Bayerischer Landtag

Erster trinationaler Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus

"Mit diesem Gedenken stellen wir uns dem trennenden Gestern - für ein gemeinsames Heute und Morgen."

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24. Januar 2020

PASSAU/MÜNCHEN.      „Mit diesem Gedenken stellen wir uns dem trennenden Gestern – für ein gemeinsames Heute und Morgen.“ Mit diesem Satz brachte Landtagspräsidentin Ilse Aigner die Bedeutung des diesjährigen Gedenkakts für die Opfer des Nationalsozialismus des Bayerischen Landtags und der Stiftung Bayerische Gedenkstätten auf den Punkt. Gemeinsam mit der Landtagspräsidentin und Stiftungsdirektor Karl Freller erinnerten heuer der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses des tschechischen Parlaments, Radek Vondrácek, sowie der Präsident des Landtags von Oberösterreich, Viktor Sigl mit dem ersten trinationalen Gedenkakt an die beispiellosen Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus.

Für den diesjährigen länderübergreifenden Gedenkakt mit Tschechien und Österreich zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus wählten der Bayerische Landtag und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten die kreisfreie Universitätsstadt Passau, in der während der NS-Zeit drei Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen bestanden haben. Im Vorfeld der Veranstaltung trafen sich die Delegationen zunächst am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus an der Passauer Innpromenade, wo sie mit Oberbürgermeister Jürgen Dupper, Überlebenden und Vertretern der Opfergruppen an der Kranzniederlegung teilnahmen, die die Stadt Passau alljährlich an dieser Stelle vornimmt. Vor dem Audimax der Universität Passau wurde anschließend eine Gedenktafel zur Erinnerung an das „Erste trinationale Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“ enthüllt.

Unterschiedliche Perspektiven der Rednerin und Redner beim ersten gemeinsamen Erinnern

Während des folgenden Gedenkakts, der live im Bayerischen Fernsehen übertragen wurde und bei dessen Gestaltung sich Schülerinnen und Schüler aus Tschechien und Deutschland einbrachten, trugen die Rednerinnen und Redner ihre Sichtweise auf die Bedeutung des Holocaustgedenkakts und das erste gemeinsame Erinnern dreier Länder vor:

Landtagspräsidentin Ilse Aigner mahnte: „Wir konnten das Versprechen ‚Nie wieder!‘ nicht halten. Antisemitismus, Rassismus, Antiziganismus, Homophobie und andere Formen der Menschenfeindlichkeit, die ganze Gruppen anfeinden und ausgrenzen, sind nach wie vor verbreitet. Lokalpolitiker und engagierte Bürger werden bedroht, Journalisten eingeschüchtert. Es ist unsere Verantwortung, Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit zu schützen – ohne Bedingung. Hass ist grundschlecht und willkürlich. Wenn er zur Entfaltung kommt, richtet er sich gegen jeden. Demokratie ist keine Gabe, sondern eine Aufgabe. Wir müssen noch entschiedener den Anfängen wehren und unsere Demokratie gegen Extremisten aller Art noch wehrhafter verteidigen!“

Karl Freller, der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, appellierte an die Menschen in unseren Ländern: „Wir alle tragen Sorge dafür, dass die Schicksale der Menschen, denen der Nationalsozialismus auf tschechischem, österreichischem und deutschem Boden oder anderswo ungeheures Leid zufügte und oftmals den Tod brachte, nicht in Vergessenheit geraten. Und wir tragen Sorge dafür – nein: Es ist vielmehr unsere Pflicht! – uns in der Gegenwart wie auch in Zukunft mit aller Entschlossenheit gegen diejenigen zur Wehr zu setzen, die Menschen wegen ihrer Abstammung, ihres Glaubens, ihrer nationalen Zugehörigkeit, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Behinderung oder ihrer persönlichen Einstellung diffamieren, diskriminieren oder gar bedrohen. Unser Ziel ist es, dass Menschen nicht wieder aufgehetzt werden. Nur gemeinsam können wir dies schaffen. Nur über Grenzen hinweg! Ich danke allen, die den heutigen Gedenkakt möglich gemacht haben und heute hier sind.“

Viktor Sigl, der Präsident des Landtags von Oberösterreich, erklärte in seiner Rede: „Die Vergangenheit in eine Beziehung zur Gegenwart und Zukunft zu setzen, um Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, das ist der Sinn des Erinnerns. […] Wir sind täglich gefordert, unser Miteinander nach den Maßstäben der Menschlichkeit zu gestalten. Über allem Handeln in Politik und Gesellschaft sollen unsere Grundwerte – Toleranz, Respekt und Wahrung der Menschenwürde – stehen.  Nicht nur an den Gedenktagen! Wir müssen alles tun, um Fehlentwicklungen zu verhindern, die den Aufstieg von Radikalen ermöglichen und undemokratisches Handeln ermöglichen.“

Der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses des tschechischen Parlaments, Radek Vondrácek, ging auf die neu entstandenen Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten europäischer Länder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ein: „Unsere Generation bekam in Europa im Jahr 1989 eine zweite Chance. Die zweite Chance kurz vor dem Ende des letzten Jahrhunderts, mitten in Europa ein neues Zusammenleben zu schaffen – in der Europäischen Union, der NATO und UNO. Daher bedeutet, sich zu erinnern, für mich auch, das gemeinsam Erzielte zu würdigen – die vor dreißig Jahren in Mittel- und Osteuropa erlangte Demokratie, die deutsche Einheit, unsere guten Beziehungen und die Freundschaft. […] Lassen wir kein Anzweifeln und keine Relativierung des Bösen zu. Kämpfen wir dagegen an, insbesondere gegen das gefährlichste Übel – den Antisemitismus. Inspirieren wird uns dabei gegenseitig. Verteidigen wir Gerechtigkeit und Verständnis als Basis der Menschlichkeit.“

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, wies in seiner Rede auf die Bedeutung des Gedenkens für die Sicherung unserer Demokratie hin: „Für alle nachgeborenen Generationen gilt: Diese Geschichte müssen sie kennen und aushalten. Nur wenn jede Generation wieder bereit ist, sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinanderzusetzen, kann auch jede Generation wieder daraus lernen. Wer hingegen feige wegschaut oder weghört, gibt leichtfertig und verantwortungslos die Chance auf, unsere Demokratie für die Zukunft zu sichern, ja, gerade auf diesem Fundament die Demokratie und unseren Rechtsstaat zu stärken. Denn wer den Abgrund von Auschwitz kennt, wird die Menschenwürde nie leichtfertig aufs Spiel setzen!“

| Bildarchiv Bayerischer Landtag
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Eine Zeitzeugin erinnert sich

1945: Geschichte einer Rettung

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Bewegendes Gespräch mit Zeitzeuginnen

Beeindruckt und tief bewegt zeigten sich die Gäste im Audimax der Passauer Universität von den Schilderungen der anwesenden Zeitzeuginnen Bohumila Havránková und Anna Hackl. Havránková wurde im März 1943 zusammen mit ihrer Schwester als sog. Mischlingskind nach Theresienstadt deportiert. Anna Hackl war 14 Jahre alt, als ihre auf einem Bauernhof in Schwertberg lebende Familie im Februar 1945 unter Lebensgefahr zwei aus dem nahe gelegenen Konzentrationslager Mauthausen geflüchtete sowjetische Kriegsgefangene für drei Monate auf ihrem Hof versteckte.

Theresienstadt-Überlebende erinnern sich: Einzelne Schicksale - gemeinsames Gedenken

Etwa 33.000 Menschen starben in Theresienstadt, über 84.000 wurden nach der Deportation in Vernichtungslagern ermordet. Drei Überlebende erzählen ihre Geschichte.

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Die künstlerische Gestaltung des Gedenkaktes übernahmen die Chöre des Gymnasiums Česká in Budweis und des Adalbert-Stifter-Gymnasiums Passau, die seit über 20 Jahren kooperieren und immer wieder gemeinsame Konzerte in beiden Städten aufführen sowie Schülerinnen und Schülern der Dietrich-Bonhoeffer-Schule Schönberg. Sie erinnerten in ihrem Beitrag an einen Aufenthalt von Häftlingen in Markt Schönberg. Eine Auswahl des Passauer Studentenchors war bei der Uraufführung der A-capella-Motette „Ich liebe die Menschen“ nach Texten des polnischen Autors Janusz Korczak zu hören, und auch das Diözesanblechbläser-Ensemble trug zur würdigen Umrahmung der Veranstaltung bei.

Traditionell veranstalten der Bayerische Landtag und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten jährlich den Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus. Ziel dieses Gedenkens ist nicht nur die Bewältigung der Vergangenheit, sondern auch die Mahnung an die junge Generation, derartiges Unrecht nie wieder zuzulassen. Im Jahr 2017 fand in Theresienstadt und Leitmeritz erstmals ein grenzübergreifender Gedenkakt des Bayerischen Landtags und der Stiftung Bayerische Gedenkstätten in Tschechien statt. Im 75. Jahr nach Kriegsende und Befreiung der Konzentrationslager gab es nun erstmalig einen trinationalen Gedenkakt von Bayern, Oberösterreich und Tschechien.

Druckfähige Fotos zur Veranstaltung finden Sie unter:
www.bayern.landtag.de/aktuelles/presse/pressefotos

 / pr

Schauspieler Ottfried Fischer bei der Kranzniederlegung am Mahnmal an der Innpromenade | Bildarchiv Bayerischer Landtag
Enthüllung der Gedenktafel an das erste trinationale Erinnern (Foyer des Audimax der Universität Passau) | Bildarchiv Bayerischer Landtag
Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten | Bildarchiv Bayerischer Landtag
Ansprache von Landtagspräsidentin Ilse Aigner | Bildarchiv Bayerischer Landtag
Präsident des Landtags von Oberösterreich, Viktor Sigl | Bildarchiv Bayerischer Landtag
| Bildarchiv Bayerischer Landtag
Vorsitzender des Abgeordnetenhauses des Parlaments der tschechischen Republik, Radek Vondrácek | Bildarchiv Bayerischer Landtag
Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland | Bildarchiv Bayerischer Landtag
Zeitzeuginnen: Bohumila Havránkova und Anna Hackl | Bildarchiv Bayerischer Landtag

 

Gemeinsames Gedenken dreier Länder: (v.l.) Karl Freller (Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten), Viktor Sigl (Präsident des Landtags von Oberösterreich), Ilse Aigner (Präsidentin des Bayerischen Landtags) und Radek Vondrácek (Vorsitzender des Abgeordnetenhauses des Parlaments der Tschechischen Republik) | Bildarchiv Bayerischer Landtag
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