Gedenkfeier Zehnter Jahrestag des Zugunglücks von Bad Aibling am 9. Februar 2026 in Bad Aibling
Es gilt das gesprochene Wort.
Anrede
Zehn Jahre liegt das Zugunglück von Bad Aibling zurück.
Zehn Jahre sind eine lange Zeit.
Zehn Jahre lassen so manche Erinnerung verblassen.
Aber die Bilder vom Zugunglück in Bad Aibling sind uns so präsent wie an dem Tag selbst.
Als wir es nicht fassen konnten:
Wie da zwei Züge mit Wucht ineinander fuhren und
viele, viele Menschen, Verwandte, Freunde mit sich rissen.
Sie aus dem Leben rissen. Urplötzlich.
Wenn Menschen so aus unserer Mitte genommen werden, hinterlassen sie eine riesengroße Lücke.
Und wir dürfen ehrlich sein:
Nichts und niemand ist in der Lage, diese Lücke zu schließen.
Der Vater, die Freundin, der Arbeitskollege –
sie fehlen und wir vermissen sie bis zum heutigen Tag.
Zwölf Menschen starben,
89 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.
Fast jeder im Ort kannte jemanden in dem Zug.
Oder kennt jemanden,
der mit diesem Zug jeden Tag unterwegs ist.
Oder fuhr früher selbst mit diesem Zug – wie ich auch.
Die Anteilnahme war groß.
Für Bad Aibling war es ein schwarzer Tag.
Und ganz Bayern stand still vor Entsetzen.
Die Einzelne, der Einzelne hier in der Region
– unmittelbar betroffen, getroffen – hat den Schmerz gespürt.
Zehn Jahre ändern daran nichts:
Es tut weh.
Wir sind traurig.
Wir sind Menschen und verletzlich.
Wir gedenken den Opfern dieser unsagbaren Tragödie!
Meine Damen und Herren,
es gibt Anlässe – da gibt es nichts Neues zu sagen.
- Keine neuen Fakten,
- keine neuen Erkenntnisse,
- keine neuen Schlüsse.
Und auch die Sprache stößt irgendwann an ihre Grenzen angesichts des Leids: Sie versagt regelrecht.
Eine stille Umarmung
- der damals Verletzten und der Angehörigen,
- der Helferinnen und Helfer vor Ort,
- all derer, die sich irgendwie zurückkämpfen,
wäre vielleicht angebrachter…
Mir ist das sehr bewusst.
Wir sind dennoch hier und suchen nach Worten.
Und ja, ich bin der festen Überzeugung, dass wir das Richtige tun.
Weil wir uns über Sprache der Sache annähern,
unsere innersten Gedanken, unsere Gefühle und Geschichten zum Ausdruck bringen.
Wir können so ein Stück weit das Leid teilen und gemeinsam tragen.
Ich sehe darin etwas Ermutigendes:
Wir alle suchen einen Weg, mit der Tragödie umzugehen,
Und was passiert?
Wir finden zusammen!
Ich danke Ihnen deshalb sehr – dass Sie gekommen sind.
Die Unfallopfer, die Angehörigen, die Rettungskräfte, die Politik:
Weil wir nicht nur mal innehalten und
dann einfach weitermachen in der Hast des Alltages und darüber hinaus vergessen.
Wir sind Menschen und verletzlich:
Deshalb ist es gut, dass wir in Bayern vereint sind in dem Gedenken – dass wir zusammenstehen:
Wir suchen, wir suchen auch mal verzweifelt.
Aber zusammen können wir
irgendeine Form von innerem Frieden finden!
Meine Damen und Herren,
- das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen ist groß. Offenkundig.
- Das Leid der Rettungskräfte, die vor Ort eintrafen,
in höchster Not halfen unter sehr schwierigen Bedingungen – ist ebenfalls groß.
Ich glaube gar nicht mal, dass das heute allzu leicht untergeht.
Es gab und gibt darüber Berichterstattung.
Und auch die Rettungskräfte wissen:
Man kann viel trainieren und sich vorbereiten auf schlimme Bilder. Echte Notlagen. Katastrophenfälle.
Aber es trifft einen persönlich dennoch hart:
Das kalte Metall, der beißende Geruch,
die kreischenden Geräusche.
Wir haben auch die Bilder aus Spanien und der jüngsten Zugunglücke dort vor Augen. Es ist brutale Gewalt für den Kopf!
Aber das Gute im Schlechten ist:
- Man kann es heute zugeben.
- Man sollte es heute zugeben.
- Ja, man muss darüber sprechen,
um es irgendwie verarbeiten zu können.
Wir sind Menschen und verletzlich.
Das ist keine Schwäche. Das macht einen stärker!
Umso größer ist meiner Hochachtung vor den Aktiven in den Hilfsorganisationen – und gerade vor den Ehrenamtlichen.
Sie gehen an die Grenze dessen,
was wir als Menschen imstande sind auszuhalten.
Sie helfen in der Not - stellen das eigene Wohlbefinden zurück – und das im vollen Bewusstsein:
entschieden für ein solidarisches Miteinander.
Für sie und für uns als Gesellschaft zählt jedes einzelne Leben – da geht nichts drüber.
Daran richten Sie ihr Handeln aus.
Und dafür sage ich als Landtagspräsidentin, auch für die Staatsregierung und vor allem ganz persönlich:
Herzlichen Dank!
Meine Damen und Herren,
viele sind hier, die ich als langjährige Weggefährten kenne.
Die mir vertraut sind – so wie diese Stadt, die ganze Region.
Ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich sage:
Diese Bindung, die ich hier spüre, ist mehr als Herkunft.
Was uns hier ausmacht, ist
- das Heimatgefühl.
- Das Zusammengehörigkeitsgefühl.
- Das Zusammenhelfen.
Wir sind Menschen und verletzlich. Wir wissen das.
Und wenn das so ist, dann brauchen wir den Anderen.
Dann begegnen wir ihm mitfühlend und hilfsbereit.
Auch wir könnten jederzeit auf Hilfe angewiesen sein.
Das ist es: Es ist ein Dienst in Demut.
Die Hilfsorganisationen leben das vorbildlich.
Sie machen mich sehr stolz. Danke!
Meine Damen und Herren,
10 Jahre liegt dieses schreckliche Zugunglück hinter uns und ist doch vor unseren Augen.
Können die Folgen irgendwann bewältigt sein?
Ich weiß es nicht.
Die Gefühle gehen ziemlich durcheinander:
- Trauer,
- Mitgefühl,
- Mut und Stolz –
auch alles gleichzeitig!
Das zeigt, wie überfordert wir sind in der Katastrophe.
Wir sind Menschen und verletzlich.
Das aber ist kein Grund aufzugeben.
Es ist der entscheidende Grund,
sich für den Mitmenschen zu engagieren.
Vielen Dank.