Akademiegespräch im Bayerischen Landtag zum Thema „Förderer, Freund und Skeptiker. Das Verhältnis der USA zur deutschen Demokratie nach 1945“ am 18. März 2026 im Senatssaal des Maximilianeums
Es gilt das gesprochene Wort.
Anrede
- Kaugummi,
- Coca-Cola,
- Schokolade.
So banal, so absurd es klingen mag
angesichts der Trümmer,
der Tragik und der Trauer am Kriegsende;
angesichts der Jahre des Elends und der Not,
der ungeheuerlichen Verbrechen:
- Kaugummi,
- Coca-Cola
- und Hershey’s Schokolade –
das waren für viele die Symbole des Neuanfangs.
Diese amerikanischen Wundermittel – sie sind noch immer für viele Sinnbild der Befreiung.
Während in anderen Teilen Deutschlands die Angst
vor den Russen grassierte, die grausamen Geschichten
von Gewalt, Raub und Vergewaltigungen –
wurden die Amerikaner von der verhassten Siegermacht zum: Befreier.
Still und heimlich sehnte man sie herbei.
Das ist zwar ein vereinfachter Blick auf das Kriegsende. Und doch ist er komplexer als
die viel zitierte, völlig verfehlte „Stunde Null“.
Denn eine „Stunde Null“ konnte es nun wahrlich für niemanden geben.
- Nicht für die Überlebenden der Konzentrationslager,
- nicht für die versehrten Soldaten,
- nicht für die verwitweten Frauen und
nicht für die verwaisten Familien, - und auch nicht für die amerikanischen Soldaten – darunter auch einige Juden –
die die Konzentrationslager befreiten,
die Menschheitsverbrechen aufdeckten und
die auf ein Volk trafen, von dem sie nicht wussten,
ob diese Leute jene Feinde waren,
jene Monster, jene „enemy nation“.
Das war keine „Stunde Null“ – in keiner Hinsicht.
Und doch fand man zusammen.
Das Gebot der „Non-Fraternization“ –
der Nicht-Verbrüderung, das für die US-Soldaten galt
– kein Kontakt zur Bevölkerung – und umgekehrt,
das Verbot für Deutsche, mit den GI‘s zu interagieren: Beides wurde in den Wind geschlagen.
Stattdessen:
- Baseball und Lederhose.
- Coca-Cola, Lucky Strike und Seife –
- gegen Eier, Hühner und Speck.
Bei den Bayern erwacht die Liebe zur US-Kultur,
zu Rock’n’Roll, Hollywood, Jazz und Jeans.
Und auch zu dem einen oder anderen Soldaten.
Der deutschlandkritische Morgenthau-Plan, der Annäherung und Freundlichkeit beenden wollte, wurde zerschlagen.
Demgegenüber wird der Marshall-Plan,
der umfassend hilft und den Wiederaufbau unterstützt,
zum Meilenstein der Partnerschaft.
Er wird zum Grundstein der Freundschaft.
Ja, natürlich sollte auf diese Weise mit West-Deutschland auch eine Bastion gegen den kommunistischen Ostblock entstehen. Und dennoch steht fest:
Der Weg in die Zukunft zwischen der Bundesrepublik und den USA war nicht von Gegeneinander geprägt
– sondern von Miteinander.
Auch in seiner deutschen, seiner bayerischen Version durfte er von da an geträumt werden:
der amerikanische Traum.
Meine Damen und Herren,
für mich steht ohne Wenn und Aber fest:
- Die US-Amerikaner haben uns befreit.
Über den Moment hinaus. - Sie haben uns die Freiheit geschenkt – auf Dauer.
Stichwort: Re-Education.
- Re-Demokratisierung –
das war weit mehr als Ent-Nazifizierung. - Die Re-Education war die Wette auf die Zukunft.
- Geboren aus dem Menschenbild, dem Vertrauen,
dass jeder Mensch, jedes Volk,
immer wieder umkehren kann. - Lernen kann, sich besinnen kann –
auf die Werte von
- Freiheit,
- Mitmenschlichkeit,
- Toleranz,
- Respekt,
- Frieden.
Deswegen passt das heutige Thema so gut zu diesem bundesweiten Tag der Orte der Demokratiegeschichte,
den der Bundespräsident ausgerufen hat.
Die US-Amerikaner haben uns befreit.
- Sie haben uns zurückgeführt in die zivilisierte Welt.
- Sie haben uns wieder herangeführt an die Demokratie.
- Sie haben uns das Leben in Freiheit neu gelehrt.
- Sie haben uns gerettet.
Und das werden wir nie vergessen.
So waren die letzten Jahrzehnte genau davon geprägt:
- von Dankbarkeit,
- Verlässlichkeit,
- Vertrauen,
- geteilten Werten,
- geteilten Träumen,
- geteilten Erfolgen.
Wir wurden Partner, Freunde,
Verbündete auf Augenhöhe.
In Handels- und Wirtschaftsangelegenheiten –
und in Fragen der Sicherheit und der Verteidigung.
Wir sind durch dick und dünn gegangen – gemeinsam.
Bis jetzt.
Und heute?
Heute erkennen wir unser Idol – die USA – mitunter nicht mehr recht wieder.
Es scheint, als hätten
Gemeinschaftlichkeit, Konsensfähigkeit, Kompromissstreben – als Werte, als Weg, als Goldstandard in der Politik an Strahlkraft verloren.
National wie international.
Polarisierung und Stimmungsmache sind die Zeichen der Zeit. Im Kleinen wie im Globalen.
Das Großmachtstreben ist zurück am Strategie-Tisch.
Egoismen, Nationalismen und das Recht des Stärkeren sind zurück auf der Weltbühne.
- Putin führt mehr als vier Jahre grausam Krieg in Europa.
- China macht aus seinen Großmachtambitionen keinen Hehl.
- Und die Trump-Administration stellt die Freundschaft zu Europa immer wieder demonstrativ in Frage.
JD Vance‘ Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor einem Jahr war ein Erdbeben.
Bei Marco Rubio schlugen die Seismographen weniger stark aus. Wie er es gesagt hat, war anders,
doch die Botschaft war dann auch recht klar.
Wir haben uns ein Stück weit entfremdet.
Die Wertegemeinschaft des Westens ist brüchig.
Alles wird Teil eines Geschäfts, in dem Respekt und Verständnis, aber auch wirtschaftliche Vernunft
kaum noch eine Rolle spielen.
Auch Fakten zählen immer weniger –
alles, was zählt, sind: Gefühle.
Das passt perfekt in die Geschäftsmodelle mit Algorithmen.
Es passt perfekt in die Geschäftsmodelle der Populisten – und das spüren wir – bis hinein in die Parlamente.
Ich will den heutigen Rahmen nicht sprengen und über die Begrenzung der Sozialen Medien sprechen.
Aber ich denke schon, dass wir zumindest unsere Kinder und Jugendliche schützen müssen.
Lassen wir nicht zu,
dass die digitale Welt, die reale Welt vergiftet!
Doch zurück zum deutsch-amerikanischen Verhältnis.
Ich hoffe sehr, dass der heutige Abend
einen optimistischen Ausblick erlaubt.
Wir haben
- mit Frau Professor Heinemann
die historische Perspektive und - mit Karl-Theodor zu Guttenberg
die politisch-analytische Gegenwartssicht
hoch kompetent auf der Bühne.
Ich danke Frau Professorin Münch für diese gemeinsame Bühne.
Das Akademiegespräch bietet den Raum, um unaufgeregt, sachlich und fundiert über die hitzigen aktuellen Themen zu sprechen.
Das ist so wichtig wie lange nicht!
Später am Abend werden wir noch besser verstehen können, woher wir kommen und wohin wir gehen – wollen.
Ich hoffe, wir werden wieder
auf einen gemeinsamen Weg einbiegen –
uns wieder auf gemeinsame Werte einigen und gemeinsame Ziele festlegen können.
„Förderer, Freund und Skeptiker“
– wer sind wir und wer wollen wir sein?
Ich denke:
Nur als Freunde können wir am meisten erreichen!
Vielen Dank!