Lehramt flexibel und attraktiv gestalten: Chancen für Bayerns Schulen nutzen!

Gemeinsame Anörung im Bildungsausschuss und im Ausschuss für Fragen des öffentlichen Dienstes

Donnerstag, 22.10.2020

MÜNCHEN.    In ihrer gemeinsamen Sitzung haben sich der Bildungsausschuss und der Ausschuss für Fragen des öffentlichen Dienstes am vergangenen Donnerstag mit grundlegenden Fragen der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften in Bayern beschäftigt. Dabei wurden die zur Anhörung geladenen Sachverständigen insbesondere zu ihren Erfahrungen in den Bereichen Lehrkräfteausbildung, Aufstiegschancen und zu neuen Laufbahnkonzepten befragt.

Unter den Sachverständigen und zwischen den Fraktionen bestand im Grundsatz Einigkeit, dass sich das Lehr- und Schulsystem (nicht nur) in Bayern mit einer Fülle von neuen Herausforderungen konfrontiert sieht. So seien Megatrends wie die Digitalisierung, der Klimawandel, eine zunehmende Heterogenität und die Themen Migration und Integration bereits in der Schulwirklichkeit angekommen, jedoch noch nicht strukturell in der Lehrerbildung verankert. In diesem Zusammenhang betonte die Sachverständige, Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel, Präsidentin der Universität Augsburg, vor allem die Wichtigkeit von kontinuierlichen Fort- und Weiterbildungen von Lehrerinnen und Lehrern.

Beate Sitek, Schulleiterin am Gymnasium Weilheim, pflichtete dem bei: Durch ein gezieltes und vertieftes Fort- und Weiterbildungsangebot könnten Lehrkräfte nicht nur neue fachbezogene Themen besser vermitteln, sondern auch für die erzieherischen und entwicklungsbezogenen Aspekte des Lehrberufs, wie z.B. die Demokratieerziehung, sensibilisiert werden. Prof. Dr. Kristina Reiss vom Heinz-Nixdorf Stiftungslehrstuhl für Didaktik der Mathematik an der TU München, fügte hinzu, dass dies allerdings voraussetze, dass Fortbildungsangebote ganz gezielt an die neuen Herausforderungen angepasst würden.

Daran anknüpfend, erklärte Michael Schwägerl, erster Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands München, dass wirksame Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen im Lehrberuf nur durch einen entsprechend ausreichenden Zeitaufwand sinnvoll umzusetzen seien. Diesbezüglich zeige der Vergleich mit der Wirtschaft, dass mindestens zehn Prozent der Arbeitszeit für Fort- und Weiterbildung genutzt werden müsste. Außerdem müsse eine engere Verbindung zwischen Theorie und Praxis hergestellt werden, die bedeutend über das bisherige Orientierungspraktikum zu Beginn des Studiums hinausreichen müsse.

Pankraz Männlein, Landesvorsitzender des Verbands der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen in Bayern, ergänzte, dass der Lehrberuf im Anbetracht der vielseitigen Herausforderungen nicht nur eines umfangreichen Fort- und Weiterbildungsangebots bedürfe, sondern auch weiterhin unbedingt einer Ausbildungszeit von mindestens zehn Semestern, um den Ansprüchen an eine moderne berufliche Bildung der Lehrkräfte zu genügen. Insbesondere sollte vor dem Hintergrund einer zunehmenden Internationalisierung ein regelmäßiges Auslandssemester angeboten werden, unabhängig davon, ob die jeweilige Fächerkombination eines Lehramtsstudierenden eine Fremdsprache enthalte.

Attraktivität des Lehramtes fördern

Doch nicht nur die Aus- und Umgestaltung des Lehrberufs wurde von den Sachverständigen und Abgeordneten erörtert. Auch die grundsätzliche Attraktivität des Lehrberufs war ein zentrales Thema der Anhörung. Hier machte Gerd Nitschke, Erster Vizepräsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands deutlich, dass Lehramtsstudierende regelmäßig eine zu niedrige Wertschätzung des Lehramtsberufs in der Gesellschaft im Allgemeinen und an Universitäten im Besonderen beklagten.
Zudem werde von Seiten der Studierenden eine mangelnde Praxisnähe während der Lehramtsausbildung bemängelt. Diese Themen müssten mit Nachdruck angegangen werden.

Prof. Dr. Oliver Jahraus, Vizepräsident für den Bereich Studium der Ludwig-Maximilians-Universität München, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Universitäten häufig auf strukturelle Schwierigkeiten stießen, mehr für die Reputation des Lehrerberufs zu tun. So sei das Lehramtsstudium an Universitäten kein Aushängeschild im eigentlichen Sinne. Vielmehr seien Universitäten, um ein erfolgreiches Überleben dauerhaft zu sichern, gezwungen, sich auf prestigeträchtige Bundes- und Länderprogramme, wie die Exzellenzvergabe, Künstliche-Intelligenz-Initiativen oder Hightech-Themen zu fokussieren. Die Lehrkräfte-Ausbildung müsse dem gegenüber oftmals zurücktreten. Prof. Dr. Jahraus plädierte daher dafür, die universitäre Lehrerausbildung mit grundlegenden Fragestellungen nach der adäquaten Wissensvermittlung in der Wissenschaftsgesellschaft zu verbinden. Auf diesem Wege könne die Lehrerausbildung zukünftig wichtige Impulse innerhalb der Universität und der Gesellschaft setzen. Ein Anknüpfungspunkt wäre z.B. die digitale Vermittlung von Lerninhalten, die auch nach Corona eine zentrale Herausforderung und Aufgabe bleibe.

Prof. Dr. Anita Schilcher vom Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Regensburg sowie stellvertretende Vorsitzende des Regensburger Universitätszentrums für Lehrerbildung mahnte insbesondere eine notwendige Professionalisierung des Lehrberufs an. Derzeit würden zu viele beliebige Vorlesungen einem kohärenten Professionswissen im Wege stehen. Auch müssten wissenschaftliche Analytik, Methodik, Selbstbild, Persönlichkeitsbildung und Teamwork verstärkt trainiert werden. Hierfür sei – auch an den Universitäten – mehr Ausbildungspersonal notwendig.

Mehr Flexibilität für den Ein- und Ausstieg in den Lehrerberuf

Konsens bestand bei den Sachverständigen bei dem Wunsch nach mehr Flexibilität für den Lehrberuf. Entsprechend forderten die Sachverständigen für Lehramtsstudierende die Möglichkeit eines flexiblen Ein- und Ausstieges in den Lehrberuf. Zudem müssten Quer- oder Späteinsteigern die Berufswahl erleichtert werden. Eine Umstellung auf ein BA./MA.-Studium anstatt der bisherigen Staatsexamina könne Bayerischen Lehramtsanwärtern beispielsweise helfen, die Vergleichbarkeit gegenüber anderen Bundesländern herzustellen. Außerdem würde dadurch gewährleistet, dass sich Lehramtsstudierende, auch nach einem Bachelor-Abschluss nochmals beruflich umorientieren könnten, z.B. durch einen Wechsel in die Erwachsenenbildung. Eine derartig flexible Gestaltung der Karrierewege würde verhindern, dass Lehramtsstudierende mit leeren Händen dastünden, wenn sie nicht mehr den klassischen Lehrerberuf ergreifen wollten.

In der anschließenden Diskussion waren sich die Abgeordneten einig, dass die Entscheidung für den Lehrerberuf in der heutigen Zeit nicht mehr einfach fällt: Verschiedene Sprach- und Kulturhintergründe in den Grundschulen, komplexe Themen und Herausforderungen für Real- und Mittelschulen, sowie ein sich ständig wandelnder Anspruch an Gymnasien stellten große Anforderungen an die künftigen Lehrerinnen und Lehrer. Angesichts der vielfältigen neuen Herausforderungen stellten sich fundamentale Fragen: „Wo bekomme ich Unterstützung?“ „Wie bleibe ich über meine gesamte Lehrtätigkeit hinweg engagiert?“. Ferner wurde in der Aussprache hervorgehoben, dass nicht nur entsprechende Fortbildungsangebote aktualisiert und angepasst werden müssten, sondern auch das Ansehen und die Attraktivität des Lehrberufes gesteigert werden müsse. Die Universitäten, so schloss Prof. Dr. Jahraus, erfüllten ihren gesellschaftspolitischen Auftrag der Lehrkräfte-Ausbildung mit großer Freude und großem Engagement, aber nicht zum Nulltarif. Jede einzelne Verbesserung und Entwicklung, wie z.B. eine Verlängerung des Lehramtsstudiums, Lehrerreserven, IT-Infrastruktur an Schulen sowie angepasste Fortbildungskonzepte seien eben auch mit entsprechenden Kosten verbunden.

/ Eva Mühlebach

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