Informationsgespräch mit der Leiterin des Büros des Freistaats Bayern in der Ukraine
Austausch im Ausschuss für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie regionale Beziehungen
10. März 2026
MÜNCHEN. Seit vier Jahren führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der Ausschuss für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie regionale Beziehungen hat sich nun ein Bild über die Lage in dem Land gemacht. Er führte dazu per Video ein Informationsgespräch mit der Leiterin des Büros des Freistaats Bayern in der Ukraine, Anna Maslak. Interessiert hat die Abgeordneten vor allem, welche Hilfe der Freistaat der Ukraine leisten kann.
In eindringlichen Worten schilderte die Leiterin des bayerischen Büros in der Ukraine, Anna Maslak, vor den Abgeordneten des Bundes- und Europaausschusses die gegenwärtige Lage in dem seit 2022 vom Krieg betroffenen Land. Bei landesweit bis zu 700 täglichen Angriffen durch die russische Armee gehöre der Luftalarm zur Normalität. „Jeden Tag und jede Nacht unterbrechen Menschen ihre Arbeit, den Unterricht, ihren Schlaf, um in Schutzräume zu gehen“, schilderte Maslak die Situation vor allem in den Städten. Gerade nachts seien U-Bahn-Schächte der sicherste Ort. Dennoch versuche man, ein möglichst geregeltes und normales Leben auch mit Feiern und Veranstaltungen zu führen, da es sonst auf die Dauer unerträglich wäre.
Gesellschaftliches Leben „so gut es geht“
Besonders klagte Maslak über die nach ihren Worten völkerrechtswidrigen Angriffe Russlands auf Energieversorgungsanlagen. Stromausfälle und der Heizungsnotstand im Winter seien „Teil der militärischen Strategie Russlands“. Der Versuch der Bevölkerung, unter diesen Bedingungen das gesellschaftliche Leben so gut es gehe aufrechtzuerhalten, zeige eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit. „Diese Resilienz darf aber nicht romantisiert werden“, warnte Maslak. Positiv wertete sie, dass es im Land keine flächendeckende Lebensmittelknappheit gebe. Abgesehen von den Regionen in Frontnähe funktionierten Produktion und Logistik. Allerdings seien erhebliche Teile der Ackerflächen zerstört oder vermint.
„Die Hilfe aus Bayern ist sichtbar und spürbar"
Als Fazit zog Maslak, dass die Ukraine trotz anhaltender Angriffe Russlands funktionsfähig sei. Dies sei auch auf die Hilfe und Unterstützung aus Westeuropa und den USA zurückzuführen. Maslak dankte Bayern und Deutschland für die vielfältige Unterstützung. „Die Hilfe aus Bayern ist sichtbar und spürbar, sie trägt zur Stabilisierung der Ukraine bei“, sagte sie. Abschließend betonte Maslak: „Die Menschen in der Ukraine wünschen sich nichts mehr als Normalität und Frieden.“ Dies umso mehr, als jede Familie Opfer zu beklagen habe. Gleichzeitig verteidige das Land aber auch sein Recht, selbst über seine Zukunft zu entscheiden.
In der Aussprache zu Maslaks Bericht versicherte Landtagsvizepräsident Markus Rinderspacher (SPD) der Ukraine die „unbedingte Solidarität“ und erkundigte sich über die Wirksamkeit von Hilfstransporten und möglichen logistischen Problemen bei deren Durchführung. Er selbst werde Ende März zum achten Mal einen Konvoi in die Ukraine begleiten. Maslak bestätigte Einreiseprobleme bei Hilfslieferungen durch polnische Grenzbehörden und den ukrainischen Zoll. Zudem riet sie den Fahrern, sich unbedingt an die ukrainischen Tempolimits zu halten, da sonst Einreisesperren drohen könnten. Insgesamt empfahl sie den Helfenden, nur das zu liefern, was vor Ort wirklich benötigt werde. Sinnvoll sei es, sich im Vorfeld eine konkrete Bedarfsliste der avisierten Empfänger zu besorgen. Grundsätzlich sei aber „jede Art von Hilfe willkommen“, hob Maslak hervor.
CSU: Ukraine darf nicht aus dem Fokus geraten
Der CSU-Europapolitiker Dr. Gerhard Hopp stellte klar, dass die Ukraine „alle Unterstützung verdient hat, die wir leisten können“. Gleichzeitig sah er in der Vielzahl der Krisen auf der Welt die Gefahr, dass die Ukraine „aus unserem Fokus rückt“. Die Lage im Land und die Notwendigkeit der Unterstützung müssten der hiesigen Bevölkerung wieder stärker vermittelt werden, sagte Hopp. Sein Fraktionskollege Karl Freller rief in Erinnerung, dass in der Ukraine gegenwärtig das „größte Blutvergießen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges“ stattfinde. Europa sei herausgefordert. „Wenn Europa nicht zusammenhält und das stoppt, dann kommt Europa insgesamt in Gefahr“, warnte Freller.
Grüne: Krieg darf nicht zur Normalität werden
Benjamin Adjei (BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN) ergänzte, es dürfe „nicht Normalität werden, dass in der Ukraine Krieg herrscht“. Bezugnehmend auf Hopps Mahnung fragte er bei Maslak nach, inwiefern der neue Krieg im Nahen Osten Auswirkungen auf die Lage in der Ukraine habe. Die Folgen seien bereits spürbar, erwiderte Maslak. Auch in der Ukraine würden Treibstoff- und in deren Gefolge Lebensmittelpreise steigen. Zudem stocke der Nachschub an Munition und Flugabwehrraketen. Durch diesen Mangel würden erkennbar mehr russische Raketen und Drohnen Ziele in der Ukraine treffen. Bedauerlich sei zudem, dass die Verhandlungen für eine Friedenslösung wegen neuer Prioritätensetzungen in den USA verschoben worden seien.
Die Rolle Europas in dem Konflikt thematisierte die amtierende Ausschussvorsitzende Ulrike Müller (FREIE WÄHLER). Sie wollte von Maslak wissen, ob sich die Ukrainer eine Führungsrolle der Europäer bei den Friedenverhandlungen wünschten und ob die Frage eines EU-Beitritts des Landes in der Bevölkerung debattiert werde. Letzteres verneinte Maslak. Dies sei „kein beherrschendes Thema“ in der öffentlichen Debatte. Sehr wohl wünsche man sich von Europa aber eine prägendere Rolle bei den Friedensbemühungen und die konsequente Bekämpfung von Fake-News über die Lage in der Ukraine.
/ Jürgen Umlauft