Mittelschule stärken – aber wie genau?
Aktuelle Stunde auf Vorschlag der FREIEN WÄHLER
28. April 2026
MÜNCHEN. In der Aktuellen Stunde des Bayerischen Landtags debattierten die Fraktionen auf Vorschlag der FREIEN WÄHLER zum Thema „Chancen sichern, Zukunft gestalten: Die Initiative ‚Mittelschule – stark für jeden Weg‘“. Einigkeit besteht darüber, dass die Mittelschule als tragende Säule des Bildungssystems gestärkt werden muss. Während die Regierungsfraktionen auf mehr Flexibilität beim Lernen, stärkere Berufsorientierung und zusätzliche Unterstützungsangebote setzen, sieht die Opposition die Priorität anders. Sie moniert, dass man sich zunächst um elementare Dinge wie mehr Personal, kleinere Klassen und mehr Investitionen kümmern sollte.
„Wir wollen bewusst die Mittelschule ins Zentrum des bildungspolitischen Geschehens rücken“, sagte Dr. Martin Brunnhuber (FREIEN WÄHLER). Mit inzwischen rund 207.000 Schülerinnen und Schülern und einem Zuwachs von etwa 15.000 seit dem Schuljahr 2021/22 gewinne die Schulart weiter an Bedeutung. Die stabile Übertrittsquote von 28,7 Prozent zeige, dass sich viele Familien gezielt für diesen Weg entscheiden. Besonders hob Brunnhuber das Klassenleiterprinzip hervor, das eine enge Begleitung ermögliche, sowie die hohen Abschlussquoten: 76 Prozent erreichen den „Quali“, 96 Prozent der Jugendlichen, die den M-Zweig wählten, den mittleren Schulabschluss.
Jahrgangsübergreifendes Lernen, flexiblere Stundenpläne
Um auf wachsende Herausforderungen wie heterogene Lerngruppen zu reagieren, setzt die Initiative der FREIEN WÄHLER auf die Ergebnisse der sogenannten Mittelschulwerkstätten. Daraus wurden Maßnahmen abgeleitet, darunter mehr Zeit für Basiskompetenzen, etwa durch jahrgangsübergreifendes Lernen in den Klassen 5 und 6 (Jami), eine flexiblere Stundentafel sowie zusätzliche Wege zum mittleren Abschluss über den M-Zug. Ergänzend sind projektorientierte Lernformate und verpflichtende Projektarbeiten vorgesehen, die Berufsorientierung wird gestärkt. Fortbildungen, digitale Formate wie Programme zur Leseförderung wie FiLBY und „QuaMath“ sowie eine Schulleitung im Team sollen die Qualität weiter verbessern. Die Umsetzung ist ab dem Schuljahr 2026/27 geplant. „Ziel ist es, die Mittelschule als gleichwertigen Bildungsweg zu stärken und ihre Rolle als Zubringer zur dualen Ausbildung auszubauen“, so Brunnhuber.
„Die Mittelschule ist ein zentraler Baustein für berufliche Bildung, Integration, soziale Stabilität und die Zukunft unseres Handwerks“, betonte Oskar Atzinger (AfD). Zugleich kritisierte er einen zunehmenden Akademisierungstrend und forderte eine stärkere Ausrichtung auf das Handwerk. Die Mittelschule dürfe nicht länger stiefmütterlich behandelt werden. Lehrermangel, Unterrichtsausfall und fehlende Förderangebote träfen sie besonders stark, Lehrkräfte arbeiteten vielfach am Limit. Wer die Schulart stärken wolle, müsse vor allem in Personal, kleinere Klassen sowie Schulsozialarbeit und Berufsorientierung investieren. Die neue Initiative geht laut Atzinger zwar in die richtige Richtung, greife aber zu kurz und bleibe ohne konsequente Umsetzung unzureichend.
Tobias Reiß (CSU) stellte die Bedeutung der Lehrkräfte in den Mittelpunkt. Sie leisteten weit mehr als gefordert, seien Bezugspersonen für die Schülerinnen und Schüler und prägten mit ihrem Engagement den Erfolg der Schulart. Die Mittelschule eröffne vielfältige Bildungswege. Das Prinzip laute: „Kein Abschluss ohne Anschluss“. Reiß verwies auf bestehende Unterstützungsstrukturen wie Schulsozialarbeit, Schulpsychologen und das Startchancenprogramm. Mit diesem werden 150 von insgesamt 580 teilnehmenden Schulen in Bayern mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler besonders gefördert. Die geplanten Maßnahmen – praxisnahe Lernformen, flexible Lernzeiten und stärkere Berufsorientierung – seien geeignet, die Schulart weiter zu profilieren.
Grüne: Es fehlen 500 Lehrkräfte – bei steigenden Schülerzahlen
„Wir haben vorher einmal mehr die Lobeshymnen der Staatsregierung gehört: Jetzt kommt der Realitätscheck“, sagte Gabriele Triebel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN). Sie verwies auf Zahlen des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), wonach derzeit rund 500 Lehrkräfte fehlten – bei gleichzeitig steigenden Schülerzahlen. Kritisch sieht Triebel zudem das Stellenmoratorium sowie Kürzungen bei Programmen wie Praxisklassen oder Schülerfirmen. Auch die digitale Ausstattung sei unzureichend. Die Verschiebung entsprechender Programme von der 5. auf die 8. Jahrgangsstufe habe fatale Auswirkungen: Schülerinnen und Schüler hätten nur noch zwei Jahre Zeit, sich mit der digitalen Welt auseinanderzusetzen – „in der sie nach der Ausbildung sofort bestehen müssen“.
„Sie nutzen die Aktuelle Stunde als ministerielle Werbefläche, als Applaus auf Bestellung, als Verlängerung einer Ministeriumskampagne“, kritisierte Nicole Bäumler (SPD) die Bildungsministerin. In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Mittelschulen trotz steigender Schülerzahlen von 897 auf 828 gesunken. Fast 10 Prozent des Unterrichts hätten nicht regulär stattfinden können, rund 3 Prozent seien ersatzlos ausgefallen. Zudem verwies sie auf zu große Klassen, sanierungsbedürftige Schulgebäude und finanziell überlastete Kommunen. Die Mittelschulen bräuchten keine „Showveranstaltungen“, sondern zusätzliche Stellen und Investitionen in die Infrastruktur.
Die neue Initiative soll die Mittelschule attraktiver machen
„Die Mittelschule ist das Rückgrat der beruflichen Bildung in Bayern“, betonte Kultusministerin Anna Stolz (FREIEN WÄHLER). Den Vorwurf einer „Showveranstaltung“ wies sie deutlich zurück: Die Initiative basiere auf einem breit angelegten Beteiligungsprozess mit über 6.500 Rückmeldungen aus der Praxis. Die Ergebnisse seien gemeinsam mit der gesamten Schulfamilie erarbeitet worden, Presse sei gar keine eingeladen worden. Zugleich räumte sie steigende Herausforderungen ein, etwa durch heterogenere Schülerschaften und sinkende Kompetenzen in Kernfächern. Um mehr Lehrerinnen und Lehrer einzustellen, brauche es mehr Nachwuchslehrkräfte. Die neue Initiative setze genau hier an: Sie solle die Schulart attraktiver machen. Die Maßnahmen reichten von mehr Lernzeit und flexiblen Strukturen über praxisnahe Unterrichtsformen bis hin zu einer Stärkung der Lehrkräfte und Schulleitungen. „Gute Bildung“, so Stolz, „gelingt am besten im Team.“
/ David Lohmann