“ sei entstanden. Im weiteren Verlauf wandelte sich das Verhältnis Heinemann zufolge zu einer Partnerschaft, sowohl wirtschaftlich als auch militärisch. Symbolträchtige Gesten wie die Rede John F. Kennedys in Berlin hätten die Bindung zusätzlich gestärkt. Dennoch sei es immer wieder zu Spannungen gekommen, etwa im Zuge der Proteste der deutschen Studierenden am Vietnamkrieg, während der wirtschaftlichen Krisen der 1970er Jahre oder im Zusammenhang mit der Stationierung amerikanischer Atomwaffen in Deutschland. „Die Amerikaner reiben sich an uns nicht erst seit Trump“, betonte Karl-Theodor zu Guttenberg und verwies insbesondere auf sicherheitspolitische Differenzen. Zugleich neige auch Deutschland dazu, den USA gegenüber eine belehrende Haltung einzunehmen.

 

USA und Deutschland heute

Der ehemalige Bundesminister sieht jedoch eine wachsende Gleichgültigkeit – „die härteste Form, wo sich eine Beziehung hin entwickeln kann“. Um dem entgegenzuwirken, sei es notwendig, kulturelle Unterschiede kennenzulernen, zu argumentieren und zuzuhören. Ein möglicher Grund für Missverständnisse liege darin, dass die USA ihre Interessen häufig direkter und konsequenter formulierten und durchsetzten, während Deutschland darauf sensibler reagiere.

Als problematisch bezeichnet zu Guttenberg das in Deutschland entstandene romantische Gebilde, dass man in Bezug auf die USA aufgebaut habe. Man habe es versäumt, Unterschiede zu analysieren und habe sich stattdessen auf ein gemeinsames Wertefundament gestützt – dies beruhe jedoch auf einer Illusion. Die Nationen seien unterschiedlich gewachsen und das müsse man unbedingt mit in Betracht ziehen. 

Die Bedeutung kulturellen Austauschs unterstreicht zu Guttenberg am Beispiel der in Deutschland stationierten US-Soldaten, die ihre Erfahrungen in die Vereinigten Staaten zurücktrügen. Dieser Austausch nehme jedoch ab, wodurch den USA zunehmend Perspektiven auf Europa verloren gingen. Auf Ursula Münchs Nachfrage, wie sich solche Beziehungen pflegen ließen, wurde zu Guttenberg deutlich: „Es reicht als Politiker nicht, nur einmal im Jahr oder alle zwei Jahre in die USA zu fliegen.“ Regelmäßiger Austausch – auch abseits offizieller Termine und in der Mitte des Landes – sei entscheidend, insbesondere mit Blick auf zukünftige politische Entscheidungsträger. Vor allem diese Verbindungen seien wichtig – und das könne man in Bezug auf die Republikaner nicht nur der AfD überlassen, die aktiv solche Beziehungen pflege.

Heinemann beschrieb die USA weiterhin als ein Vorbild, von dem sich Deutschland jedoch langfristig emanzipieren müsse – doch das sei ein Lernprozess über Jahrzehnte hinweg. Sie forderte, „den Blick für die Ambivalenzen und Paradoxien der amerikanischen Demokratie und der deutschen Demokratie durch historische Betrachtung zu schärfen“. Denn die Verhältnisse zwischen den USA und Deutschland seien alles andere als eindimensional und gute Politik nach vorne sei nur mit guter Kenntnis der Geschichte möglich. 

Blick in die Zukunft

Wie soll es nun also weitergehen, mit einem Präsidenten Trump im Weißen Haus, mit dem, laut Heinemann, keine sachlichen Konflikte möglich seien? Für zu Guttenberg ist klar, dass es keine Redefinition der Beziehung geben könne – nur eine Neu-Definition. Er sieht auch etwas Positives in der aktuellen Situation: „Möglicherweise hätte Europa kaum was Besseres als dieser Trump passieren können.“ Denn im Hinblick auf die Regierung unter Trump gelte: „Ohne diese brutale Bewegung gegen das, was uns als europäisches Wertegerüst auszeichnet, hätten wir unseren genügsamen, bräsigen, ständig nörgelnden Hintern nicht aus der bequemen Couch des Beobachters bekommen, um plötzlich festzustellen, dass wir uns auf diese Abhängigkeiten, in denen wir uns eingerichtet haben, über die Jahrzehnte hinweg nicht mehr verlassen können“. Zu Guttenberg fordert: Nun müsse Deutschland aus dem „Dornröschen-Schlaf“ erwachen und entschlossen handeln. 

Heinemann sieht insbesondere Bündnisse wie die Europäische Union in der Verantwortung. Zwar werde es schwierig, wenn eine „regelhaft orientierten globalen Ordnung von einem erratisch agierenden Trump ad absurdum geführt wird“, dennoch sei eine Stärkung europäischer Strukturen notwendig. Auf die Frage, ob dies die USA zusätzlich irritieren könnte, wurde zu Guttenberg deutlich: „Genau das Selbstbewusstsein sollten wir uns jetzt leisten“, forderte er. Europa müsse stärker und souveräner auftreten.

/Anna Berchtenbreiter

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