Verleihung des Verfassungsordens am 4. Dezember 2025 im Landtag
Es gilt das gesprochene Wort.
Kolleginnen und Kollegen aus dem Präsidium
Ich begrüße für die Bayerische Staatsregierung, stellvertretend: Staatsminister Christian Bernreiter,
ich begrüße die Kolleginnen und Kollegen aus dem Landtag,
die Vertreterinnen und Vertreter der kommunalen Familie,
Frau Präsidentin Dr. Charlotte Knobloch – es ist mir wie immer eine besondere Ehre!
Die Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen- und Religionsgemeinschaften seien herzlich gegrüßt!
So wie ich auch viele Ehrengäste aus allen Bereichen der Gesellschaft willkommen heiße!
Dr. Florence Gaub (Festrednerin, Trägerin des Bayerischen Verfassungsordens)
Liebe künftige Trägerinnen und Träger des Verfassungsordens!
I. Bedeutung des Verfassungsordens
Natürlich weiß ich nicht, wie es Ihnen ergangen ist,
was Sie denken, was Sie fühlen.
Aber ich kann es mir vorstellen:
Vor Wochen haben Sie Post bekommen.
Ein amtlicher Bescheid. Nein, keine Bußgeldforderung.
Post vom Bayerischen Landtag.
Vielleicht haben Sie die Augenbraue gehoben,
etwas überrascht, aber auch neugierig.
Die Einladung zur Ordensverleihung –
und ausgezeichnet werden sollen: Sie!
Und so haben Sie heute Ihren Weg ins Maximilianeum angetreten.
Für den Einen war es eine längere Anreise, für die Andere vielleicht ein kürzerer Weg aus München selbst.
Sie haben das Maximilianeum schon aus der Ferne gesehen.
Der Weg erschien kürzer. Vor allem, wenn man an die Baustellen im Haus und die Umwege denkt!
Und dann sind die meisten von Ihnen unseren roten Teppich hochgeschritten.
Es sind eine Menge Stufen, Sie sind durch die hohen Türen getreten, Sie haben Ihren Platz gefunden – und nun schauen Sie, in welcher Gesellschaft Sie sich hier befinden.
Und sollte Sie diese Frage noch nicht ganz losgelassen haben, will ich Ihnen direkt Antwort geben.
Hier bei der Verleihung des Bayerischen Verfassungsordens sind Sie in bester Gesellschaft.
Denn Sie haben sich in besonderem Maße
um den Freistaat verdient gemacht:
Jede und jeder für sich –
- beruflich oder privat,
- im Haupt- oder im Ehrenamt,
- im Sport, in Kultur oder Politik,
- in Wissenschaft oder Wirtschaft,
in der Fürsorge um Einzelne oder
in Verantwortung für das Ganze.
Wir würdigen heute Ihre herausragenden Leistungen.
Wir würdigen heute Ihren außerordentlichen Einsatz.
Ja, wir würdigen heute Sie, große Persönlichkeiten,
zu denen wir aufschauen und die als Vorbild taugen.
Sie alle geben Bayern ein Gesicht.
Und dieses Gesicht strahlt Mut und Tatkraft aus,
Empathie und Umsicht, Freude und Zuversicht.
Sie können jetzt für Ihre Nachbarin oder Ihren Nachbarn klatschen – und auch für sich selbst.
Wir – der Bayerische Landtag – sind stolz auf Sie,
und Sie können stolz auf sich selbst sein.
Das ist Ihr Applaus!
Diese Ordensverleihung ist für mich ein Höhepunkt des Jahres.
Sie liegt nicht ohne Grund im Dezember,
in der Vorweihnachtszeit.
Ich weiß: Da ist ohnehin viel los.
Aber wir wollen das Jahr ein Stück weit bilanzieren.
Wir wollen die Wärme des Advents, des christlichen Festes,
die Vorfreude und die Hoffnung mitnehmen.
In Zeiten,
- die uns so viel zu denken geben,
- die uns zweifeln lassen und
manchmal auch ratlos zurücklassen,
in diesen Zeiten wollen wir
Orientierung geben und Mut machen.
Mein Eindruck ist:
Auf den öffentlichen Bühnen gibt es viel Empörung,
viel Lautstärke und auch Wut – viel Unversöhnlichkeit.
Aber wohin führt das?
Führt das „Dagegen-Sein“
- zu neuem Zusammenhalt?
- Zu einem neuen Verständnis?
- Zu einem besseren Miteinander?
Oder bekommen wir dann nicht nur Mehr vom Selben?
Noch mehr Empörung, noch mehr Lautstärke, noch mehr Wut?
Das mündet doch in mehr Gegeneinander.
Das können wir nicht wollen!
Nein, meine Damen und Herren,
an diesem Tag im Dezember stehen Menschen im Mittelpunkt, die unser Zusammenleben in Bayern maßgeblich prägen.
Oftmals mit Worten, immer mit Taten.
Sie arbeiten konstruktiv und Sie beeindrucken mit Ergebnissen.
Was Sie geleistet haben und leisten – Tag für Tag – zeigt,
- was Großartiges möglich ist bei uns.
- Was man sich aufbauen kann,
in Eigenregie oder
auch mit Familie und Freunden,
mit Vereinskolleginnen oder Schicksalsgenossen:
im Team.
Ich schaue auf diese einzigartigen und berührenden Lebenswege.
Und dann denke ich an unsere Demokratie,
- in der Sie aufgewachsen sind,
- die das ermöglicht hat und
- die Wertschätzung verdient.
Ich meine: Sie alle sind Kinder der Freiheit!
II. Resilienz aufbauen
Meine Damen und Herren,
diese Ordensverleihung ist auch eine Standortbestimmung.
Angesichts der Vielzahl und Dichte der Krisen
sind wir angegriffen.
Wir sind angegriffen
- in unserem Selbstverständnis.
- In unserer Perspektive.
- In unserem Selbstbewusstsein.
Wir sind als Gesellschaft tief verunsichert.
Das wurzelt auch in ganz konkreten Sorgen um die Zukunft. Deshalb braucht die liberale Demokratie Sicherheit und
ein wirtschaftlich intaktes Fundament.
Das ist das eine.
Aber heute geht es mir um viel mehr als das.
Wenn ich über Resilienz nachdenke, kann man es aber eben nicht auf wirtschaftliche oder auch sicherheitspolitische Überlegungen reduzieren. Das greift zu kurz.
Denn ich spüre bei vielen
- angesichts dieser großen Themen,
- angesichts globaler Spannungen und neuer Trends, ja,
- auch angesichts langer Entscheidungswege in der Politik, die zudem nicht immer an das gewünschte Ziel führen,
da spüre ich so etwas wie eine Sinnkrise.
Denn viele leisten in ihrem Alltag das Menschenmögliche.
Aber dann schauen Sie abends die Nachrichten an.
Oder Sie lesen tagsüber schon die Nachrichten auf dem Smartphone – und ja, da ist dann dieses Gefühl:
Vielleicht mögen sie schon gar nicht mehr hinschauen!
Das Smartphone hat unseren Alltag ja deutlich verändert.
Heute kommen die Nachrichten digital reingeflogen über die verschiedensten Kanäle:
Über Social Media, wo jeder ein Empfänger sein kann
– aber eben auch jeder ein Sender.
Und da verbreiten sich die Meldungen rasend schnell.
Viele dieser Meldungen sind keine News im klassischen Sinne, sondern Meinungsbeiträge.
Und sie zielen – gerade wenn sie gut gemacht sind –
auf den Algorithmus, auf Aufmerksamkeit!
Und was erzielt die größte Aufmerksamkeit?
Richtig, das sind Beiträge,
die auf Empörung setzen und Stimmung machen.
Oft kann man nichts davon überprüfen,
oft kann man nichts davon in einen Zusammenhang setzen.
Aber gerade diese Beiträge, die sind ganz und gar eindeutig. Wo man sagt: Skandal, die da oben!
Nichts funktioniert mehr, zum Verzweifeln!
Im Demokratiereport Bayern 2025, einer repräsentativen Meinungsumfrage, die ich in Auftrag gegeben habe, wird deutlich:
Die über 65-jährigen informieren sich über Politik klassisch durch Fernsehen: zu 82 Prozent.
Und die Jugend, bis 34 Jahre? Fernsehen?
Zu 18 Prozent!
Stattdessen nutzen die jungen Leute Social Media und Internet-Angebote.
Da, wo es gar keine Gatekeeper mehr gibt im Sinne von Qualitätsjournalismus. Und wo sich allerhand
- Stimmungsmacher,
- Manipulatoren und
- Hetzer rumtreiben:
Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht.
Aber ich habe da kein gutes Gefühl:
Da muten wir der Jugend ganz schön was zu!
Wir alle werden Dauerfeuer ausgesetzt:
einem Dauerfeuer aus Social-Media-Beiträgen.
Und die allermeisten davon sind so gemacht, dass sie
ganz grundsätzlich an Politik und Staat zweifeln lassen.
- Und zwar systematisch.
- Sehr gezielt.
- Oft im spöttischen Ton,
- voller Abscheu,
- ganz und gar unversöhnlich.
Verbieten kann man das in der Regel nicht.
Aber wir müssen uns bewusst machen:
Hier wird sehr gezielt gearbeitet
an der Destabilisierung einer freien Gesellschaft:
das darf uns nicht egal sein!
III. Eine Antwort: Selbstwirksamkeit
Meine Damen und Herren,
die gefühlte Ohnmacht ist eine große Gefahr für unsere Demokratie.
Dieses:
- Man weiß gar nicht mehr, was man noch glauben soll!
- Und: Was kann ich da schon tun?
Damit wird man gegen den eigenen Willen Freiwild für Demagogen und Radikale von den politischen Rändern.
Denn die wissen ganz genau, was zu tun ist.
Immer,
immer schön einfach,
aber, bitte schön, mit was für einem Menschenbild?
Um uns dagegen abzuhärten, muss Regierungspolitik wirken.
Einerseits. In den großen Fragen.
Und daneben, in den kleinen Fragen, sollte man sich
– wenn man es denn kann –
auf sich selbst und sein Umfeld besinnen und ins Tun kommen.
Selbst die Initiative ergreifen:
im Kleinen, im Privaten, im Beruf.
Wieder mehr in den Erfolg verlieben.
Meine Damen und Herren,
jede und jeder kann etwas bewirken:
Ohnmacht – das ist doch kein Zustand!
Wenn ich auf unsere Ordensträgerinnen und Ordensträger schaue, dann sehe ich das Gegenteil von Ohnmacht.
Dann muss ich feststellen:
Es ist doch nicht so, dass man
mit dem goldenen Löffel im Mund geboren sein muss oder
dass man sich erst ein Vermögen erarbeitet haben muss.
Und dass man erst dann der Gesellschaft etwas zurückgeben kann.
Wenn es so gemacht wird, ist das auch wunderbar –
nicht, dass wir uns falsch verstehen!
Alle Trägerinnen und Träger des Bayerischen Verfassungsordens geben ihr Möglichstes mit selbstlosen Motiven, sie lassen andere teilhaben.
- Sie tun Gutes: Weil Sie es aus sich heraus wollen.
- Sie leisten Herausragendes:
Weil Sie etwas erreichen wollen. - Sie begeistern Menschen für etwas:
Weil Sie einen unbedingten Willen dazu haben.
Das ist, was ich sehe, wenn ich auf Sie schaue,
meine Damen und Herren,
und das macht mich auch als Repräsentantin des Freistaates überaus stolz!
Ihre Leistungen ermutigen mich in Zeiten von Krisen,
in Phasen der Zweifel oder auch Ratlosigkeit.
Was Sie erreichen, ist beispielhaft.
Denn wir brauchen
- wieder mehr Eigeninitiative,
- wieder mehr Glaube an uns selbst und
- wieder mehr Vertrauen in die kleinen Einheiten!
Die Orden werden gleich thematisch unterteilt verliehen.
Nächstes Jahr haben wir in Bayern Kommunalwahlen:
am 8. März, um genau zu sein.
Und es ist kein Zufall, dass heute unglaublich viele ehrenamtlich aktiv und Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker sind.
Sie lassen sich nicht bremsen oder einschüchtern,
auch wenn die Attacken auf Kommunalpolitiker deutlich zunehmen.
Was eine Schande ist für unsere demokratische Kultur!
Nein, die Bayerinnen und Bayern packen gern an.
Sie glauben fest an ihre eigene Gestaltungskraft,
sie haben ihr eigenes Selbstbewusstsein –
und ich sage Ihnen:
Diese bayerische Eigenheit macht uns besonders erfolgreich und sie gefällt mir wahnsinnig!
Wer hier und heute ausgezeichnet wird,
der hat keine Beifahrermentalität.
Der will nicht mitgenommen werden und
dann mäkeln an Strecke und Fahrweise.
Schauen Sie nur auf unsere heutige Festrednerin:
Dr. Florence Gaub –
- Politikwissenschaftlerin,
- Forschungsdirektorin der NATO-Militärakademie in Rom
- und strategische Vordenkerin.
- Sie ist eine brillante Analytikerin.
- Sie erarbeitet realistische Szenarien. Für unseren Frieden.
- Sie ist nicht nur Trägerin des Bayerischen Verfassungsordens, nein, man kann es kaum glauben:
- Sie blickt in die Zukunft und sie ist was?
Zuversichtlich!
Sie alle, meine Damen und Herren,
haben eine Gemeinsamkeit:
Wenn das Leben eine wilde Fahrt ist,
und das ist es bisweilen,
dann sitzen Sie im Fahrersitz,
Sie greifen nach dem Steuer.
- Und Sie bringen sich,
- Sie bringen andere,
- Sie bringen uns als Freistaat sicher ans Ziel.
Dieses Ziel ist ein gutes und friedliches Zusammenleben voller Zuversicht.
Danach wollen wir streben.
Liebe Ordensträgerinnen und Ordensträger,
ich sage:
Es ist mir eine Ehre.
Herzlichen Glückwünsch zum Bayerischen Verfassungsorden!