Demografie im Wandel - Europa zukunftsfest machen

Sachverständigenanhörung im Ausschuss für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie regionale Beziehungen

14. April 2026

MÜNCHEN. Der demografische Wandel macht sich zunehmend auch in Bayern bemerkbar mit immer mehr älteren Menschen, einem wachsenden Sterbeüberschuss und weniger Personen im erwerbsfähigen Alter. In einer Expertenanhörung auf Antrag der SPD-Fraktion zum Thema „Demografie im Wandel – Europa zukunftsfest machen“ informierten sich die Abgeordneten des Ausschusses für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie regionale Beziehungen über die aktuelle Lage und Ansätze zur Linderung der mit dem Wandel verbundenen Probleme.

Nach aktuellen Prognosedaten zur Bevölkerungsentwicklung in Europa wird 2050 rund ein Drittel der auf dem Kontinent lebenden Menschen älter als 65 Jahre sein. Aktuell ist es etwa ein Fünftel. In den meisten EU-Staaten wird dann auch die Einwohnerzahl geschrumpft sein, weniger Menschen werden dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, dafür werden deutlich mehr Menschen pflegebedürftig sein. „Die Gewinnung qualifizierter Arbeitskräfte bleibt auf Jahre eine Herausforderung, die sozialen Sicherungssysteme werden an die Grenze der Belastbarkeit kommen“, analysierte der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), Bertram Brossardt, bei einer Fachanhörung des Bundes- und Europaausschusses zum demografischen Wandel.

Wirtschaft fordert Innovation und Mehrarbeit

Aus Sicht der Wirtschaft nannte Brossardt mehrere „zentrale Hebel“, um die Folgen des Wandels in Bayern abzudämpfen. Auf der einen Seite müssten Innovationen in den Bereichen Automatisierung und Robotik gefördert werden, um fehlende Arbeitskräfte in Teilen ersetzen zu können. Andererseits müsse das vorhandene Arbeitskräftepotenzial deutlich besser ausgeschöpft werden. Dazu gehöre die Gesundheitsförderung, um Menschen länger produktiv halten zu können, genauso wie die Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Frauen durch eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch längere Wochen- und Lebensarbeitszeiten – „auch wenn das nicht gerne gehört wird“, wie Brossardt anmerkte. Um Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, brauche es mehr Zuwanderung aus dem Ausland, in erster Linie von qualifizierten Fachkräften. Hierfür sei eine „aktive Willkommenskultur“ erforderlich.

Dr. Markus Schmitz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, erklärte, dass der – zuletzt vor allem aus der Zuwanderung gespeiste – Anstieg an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Bayern zum Erliegen gekommen sei. Einen positiven Wanderungssaldo aus EU-Staaten gebe es nicht mehr. Um in Zukunft genügend Arbeitskräfte zu haben, warb auch Schmitz für eine „Doppelstrategie“ aus dem Heben inländischer Potenziale und einer „ganzheitlichen Zuwanderungsstrategie“ durch das Nutzen der Chancen aus der Fluchtmigration und einer gezielten Anwerbung von Fachkräften. Unabhängig davon hob Schmitz die Bedeutung der Aus- und Weiterbildung hervor. Das Job-Angebot für ungelernte Hilfskräfte werde weiter sukzessive abnehmen, schon heute stelle dieser Personenkreis die große Mehrheit unter den Arbeitslosen.

Es gibt keine Patentrezepte gegen den Wandel

Die Bamberger Demografie-Professorin Henriette Engelhardt-Wölfler mahnte an, man müsse bei der Bewältigung der Demografie-Probleme wirtschaftliche und soziale Aspekte gleichermaßen berücksichtigen. Die Maßnahmen müssten auf die spezifischen Bedürfnisse der verschiedenen Bevölkerungsgruppen zugeschnitten sein und zudem regionale Unterschiede im Blick haben. Dies unterstrich Dr. Harald Michel vom Berliner Institut für Angewandte Demografie. „Wegen der großen regionalen Unterschiede bei den Auswirkungen des demografischen Wandels gibt es keine allgemeingültigen Rezepte. Es braucht regionalspezifische Lösungen“, betonte er. Die Herausforderungen seien in Städten andere als in den ländlichen Räumen, wo im Regelfall niedrige Geburtenraten und Überalterung zusammenfielen.

Kernproblem ist der Geburtenrückgang

Als Kernproblem identifizierte Michel den nahezu europaweiten Geburtenrückgang. „Alle anderen Folgen der Überalterung leiten sich daraus ab“, sagte er. Diese Entwicklung sei in der Weltgeschichte „beispiellos“. Folglich müssten Maßnahmen darauf ausgelegt sein, die Geburtenraten zu erhöhen, was allerdings nur langfristig wirken würde und keine Lösung für aktuelle Probleme sei. Über geeignete Ansätze zur Förderung der Fertilität brachten sich mehrere Experten ein. Es müsse gelingen, dass Paare ihren Kinderwunsch am Ende auch realisierten, hieß es. Nach Angaben von Dr. Elke Loichinger vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden wünschen sich deutsche Paare laut Umfragen im Durchschnitt knapp 1,8 Kinder, die tatsächliche Geburtenrate je Frau liege aber nur bei 1,35 und damit etwa im europäischen Mittel.

Einig waren sich die Experten, dass monetäre Anreize wie Geburtenprämien „quasi null Effekt“ haben, wie Prof. Dr. Engelhardt-Wölfler formulierte. Gleiches gelte für staatliche Aufrufe, mehr Kinder zu bekommen. Die größten messbaren Effekte zeigten Programme zur verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Es braucht eine ausreichende, verlässliche und bezahlbare Kinderbetreuung“, blickte Loichinger auf internationale Vergleichsdaten. Auch deshalb gebe es in Ländern wie Schweden, Dänemark oder Irland noch immer einen Geburtenüberschuss. Zudem stellte  Loichinger in europäischen Ländern mit fortgeschrittener Gleichberechtigung von Männern und Frauen eine höhere Fertilität fest.

Es braucht mehr Kitas und Ganztagesbetreuung

Nach Angaben der Direktorin des Wiesbadener Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Prof. Dr. Katharina Spieß, hat eine umfassende Betreuungsinfrastruktur für Kinder unter drei Jahre den „größten Effekt auf die Geburtenzahl“ bei gleichzeitig überdurchschnittlich hoher Müttererwerbstätigkeit. Auch eine gesicherte Ganztagesbetreuung im Grundschulalter der Kinder sei dafür von Bedeutung. Um Frauenerwerbstätigkeit insgesamt zu erhöhen, müsse der Fokus zudem auf die Förderung von Müttern mit Zuwanderungsgeschichte gelegt und das kontraproduktive Ehegattensplitting bei der Einkommensbesteuerung abgeschafft werden.

Der Koblenzer Professor für Humangeographie, Prof. Dr. Bernhard Köppen, ordnete die demografische Entwicklung in langfristige Zusammenhänge ein. Bevölkerung sei in der Geschichte nie statisch gewesen, sondern habe schon immer durch verschiedene Einflüsse einem ständigen Wandel unterlegen. Häufig seien regionale Rückgänge der Bevölkerungszahl nicht nur Folge einer demografischen Entwicklung, sondern von lange währenden strukturellen Defiziten, die mit Abwanderung einhergingen. Köppen sprach sich deshalb für eine aktive Strukturpolitik sowie gezielte Investitionen in Bildung und Weiterbildung sowie das Gesundheitswesen aus. Dazu brauche es auch innovative Ansätze wie den Erhalt von Kleinstschulen oder den Einsatz mobiler Ärzte. Der aus Brüssel vom Egmont Royal Institute for International Relations zugeschaltete Giles Merritt verglich die Überalterung mit einem „Tsunami“, der über die europäischen Gesellschaften hinwegrolle. Um die Folgen zu bewältigen, sei eine „gesamteuropäische Strategie“ mit nationalen und regionalen Komponenten erforderlich.

/ Jürgen Umlauft

 

 

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