Bayerischer Landtag

Sozialausschuss: LGBTIQ*-Experten fordern Aktionsplan

14.11.2019
– Von Anna Schmid –

München ist gut versorgt. Anders ist es auf dem Land. Das machten die Experten bei einer Anhörung zum Thema „Akzeptanz von LGBTIQ*-Personen in Bayern“ deutlich. Die englische Abkürzung LGBTIQ*- steht für „Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex, Queer“. Das Sternchen am Ende soll auch andere Gruppen einschließen.

In den vergangenen Jahren habe sich viel getan, sagte die Ausschussvorsitzende Doris Rauscher (SPD) zu Beginn. Etwa die Ehe für alle oder die Rehabilitierung der Menschen, die nach Paragraf 175 Strafgesetzbuch, der bis 1994 einvernehmliche homosexuelle Handlungen verbot, verurteilt worden waren. Dennoch gebe es noch immer vieles, das „nicht gut oder zufriedenstellend“ sei.

In München tue sich viel, sagte Dr. Kai Kundrath, Geschäftsführer des „Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrums München, kurz Sub. Sein Verein werde von der Stadt gefördert. Doch die vielen Anfragen aus der Region sprengten den Rahmen. „Es fehlt definitiv an flächendeckender, qualifizierter Beratung“, betonte unter anderem auch Eva Apfl, Vorsitzende des Vereins Diversity München.

Wie Kundrath plädierten etwa auch Julia Bomsdorf vom Verein Lesbentelefon LeTRa aus München und Hannah Lea, Vorständin des Lesben- und Schwulenverbandes in Bayern, für einen bayerischen Aktionsplan, der die Akzeptanz fördert. „Wenn es den Aktionsplan nicht gibt, heißt das für viele, dass es dem Land egal ist“, sagte Petra Weitzel, Erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) aus Mainz.

Auch mehr Weiterbildung sei nötig, so die Experten. Kinder- und Jugendpsychiatrien etwa nehmen Transjugendliche oft nicht auf, weil sie nicht wissen, wie sie mit ihnen umgehen sollen, schilderte Michael Bastian vom Münchner Qualitätszirkel Transsexualität. Auch beim Bayerischen Jugendring sieht der Sozialpädagoge Informationsbedarf, sagte er auf Nachfrage der Abgeordneten Sylvia Stierstorfer (CSU).
Im Alltag haben viele LGBTIQ*-Personen den Sachverständigen zufolge zu kämpfen: Ungefähr ein Drittel oute sich am Arbeitsplatz nicht, bei Transpersonen seien es 70 Prozent, sagte Steffi Grimm, Vorständin im Bundesvorstand des Vereins Wirtschaftsweiber.

Dr. Ralf Lottmann, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Alice Salomon Hochschule Berlin zu gleichgeschlechtlichen Lebensweisen und Pflege im Alter forscht, wies darauf hin, dass LGBTIQ*-Personen auch für Unternehmen, etwa in der Altenpflege, eine Ressource sind.

Der Abgeordneten Kerstin Celina (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN), die wissen wollte, ob es in Unternehmen Vorgaben von oben brauche, um Diversität zu etablieren, antwortete Professorin Meike Watzlawik von der Berliner Sigmund Freud Privatuniversität, dass es dafür eine Verzahnung verschiedener Ebenen braucht.
Drei Viertel der schwulen Männer haben in einer Studie angegeben, Erfahrung mit Diskriminierung gemacht zu haben, sagte Stefan Timmermanns, Professor für Sexualpädagogik und Diversität in der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Dass LGBTIQ*-Personen immer wieder Opfer von Straftaten werden, schilderte Staatsanwalt Markus Oswald an verschiedenen Beispielen. Er ist in Berlin Ansprechperson für LSBTI-Menschen (Lesbisch, Schwul, Bi, Transgender, Intersexuell), eine Institution, die es nur in Berlin gibt. 2018 wurden laut Oswald bundesweit 313 politisch motivierte Straftaten gegen Menschen wegen ihrer sexuellen Identität erfasst. 2019 hat er allein in Berlin bereits 289 gezählt. Das würde also bedeuten, dass fast alles in Berlin vorfällt, so Sebastian Körber, LSBTI-Sprecher der FDP-Fraktion, zur Aussagekraft der Statistik.
Ob es sein könne, dass bestimmte Merkmale aus Angst vor Diskriminierung nicht erfasst werden, wollte Susann Enders (FREIE WÄHLER) wissen. Die Frage dabei sei, welche Motivation der Täter hatte, antwortete ihr Oswald.

Damit eine Straftat gegen die sexuelle Identität als politisch motivierte Kriminalität in der Statistik auftaucht, müsse diese angezeigt und als solche erkannt werden, so Wolfgang Appenzeller, bei der Bundespolizeidirektion München Ansprechperson für LSBTI.

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