Zukunft des Bahnverkehrs in Bayern – Herausforderungen und Perspektiven

Unterausschuss „Zukunft Stammstrecke“ wird zum Bahn-Unterausschuss

16. März 2026

MÜNCHEN. Verspätungen, Zugausfälle, Streckensperrungen – das Bahnnetz in Bayern ist marode. Vor diesem Hintergrund veranstaltete der Ausschuss für Wohnen, Bau und Verkehr eine Sondersitzung zur Zukunft des Bahnverkehrs im Freistaat. Eingeladen war auch die neue Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Evelyn Palla. Sie versprach Besserung, auch wenn das noch Jahre dauern wird. Der Verkehrsausschuss will die Arbeiten künftig parlamentarisch enger begleiten.

Auf Antrag der Regierungsfraktionen von CSU und FREIEN WÄHLERN hat der Ausschuss für Wohnen, Bau und Verkehr einstimmig das Betätigungsfeld seines vierteljährlich tagenden Unterausschusses zum Bau der 2. S-Bahn-Stammstrecke in München auf die gesamte Bahninfrastruktur in ganz Bayern ausgeweitet. Auslöser sind die sich mehrenden Mängel bei der Bahninfrastruktur in Bayern und deren nur zögerliche Beseitigung. „Wir schaffen faktisch einen parlamentarischen Aufsichtsrat für bayerische Bahn-Themen“, erklärte der Ausschussvorsitzende Jürgen Baumgärtner (CSU) auf einer Pressekonferenz des Verkehrsausschusses zur Zukunft des Bahnverkehrs im Freistaat. Die Bahninfrastruktur sei in einem „schwierigen und schlechten Zustand“, man werde als Parlament künftig genauer hinschauen.

Die Bahn will „raus aus dem Krisenmodus“

Im ersten, nichtöffentlichen Teil der Sitzung äußerten sich Vertreter der Deutschen Bahn, der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) sowie der die Strecken bedienenden Schienenverkehrsunternehmen. Die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Evelyn Palla, fasste auf der Pressekonferenz ihre in der Sitzung gemachten Ausführungen mit den Worten zusammen, die Bahn wolle „raus aus dem Krisenmodus“. Sie verwies zum einen auf das mit zusätzlich 140 Millionen Euro ausgestattete Sofortprogramm für mehr Kundenkomfort im Fernverkehr sowie strukturelle Änderungen im Bahnkonzern, mit denen die regionalen Gliederungen des Unternehmens bei Baumaßnahmen mehr Eigenverantwortung erhalten sollen. Statt „zentraler Ansagen aus Berlin“ sollen die regionalen Bedürfnisse mehr in den Mittelpunkt rücken. Die Mängel in der Bahninfrastruktur würden sich aber auch dadurch nicht von heute auf morgen beseitigen lassen. „Das wird mit Sicherheit noch zehn Jahre dauern“, räumte Palla ein. Dazu brauche man „zusätzliche Investitionsmittel, um unseren Anspruch an eine leistungsfähige Bahn auch erfüllen zu können“.

Baumgärtner sprach von „großen Herausforderungen der Deutschen Bahn AG“. Bei Pallas Plänen stehe der Landtag „fest an Ihrer Seite“. „Uns geht es darum, dass die Deutsche Bahn nachhaltig organisiert wird, und die Geldmengen, die sie braucht, nachhaltig zur Verfügung stehen“, betonte Baumgärtner. Er kündigte seine Unterstützung für den Fall an, „dass wir zur Entlastung bedeutender Schienenknoten auch den einen oder anderen Zug streichen müssen“. Sein Stellvertreter Martin Behringer (FREIE WÄHLER) mahnte eine „Kehrtwende“ bei der Bahn an. Die Bahn müsse vor allem pünktlicher und zuverlässiger werden. Die nun erhöhten Investitionsmittel seien dafür ein „gutes Signal“. Um diese auch zielführend einsetzen zu können, mahnte Behringer eine bessere Planung und Koordinierung der Baustellen an.

Verkehrsminister Bernreiter lehnt Zugstreichungen ab

Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) forderte von der Bahn ein besseres Baustellenmanagement, den spürbaren Abbau der rund 100 Langsamfahrstellen in Bayern bis 2028 und eine bessere Fahrgastinformation in Echtzeit. Überlegungen, Zugverbindungen im Regionalverkehr zur Stabilisierung des Bahnverkehrs zu streichen, lehnte Bernreiter ab. „Ich habe nicht vor, im Nahverkehr zu streichen, sondern will den Status Quo erhalten“, betonte er. Als positives Ergebnis des Gesprächs wertete Bernreiter die Zusage der Bahn, ihre Planungen für die Sanierung der stark frequentierten Strecke München-Rosenheim zu überarbeiten. Bislang ist dort eine mehrmonatige Sperre der Trasse vorgesehen. Nun soll es nur befristete Teilsperrungen geben.

Beschäftigte fordern mehr Planungssicherheit

Im öffentlichen Teil der Sondersitzung kamen Interessenvertreter der Bahnbeschäftigten und der Fahrgäste zu Wort. Matthias Birkmann, Landesgeschäftsstellenleiter Bayern der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) thematisierte die Unterfinanzierung des Bahnsystems. Sowohl der Bund als auch Bayern müssten mehr Geld in die Hand nehmen. Zur Absicherung von Modernisierungsmaßnahmen brachte Birkmann einen wahlperiodenübergreifenden Infrastrukturfonds ins Gespräch, der Planungssicherheit „für Jahre und Jahrzehnte“ schaffen könne. Nötig seien neben den Streckenertüchtigungen auch Investitionen in die Sicherheit des Bahnverkehrs. Dies betreffe sowohl die grundsätzliche Zweigleisigkeit von Strecken, aber auch die Sicherheit von Zugbegleitern vor Attacken renitenter Fahrgäste. Hier müsse über die Doppelbesetzung von Zugbegleitungen nachgedacht werden.

Der bayerische Bezirksvorsitzende der Gewerkschaft der Lokführer (GdL), Uwe Böhm, bezeichnete den aktuellen Zustand des Schienennetzes als „Ergebnis von drei Jahrzehnten des Sparens und Schrumpfens“. Es gebe keine stabilen Fahrpläne mehr, oft müssten Lokführer kurzfristig umdisponieren, geregelte Dienstzeiten würden zur Ausnahme. Böhm regte an, die Sanierungsstrategie insgesamt „betriebsverträglicher“ zu machen, die Elektrifizierung konsequent voranzutreiben und die Bahn stärker am Gemeinwohl zu orientieren.

Fahrgastvertreter flüchtet sich in Sarkasmus

Mit einigem Sarkasmus schilderte der oberbayerische Bezirksvorsitzende des Fahrgastverbandes PRO BAHN, Norbert Moy, die alltäglichen Zumutungen für Bahnreisende. Er zählte fehlende oder widersprüchliche Ansagen genauso auf wie unbenutzbare Toiletten, verpasste Anschlüsse und Zugausfälle. „Die Eisenbahn in Bayern stützt sich auf einen besonderen Typus von Fahrgast, den resilienten Beförderungsfall, der in der Lage ist, mangelnde Systemstabilität routiniert durch Leidensfähigkeit zu kompensieren“, formulierte Moy. Er warnte vor der Streichung von Zugleistungen, weil dies auf Kosten der Fahrgäste gehe, forderte die Schaffung von ausreichenden Reserven bei Personal, Fahrzeugen und Infrastruktur und mahnte die präventive Instandhaltung von Fahrzeugen und Schienennetz an, um ständige, den Betrieb behindernde Notfallreparaturen zu vermeiden.

/ Jürgen Umlauft

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