Arzneimittelversorgung: mehr Anreize für Produktion in Europa

München, 06. Oktober 2020

  • Wie lassen sich Lieferengpässe in der Arzneimittelversorgung vermeiden? Verschiedene Experten gaben dazu im Gesundheitsausschuss Lösungsvorschläge.
  • Einigkeit herrschte darüber, dass sich die Produktion von Medikamenten wieder verstärkt nach Europa zurückverlagern müsse.
  • Sozialrechtliche Steuerungselemente wie ein Bonussystem könnten zusätzlich den Kostendruck verringern.

Dr. Hans-Peter Hubmann, Vorsitzender des Vorstands des Bayerischen Apothekerverbands e.V., beschrieb die schwierige Lage der Patientenversorgung durch die Apotheker in Deutschland: „Bei bestimmten Arzneimittelgruppen – z. B. Antidepressiva – versuchen wir, mit Restware über die Runden zu kommen, und werden von pharmazeutischen Herstellern nur alle zwei Wochen mit 1/5 der bestellten Medikamentenmenge beliefert.“ Thomas Benkert, Präsident der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK), ergänzte: „Die Anzahl der nicht verfügbaren Rabattarzneimittel hat sich von 4,7 (2017) über 9,3 (2018) auf 18 (2019) Millionen Packungen innerhalb von zwei Jahren fast vervierfacht. Betroffen ist somit jedes 36. Arzneimittel.“

Zu viele Zwischenhändler

Dr. Michael Horn, Abteilungsleitung Zulassung 1 Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), forderte gegen die Monopolisierung einzelner Hersteller vorzugehen: „Die Produktion von Produkte, die von vielen Patienten gebraucht werden, darf nicht nur von einzelnen Herstellern gedeckt werden.“ Hubmann sprach zudem das Problem des Kostendrucks für Arzneimittel an, denen ein geringer Zusatznutzen – z.B. Diabetesmedikamente – zugestanden wird: „Sie sind oft von Lieferengpässen betroffen. Denn aufgrund des im EU-Vergleich sehr niedrigen Preises, sind die Margen zwischen dem europäischen Ausland und Deutschland besonders hoch. Hinzu kommt, dass Medikamente von Zwischenhändlern gekauft werden, um dann wieder vom Großhandel aufgekauft den Weg zurück nach Deutschland nehmen. Das schafft einen schwierigen Cocktail für eine konstante Patientenversorgung.“

Bonussystem statt Importförderklausel

Sowohl Benkert als auch Prof. Dr. Ulrich M. Gassner, Juristische Fakultät der Universität Augsburg, kritisierten in dem Zusammenhang die Importförderklausel und forderten eine Abschaffung. Die Klausel sieht vor, dass Apotheken verstärkt billigere Medikamente aus ausländischen Gesundheitssystemen in Deutschland anbieten sollen. Dr. Hubertus Cranz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller e.V.(BAH), beschrieb das Problem der Marktverzerrung durch Wettbewerbsvorteile, die große Anbieter haben. „Ein Bonussystem für diejenigen, die in Europa produzieren, könnte dabei den Druck rausnehmen.“ Dr. Siegfried Throm, Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. (vfa), forderte Erstattungsbeträge von Arzneimitteln in den Apotheken nicht ins Schaufenster zu stellen, sondern diese vertraulich mit den Krankenkassen abzurechnen, um den Parallelhandel zu erschweren. Dagmar Berger, Bereichsleiterin Arzneimittel/Apotheken AOK Bayern Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen, riet dazu, aus der Generika-Abwärtsspirale zu lernen, damit sie sich nicht bei den Biosimiliars – dort ist der Wirkstoff eines Generikums identisch zu dem des Originalpräparats – wiederhole. Die Abwärtsspirale bedeutet folgendes Problem: Ein Medikamentenpatent läuft aus, billigere Generika ersetzen es und diese Dynamik nutzen Krankenkassen, um Preise zu drücken.

Mehr Produktion in Europa

Monika Andraschko, Vorsitzende des Landesverbands Bayern des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker e.V., forderte neben einer Meldepflicht von Lieferengpässen eine verpflichtende, wenn auch differenzierte Lagerhaltung von relevanten Medikamenten für die pharmazeutische Industrie. Cranz gab zu Bedenken, dass mehr Verpflichtungen keineswegs mehr Ware bedeuteten, und forderte stattdessen zusätzliche Erleichterungen bei der Umsetzung von Vorschriften. „Wir sind nicht in einem hoffnungslosen Dilemma, sondern in einer stabilen Situation. Aber es sind Verbesserung im Detail nötig und die müssen zusammen mit Krankenkassen erarbeitet werden, z. B. ein anderes Preissystem bei Rabattverträgen.“ Einig waren sich die Experten darin, die Produktion von Medikamenten stärker nach Europa zurückzuverlangen. „Wir brauchen dabei stärkere Vorgaben, wenn Präparate in Deutschland hergestellt werden sollen“, sagte Peter Friemelt, Geschäftsführer des Gesundheitsladens München e.V.. Horn betonte, dass es dabei auch wichtig sei, sich nicht nur bei der Produktion von Wirkstoffen, sondern auch von Zwischenstoffen vom chinesischen und indischen Markt unabhängig zu machen. Abnahmegarantien könnten dort Anreize schaffen. Auch Gassner plädierte dafür, die Marktlogik aufzugreifen. So sei für ihn die Arzneimittelzulassung der entscheidende Hebel für mehr Versorgungssicherheit.

Anja Schuchardt

 

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