Geothermie: „Ein Stück weit weiße Landkarte“

Fachgespräch im Ausschuss für Wirtschaft, Landesentwicklung, Energie, Medien und Digitalisierung

7. Juli 2022

MÜNCHEN.     Wärme aus der Erde, Geothermie, kann zur Wärmegewinnung genutzt werden. Um herauszufinden, wie und wo sie künftig noch mehr eingesetzt werden kann, hatte der ►Ausschuss für Wirtschaft, Landesentwicklung, Energie, Medien und Digitalisierung fünf Experten zum Fachgespräch geladen.

Die Stadt München nutzt sie, die Gemeinden Unterhaching und Pullach im südlichen Landkreis München ebenfalls: Geothermie, Wärme aus der Erde. Doch nicht nur im Großraum Oberbayern könne man viel tun, sondern auch in anderen Landesteilen Bayerns, so die Ausschussvorsitzende Kerstin Schreyer (CSU) zu Beginn des Gesprächs.  Geothermie kann in der Wärmwende eine große Bedeutung in Deutschland einnehmen, sagte online zugeschaltet Prof. Dr. Rolf Bracke, Institutsleiter der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie IEG. Durch tiefe Geothermie, bei der mehrere Kilometer ins Erdinnere gebohrt wird, könnten in Zukunft 25 Prozent des Wärmebedarfs in Deutschland gedeckt werden, sagte er. Mit oberflächennaher Geothermie, bei der bis zu 400 Meter weit gebohrt wird, ließen sich bis zu 75 Prozent der Bestandsgebäude versorgen. Dazu brauche es jedoch unter anderem einen massiven Ausbau der Kapazitäten.

Wie sein Vorredner, der eine Weiterbildungsverpflichtung für Fachhandwerker ins Gespräch gebracht hatte, wünscht sich auch Helge-Uve Braun, Technischer Geschäftsführer der Stadtwerke München SWM, die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften. Das Thema „brennt uns extrem auf der Seele“, sagte er. Außerdem müssten Genehmigungsverfahren beschleunigt und Geodatengewonnen und bereitgestellt werden. Und weil nicht jede Bohrung wirtschaftlich sei, brauche es eine Absicherung, um auch kleinere Unternehmen zu ermutigen.

Berechnungen machten deutlich, dass das Potenzial in Bayern ausgebaut werden könne, sagte Dr. Maximilian Keim, Projektleiter der Geothermie-Allianz Bayern an der TU München. Es brauche einen Masterplan. Dafür liege dem bayerischen Wirtschaftsministerium ein Gutachten der Geothermie-Allianz Bayern vor. Es zeige, dass für den Ausbau der tiefen Geothermie der Bau großer Verbundleitungen notwendig ist. Mit ihnen könnten eine höhere Auslastung und Ausfallsicherheit gewährleistet werden.

Um bis 2050 ein Viertel des Wärmebedarfs mit Erdwärme zu decken, wie von Ministerpräsident Markus Söder im Juli vergangenen Jahres in seiner Regierungserklärung angekündigt, brauche es neben Geld auch Arbeitskräfte, sagte Dr. Erwin Knapek, Ehrenpräsident des Bundesverbandes Geothermie und ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Unterhaching, die seit Jahren auf Geothermie setzt. Um die 25 Prozent zu erreichen, müssten zehn- bis zwanzigtausend Menschen pro Jahr ausgebildet werden, sagte er unter Berufung auf Professor Bracke.

Auch in der Gemeinde Pullach setzt man seit 2004 auf Geothermie. Damit würden in der knapp 9000-Einwohner-Gemeinde 50 Prozent des Wärmebedarfs abgedeckt, sagte Helmut Mangold, Geschäftsführer von Innovative Energie für Pullach (IEP). Die Gemeinde habe 50 Millionen Euro Eigenkapital in die Geothermie investiert. Auf lange Sicht sei Geothermie profitabel, sagte er.

Auch die Abgeordneten hatten Gelegenheit, sich zu äußern und Fragen zu stellen: Wie groß das Potenzial nördlich der Donau ist, wollte die Abgeordnete Annette Karl (SPD) wissen. Martin Stümpfig, stellvertretender Ausschussvorsitzender (Bündnis 90/Die Grünen), hob positiv hervor, dass auch über Nordbayern gesprochen werde. Auch Rainer Ludwig (FREIE WÄHLER) fragte nach dem Potenzial nördlich der Donau. Franz Bergmüller (AfD) wollte von den Forschern wissen, ob es Risiken für die Oberflächen gibt, ähnlich denen beim Bergbau. Albert Duin (FDP) erkundigte sich, wie viele Bohrungen nötig seien, um erfolgreich zu sein.

Es gebe zu manchen Gegenden keine Daten, antwortete Prof. Dr. Rolf Bracke auf die Frage Duins. Bei der Nutzung von Geothermie entstünden keine Höhlen, antwortete Dr. Erwin Knapek an Franz Bergmüller. Auswirkungen auf die Oberfläche habe tiefen Geothermie „nach unserer Auffassung“ nicht, so Dr. Maximilian Keim. Das Potenzial in Nordbayern schätze man hoch, aber durch fehlende Daten sei es noch „ein Stück weit weiße Landkarte“.

Nun sei es an der Politik, die richtigen Weichen zu stellen, so die Vorsitzende Kerstin Schreyer (CSU) zum Abschluss.

/ Anna Schmid

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