Gedenkveranstaltung des Bayerischen Landtags und der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 26. Januar 2026 im Historischen Rathaussaal in Nürnberg

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Anrede

 

Zum Jahrestag der Befreiung 
des Vernichtungslagers Auschwitz 
gedenken wir der Opfer des Nationalsozialismus: 

  • der jüdischen Männer, Frauen und Kinder,
  • der Sinti und der Roma,
  • der Menschen mit Behinderungen,
  • der als homosexuell Verfolgten,
  • der aus politischen Motiven Ermordeten
  • und all der Menschen, 
    die Opfer des NS-Regimes und 
    des von Deutschland ausgegangenen Vernichtungskriegs wurden.

 

Ihr Leben, ihr Leiden, ihr Tod 
haben uns die Richtung gewiesen:

  • für unser Grundgesetz,
  • für unsere Demokratie.

 

Und deshalb ist es wahr:

Die Opfer des Nationalsozialismus – 
sie sind Teil unserer Identität!

 

 

 

Meine Damen und Herren, 

 

die Millionen Opfer und ihr Schicksal 

zu vergessen - oder gar zu leugnen - 
ist Verrat an unserer Heimat.

Ich widerspreche vehement allen, 

  • die verdrängen wollen
  • oder gar Geschichte verzerren.
  • Allen, die im Erinnern eine Schwäche sehen, 
    ja, eine Kränkung ihres nationalen Egos.

 

Ich bekenne mich 
zu unserer gewachsenen Erinnerungskultur – 
sie ist das Mindeste, was wir den Opfern schulden.

Und sie ist heute ein Akt der Stärke, 
des wehrhaften demokratischen Selbstbewusstseins. 

 

Meine Damen und Herren, 
wir sind doch nicht hier, um uns klein zu machen. 
Nein.

Wir ziehen demokratische Kraft 
aus der faschistischen Geschichte! 

 

Wir sind mit diesem Gedenken erstmals an einem Ort, 
der vor allem mit den Tätern verbunden ist.

 

Nürnberg war eine Kraft-Quelle der Bewegung:

  • Zu den Reichsparteitagen 
    waren Massen in Szene gesetzt: 
    wie im Rausch schworen sie ihrem Führer die Treue.
  • Die NS-Ideologie lag über der Stadt
    • unübersehbar durch ein gewaltiges Fahnenmeer und monströse Propaganda-Bauten;
    • überall hörbar durch die Hetze des „Stürmers“ 
      und des so genannten Frankenführers Streicher.
  • Und dann unausweichlich im ganzen Reich 
    durch die Nürnberger Gesetze – diesem furchtbaren Unrecht, völkisch, rassistisch, geboren aus Judenhass.

 

Nürnberg hatte eine fast 1000-jährige, stolze Geschichte.

Die Stadt war ein bedeutender Aufbruchsort für unseren Kontinent. 

Doch sie versank – wie das gesamte Land – 
im braunen Schlamm, 

  • in Verbrechen,
  • in Schuld,
  • in Unmenschlichkeit. 

Deshalb sind wir hier:

Wenn wir von Zivilisationsbruch sprechen, stehen wir 
hier in Nürnberg mittendrin in seinem geistigen Zentrum.

 

Auf der anderen Seite wurden hier 
mit den Nürnberger Prozessen 
erste Meilensteine gesetzt:

  • der historischen Aufklärung,
  • der juristischen Aufarbeitung
  • und des internationalen Völkerrechts. 

 

Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und viele weitere Institutionen und Initiativen 
klären hier über 
NS-Geschichte und NS-Verbrechen auf. 

 

Nürnberg spielt heute eine wichtige Rolle 

  • im Ringen um Geschichtsbewusstsein
  • und Menschenrechte.

 

Auch deshalb sind wir hier – 
es ist ermutigend und vorbildlich: 

Diese Stadt zeigt demokratische Stärke!

 

Meine Damen und Herren, 

heute stehen die Opfer im Mittelpunkt. 

Jedes einzelne Schicksal hat verdient, erzählt zu werden – und nie mehr vergessen zu sein. 

Allein sechs Millionen jüdische Menschen wurden innerhalb kürzester Zeit von geschätzten Mitgliedern der Gesellschaft zu Geächteten, zu Gedemütigten – verfolgt und ermordet. 

Der Widerstand dagegen in der restlichen Bevölkerung blieb weitgehend aus. 

 

Sehr geehrter Herr Moszkowicz,

Sie werden uns als Nachfahre beider Seiten 
– den Opfern und der Täter – schildern, 
was das bedeutet hat und bedeutet. 

 

Ich könnte nun einmal mehr versuchen, 

  • die Entrechtung – Entmenschlichung –
  • und die industrielle Ermordung zu skizzieren.
  • All die Grausamkeiten. 

 

Doch nichts, was ich sage, 
kann der Ungeheuerlichkeit nahekommen, 
die in deutschem Namen ins Werk gesetzt wurde.

 

So will ich heute fragen: 

Wenn wir all das wissen – 
was läuft falsch in unserem Land? 

  • Wenn in einer BR-Umfrage 
    viele Schulen in Bayern von rassistischen, antisemitischen, sexistischen oder queerfeindlichen Beleidigungen, Mobbing oder Gewalt-Vorfällen berichten?
  • Wenn eine - zumindest in Teilen -
    gesichert rechtsextreme Partei 
    in Umfragen stärkste Kraft ist: 
    bundesweit und auch in Ländern, 
    die in diesem Jahr zur Wahl stehen?
  • Wenn sich immer mehr Menschen 
    von demokratischen Institutionen abwenden
  • und stattdessen dubiosen Quellen 
    – meist im Internet – Glauben schenken 
    und sich von ihnen auf Irrwege locken lassen?

 

Was läuft falsch, 

  • wenn Geschichte immer öfter umgedeutet, 
    ein Schlussstrich gefordert und 
    Verantwortung im großen Stil abgestreift wird?
  • Wenn Chauvinismus wieder in Mode kommt und Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, 
    Homophobie und Verachtung gegen Frauen 
    mehr Raum bekommen?
  • Wenn politische und religiöse Extremisten 
    sich regelrecht ermutigt fühlen, 
    ganze Straßen, Stadtteile, Ortschaften zu dominieren? 

 

Und vor allem, was läuft falsch, 

  • wenn jüdische Menschen wieder anfangen, sich zu verstecken?

Unser Land muss Antworten geben.

Wir müssen Antworten geben!

 

Extremisten von rechts und links, 
radikale Muslime und 
Feinde der Freiheit aller Art 
tanzen uns auf der Nase herum.

Viel zu lang waren wir sprachlos. Tatenlos.

Viel zu viele reagieren noch immer 

  • mit Verständnis,
  • mit Relativierung,
  • mit falscher Toleranz. 

 

Nicht wenige – bis hinein 

  • in die Hochschulen,
  • in den Kulturbetrieb und
  • auch in Teilen der Medien – 

zeigen Kaltherzigkeit 
ausgerechnet gegenüber jüdischen Menschen. 

 

Auf unseren Straßen hören wir jetzt oft 
Slogans wie „globalize the intifada“.

Es sind auch selbsternannte antifaschistische, 
feministische und queer-solidarische Gruppen, 
die sich gegen das jüdische Israel wenden.

Gegen die einzige Demokratie im Nahen Osten.

 

Ich meine: Sie müssen sich fragen lassen, 
ob für ihr widersprüchliches, obsessives Verhalten 
nicht Antisemitismus die einzige Erklärung sein kann.

 

Aufrufe zu Gewalt und Vernichtung dürfen nicht folgenlos bleiben. Es muss sich etwas ändern

  • in unserem Rechtsstaat,
  • in unserer Gesellschaft,
  • in unserem Denken, Reden und Handeln! 

 

Konkreter:

  • Die Meinungsfreiheit darf kein Freifahrtschein sein für Antisemiten.
  • Unser Strafrecht muss antisemitische Vernichtungssehnsucht hart bestrafen.
  • So darf auch Solidarität mit Terroristen wie der Hamas nicht ungestraft bleiben.
  • Wer Juden den Tod wünscht, 
    wer Israel als jüdischem Staat das Existenzrecht abspricht – muss empfindlich bestraft werden; 
    und der muss je nach Aufenthaltsstatus wissen: 
    Er spielt mit seiner Bleibeperspektive. 

In Deutschland muss Antisemitismus die rote Linie sein! 

 

Zeigen wir, dass wir es ernst meinen: 

Die Fraktionen des Bayerischen Landtags 
haben letzten Oktober – mit einer Ausnahme – 
einen klaren Beschluss verabschiedet.

  • Wir haben unsere Solidarität mit Israel unterstrichen.
  • Wir haben allen Formen von Judenhass den Kampf angesagt.
  • Wir haben das besondere Schutzversprechen gegenüber den jüdischen Gemeinden erneuert.
  • Vielen Dank den Fraktionen dafür!

Und wir bauen die Erinnerungsarbeit weiter aus – 
von Dachau bis Yad Vashem. 

Das geht alle - jede und jeden - an! 

 

Zeigen wir, dass wir es ernst meinen: 

  • Mit neuen Konzepten für jeden Ort.
  • Mit neuen Ansätzen für jede Generation. 

Genau das tun die vielen Einrichtungen und 
ehrenamtliche Initiativen der Erinnerungsarbeit.

Ihnen allen, die sich gegen das Vergessen stemmen, 
danke ich für ihr unermüdliches Engagement! 

 

  • Lieber Karl Freller, Dir und der Stiftung Gedenkstätten vielen Dank!
  • Die Bayerische Staatsregierung ist auch sehr klar
    liebe Staatsministerin Stolz und 
    lieber Beauftragter Dr. Spänle
  • Und dasselbe gilt für Kulturstaatsminister Weimer und 
    sein neues Gedenkstättenkonzept.

Darin wird im Übrigen auch deutlich, dass der Holocaust das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist – 
ein Bekenntnis, zu dem sich der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt nicht durchringen kann. 

 

Wir hingegen haben genau verstanden: 
Wer vergessen machen will, 
schwächt Demokratie und Zusammenhalt! 

 

Meine Damen und Herren, 

zum Schluss möchte ich an Eva Kleytman erinnern und einen ihrer Söhne. 

  • Sie war als junge Frau im Konzentrationslager Pechora inhaftiert, in der Ukraine.
  • Sie entkam. Ihre Erinnerungen sind 
    im Audio-Archiv von Yad Vashem dokumentiert.
  • Mit ihren beiden Söhnen überlebt sie die Shoa unter schlimmsten Bedingungen in Sibirien.
  • Ihr Sohn Alexander baut sich in Lwiw ein neues Leben auf.
  • Er trifft Larisa – auch eine Überlebende.
  • Sie heiraten.
  • Sie bekommen eine Tochter und einen Sohn.
  • 1992 emigriert die Familie wegen des anhaltenden Antisemitismus in der ehemaligen Sowjetunion nach Australien.
  • Alex Kleytman arbeitet als Bauingenieur an Großprojekten wie dem Olympiastadium in Sydney.
  • Und er publiziert – 
    über jüdische Helden in Armee und Widerstand, 
    die nicht vergessen werden sollen.
  • Er ist ein stolzer Jude.
  • Und Familienvater: 
    57 Jahre ist er mit Larisa verheiratet, 
    ihre beiden Kinder bescheren ihnen elf Enkel. 

 

Am 14. Dezember 2025 will er Chanukka feiern, 
„Chanukah by the Sea“ – am Bondi Beach. 

Als die Attentäter das Feuer eröffnen, 
wirft er sich schützend über seine Frau – 
eine Kugel trifft ihn in den Hinterkopf. 

Mit 87 wurde Alex Kleytman doch noch ermordet.

Von Tätern, die Juden töteten – weil sie Juden sind. 

 

Machen wir uns also bewusst:

Geschichte kann sich doch wiederholen, 
wenn wir sie nicht aufhalten. 

 

Ich danke Ihnen!

 

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