„Prostitution ist ein Spiegel unserer Gesellschaft“

Sachverständige geben im Sozialausschuss einen Überblick über die Situation der Prostituierten in Bayern

13. Mai 2022

München.  Auf Initiative von FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN berichteten zwölf Fachleute über das Thema, das für viele Menschen noch immer ein Tabu ist. Vertreterinnen von Fachberatungen, Frauenverbänden, aktive und ehemalige Sexarbeiterinnen, eine Ärztin und ein Kriminalbeamter sorgten für verschieden Perspektiven.

Die Mitglieder des Ausschusses für Arbeit und Soziales, Jugend und Familie wollten wissen, wo und wie die Politik nachbessern kann. Doch schon die Datenbasis ist unklar. Es gibt keine belastbaren Zahlen, wie viele Prostituierte es in Deutschland und Bayern genau gibt. Die Zahlen schwanken für das Jahr 2020 zwischen 90.000 und 400.000 Personen, die in Deutschland sexuelle Dienstleistungen anboten. Für Bayern liegt die Zahl wohl zwischen rund 4.000 und deutlich mehr als 14.000.

Kein „Pretty Woman“-Alltag

Für die größte Frauenrechtsorganisation in Deutschland, Terre des Femmes - Menschenrechte für die Frau, verwies deren stellvertretende Vorsitzende auf ein aus ihrer Sicht falsches Bild, das die Öffentlichkeit in Deutschland von Sexarbeit habe. „Zwei bis fünf Prozent der Frauen bestimmen hier über die Darstellung in der Öffentlichkeit und sorgen für ein Leitbild von vermeintlich freiwilliger Sexarbeit.“

Laut Inge Bell ist das eine Darstellungsverzerrung, weil die große Mehrheit der Prostituierten aus dem Ausland kommt. Demnach stammten die meisten von ihnen aus Süd- und Südosteuropa und prostituierten sich aus Armut und blanker Not. Ohne Sprachkenntnisse und eigene Wohnung, betäubten sie ihren Ekel vor den Freiern mit Alkohol oder anderen Drogen. Bell sieht in Prostitution ein Gewaltsystem und forderte neue Wege in der Gesetzgebung zu gehen. Man müsse von nordischen Ländern wie Schweden, Norwegen oder Kanada lernen und nicht die Frauen kriminalisieren, sondern die Freier.

Ähnlich sah das Liane Bissinger, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie Ärztin für Naturheilverfahren. Von den vielen Frauen aus Armutsländern sei so gut wie keine krankenversichert oder habe Zugang zu medizinischer und gynäkologischer Versorgung. Ihre Lebenswirklichkeit habe nichts mit „Pretty Woman“ zu tun. In teils schwer zu ertragenden Beispielen schilderte sie die körperliche Seite der Prostitution und die nachgefragten Praktiken wie orale oder vaginale Penetration, anales Fisting oder Gruppenpenetrationen. Die gesundheitlichen Auswirkungen reichten von andauernden Schmerzen über Verletzungen bis zu medizinische Langzeitfolgen: Inkontinenz, Blasenentzündungen, Infektionen im Unterleib, Fissuren bis hin zu Essstörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen.  „Prostitution an sich macht krank“, sagte Bissinger.  „Probleme sind dem System der Prostitution immanent.“

Mehr gesellschaftliche Akzeptanz für Sexarbeit gefordert

Einen Einblick in den aufsuchenden Beratungsalltag bot Michaela Fröhlich von den Beratungsstellen Mimikry und Marikas für Menschen in der Sexarbeit. Fröhlich schilderte die Problemlagen der Frauen, die die Beratung unter Trägerschaft der Diakonie Oberbayern aufsuchen. Dazu gehören demnach mit Ausnahme der Opfer von Menschenhandel, Fragen zur Überschuldung und Krankenversicherung, aber auch lebenspraktische Hilfe. Nach Fröhlichs Erfahrung fürchten die Frauen vor allem Stigmatisierung durch das gesellschaftliche Umfeld. „Sexarbeit ist eine legale Erwerbstätigkeit, zusätzlich definiert per Gesetz.“ Nötig sei mehr gesellschaftliche Akzeptanz der Sexarbeit und vereinfachter Zugang zu Qualifizierungsangeboten. Dem schloss sich Juanita Rosina Henning, Mitbegründerin des Vereins Doña Carmen an. Henning verlangte ein Ende der gesetzlich geforderten Zwangsberatung, denn die diene nicht dem Schutz, sondern dem Aushebeln der Berufsarbeit. Die Mitbegründerin dieses Vereins für soziale und politische Rechte von Prostituierten nannte das 2017 erlassene Prostituiertenschutzgesetz ein diskriminierendes Sondergesetz: „Das Prostituiertenschutzgesetz ist mit seinen Grundannahmen krachend gescheitert und gehört abgeschafft.“

15 ermordete Prostituierte in 20 Jahren

Eine Forderung die auch Viktoria K. vom Netzwerk Ella, einer unabhängigen Interessenvertretung für Frauen aus der Prostitution teilt. Sie setzt sich dafür ein, dass Prostitution abgeschafft wird, weil es ein System zur geschlechtsspezifischen Gewalt und Unterdrückung sei. Nach Angaben des Netzwerks Ella sind allein im Freistaat in den vergangenen 20 Jahren 15 Prostituierte ermordet worden.
Die Umsetzung des Prostituiertenschutzgesetzes sei problematisch: innere Strukturen blieben bestehen, der Schutzdanke gehe nicht weit genug. Vielmehr würden die Prostituierten lediglich verwaltet, besteuert, reglementiert und sanktioniert. Dadurch blieben die Frauen in der Prostitution gefangen. Die Freiwilligkeit, mit der argumentiert werde, legitimiere Sexkauf, Gewalt und Sanktionen gegen Prostituierte. Unter Anspielung auf das Prostituiertenschutzgesetz von 2017, das für Prostituierte Schutz und Sicherheit schaffen sowie Menschenhandel verhindern sollte, zog Viktoria K. ihr Fazit: „Man muss nach 20 Jahren der liberalisierten Gesetzgebung sagen: Prostitution produziert Tote und Waisenkinder. Das ist unser Alltag.“

Aus der täglichen Praxis berichtete auch Rodica Knab von der Fachberatungsstelle SOLWODI in Augsburg. Sie kümmert sich vor allem um Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution und Beziehungsgewalt, oft junge rumänische Frauen, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen und Bindungsstörungen leiden. Häufig seien die Frauen labil, unsicher, hätten wenig Selbstwertgefühl und Selbstbestimmtheit, seien mit der Situation in einem fremden Land komplett überfordert. Sie setzten dissoziative Schutzmechanismen ein, um den Akt überleben zu können. „Junge Mädchen sind nach einer Woche gebrochen, kaputt, entwürdigt“, so Knab.  „Sie bleiben im System, weil sie nicht wissen, wie sie rauskommen.“

Ganzheitlicher Blick auf Sexarbeit

Die wissenschaftliche Seite beleuchtete Joana Lilli Hofstetter von der Gesellschaft für Sexarbeits- und Prostitutionsforschung in Düsseldorf. Die Soziologin und Politikwissenschaftlerin mahnte zunächst klare Begrifflichkeiten und exakte Datenerhebungen an.  Hofstetter kritisierte einen verengten Blick auf spezifische Gesetze zur Prostitution. „Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden in Deutschland werden jedoch ganz entscheidend auch von Arbeitsmarkt- und Migrationspolitik, durch Wohnpolitik sowie durch Familien- und Sozialpolitik geformt.“ Der Blick müsse geweitet werden für eine ganzheitliche Erfassung des Problems. Um viele der Fragen zu beantworten,  seien wissenschaftlich fundierte Erhebungen in der Prostitutionspolitik nötig, in Zusammenarbeit mit den Sexarbeiterinnen, den Beratungsstellen, den Bordellbesitzern und den Mitarbeitenden in den Verwaltungsstellen. So könne es gelingen, Maßnahmen zu entwickeln, die auf die  Realität der Sexarbeitenden zugeschnitten sind. „Es bedarf in Bayern einer wissenschaftlichen Bedarfserhebung und eines wissenschaftlichen Monitorings.“

Mit Menschenhandel und Zwangsprostitution ist Juliane von Krause konfrontiert, Geschäftsführerin von STOP dem Frauenhandel und der Fachberatungsstelle Jadwiga. Sie berät mit ihren Mitarbeitenden jährlich 350 Frauen und gemeinsam identifizieren sie Opfer von Menschenhandel. Von Krause lenkte den Fokus auf den Präventionsgedanken. Nach ihrer Ansicht trägt das Prostituiertenschutzgesetz effektiv dazu bei, Betroffenen von Menschenhandel Hilfe zu leisten und frühzeitig Zwangsprostitution zu verhindern. „Frauen müssen erkennen, welche Rechte sie haben“, sagte die Jadwiga-Geschäftsführerin. Zudem gelte es Ausstiegshilfen zu schaffen.

„Statt mit uns zu sprechen wird über uns gesprochen“

In die Runde der Fachleute waren einige Sexarbeiterinnen geladen, die aus ihren eigenen Erfahrungen berichteten. So auch Stephanie Klee, von der Fachberatung Kassandra. Klee erinnerte daran, dass Prostitution „Bestandteil und Spiegelbild unserer Gesellschaft“ sei. Sexarbeit müsse mit anderen Erwerbstätigkeiten gleichgestellt werden. Das seit 2002 geltende Prostitutionsgesetz weise in die richtige Richtung.

Die aktuell als Sexualassistentin arbeitende Frau plädierte dafür, sexuelle Dienstleistungen in Pflege- und Seniorenheimen verstärkt zuzulassen und anzubieten. Sie verwies auf positive medizinische Ergebnisse, die Neurologen dadurch bei Demenz-Erkrankten festgestellt hätten. 

Diskriminierung und Stigmatisierung beklagt Ruby Rebelde, Sexarbeiterin und Vorständin bei Hydra sowie Stipendiatin der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. „Die Vorverurteilung von Sexarbeiterinnen steht in den Köpfen, darüber muss man sich Rechenschaft ablegen“, erklärte Rebelde. „Man betrachtet sie heute als Opfer und unmündig.“ In der Öffentlichkeit gehe es immer wieder um Bestätigungserzählungen. Statt mit Sexarbeiterinnen zu sprechen, werde über sie gesprochen. Rebelde übte zugleich heftige Kritik an einigen geladenen Sachverständigen, denen sie einseitige Interessenvertretung und skandalisierende Beiträge vorwarf. Sie sprach sich für einen wissenschaftlichen Beirat aus, der Sexarbeit fundiert untersucht.

„Gegenwärtiges System ist untauglich und produziert immer neue Opfer“

Johanna Weber, politische Sprecherin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen kritisierte die Rolle der Polizei in Bayern. Sie berichtete von eigenen schlechten Erfahrungen als Sexarbeiterin während einer Razzia der Polizei. Weber kritisierte zudem den bayerischen Umgang mit Sperrgebieten. Allein in München seien mehr als 90 Prozent der Stadt als Sperrgebiet ausgewiesen. Das sei keine gute Arbeitsgrundlage. Sie wünschte sich einen pragmatischeren Umgang mit der Branche.

Dass sich Missstände nicht nur im illegalen Dunkelfeld, sondern viel häufiger in regulären Bordellen abspielten, unterstrich Helmut Sporer, Kriminaloberrat a.D. aus Augsburg.  Verfahren wegen Menschenhandels gebe es nur relativ wenige. Für 2020 wies das BKA 291 Fälle aus. Grund für die niedrige Zahl sei, dass Ermittlungen sehr schwierig seien, weil Frauen aus Angst häufig nicht aussagten, eine Beweisführung ohne Opferaussage aber kaum möglich sei. „Das gegenwärtige System ist untauglich und produziert immer neue Opfer, das ist nicht zu verantworten.“ Sporers Appell: Deutschland müsse für Menschenhändler unattraktiver werden. Ausstiegshilfen und Sozialarbeit lösten das Grundproblem nicht, weil jede Gerettete sofort wieder ersetzt werde. „Die Einstiegsverhinderung in die Prostitution ist eine Schlüsselmaßnahme zur erfolgreichen Bekämpfung dieses Elends.“

Neue Wege gehen

Welche Konsequenzen soll die Politik daraus ziehen? In der anschließenden Fragerunde der Abgeordneten dankte Susann Enders von den FREIEN WÄHLERN für die Offenheit der Fachleute und machte deutlich, dass sich das Gehörte erst einmal setzen müsse. Eine klare Abgrenzung zwischen Prostitution und Menschenhandel forderte Julika Sandt (FDP). Eva Lettenbauer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) fragte nach Tipps für mehr und bessere Beratungsangebote in Bayern.

Sylvia Stiersdorfer von der CSU zeigte sich erschüttert über den Bericht von Kriminaloberrat Sporer und erkundigte sich nach konkreten Schutzmöglichkeiten für die betroffenen Frauen. Ihr CSU-Fraktionskollege Thomas Huber thematisierte die Frage nach der Unterscheidung zwischen freiwilliger Sexarbeit und Zwangsprostitution. Ulrich Singer (AfD) zeigte sich ebenfalls betroffen und favorisierte die Einstiegsverhinderung für nicht-freiwillige Sexarbeit. Die Sozialdemokratin Diana Stachowitz wollte wissen, ob es sinnvoll sei, das Gesetz so zu verändern, dass die Prostituierten leichter Zugang zu Sozialleistungen bekommen, indem sie sich registrieren lassen. 

Mit Blick auf best-practice-Beispiele wie in der Stadt Wiesbaden, wie in Schweden, Frankreich oder Israel macht Viktoria K. vom Netzwerk Ella Hoffnung: „Es gibt einen Ausweg aus der aktuellen Misere. Wir müssen ihn gehen, sowohl in Bayern als auch deutschlandweit.“

/ Miriam Zerbel

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